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Predigt für den Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2020
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Predigt für den Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2020

Die Glocken der Martin-Luther-Kirche laden Sie ein zum Gebet. 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all diese geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.  27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?  28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.  29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.  30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;  31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl,
an der ganzen großen Zahl.

Als ich ein Kind war, hat mein Vater mir dieses Lied zum Einschlafen auf seiner Gitarre vorgespielt und dazu leise gesungen. Die sanfte Melodie und das innere Bild eines sattblauen Himmels voller schimmernder Gestirne ließ mich sogleich schläfrig werden.
Eine friedliche Szene. Manchmal konnte ich allerdings nicht einschlafen und habe mir die Weite des Himmels und die Vielzahl der Sterne vorgestellt. Ich dachte darüber nach, wo Anfang und Ende des Universums wären und fragte danach. Wir sprachen über die Vorstellung von Unendlichkeit und mein Vater, der Physiker, versuchte, das Unergründliche mir, dem Kind verständlich zu machen. Über den Anstrengungen dieser Überlegungen kam schließlich doch der Schlaf.
Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
So spricht der Schreiber im zweiten Teil des Jesajabuches zu Israel, dem Volk im Exil. Wenn ihr an Gott zweifelt, dann schaut doch nach oben und seht die Sterne an. Wer hat diese geschaffen? So lautet die fordernde Frage. Das hebräische Wort für „schaffen“ (bara) wird hier in gleicher Weise wie im Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose verwendet. Der Urheber ist Gott. Sie – damit sind die Sterne gemeint – sind alle von ihm geschaffen, das Heer an strahlend leuchtenden Himmelskörpern. Gott „führt sie heraus“. Auch diese Formulierung wird im Alten Testament in bestimmter Weise gebraucht. „Herausgeführt“ wird das Volk Israel aus dem Land der Knechtschaft. Schön und gut. Gut ist leider noch lange nichts, denn in der Zeit des Exils sind Land und Tempel verloren. Die Israeliten sind Heimatlose unter fremder Herrschaft.

Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Es wird gern von der Stärke und Kraft Gottes, des Allmächtigen gesprochen. Ebenso oft wird allerdings nach dieser gefragt: Wo ist Gottes Kraft und Macht, wenn Menschen müde und abgeschlagen sind und keinen Mut mehr haben sich aufzuraffen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und weiterzugehen im Leben? Wie weitermachen mit der Arbeit, wenn es ungewiss ist, wie die Zukunft aussieht und ob es die eigene Mühe überhaupt Wert ist? Wie aus dem Bett aufzustehen, wenn es einem wie Blei auf der Brust liegt und das Atmen vor Angst und Sorge schwerfällt? Es lässt sich dann nicht ruhig unter Gottes Firmament schlummern, sondern der Schlaf bietet nur eine kurze Auszeit von der Härte des Alltags.

Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

Der zweite Weltkrieg endet offiziell am 8. Mai 1945. Das Ende kommt jedoch nicht mit einem Glocken- oder Paukenschlag. Es stellt sich niemand auf einen hohen Berg und ruft so laut, dass es jeder hören kann, dass nun alles vorbei ist, die Bombenflieger nicht mehr fliegen und ein jeder aus seinem Verschlag hervorkommen kann. Als der Krieg vorbei ist, dringt die Nachricht ganz unterschiedlich zu den Menschen durch. Erst macht sich Erleichterung breit. Ein Erwachen aus dem Dunkel der Nacht, aus einem Albtraum. Aber dann bricht  der neue Tag an und wirft sein Licht auf zerstörte Städte, traumatisierte Hinterbliebene, Krankheit und Hunger. Der Krieg ist vorbei aber die Welt ist stark verwundet. Kriegsheimkehrer schleppen sich müde und strauchelnd in ihre zerstörte Heimat. Auf ihrem Weg finden sie dort Unterschlupf, wo nach dem Krieg noch Platz ist. In einem leerstehenden Zimmer, bei einer fremden Familie. Nicht immer sind sie willkommen. So ergeht es noch heute Menschen, die auf der Flucht unter den widrigsten Bedingungen in Lagern an Grenzen ausharren und deren Lebensgrundlage und Zukunft ungewiss sind.

Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unergründlich.  

