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Choralpredigt am Pfingstsonntag über
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Choralpredigt am Pfingstsonntag über "Nun bitten wir den heiligen Geist"

Predigt vom 27.05.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Chor: Strophe 1 (Notenmanuskript)

Liebe Gemeinde,

Heute kann ich nicht – wie zu Ostern – mit Madonna beginnen. Aber fangen wir mit der deutschen Nationalhymne an! Was ist die Gemeinsamkeit von "Einigkeit und Recht und Freiheit" und Luthers Pfingstchoral "Nun bitten wir den Heiligen Geist"? Vielleicht die Einigkeit? Nein, auf etwas anderes kommt es mir an: Die Nationalhymne ist ein "Aufstehlied". Wenn sie gesungen wird, erhebt man sich und legt vielleicht gar die Hand aufs Herz. - Etwas ähnliches ist das Lied, über das ich heute predigen möchte, und dessen erste Strophe wir gehört haben. Es ist eine Art Hymne der lutherischen Kirche. Wenn es gesungen wird, dann steht die Gemeinde nach alter Sitte auf – wie bei der Nationalhymne. Es wird vor allem zu besonderen Anlässen gesungen: zur Konfirmation, zur Ordination eines Pfarrers und zur Bischofseinführung. Bei diesen Anlässen wird der Heilige Geist erbeten für die Konfirmanden, für die angehenden Pfarrer und für den Bischof. Auf diese Weise habe ich das Lied als Konfirmand mit 14 Jahren zum ersten Mal bewusst erlebt. Ich erinnere mich noch, dass es einen feierlichen Charakter hatte, vor allem durch das Sich-Erheben der Gemeinde, aber auch durch seinen altertümlichen Klang. Ich entsinne mich auch, wie der arme Pfarrer vor der Konfirmation versuchte, uns Pubertierenden dieses Lied verständlich zu machen, das im Zeitalter der Beatles und von Radio Luxemburg natürlich nicht hitverdächtig klang. Es war wirklich schwer verständlich für uns Vierzehnjährige. Da war vom Elend die Rede - aber so elend fühlten wir uns in dem Alter gar nicht. Vom Ende war die Rede – daran dachten wir damals erst recht nicht. Dann kam die Rede auf der Liebe Brunst, und da war es bei uns natürlich vorbei - wir dachten an alles, aber nicht an den Heiligen Geist. Und dann so viel Altertümliches: allermeist – heimfahr'n – Schand noch Tod'. Ich denke, den meisten Mitkonfirmanden hat sich das Lied nicht ins Herz geprägt. Mir allerdings ging es anders, allein, weil der Pfarrer das Lied so umständlich erklärte, weiß ich es heute noch – und elf Jahre später wurde es bei meiner Ordination wieder gesungen, und da verstand ich es viel besser. Bei der Konfirmation haben wir Pfarrer es heute in den meisten Fällen aufgegeben, dieses Lied zu singen, und wählen stattdessen ein schmissigeres Heilig-Geist-Lied, die es natürlich gibt.

Luther hat das Lied im selben Jahr 1524 gedichtet wie jenen Osterchoral, über den ich zu Ostern gepredigt hatte. Der Bauernkrieg war neben den anderen Kämpfen ausgebrochen, und so hoffte Luther, dass wir "im Frieden auf einem Sinn bleiben". Und er hat hier wie bei dem Osterchoral auf ein altes Lied aus dem Mittelalter zurückgegriffen, dessen erste Strophe er übernahm, die Sequenz "Veni creator spiritus", Urgestein der Kirchenmusik. Dieses alte Lied muss sehr beliebt gewesen sein, denn schon der Franziskanermönch Berthold von Regensburg hatte es in einer Pfingstpredigt im 13. Jahrhundert sehr gelobt: "Ein fetziges Lied ist das!" Natürlich hat er das in der Sprache seiner Zeit gesagt: "Es ist ein gar nütz Sang, ihr sollt es immer desto gerner singen und sollt es mit ganzer Andacht und mit innigem Herzen hin zu Gott singen und rufen ... er war ein weiser Mann, der dasselbe Lied als erster erfand." – Hören wir noch einmal, wie Frank Zimpel mit seinem Satz uns das Lied mit seiner ersten Strophe fetzig macht!

