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Predigt zur Christvesper III
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Predigt zur Christvesper III "Hirtenpredigt"

Predigt vom 24.12.15 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

wer waren die ersten Christen? Sie müssen ja wohl aus der Weihnachtsgeschichte stammen. Die erste Christin könnte Maria gewesen sein, weil sie zuerst um das göttliche Geheimnis ihres Sohnes wusste. Die zweite Christin könnte ihre Verwandte Elisabeth gewesen sein, zu der sie während ihrer Schwangerschaft „über’s Gebirg“ zu Besuch geeilt war, und die Maria vorausahnend schon als „Mutter meines Herrn“ bezeichnet hatte. Sie behielten das Geheimnis aber, wie es so Frauenart ist, noch für sich. Die ersten Christen, die das Ereignis publik machten und damit die ersten Missionare wurden, waren nicht diese Frauen und auch nicht die Jünger Jesu, nicht Petrus und nicht Johannes – diese ersten Christen waren - die Hirten von Bethlehem! Reden wir heute mal von denen!

Dabei wissen wir nicht einmal ihre Namen. Gelegentlich werden sie in alten Krippenspielen mit hebräischen oder auch mit altdeutschen Namen Simon oder Jochanan oder Barthel oder Matzel genannt, aber das ist Phantasie. Waren es überhaupt drei? Vertragen sich mehrere Hirten überhaupt miteinander, sind sie nicht eigenbrötlerische Einzelgänger? Vielleicht ist es nur zur Dreizahl gekommen, um sie den Weisen vom Morgenland gegenüberzustellen? Auch von denen wissen wir übrigens weder Namen noch Zahl. Nur aus den drei Geschenken leiten wir ab, dass sie zu dritt waren. Wahrscheinlich hat Gott mehrere Hirten in seinen weihnachtlichen Plan eingespannt, damit ihr Bericht glaubwürdig würde! Wenn nur einer diese unglaubliche Geschichte weitererzählt hätte, hätten ihn alle ausgelacht und gesagt: „Der Barthel hat wieder einmal einen über den Durst gehoben.“ Wieso waren aber die Hirten die ersten christlichen Missionare? Es steht bei Lukas im Evangelium geschrieben, dass die Hirten, nachdem sie das Kind in der Krippe gesehen hatten, „das Wort ausbreiteten, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ Sie erzählten also öffentlich und überall weiter, „was sie gehört und gesehen hatten“, und säten damit als erste den Samen des Evangeliums im heiligen Lande aus.  

Diesen Hirten von Bethlehem hat die Kirche bisher sträfliches Unrecht getan! Sie hat die ersten Gratulanten an der Krippe nicht heilig gesprochen, sie hat ihnen keinen Gedenktag im Kalender gewidmet und kein Gotteshaus nach ihnen benannt. Vielleicht sollten wir die Fahrradkirche in Zöbigker demnächst zur weltweit ersten „Kirche der Heiligen Drei Hirten von Bethlehem“ benennen! Eigentlich gehörte ihnen der 26. Dezember als Ehrentag! Warum hat die Kirche diese Männer so klein gehalten? Wahrscheinlich, weil Hirten einen schlechten Ruf hatten. Sie waren damals Außenseiter der Zivilisation, sie lebten oft nicht in Familie, sie waren stinkend und schmutzig, sie erzählten wie Angler allerlei Flunkergeschichten, und sie führten ein Leben wie Zigeuner. Sie besaßen nicht mal einen Hauptschulabschluss und konnten nicht mit Messer und Gabel essen. Das ist bis heute so ähnlich geblieben (außer bei uns in Deutschland natürlich, wo es aber kaum mehr Hirten gibt - in Markkleeberg kenne ich leider gar keinen mehr). Hirten sind also Sonderlinge. Das heißt nicht, dass sie dumm sind, sie haben ihre eigene Schläue.

Andererseits war ihr Ruf nicht nur schlecht. Sie nahmen im Dorf eine wichtige Aufgabe wahr. Keine Ortschaft kam ohne einen Hirten aus, denn es war unmöglich, dass jeder einzelne den ganzen Tag seine Schafe hütete, auch wenn es in kleinen Wirtschaften manchmal die Kinder übernehmen mussten. Das Vieh war in biblischer Zeit das Statussymbol der Menschen, es war das Auto der damaligen Zeit. Ein Schaf – ein Dacia – zehn Schafe – ein Porsche. Wenn einem Hirten ein Tier abhanden kam – gleich ob es von einem wilden Tier gerissen worden war oder sich von der Herde abgesondert und verlaufen hatte: Der Hirt musste es ersetzen. Deshalb ging er dem einzelnen verlorenen Schaf - wie im Gleichnis Jesu - nach, bis er es gefunden hatte.

