Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt am Predigt am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2015, anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Gemeindepartnerschaft mit Dordrecht-Sterrenburg über Röm. 8,26-30
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt am Sonntag Exaudi, 17. Mai 2015, anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Gemeindepartnerschaft mit Dordrecht-Sterrenburg über Röm. 8,26-30

Predigt vom 17.05.15 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Die Bibel hält für den Anlass eines 30jährigen Jubiläums einer Gemeindepartnerschaft und zugleich deren offizielle Beendigung keine Lesung bereit. Jesu Abschiedsreden? Zu traurig. Abrahams und Lots Trennung („geh du linkswärts, lass mich rechtswärts gehn“) entspricht auch nicht unserem Beieinanderbleibenwollen. Also lassen wir den heute vorgesehenen Predigttext stehen und hören, ob er nicht doch etwas bereithält für unseren Fall!

Die Lesung aus dem Römerbrief, über die heute zu predigen ist, enthält einige sehr schwer verdauliche Brocken. 

Der erste Brocken: Wieso sagt der Apostel Paulus: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen“? Ist das nicht unerhört? Wir beten vielleicht täglich zu Hause und bei Tisch, viele lesen die Herrnhuter Losungen als tägliches Gebet oder beten Luthers Morgen- oder Abendsegen; wir beten allsonntäglich im Gottesdienst oder bei jeder Gemeindezusammenkunft, wir gestalten Fürbitten, wir beten für die Kranken und für die Trauernden und vor der Reise. Wir haben gerade in der Partnerschaft mit Dordrecht oft füreinander gebetet. Nicht nur zu den gemeinsam vorbereiteten Gottesdiensten haben wir Fürbitten füreinander gehalten, sondern auch dann, wenn persönliche oder gemeindliche Notlagen entstanden. Schwere Krankheiten und Trauerfälle, aber auch weitreichende Entscheidungen in der Gemeinde haben wir uns gegenseitig mitgeteilt und ins Gebet eingeschlossen. Und wenn uns wirklich kein Gebet einfällt, dann hat uns Jesus gelehrt, wie wir beten sollen: „Vater unser im Himmel…“ Wieso wüssten wir nicht, was wir beten sollten?

In der Tat ist das eine Aussage, die es so nur einmal in der Bibel gibt, und sie bereitet uns Kopfzerbrechen. Was ist gemeint mit dieser Gebetsnotlage? Die Ausleger haben viel darüber gegrübelt: Fehlt uns heute die Zeit zum Beten, fehlen uns die  richtigen Worte, fehlt uns die richtige Haltung oder die richtige innere Einstellung? Beten wir zu oberflächlich, zu selten, zu kurz? An alledem sind Körnchen von Wahrheit. Wer wollte sich als perfekten Beter hinstellen wie der Pharisäer in der Synagoge vorn? Müssen wir uns nicht alle wie der Sünder ganz hinten an die Brust schlagen und nicht mehr beten als seine Worte: „Gott, sei mir Sünder gnädig?“

Wir müssen uns aber hineinversetzen in eine andere Welt des Betens, die im Urchristentum üblich war. Wahrscheinlich war es oft ein ekstatisches Beten in Verzückung, mit Schreien und Seufzen. Wer einmal in einer Pfingstgemeinde oder in einer afrikanischen oder koreanischen oder bulgarischen Gemeinde zu Besuch war, kann das dort auch heute noch erleben. Das ist für uns nüchterne Lutheraner und Reformierte befremdlich. Mancher wird dabei in Panik geraten und denken, er wäre in eine spiritistische Sekte geraten. Vielleicht sind wir wirklich viel zu verkopft, viel zu wenig emotional beim Beten. Wir formulieren unsere Worte an Gott kirchendiplomatisch oder druckreif, statt mit Gott frei von der Leber weg zu reden. Aber wir sind keine Afrikaner und haben mitteleuropäisches Temperament und sollen ehrlich bleiben.

Paulus spricht also von einem unvorbereiteten, spontanen Beten, bei dem wir anfangs nicht wissen, worauf es hinausläuft. Er kennt dieses ekstatische Beten und hält es auch für richtig - aber er warnt uns auch vor Missverständnissen, die dabei auftreten können. Er gibt dem verständlichen Beten an anderer Stelle den Vorrang vor dem unverständlichen Beten. Es gilt nicht, je chaotischer und verwirrter wir beten, desto näher sind wir an Gott dran. Nein, sondern dass auch da der Geist Gottes selbst eingreifen muss, um unserer Schwachheit aufzuhelfen. Jegliches Gebet ist Versuch, ist Stottern, ist Ausdruck unserer Schwachheit. Das begeistertste Gebet wie das armseligste Gebet - ob wir stottern oder schreien – sie sind Gott gleich fern und nahe und brauchen die Hilfe des heiligen Geistes. Keiner soll deshalb verächtlich auf das Gebet eines andern schauen. Es gibt keine Meisterschaft im Beten – ein Kindergebet ist gleichrangig mit einem Stoßseufzer oder einem stundenlangen Ringen mit Gott oder durchwachten Nächten. Es ist letztlich immer der Geist Gottes, der unserer Schwachheit beim Beten aufhilft. Diese grundsätzliche Gebetsohnmacht entspricht unserer grundsätzlichen Sündigkeit vor Gott. „Wir sind alle Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten“ – das entspricht dem „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie es sich gebührt.“