Chor: nochmals Strophe 1

Chor: Strophe 2 (Notenmanuskript)

Wegen seiner Schlusszeile jeder Strophe - "Kyrieleis" - nannte man solche Lieder "Leisen". Das war auch das schon erwähnte Osterlied, und diese Leisen waren beliebt, weil sich die einfachen Leute, die noch keine grünen und roten Gesangbücher im Gottesdienst hatten, solche Kehrverse gut einprägen konnten. Das können wir heute nicht ohne weiteres empfinden, weil sich der Musikgeschmack verändert hat, so wie sich das weibliche Schönheitsideal und die Lieblingsspeisen seit der Reformationszeit verändert haben. Pentatonik ist uns heute fremd wie orientalische Musik – damals war sie selbst einfachen Leuten vertraut. Ich kann mir übermorgen schon ein Gespräch in der Frühstückspause vorstellen: "Du, Roger, ich war am Pfingstsonntag mal mit in der Kirche, meiner Frau zuliebe, weißt schon. – Und, wie war's? – Naja, viel altmodischer Gesang und so'n Zeugs, das ist nicht meine Welt, vor allem aber ziemlich unverständlich. Immer, wenn der Pfarrer oben auf der Kanzel ein paar Sätze geredet hatte, stimmten die Sänger hinten auf dem Orgelbalkon irgendwelche Protestrufe an und sangen immer wieder: "Türe, leise!", aber brüllten das ziemlich laut! Dabei hab ich gar keine Tür knallen hören..."

Und als Luther ein Jahr zuvor, 1523, überhaupt zum ersten Mal die lateinische Messe in einen deutschsprachigen Gottesdienst übersetzt hatte, suchte er dafür drei Kirchenlieder aus und nahm dieses Lied vom Heiligen Geist dazu, natürlich nur die erste Strophe, die es schon auf Lateinisch gab, und übersetzte sie, und dichtete eben ein Jahr später noch drei Strophen dazu. Von dem Zeitpunkt an sollte dieses Lied jahrhundertelang in jedem lutherischen Gottesdienst gesungen werden – immer an der Stelle zwischen Epistel und Evangelium. Und lange Zeit bei einem jeden Begräbnis! Solch eine große Ehre erfuhr dieses Lied! Jeder Bauernknecht musste es gekannt haben.

Und als in der Nacht zum 24. August 1572, die als Bartholomäusnacht in die Geschichte einging, in Paris tausende Evangelische in einem entsetzlichen Blutbad ermordet wurden, da haben viele in ihrer Todesstunde diesen Choral als ihr letztes Gebet gesungen, als die Mörder in ihre Wohnung eindrangen. Und als 1736 der erste Bischof der Herrnhuter Brüdergemeine, David Nitschmann, in sein Amt eingeführt wurde - in Dresden gab es damals noch keinen Landesbischof -, da wurde er auch unter diesem Lied eingeführt, und bis heute jeder evangelische Pfarrer und Bischof in Sachsen und ich glaube, in vielen Ländern. Das Lied wird heute ebenso in Dordrecht gesungen wie auch in Paris. Es ist also wirklich eine feierliche Hymne! - Wolfram Langner hat in seiner Vertonung die Dreiheit, die Zusammengehörigkeit von Glaube, Licht, Liebe im tröstenden Geist artikuliert und führt uns damit schon von der von ihm vertonten zweiten Strophe, die wir noch einmal hören, über das ganze Lied.

Chor: nochmals Strophe 2

Chor: Strophe 3 (Notenmanuskript)

Nun will ich dieses Lied aber nicht nur schmackhaft machen, weil es so eine große Geschichte hat, sondern auch, weil es einen guten Inhalt hat! Luthers große Wiederentdeckung des wahren Schatzes der Kirche ist: Der Glaube ist das Erste und das Letzte und das Höchste und das Wichtigste! Er ist wichtiger als die Kirchensteuer, wichtiger als die Nächstenliebe, wichtiger als der gute Orgelton, wichtiger als der renovierte Altar, wichtiger als die Bewahrung der Schöpfung, wichtiger als der Kindergarten, wichtiger als der Frieden – allein der Glaube macht's! "Sola fide" auf Lateinisch, "allein aus Glauben" werden wir gerechtfertigt, so erkennt Luther das Herzstück der Bibel und das Wesen Gottes. Und in der zweiten Strophe wird daneben gesetzt, was Luther ebenso wichtig war: "Lehr uns Jesum Christ kennen allein!" Allein aus Glaube und allein durch Jesus Christus – "solus Christus" - werden wir gerettet! Zentrale Reformationsbotschaft! Luthers Theologie als SMS: sola fide, solus Christus!