Außerdem war das Hirtendasein sogar ein Vorbild der Politik. Könige wurden gern mit Hirten ihres Volkes verglichen, schon im alten Ägypten und dann auch in Israel. König David hatte seine Karriere als Hirtenjunge begonnen, und Jesus selbst hat sich als guter Hirte seiner Herde bezeichnet. Kein Wunder, dass der Hirtenberuf dann zum Vorbild für den Hauptberuf der Kirche geworden ist: Die Bischöfe wurden bald mit einem symbolischen Hirtenstab ausgestattet, und die „Pastoren“, so das lateinische Wort für Hirten, sind  bis heute die „Hirten“ der Gemeinde.

Und schließlich wurden die Hirten auch gern romantisiert. Es sah so idyllisch aus, wie der Mann in der Freiheit der Natur und im Einklang mit ihr lebte, wie er da draußen manches Liebesabenteuer genießen konnte und so schön sein Flötenspiel übte – ein Gegenbild zum bürgerlichen Beamten, der Steuern eintreiben und Akten wälzen musste, und zum leibeigenen Bauern, der hinter dem Pflug gehen und den Stall ausmisten musste. Die Pastorale, also die Hirtenmusik in der zweiten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium, vermittelt auch so eine wunderschöne Idylle. Sie zaubert uns den Hirtenalltag als barockes Orchester auf der grünen Weide vor. Wir befinden uns also nicht nur in schlechter Gesellschaft, wenn wir von den Hirten von Bethlehem sprechen, und müssen uns ihrer nicht schämen.

Aber es hat doch ein besonderes Schmeckerchen, dass die ersten Missionare nicht die Absolventen eines Missionsseminars gewesen sind und auch keine Gymnasiallehrer, keine Stadträte, keine Ärzte, nicht einmal Pfarrer, sondern einfache Hirten. Die Weihnachtsbotschaft wurde also zuerst sehr volkstümlich weiterverbreitet. Als die Hirten davon weitererzählten, klang das sicher nicht so: „Liebe Bürgerinnen und Bürger von Bethlehem, liebe Gemeinde, wir möchten Ihnen hiermit unter Berufung auf Gottes allerhöchste Verlautbarung aus der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember die Geburt eines prominenten Kindes namens Jesus von Nazareth kundtun. Es ist vorhergesagt von höchster Stelle, dass er in absehbarerer Zeit den Thron Davids wieder besteigen und dem Land und aller Welt eine glänzende Zukunft bringen wird.“

Nein, in der Sprache der Hirten hat das wohl eher so geklungen: „Eh, Leute, hört mal her, es ist absolut krass - da draußen auf dem Feld liegt eine scharfe Biene auf dem Stroh, die hat einen süßen Butzel rausgebracht und in den Fresstrog für unsere Schafe gelegt. Der Kleine sieht echt cool aus. Und wir waren voll die Panik, weil vom Himmel ein Gedröhn kam mit vollem Sound. Eine megageile Blitzgestalt tönte aus den Wolken, der kleine Butzel würde uns aus dem ganzen Dreck hier rausholen! Eh, Leute, nun verzieht wenigstens mal die Miene!“ Das könnte die erste christliche Predigt gewesen sein! Die Botschaft von Jesus wurde zuerst auf die Straße getragen und nicht ins Kircheninnere. Sie war Gartenzaun-, Lagerfeuer-, Frisör- oder Kneipengespräch, nicht ein gelehrter Vortrag über die göttliche Zweinaturenlehre im Lichte der Augsburgischen Konfession.

Aber die Hirten wurden von Gott auch total umgekrempelt – aus ängstlichen, unzufriedenen Menschen (wie es sie damals noch gab, heute ist das ja ganz anders…) wurden fröhliche, zufriedene, ja begeisterte Leute! Sie schämten sich für manche raue Hirtensitte der Vergangenheit, für ihre groben Flüche, für ihre gotteslästerlichen Zweifel und für ihre heimlichen umstürzlerischen Pläne und waren wie verwandelt. Ihre Fäuste schlugen nicht mehr zu, sondern mit ihren rauen Pranken streichelten sie zärtlich das Christkind. Sie waren selber Lämmer geworden. Die Weihnachtsbotschaft hatte sie verzaubert.

