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Predigt zur Orgelweihe am 02.11.2014
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Predigt zur Orgelweihe am 02.11.2014

Predigt vom 02.11.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

„Was soll diese Verschwendung – hätte man das viele Geld nicht den Armen geben können?“ fragten die entsetzten Jünger Jesu ihren Meister, als Maria aus Bethanien das kostbare Salböl über seine Füße ausgegossen hatte. „Lasst sie gewähren“, antwortete Jesus, „sie hat ein gutes Werk getan“.

Es gibt auch in unserer Gemeinde neben der großen Freude über die heutige Orgelweihe Kritik an diesem Vorhaben, die uns elf Jahre lang begleitet hat. Brauchen wir ein solches Luxusinstrument? Hätten wir nicht von diesem Geld eine Kleinstadt von der Größe Markkleebergs in Indien ein ganzes Jahr ernähren können? Nein! Denn die Spender und Fördergeber hatten dabei nicht diese Absicht und wollten ihre Spenden für eine neue Orgel geben. Wir hätten das Geld für diese imaginäre Stadt auch nicht dorthin gebracht, ohne dass die Hälfte in korrupte Kanäle versandet wäre. Und nach einem Jahr wären diese Spenden verbraucht, doch die Not in Indien wäre dieselbe wie zuvor.  Wir aber haben hier ein Kunstwerk geschaffen, das zehntausenden Menschen 100 Jahre lang in Freude und Trauer beistehen soll. Unsere Gemeindeglieder haben in diesen elf Jahren im übrigen ebenso etwa 70.000 € für „Brot für die Welt“ gespendet!

Ein wohlmeinendes Chormitglied hat mir unlängst einmal folgendes vorgerechnet: Die Orgel würde, berechnet an ihren Kosten (500.000 €) und der Anzahl der Nutzungen (100mal jährlich in 100 Jahren) pro Gottesdienst 50 € kosten, ohne dass überhaupt eine Pfeife erklänge. Ich habe nachgerechnet und antworte wiederum: falsch! Wir sitzen hier in einem Gotteshaus, das etwa drei Millionen Euro wert ist. Jeder Gottesdienst kostet uns 300 €, ohne dass der Pfarrer ein Wort sagt, nur für den schönen Raum – die Orgel ist dabei nur eine kleine, wenn auch die kostbarste,  Zugabe. Wer also die Orgel für unnützen Luxus hält, der sollte ehrlicherweise auch nicht mehr in die Kirche kommen, sondern für ihren langsamen Verfall und Abriss plädieren. Alle Schönheit, alle Kunst und alle Musik sind Luxus, auch das Gewandhausorchester und der Große Lindensaal im Rathaus.

Jesus hat nicht im Luxus gelebt - von seinen ersten Weihnachtsgeschenken abgesehen - aber er hat Luxus auch nicht verteufelt - auch wenn er selbst keine Orgelkonzerte besucht hat. Wir haben es aber tatsächlich schwer, uns mit der Orgel auf ihn zu berufen. Im Jerusalemer Tempel gab es keine Orgel - wie die orthodoxen Kirchen bis heute ohne Orgel auskommen. Orgeln in der römischen Zeit waren Jahrmarktsheuler. Eine Gedankenbrücke könnten uns die jubelnden Menschen bei Jesu Einzug in Jerusalem bauen, die ein lautes Hosianna anstimmten. Das klang schon orgelmäßig. An einer anderen Stelle (Lk. 7) erzählt Jesus von Kindern auf dem Marktplatz, die dort Tanzspiele mit einem Tanzorchester spielen. Vielleicht haben sie Weidenflöten gebastelt und Klappern aus Johannisbrotschoten und Pauken aus hölzernen Hohlkörpern und Trompeten aus Schilfrohr – also fast schon eine kleine Orgel. Jesus hat daran offenbar Freude und bedauert, dass die Menschen ihn so wenig hören wie die Spielverderber auf dem Marktplatz, die zur kindlichen Musik nicht tanzen wollten.