Das ist für uns heute auch nicht ganz leicht nachzusprechen, weil wir in einer pluralistischen Welt vieler Angebote und Möglichkeiten leben. Wir möchten nicht gern nur eines, sondern vieles gut finden. Allein der Glaube soll uns retten? Rettet uns nicht auch die Liebe? Ist sie nicht nach Paulus "die größte" im Dreigespann Glaube, Hoffnung, Liebe? Oder rettet uns nicht die Taufe? "Wer da glaubet und getauft wird, der wird gerettet werden!" Oder rettet uns nicht angesichts der weltweiten Herausforderungen allein die Energiewende oder allein die Bewahrung der Schöpfung? Aber allein Christus soll uns selig machen? Gibt es nicht auch andere große Geister und Religionsstifter, die die Menschheit edler und klüger gemacht haben?

Ja, an dem allen ist etwas dran, aber der Glaube und Jesus Christus bleiben dennoch das A und O. Ohne den Glauben an die bis dahin unbewiesene Kugelform der Erde wäre Kolumbus nie aufgebrochen und hätte Amerika nicht entdeckt. Ohne den Glauben an eine Zukunft des Menschengeschlechts würden wir nicht Kinder zeugen, Bäume pflanzen und Häuser bauen. Ohne den Glauben an die Liebe unseres Partners würde das Zusammenleben keine Freude machen. Ohne den Glauben, dass Gott der Welt einen Sinn gibt, müssten wir beim Blick in die Sterne verzweifeln. Ohne den Glaube als ein Grundvertrauen in Gott wäre Taufe nicht Taufe und Liebe nicht Liebe. Zur Taufe gehört der Glaube, und auch die Liebe, von der Paulus spricht, ist nicht die Schlagerliebe, sondern die Liebe Gottes, also eine Liebe, die nicht ohne Glauben denkbar ist. Deshalb ist der Glaube in der Tat das Wichtigste und Höchste. Und ohne Jesus Christus hätten wir wohl viele große Geister und viele schöne Worte und viele edle Prinzipien – aber wir hätten Gott nicht so nahe bei uns, wie er uns in diesem Menschen Jesus Christus als sein Sohn gekommen ist zwischen Bethlehem und Golgatha. Deshalb ist dieser Gebetsruf an den Heiligen Geist "um den rechten Glauben allermeist" das Zentrum jedes Gottesdienstes und besonders, wenn junge Menschen sich zur Konfirmation zu Gott bekennen und wenn ein Pfarrer oder ein Bischof in ihre Ämter eingeführt werden!

Dieser Glaube aber hilft uns nicht nur, das Leben zu meistern oder in Schwierigkeiten Hilfe zu erhalten – er ist unsere letzte Hoffnung vor allem auf dem schwersten aller Wege, auf dem Weg zum Tod. Diesen Ernst zu verschweigen hat keinen Sinn, denn jeder, der heute fröhlich Pfingsten feiert, kann morgen von einer schlimmen ärztlichen Diagnose erfahren oder von einem Auto überfahren werden. Und das wollte Luther uns einschärfen: dann besonders brauchst du Glauben! Unsere Vorfahren sahen den Heiligen Geist als die Kraft, die den Menschen in der Todesstunde hinüberträgt ans andere Ufer. Darum heißen die meisten mittelalterlichen Spitäler, in denen die Todkranken gepflegt wurden, Heilig-Geist-Spitäler! "An unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende!" "Elend" bedeutete zu Luthers Zeit nicht einfach einen erbarmungswürdigen Zustand, sondern Elend war das "Ausland", die Fremde – wir leben hier auf Erden nicht in der Heimat, sind noch nicht bei Gott zu Hause, noch nicht im "rechten Vaterland", sondern im Exil. Das fällt uns heute wieder schwer, weil wir die Welt lieben und genießen und bereisen und schön finden und nicht als Elendsquartier verstehen. Aber wir können sie wirklich nicht festhalten, sie ist nur wie ein schöner langer Urlaub, der einmal zu Ende geht, und dann soll doch nicht alles vorbeisein?! Dann soll der Glaube uns Hoffnung geben und uns hinübertragen in eine andere Welt.

Den Bogen zwischen alter und neuer Zeit, den wir bei diesem Lied unweigerlich spannen müssen, hat Martin Kürschner gespannt mit seinem Satz, der die alte Gregorianik und Pentatonik durchscheinen lässt, aber ganz modern im Heute steht. Wir wollen ihn noch einmal mit der dritten Strophe hören!