Der hehre Gott, voll Kraft strotzend… und der verletzte Mensch, zerschlagen und ermattet. Was haben beide miteinander zu tun? Nicht wenige Kriegsheimkehrer werden später von ihren Erlebnissen berichten und davon, welch unfassbare Gräueltaten sie durchlitten haben. In der Not braucht ein Mensch eine Kraftquelle. Etwas, woran er sich halten kann, um das Unaushaltbare zu überstehen. Hebt eure Augen in die Höhe und seht, wer hat diese (die Sterne) geschaffen. Diese Aufforderung lässt mich an einen mir lieben Psalm denken, der ganz ähnlich beginnt: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121) Ein Wallfahrtslied, das den Ruf eines Pilgers beschreibt, der auf Gottes Hilfe und Schutz vertraut.
Der Blick in den Himmel hatte für die jüdische KZ-Überlebende Erna de Vries am Tiefpunkt ihres Lebens eine besondere Bedeutung. Die Gefangene hat kurz vor ihrer bevorstehenden Ermordung im KZ Auschwitz-Birkenau einen einzigen Wunsch: Noch einmal die Sonne sehen! Die 19 jährige Frau kauerte kraftlos auf dem Boden des Todesblocks, während Mithäftlinge voller Panik über sie hinweglaufen und sie umstoßen. Als sie den Blick nach oben richtet, tut sich der Himmel vor ihr auf und die Strahlen der Sonne, des nächsten Sternes der Erde, wärmen sie. Sie beschreibt diesen Moment als tiefen Trost. Sie betet inbrünstig. Ihre Verzweiflung und Angst sind, wie sie sagt, vollständig gewichen. Das Schicksal der Gefangenen bekommt fast im selben Moment eine entscheidende Wendung, als ein Lageraufseher plötzlich ihre Nummer ruft. Sie wird kurz vor ihrem Abtransport  einer anderen Gruppe zugeteilt. Erna de Vries entgeht im letzten Moment ihrer Ermordung in der Gaskammer.
Wer am Boden ist und allen Widerstände zum Trotz den Kopf hebt, macht eine neue Erfahrung. Im Buch Jesaja verweist der Schreiber auf die Sterne als Zeichen für Gottes Schöpfungskraft. Das Bild erinnert mich an die Verheißung Abrahams. Gott verspricht ihm Nachkommen, so viele, wie Sterne am Himmel. Im Jesajabuch kennt Gott jeden Einzelnen von ihnen. Er hat sie alle mit Namen gerufen. Zwei Kapitel später ist der beliebte Vers zu lesen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“

Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unergründlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

Für Jesaja wirkt Gott mächtig und stark. Er besitzt unbändige Kräfte. Aber das Wichtigste ist: Er behält sie nicht für sich allein. Er gibt sie weiter an seine Schöpfung. Genau wie jeder Stern als Geschöpf Anteil an Gottes Macht und Kraft hat, so birgt jedes menschliche Geschöpf etwas von Gottes Kraft in sich. Der Blick ist in der Verzweiflung nach oben gerichtet.

Am Himmel ist die Antwort darauf zu finden, woher die Hilfe des Allmächtigen kommt: Von innen heraus. Aus jedem Menschen selbst, als Geschöpf Gottes. Gott ist der Schöpfer über Himmel und Erde und doch existiert seine Schöpfung nicht fern von ihm. Ich denke Gott hat die Welt nicht erschaffen um sich dann von ihr zu entfernen. Er wirkt weiter in ihr, mit und in uns zum Guten, Kraft seiner Macht. Auf dieses Mitwirken Gottes in uns können wir vertrauen.

Heute am Sonntag Quasimodogeniti blicken wir zurück auf Ostern. Wo spüren wir diese Macht und Kraft desjenigen Gottes, der sich am Kreuz für uns hingab? Gott hat sie in uns hineingelegt. Wie die Sterne am Himmel, sind wir gezählt. Gott kennt unsere Namen, jeden einzelnen von uns. So werden wir bewahrt und getragen wie von Adlers Schwingen, wie es bei Jesaja beschrieben wird. Auch der Adler bewegt sich in Richtung Himmel, an dem die Sterne zum Zeichen von Gottes Schöpfungskraft funkeln. So können wir auch in dieser Zeit der Pandemie beruhigt schlafen, denn Gott verspricht:

Dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl.  Amen  

 

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Vikarin Daniela Hagemeyer
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