In der Schönheit des Jerusalemer Tempels haben die Orgeln trotzdem ihr biblisches Vorbild – auch wenn das Instrument an sich in biblischer Zeit noch nicht erfunden war. Doch auch der Taufstein war noch nicht erfunden und die Glocken nicht, und heute sind sie uns heilig. Die goldenen Schleierbretter an der Orgel sind Zitate vom salomonischen Tempel in Jerusalem und korrespondieren mit den goldenen Quasten am Kanzelaltar. Wir brauchen in unserem Leben auch Luxus, weil wir schönheitsbedürftige Menschen sind und nicht Tiere oder Roboter. Unsere Vorfahren haben sich den Luxus von Kirchen und Orgeln geleistet, obwohl sie oft Hungersnöte hatten. Wir leben in unvorstellbarem Reichtum – noch nie fuhren auf Deutschlands Straßen so viele luxuriöse Autos, noch nie gab es solche hochglänzenden Toiletten wie im Leipziger Bildermuseum, noch nie gab es solche perfekten Computertomographen in Krankenhäusern, noch nie solche schnellen Eisenbahnzüge wie den TGV von Frankfurt nach Paris, noch nie solche High-Tec-Leopard-Panzer  wie heute – und ausgerechnet in einer solchen Zeit sollte eine gute Orgel ein übertriebener, unnützer Luxus sein???

Ich würde mir ja gern Martin Luther zu Hilfe holen. Bekanntlich war der ein großer Freund der Musik, und er hätte heute sicher seine helle Freude, wenn in der Kirche, die seinen Namen trägt, eine neue Orgel eingeweiht wird. Leider bin ich ganz kleinlaut geworden und möchte es dem Kantor und dem Orgelbauer und euch allen am liebsten ersparen, aber die Wahrheit muss heraus: Luther hat die Orgeln verachtet! „Der Glaube kann stärker sein in einem Müllerknecht als in allen Pfaffen mit ihren Orgeln und Gaukelwerk, wenn sie gleich mehr Orgeln hätten, als jetzt Pfeifen drinnen sind!“ hat er geschrieben. Und er hat die Orgel allenfalls im Nachmittagsgottesdienst („GD nach vier“) dulden wollen, „um der Einfältigen und des jungen Volks halber“ – also für die Kinder und Konfirmanden. Vor ein paar Wochen war unser Kantor nach einer Konfirmandenstunde, in der er den Jugendlichen die Orgel schmackhaft machen sollte, ziemlich niedergeschlagen und sagte: „Ich glaube, diese Generation wird mit der Orgel nichts anfangen können!“ Ich versuchte ihn zu trösten, dass es gerade unsere Aufgabe sei, die junge Generation dafür zu begeistern.

Die radikalen Evangelischen in der Schweiz haben sogar die Orgeln zerstört, und Zwingli in Zürich nannte sie „Katzengeschrei“, „unerbauliche Papstleier“ und „himmlische Sackpfeife“. Der Streit um die Orgeln wurde Jahrzehnte heftig ausgetragen, bis sich die Universität in Wittenberg 1597 zu einem „Unbedenklichkeitsgutachten“ herausgefordert sah. Das war der Durchbruch, dem wir dann Johann Sebastian Bachs Kunst zu verdanken haben! Die Universität berief sich dabei auf den 150. Psalm:

„Halleluja!

Lobet Gott in seinem Heiligtum,

lobet ihn in der Feste seiner Macht!

Lobet ihn für seine Taten,

lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!

Lobet ihn mit Posaunen,

lobet ihn mit Psalter und Harfen!

Lobet ihn mit Pauken und Reigen,

lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!

Lobet ihn mit hellen Zimbeln,

lobet ihn mit klingenden Zimbeln!

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!

Halleluja!“

Das ist die biblische Bauanleitung für die Orgel! Wesentliche Teile, die heute in einer Orgel erklingen, sind schon da (natürlich noch nicht der Midi-Anschluss). Die Menschheit musste nur noch lernen, diese von Gott längst bereitgestellten Teile zusammenzubasteln zu einem großen Musikschrank und ihn dorthin zu stellen, wo Platz dafür war – in die Kirche.

            Nun sollen wir mit diesem Wunderwerk Gott loben und ihm die Ehre erweisen. Soli Deo Gloria! Allein Gott zur Ehre! Deshalb gilt auch die geistliche Regel: im Gottesdienst, anders als im Konzert, kein Applaus zur Musik! Zu Gottes Ehre aber  müssen wir nicht kleckern, sondern dürfen klotzen! Sonst hätten die alten Meister keine gewaltigen Dome gebaut, deren schöne Details der Mensch mit seinen Augen kaum erkennen kann. Die Orgelmusik gehört zu diesen himmlischen Klängen, die uns eine Vorahnung der ewigen Herrlichkeit geben – wie die großen Dome.