Der zweite Gedanke, den Paulus anschließt, ist gleich der nächste Brocken: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“ Wow – das ist aber vollmundig! Alles dient uns zum besten? Krankheit, Tod, Erdbeben, Verkehrsunfälle, Entführung, Vergewaltigung – muss ich die Horrorszenarien fortsetzen? Uns sind auch im Rahmen unserer Partnerschaft Ereignisse vor Augen, bei denen es uns schwer fällt, das beste für uns darin zu sehen. Aber „es dient uns zum besten“ heißt nicht, es ist alles gut. Das wäre eine stoische Lebenshaltung, wenn jeder auf jedes Leid gelassen reagieren würde, als würde das alles an ihm abperlen.

Einer meiner theologischen Lehrer hatte vor langen Jahren sein sechsjähriges Kind verloren, das an einer Blinddarmentzündung starb. Er hatte für die Beerdigung das Wort Hiobs, der ähnliches erfahren musste, gewählt: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ Das hat uns Studenten damals sehr bewegt. Eine solche heroische Gelassenheit kann in einer solchen Situation für die Betroffenen eine Hilfe sein, dass sie nicht versinken. Man kann es aber von keinem Christen fordern oder erwarten, sondern nur darauf hoffen, dass es uns dann geschenkt wird.

Die dritte Bitte im Vaterunser kommt dem nahe: „Dein Wille geschehe!“ Wir sollen uns dem Willen Gottes fügen und nicht Gott zum Erfüllungsgehilfen unseres Willens machen. Es bedeutet vielleicht, dass alle Ereignisse für uns einen Sinn haben, auch die, bei denen wir es noch nicht verstehen. Diese Hoffnung, dass uns letztlich alles zum besten dient, geht noch nicht hier auf Erden in Erfüllung, sondern ist vor dem Horizont der Ewigkeit zu verstehen. Und doch kann es uns schon hier geschenkt werden, dass wir unter dieser Verheißung besser mit scheinbaren Niederlagen umgehen können. Auch Schweres kann uns zum besten dienen.

Dietrich Bonhoeffer hat das großartig ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.  Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.  Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.  Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Und dann der dritte Brocken: Die Verheißung Gottes gilt – nicht allen Menschen, sondern denen, „die nach seinem Ratschluss berufen sind“, die er „ausersehen und vorherbestimmt“ hat. Die Lehre von der göttlichen Vorherbestimmung, von der Prädestination des Menschen zum Glauben oder Nichtglauben, zur ewigen Rettung oder Verdammnis  ist eine der am heftigsten unter Christen umstrittenen Positionen. Sie besagt, dass Gott von Anfang an das Schicksal der Welt und jedes einzelnen Menschen zum Heil oder Fluch vorherbestimmt habe. Damit hätten du und ich keine Willensfreiheit mehr, uns für oder gegen Gott zu entscheiden. Es wäre ewiges Schicksal, längst von Gott vorherbestimmt. Unser Römerbrieftext ist eine der wichtigsten Belegstellen für diese Lehre, die besonders die von Calvin geprägte reformierte Kirche in Westeuropa angenommen hat. Ausgerechnet auf der Synode zu Dordrecht 1619 ist diese Lehre gegen alle Einwände für die reformierte Kirche zementiert worden. Ich habe allerdings bei unseren Begegnungen mit den Dordrechtern wenig davon gemerkt. So aufgeschlossen können uns Menschen nicht begegnen, die uns keine Chance mehr geben, zum Glauben zu finden. Und doch gibt es einen Wahrheitskern darin: Hat nicht Gott zuerst sein Volk Israel erwählt und vorherbestimmt vor allen Völkern? Lässt sich das nicht auf uns, das neue Israel übertragen? Luther hat anders als Calvin den Heilswillen Gottes für die ganze Welt betont: Jeder kann und soll zu Gott finden in einer freien Gewissensentscheidung. Und doch kennen wir die Tatsache, dass Menschen nicht zum Glauben finden können, obwohl sie es gern möchten – als läge doch eine Vorherbestimmung darin.

Als 1973 die lutherischen, reformierten und unierten Kirchen Europas mit der Leuenberger Konkordie untereinander Kirchengemeinschaft beschlossen, musste für diese Lehre ein theologischer Spagat gefunden werden. Es heißt in diesem Dokument:

„Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.“

Wenn wir an Christus glauben, sind wir also zur Rettung erwählt, aber wenn wir noch nicht an ihn glauben, sind wir noch nicht für immer verdammt, sondern können uns frei entscheiden. Es gibt nur eine positive, keine negative Vorherbestimmung. Das lässt jedem Menschen die Tür zum Glauben offen.

Drei Brocken hat uns die Leseordnung unserer Kirche heute aufgegeben. Vielleicht haben wir sie ein bisschen zerkleinert und können etwas mehr damit anfangen?

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!