Chor: nochmals Strophe 3

Chor: Strophe 4 (Notenmanuskrip)

Gehen wir noch einmal auf die Strophen zwei bis vier ein. "Du wertes Licht!", so wird der Heilige Geist in der zweiten Strophe angesprochen. Was für ein Licht ist das!? Das Licht des Heiligen Geistes ist nicht die Kerze oder die Sonne – sondern die Feuersglut des Heiligen Geistes, die die Jünger entflammt hatte mit brennenden Herzen. Und dass auch wir im Glauben brennen sollen und nicht müde flackern, dazu singen wir dieses Lied. Und wer es vergessen haben sollte, den erinnern die drei Flämmchen oben im Altar immer wieder daran. "Seid brennend im Geist" steht an der Tür der katholischen Kirche in Markkleeberg. Brennende Christen sind aber keine Brandstifter von religiösem Fanatismus, sondern Menschen, in deren Herzen das Feuer des Glaubens in Liebe glüht und sprüht.

"Du süße Lieb!", so ist die Anrede an den Heiligen Geist in der dritten Strophe. Das klingt ungewohnt. Wir reden Gott als "lieben Gott" an oder als "lieben Vater", aber "süße Lieb", das klingt so erotisch oder operettenhaft! Ja, Gottes Liebe ist nicht weniger leidenschaftlich als die Liebe eines Liebespaars! Es ist ein richtiger Liebesakt, mit dem sich Gott uns hingibt! Warum sollte er sich sonst um uns winzige Würmer der Schöpfung kümmern, wenn er nicht eine unbändige Lust und Liebe zu uns hätte! Und woher käme die Liebe in uns, die uns zu so Großem fähig macht, wenn sie nicht ein Ausfluss der Liebe Gottes wäre?! Deshalb heißt es: ... "lass uns empfinden der Liebe Brunst!" – die Inbrunst nicht unserer Liebe, sondern der Liebe Gottes zu uns! Du bist von Gott innig und süß geliebt, vergiss das nie!

"Du höchster Tröster in aller Not!", so rufen wir den Heiligen Geist in der letzten Strophe an. Wir kennen die kleinen Tröster für die kleinen Sorgen – den Schnuller für das schreiende Kleinkind, den kleinen Kümmerling für Vater, die Packung Mon chéri für Mutter, den Ehrensold für zurückgetretene Bundespräsidenten. Aber für die letzte große Not, wenn "wir fürchten Schand und Tod", wenn uns "die Sinne verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen", d. h. wenn unser Leben vor den Richter kommt – und der Komponist der vierten Strophe, Helmut Packmohr, hat diese Situation schon vor Augen gehabt! - dann rufen wir den Heiligen Geist als "höchsten Tröster" an, und hören diese vierte Strophe noch einmal.

Chor: nochmals Strophe 4

Auch die Melodie hat eine wunderbare Verkündigung. Der Gesang beginnt mit einer bewusst unnatürlich langsamen Gangart, als sollten wir zu Beginn gezügelt werden, damit wir nicht wie Jagdhunde voreilig lospreschen. "Nun bitten wir den Heiligen Geist!" Als ob ein Mönchschor im Kloster sich langsam in Bewegung setzte. Dann aber mit der zweiten Zeile möchten wir loslaufen - und müssen uns nochmals und noch stärker ausbremsen lassen: "... um den rechten Glauben allermeist ..." Der Aufstieg der Töne in dieser Zeile ist ein unwahrscheinlich ergreifender Fanfarenklang! Erst danach mit der dritten Zeile können wir uns in Trab setzen: "... dass er uns behüte an unserm Ende..." Und schon in der letzten Zeile werden wieder halbe Noten als Bremsen eingelegt: "... wenn wir heimfahr'n aus diesem Elende!" Diese melodische Verzögerungstaktik macht das Lied so unvergleichlich feierlich!

Liebe Gemeinde! Wir brauchen Hymnen, auch wenn sie schwere Brocken sind. Sie stärken unsere Gemeinschaft. Wir werden erinnert an den Glauben und Jesus Christus als das Wichtigste und Tragende im Leben. Der Heilige Geist, die Hauptperson des heutigen Pfingstfestes, stellt sich uns vor als leuchtendes Brennen, als göttlicher Eros und als einziger Tröster im Leben und im Sterben. So lege ich Euch heute diese alte evangelische Hymne ans Herz und hoffe, dass Ihr alle ein wenig Lust und Liebe an ihr gefunden habt, um sie künftig inbrünstiger mitzusingen, wie wir es jetzt noch einmal gemeinsam tun wollen!

Gemeinde: Strophen 1 - 4

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