            Aber haben wir nichts Wichtigeres zu tun, als Gott zu loben? Ist Kirchenmusik die Antwort auf die großen Weltprobleme? Müssen wir nicht die Welt verändern – gegen Ebola und Hunger kämpfen und gegen Krieg und Terror, Flüchtlinge aufnehmen und versorgen, oder auch zu Hause unsere Renten sichern? Das Leben fordert viel von uns und von manchem erhebliche Härten. Ist da wirklich noch Platz, um Gott zu loben, und welchen Sinn hat das überhaupt?

Der Prophet Amos und der Apostel Paulus haben uns gelehrt, den Gottesdienst und damit das Gotteslob nicht als sonntäglichen Zusatz, gar als musikalisches Opfer zu verstehen, sondern als tägliche soziale Aufgabe. Vom Gottesdienst im Alltag der Welt ist bei Paulus die Rede und vom Opfer der Gerechtigkeit bei Amos. Wir loben Gott und dienen ihm mitten im Leben. Die Erbauung, die wir von der Orgel sonntags gewinnen, strahlt in die Woche aus. All unsere Arbeit ist Gotteslob, unser politischer Einsatz, unser künstlerisches Schaffen. Es ist Gotteslob nicht aus sich selbst heraus, sondern wenn wir unser Handeln in eine Beziehung setzen zu Gott. Ich arbeite nicht nur für mein Geld oder für meine Karriere oder für meine Kinder, sondern weil ich eine Aufgabe, die Gott mir gestellt hat, erfülle. Eine winzige und doch große Aufgabe im Geheimnis des Universums!

Gotteslob ist also eine Lebenshaltung, keine rein musikalische Angelegenheit. Nicht nur der Kantor mit Chor und Orgel ist ein Gotteslober, nicht nur der Pfarrer mit seinem Wort, sondern ebenso der Maler und der Handwerker, die Verwaltungsmitarbeiterin und die Raumpflegerin, der Tierpfleger, der Arzt und der Professor. Wir loben Gott, ein jeder auf seine Weise.

Braucht es dazu aber unbedingt die Orgel? Ja, wir müssen Orgelmusik nur wirklich wieder als ein Bekenntnis verstehen lernen! Wir können selbstverständlich auch in der Kirche Beat und Pop und Rap und Jazz hören. Aber wo die Stimme der Orgel in einer evangelischen Kirche nicht mehr erklingt oder nicht mehr gehört wird, da verstummt eine wesentliche Saite unseres Glaubens. Das wäre, als wenn die Nachtigall nicht mehr in unserer Heimat sänge. Und um Orgelmusik gern zu hören, ist es erforderlich, Kinder und Jugendliche rechtzeitig heranzuführen. Heranführen – das gehört bei vielem im Leben dazu und ist eine pädagogische Aufgabe. Nicht nur abzuwarten, was aus dem Menschen herauskommt, sondern etwas in ihn hineinzulegen, ihm etwas anzubieten. Für Kinder ist der Eintritt deshalb frei zu unseren Orgelmusiken, diese Woche und das ganze nächste Jahr. Unser Kindergarten, unsere Gemeindepädagogik – sie haben mit der neuen Orgel auch eine neue Aufgabe bekommen!

Die Orgel ist nicht alles und nicht das einzige – aber sie ist doch ein Haupt- und Meisterstück des Gotteslobs. Sie hat die faszinierende Anziehungskraft, Menschen in extremen Lebenssituationen zusammenzurufen. Sie geleitet die Konfirmanden und Hochzeitspaare zum Altar, die Taufeltern und Paten zum Taufstein, die Trauernden auf dem letzten Weg eines Angehörigen. Sie versammelt eine große Konzertgemeinde und lässt die Herzen von Menschen zum Himmel schweben, die sich ihres Glaubens noch nicht bewusst sind. Sie vereint CDU-Anhänger und Fans der Linken. Und als die berühmten Friedensgebete vor 25 Jahren in der Leipziger Nikolaikirche die Menschen zum besonnenen Mut einstimmten, da waren es nicht nur die Kerzen und Gebete, die zum friedlichen Gelingen und zur Besonnenheit beitrugen, sondern auch die Orgel, die sie hinausbegleitete auf die Straße. Eine andere Musik hätte die Menschen vielleicht aufgeputscht, die Orgel hat sie im Geist Jesu besonnen gemacht. Unsere Orgel ist wirklich ein Luxus, aber einer, den wir unbedingt brauchen und uns leisten müssen!

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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