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Predigt zur Jahresschlussvesper über Joh. 8, 31-36
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Predigt zur Jahresschlussvesper über Joh. 8, 31-36

Predigt vom 31.12.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

es ist wieder die Zeit der Jahresrückblicke. Im Fernsehen, in der Zeitung werden die medienwirksamsten Ereignisse des Jahres in Erinnerung gerufen. Aber auch viele befreundete Familien schicken mir ihren persönlichen Jahresrückblick, anschaulich mit Fotos aller Reisen und Familienfeiern einschließlich neugeborner Enkel oder neu gewonnener Partner der Kinder aufgelockert. Vielleicht bringt jeder von uns in Gedanken seine Jahresbilanz mit, auch wenn er sie nicht zu Papier gebracht hat. Da wird mancher Grund zur Freude und zur Dankbarkeit dabeisein.

Obwohl diese Rundbriefe lieb gemeint sind, fällt es mir schwer, diese vielseitigen Rückblicke aufmerksam zu lesen, weil sie alle zur gleichen Zeit kommen und weil ich nicht weiß, was daran für mich persönlich davon wirklich wichtig zu wissen ist und nicht für hundert andere Empfänger. Es ist eine zunehmende Informationsflut an alle Welt, aber nicht mehr an mich persönlich. Ich habe auch manche guten Freunde und Bekannten, von denen kein solcher Weihnachtsbrief kommen kann. Denn wenn sie ihn schrieben, müssten sie erzählen vom traurigen Scheitern ihrer Ehe, von schmerzlichen Verlusten im Familienkreis, von ihrem eigenen Versagen oder von enttäuschten beruflichen Hoffnungen. Damit gibt niemand in Rundbriefen an. Gerade an diese Freunde aber möchte ich heute denken und sie ins Gebet einschließen, nicht nur die, von denen immer Erfolgsgeschichten kommen. Und an all die Sorgen denke ich fürbittend, die auch die fröhlichen Rundbriefschreiber nicht erwähnen, die ich aber ahne. Hinter mancher glücklichen Fassade bröckelt es in Wahrheit.

Selbstverständlich kann auch unsere Gemeinde Jahresrückblick halten und unsere Landeskirche. Auch da erinnern wir uns gern an die Erfolge und schweigen lieber von den Misserfolgen. Es gab fröhliche und gut besuchte Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Eine gute Bilanz bei Kollekten, Spenden und Kirchgeld, ein gestiegener Gottesdienstbesuch, zahlreiche Höhepunkt wie der Besuch des Landesbischofs, erfreulich viele Taufen und Konfirmationen, die neue Orgel nimmt Gestalt an, Projekte wie die Fahrradkirche und die Kindergartenerweiterung sind in kleinen Schritten vorangekommen, obwohl noch der große Durchbruch fehlt. Das alles klingt gut und ist Grund, Gott zu danken. Auch die Landeskirche ist aus synodaler Sicht in guter Verfassung, auch wenn die Gemeindegliederzahlen noch immer abnehmen, der Gürtel der Finanzen enger geschnallt werden muss und harte Auseinandersetzungen um Glaubensfragen, vor allem die Beurteilung von Homosexualität, dieses Jahr geprägt haben. Aber es ist nach wie vor eindrucksvoll, was in den sächsischen Kirchgemeinden zu erleben ist. Aber müssen wir nicht auch davon reden, dass wir eine neue Kindergartenleitung suchen mussten und die Stelle noch nicht glücklich besetzen konnten, dass wir Menschen aus unserer Gemeinde durch den Tod verloren haben, dass Gemeindeglieder unserer Kirche den Rücken gekehrt haben, vor allem einzelne, die vor kurzem erst konfirmiert worden sind, dass manche nicht mehr zum Gottesdienst kommen, die einst aktiv waren, und wir wissen nicht, warum? Erst das ist die Wahrheit, wenn wir nicht nur die guten Seiten hervorkehren, sondern ehrlich unsere Schwächen und unser Versagen zugeben. Müssen wir überhaupt Bilanz ziehen an jedem Jahresende – reicht es nicht, wenn Gott eines Tages Bilanz ziehen wird über unser Leben?! Und vielleicht wird er ganz anders fragen, wird von uns nicht die Sammlung der Jahresrundbriefe und die Jahresstatistiken vorgelegt bekommen wollen, sondern wird nur wissen wollen: Bist du mir treu gewesen?

„Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“, sagt Jesus. Zwei große philosophische Fragen sind damit angeschnitten: Was ist Wahrheit? Und was ist Freiheit? Sie taugen für lange philosophische Diskussionen und geben Stoff für Bücher prominenter Persönlichkeiten. Wir wollen es uns hier nicht zu schwer machen. Die Wahrheitsfrage müssen wir heute nicht in aller Tiefe und erschöpfend beantworten. Am Jahresschluss beschäftigt uns einfach die wahre, die ehrliche Bilanz dessen, was nun schon wieder als 2012 vergangen ist. Und da hilft es am meisten, wenn wir ganz ehrlich sind gegen uns selbst und unsere Fehler und Schwachheiten nicht verdrängen. Auf diese Weise tritt uns Jesus ganz nahe und macht uns frei von aller Schuld. Er entlastet uns am Jahresende und spricht zu uns: Lass es gut sein!

Frei von Schuld – das ist nicht die Freiheit, auf die unsere Gesellschaft stolz ist. Schon die Zuhörer Jesu protestierten, als er sie freisprechen wollte: Wir sind noch nie jemandes Knechte gewesen, was bietest du uns Freiheit an? Auch wir halten uns mindestens seit 1989 für frei. Das ist politisch korrekt und auch eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens. Aber wirklich frei sind wir noch nicht durch Reise- und Wahlfreiheit und durch den Verzicht auf die meisten traditionellen Bindungen. Ist unsere Gesellschaft wirklich freier, nachdem viele Menschen aus den Kirchen ausgetreten sind? Viele glauben an Horoskope, manche suchen Bindungen in radikalen Parteien oder Gemeinschaft in gewaltbereiten Gruppen, die meisten werden zum Kauf verführt von vielen verlockenden Angeboten, immer mehr Menschen bezweifeln alles und glauben nur noch an ihre eigenen Ideen. Wahre Freiheit sieht anders aus und kann sich gut an Jesus Christus binden. Und ist unsere Gesellschaft wirklich freier, nachdem die Mehrheit der Menschen sich nicht mehr in der Ehe bindet? Sind Männer und Frauen und Kinder damit wirklich glücklicher? Und ist unsere Gesellschaft wirklich freier, nachdem jeder nach seiner eigenen Façon selig werden möchte? Viele Menschen basteln sich ihre eigene Religion, gründen ihren eigenen Verein und ihre eigene Stiftung und organisieren eigene Spendensammlungen – alles mit viel Initiative, aber größere Wahrheit ist nicht darin, und es liegt darin immer ein Stück Missachtung gegenüber dem, was schon da ist, und die klassischen Bindungssysteme in der Gesellschaft, darunter die Kirchen, verlieren dabei, und das Verbindende und Gemeinsame wird geschwächt. Wir setzen einerseits auf Ökumene und größere Einheit der Kirche, wie Jesus sie gewollt hat, und andererseits spalten sich viele der besten Christen immer wieder ab von der erstrebten Einheit, suchen das Eigene und nicht das Ganze.

In dem kleinen Satz Jesu: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort…“, liegt eine der Schlüsselfragen gegenwärtigen Glaubens. Er bedeutet, überhaupt im Glauben zu bleiben. Wir stehen alle in großer Gefahr, unseren Glauben zu verlieren, weil er in der modernen Alltagswelt manchmal nicht notwendig zu sein scheint oder weil schwere Lebenskrisen uns erschüttern. Die Geschäfte gehen vielleicht ohne Glauben. Aber die Krisen lösen wir ohne Glauben nicht, jedenfalls nicht leichter. Dann brauchen wir das Vertrauen, dass Gott uns dennoch nicht verlässt, sondern einen neuen Weg für uns vorbereitet. „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort…“ bedeutet aber auch, in der Gemeinschaft der Kirche zu bleiben. Denn sie schützt und verkündigt das Wort Gottes, und sie tut das trotz menschlicher Mängel und Schwächen besser, freier und wahrhaftiger, als es auf allen anderen Wegen möglich ist. Man muss sich nur einmal ernsthaft unser Land ohne Kirchen vorstellen, um zu erkennen, was wir zu schützen und zu bewahren haben. Bleibt im Glauben, bleibt im Gottvertrauen, bleibt in der Nachfolge Jesu, bleibt in der Gemeinschaft der Kirche, das ist die Botschaft am Ende dieses Jahres, mit der wir zuversichtlich ein neues Jahr beginnen können.

Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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