Wir spüren das Volkstümlich und auch das Fröhliche heute noch den Weihnachtsliedern an. Sie sind z. T. sehr schlicht wie Volkslieder, manche mögen musikalisch von Fachleuten als kitschig bezeichnet werden, aber sie rühren uns im Herzen an und haben alle einen Grundton von Freude, auch wenn sie in mixolydischer Kirchentonart stehen.  Als hätten sie die Hirten frisch von der Weide mitgebracht. Auch die ganze Weihnachtsausstattung in unseren Stuben und Kirchen – die Pyramiden, die Krippen, die Engel – ist keine hohe Kunst -weder Lucas Cranach, Michael Fischer-Art oder Neo Rauch haben daran gearbeitet. Manches ist wirklich süßlich, vor allem wenn es aus China oder Amerika kommt, aber es ist darunter eben auch viel gute sächsische Volkskunst. Vor allem macht diese Weihnachtsvolkskunst Jung und Alt Freude - ganz anders als die umstrittenen Denkmäler unserer Zeit, mit deren Planungen und Umsetzungen Leipzig inzwischen eine komische Oper füllen kann. Das Weihnachtsgeschehen rührt den Hirten in uns selber an. Es küsst das Kind in uns wach, die Sehnsucht nach herzlichem und einfachem Leben.

Wenn das Christkind nicht vor 2015 Jahren in Bethlehem, sondern heute in der Neuen Harth zwischen Zöbigker und Zwenkau geboren werden würde – wen würde Gott heute für die Rolle der Hirten auswählen? Ich glaube nicht, dass er zu mir ins Pfarrhaus kommen würde, auch nicht ins Rathaus zum Oberbürgermeister, auch den seligen Kurt Masur hätte er sich bestimmt nicht ausgesucht und nicht einmal den Hausbibelkreis. Vielleicht würde er eher die Fans von „Red Bull Leipzig“ ansprechen oder die Legidaanhänger oder die Asylheimbewohner in Rötha. Er würde diese „einfachen Menschen“ von heute vielleicht dazu bestimmen, zur Krippe zu gehen und würde ihre Herzen verwandeln von Frust, Hass, Hetze, Gewalt und bitteren Erfahrungen hin zur Menschenliebe und Barmherzigkeit und Hoffnung, die in der Weihnacht neu zur Welt gekommen ist.

Und noch etwas zeichnet die Hirtenbotschaft aus: sie war konkret und anschaulich! „Was sie gehört und gesehen haben“, erzählten die Hirten weiter – nicht was sie in Büchern gelesen oder am Schreibtisch ersonnen hatten oder in ihrer Phantasie gern so sehen würden, sondern was sie leibhaftig gehört und gesehen hatten. Es gibt wohl keine andere Geschichte, jedenfalls nicht in der christlichen Welt, die so bekannt ist wie die Weihnachtsgeschichte. Und wir hören sie uns nicht über, wenn wir sie an jedem Weihnachtsabend andächtig vorlesen. Und es gibt wohl keine andere christliche Geschichte, die so oft und auf so unterschiedliche Art ins Bild gesetzt worden ist wie die Weihnachtsgeschichte. Auf Weihnachtskarten, in Weihnachtskrippen, auf Weihnachtsbriefmarken – die alte Geschichte immer wieder neu. Der christliche Glaube ist zuerst kein philosophisches Gedankensystem, sondern ein Geschehen, das wir hören und sehen können.

Und auch wenn wir heute nicht life in Bethlehem dabei sind wie die Hirten damals und die Geschichte von der Geburt Jesu nicht im Original hören und sehen können, können wir sie doch in der Kirche nacherleben! Hier hören wir heute Gottes Wort so wie damals, und hier sehen wir etwas von der Schönheit des Himmels. Wer zur Kirche kommt, geht nicht leer aus und bleibt nicht allein. Er erfährt Gemeinschaft, Freude, Liebe, himmlische Musik und vieles, was das Herz anrührt. Er erfährt, dass Jesus in der Kirche noch heute lebt. Und er hilft mit, Gutes in unserem Land und der Welt zu tun. Das ist ja der große Wert der Kirche, und darum lade ich jeden ein, in diese Gemeinschaft der Kirche hineinzukommen oder zurückzukehren. Dann braucht er auch keine Angst vor anderen Religionen zu haben!

Wer teilnimmt an der Kirche, wird hören und sehen können, was Gott in der Welt noch heute wirkt und wie Jesus Christus bis heute unter uns gegenwärtig ist. Er erfährt konkret, was die Hirten von Bethlehem damals als erste erfahren haben. Vielleicht könnt ihr alle heute wie die Hirten nach Hause gehen und überall über den Gartenzaun Euren Nachbarn weitererzählen, was ihr hier gehört und gesehen habt und könnt damit gute Missionare von heute werden?

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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