Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Homilie am Karfreitag im ökumenischen Gottesdienst in der St.-Peter-und-Pauls-Kirche Markkleeberg über
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Homilie am Karfreitag im ökumenischen Gottesdienst in der St.-Peter-und-Pauls-Kirche Markkleeberg über "Pilatus"

Predigt vom 30.03.18 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold)

Liebe Gemeinde,

wie kommt ausgerechnet der Verantwortliche für den Tod Jesu, der römische Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, zur Ehre des ewigen Gedächtnisses in der Christenheit? In jedem Gottesdienst, in jeder Messe wird sein Name von uns genannt, und wir rufen dabei nicht einmal „Pfui“, sondern zitieren ihn mit seinem Namen wie im Credo nur noch die Jungfrau Maria! Ist das nicht ungeheuerlich? Noch ungeheuerlicher wird es, wenn wir in Russland an einem 27. Oktober in eine orthodoxe Kirche gehen. An diesem Tag wird in der Liturgie an die Frau des Pilatus, der Legende nach mit Namen Claudia Procula, als einer Heiligen gedacht. Und die Krönung des Ungeheuerlichen wäre es, wenn wir in Ägypten, in Kairo oder Alexandria, an einem 25. Juni eine koptische Kirche besuchten. An diesem Tag würde dort für den Heiligen Pontius Pilatus gebetet! Wie ist das möglich?

Die Leidensgeschichte Jesu nach dem Johannesevangelium stellt uns einen Pilatus dar, der voller Zweifel über die Schuld Jesu ist und unter äußerem Druck wider besseres Gewissen zu dem Todesurteil getrieben zu werden scheint. Die wahren Verantwortlichen scheinen die jüdischen Hohenpriester und das jüdische Volk zu sein. Sie verlangen von Pilatus nur die Bestätigung des Todesurteils, weil sie keine Vollmacht dazu haben. Und sie treiben Pilatus in die Enge: „Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht mehr, denn wer sich selbst zum König macht, ist gegen den Kaiser!“ Pilatus versucht mehrfach auszuweichen, indem er zuerst Jesus oder den Mörder Barrabas dem Volk zur Begnadigung vorschlägt, wie es für das Passafest üblich ist, und höchst überrascht ist, dass sie den Mörder vorziehen. Danach wäscht er demonstrativ seine Hände in Unschuld – obwohl das juristischer Unsinn ist. Und schließlich versucht noch seine Frau, ihm eine Botschaft zu übermitteln, sie habe nachts schwer geträumt, und er möge seine Hände nicht an diesen heiligen Menschen legen! Alles aber hält den vorgezeichneten Gang nicht auf.

Durch die Entlastung des Pilatus wird natürlich die Schuld am Tod Jesu den Juden aufgebürdet. Es würde heute niemandem wehtun, mit Pilatus die alten Römer verantwortlich zu machen – sie haben keine lebenden Nachfahren mehr. Aber im Falle der jüdischen Schuld ist daraus über Jahrhunderte der Antisemitismus genährt worden, und das ist für uns heute eine schwere Last. So leicht kann man aber auch Pilatus nicht entschuldigen. Er wäre ein Feigling gewesen, wenn er das Todesurteil gegen Jesus gegen sein eigenes Gewissen unterzeichnet hätte. Man könnte ihm nur zugutehalten, dass die Kreuzigung Jesu Gottes eigener Plan gewesen sei und er das gehorsame Werkzeug Gottes gewesen sei. Und man könnte in ihm einen Gesprächspartner Jesu sehen, der mit ihm noch im Verhör über die philosophische Frage der Wahrheit und über göttliche und menschliche Macht disputiert. So sehen es auch die Kopten, die ihn deshalb heilig gesprochen haben.

Wenn wir heute über Pilatus urteilen wollen und beim Glaubensbekenntnis kein schlechtes Gewissen haben wollen, dann können wir folgendes hervorheben: Das Verhör Jesu durch Pilatus ist kein Akt der Erniedrigung Jesu, sondern seiner Erhöhung. In dem Disput zwischen Jesus und Pilatus leuchtet die Gottessohnschaft Jesu und seine Hoheit auf. Pilatus gibt Jesus damit ein letztes Podium. Die Frage: „Was ist Wahrheit im Glauben“ beschäftigt uns auch als Christen und hat den böhmischen Prediger Jan Hus 1400 Jahre später umgetrieben, und das Wort „Pravda“ (Wahrheit) ist heute am Hus-Denkmal an der Bethlehemskapelle in Prag das gestaltende Element.

Zu der Sympathie des Pilatus für Jesus gehört auch, dass er ihm über das Kreuz eine so ehrenhafte Tafel in drei Sprachen mit seinem Titel setzen lässt: „Jesus von Nazareth, König der Juden“ – das ist nicht üblich bei einem hingerichteten Verbrecher. Und als er nach der Hinrichtung Jesu dem jüdischen Ratsherrn Josef von Arimathia gegen alle Vorschriften erlaubt, den Leichnam Jesu abzunehmen und würdig zu bestatten, ist das ein letzter Akt seiner Parteinahme für Jesus.

Für uns wird Pilatus wohl kein Heiliger werden. Aber wir sehen an ihm, wie zweideutig oft menschliches Handeln ist, wie wir getrieben werden können gegen unser Gewissen, wie es nicht nur glühende Anhänger und tödliche Feinde Jesu gibt, sondern auch zögerliche und verborgene Christen, gerade in Zeiten politischen Druckes. An diese Anfechtbarkeit mögen wir uns erinnern, sooft wir den Namen des Pilatus im Gottesdienst nennen, und in ihm unser Spiegelbild erkennen. Vor allem aber seien wir gewarnt, daraus nicht eine Verurteilung der Juden als Gottesmörder abzuleiten. Der Gott der Juden hat an einem der Seinen gehandelt, und so grausam es anmutet, war es ein Akt der Beendigung der Gewalt. Nur die Auferweckung Jesu durch Gottes Kraft lässt uns seinen Tod nach Gottes Plan verstehen.

Mancherlei Legenden ranken sich um das  Schicksal des Pilatus. Einige Orte in Italien wollen sein Geburtshaus zeigen, einige andere in mehreren Ländern wetteifern um sein Grabmal. Es gab Schriften in der frühchristlichen Zeit, die man Pilatus zuschrieb. Es wurden Romane geschrieben, die sich mit ihm auseinandersetzten, und auch Filme wurden über ihn gedreht. Zahlreiche Redewendungen gebrauchen seinen Namen oder sein Handeln, das sprichwörtlich geworden ist: „Seine Hände in Unschuld waschen“, „von Pontius zu Pilatus laufen“ und „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben“.

Indem wir seiner im Glaubensbekenntnis gedenken, gedenken wir der verborgenen und manchmal nicht erklärlichen Wege Gottes, die er mit Jesus gegangen ist und mit uns geht. Wir werden vorsichtiger im Urteilen und ahnen, dass Gott auch zweifelhafte Menschen für seine Pläne einspannen kann.     

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!