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Predigt zur Christvesper am 24.12.2014
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Predigt zur Christvesper am 24.12.2014

Predigt vom 24.12.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

 Liebe Gemeinde,

Es ist gut, dass ihr alle hierhergekommen seid. Denn die Botschaft der Weihnacht gilt euch allen: Euch ist heute der Heiland geboren – nicht nur den Hirten von Bethlehem, nicht nur den Juden, nicht nur den treuen Kirchgängern und Chorsängern, sondern euch allen. Alle Welt ist herzlich eingeladen zur großen Christkindparty, die diesmal leider nur in großen Kaufhäusern weiße Dekoration angelegt hat und leider auch nicht überall von Friede auf Erden erfüllt ist. Vielleicht schweigen doch in diesen Tagen die Waffen… Weil die Geburt Jesu aller Welt gilt, wird sie auch gleich in die große Weltgeschichte eingebettet: Vom römischen Kaiser Augustus wüssten wir heute nicht mehr so viel, wenn er nicht die berühmte Schätzung ausgerufen hätte. Keiner weiß heute genau, was er überhaupt schätzen ließ und wie er es geschätzt haben wollte. Vielleicht wollte er ja die Rentenberechnungsspunkte festlegen und sein Reich in die schwarze Null führen. Jedenfalls wurde dabei Bethlehem mit Rom in einen Topf geworfen – das ist, als würde man San Francisco und Markkleeberg in einem Atemzug nennen. Außerdem wird die Geburtsgeschichte in der Provinz Syrien lokalisiert – dieser Name war schon damals ein Begriff, während das jüdische Land damals so etwas war wie heute der Schluckenauer Zipfel. Die Geburt Jesu wurde also mitten in die Weltgeschichte hineingestellt.

Damit wurde schon der Rahmen abgesteckt, in dem dann die Botschaft von Jesus Christus gelten sollte: in der ganzen Welt. Der Apostel Paulus kam bis nach Rom, in die Welthauptstadt, und es war der römische Provinzstatthalter Pontius Pilatus, der Jesu Todesurteil fällte. Sein Vorgänger Cyrenius aus der Weihnachtsgeschichte ist hingegen fast vergessen, weil er nicht ins Glaubensbekenntnis aufgenommen wurde.

Für uns alle ist also Christus geboren: für Deutsche, Russen, Ukrainer und Franzosen, für Juden und Araber, für Lokführer und Bahnkunden, für die pakistanische Schülerin Malala, die den Friedensnobelpreis erhalten hat, und für Uli Hoeness, der seine Schulden abstottern muss, für die Pegida-Demonstranten und für die Flüchtlinge aus Syrien und Afrika. Gott hat sich aller Welt offenbart, deshalb braucht es danach auch keine weiteren Profetenoffenbarungen für die Welt!

Diese Verbindung der Weihnachtsgeschichte mit der Weltpolitik wird durch die Ereignisse der letzten Monate besonders deutlich. Kein anderes Motiv der Weihnachtsgeschichte drängt sich uns in diesem Jahr ja so in den Vordergrund wie das Flüchtlingsschicksal der heiligen Familie! Die Tageszeitungen thematisieren es, fast könnte man glauben, es sei schon alles gesagt. Maria und Josef stoßen auf den Straßen von Bethlehem auf verschlossene Türen, jedenfalls malen wir es uns so aus. „Wir sind schon voll!“, heißt es überall – „geht mal zum Nachbarn!“ Vielleicht hatten die Bürger Bethlehems auch Angst, dass ihnen das Paar die knappen Arbeitsplätze im Städtchen wegnehmen würde. Wenn sie geahnt hätten, welches gewaltige Tourismusgeschäft ihnen dieses Paar in den nächsten Jahrhunderten bringen würde – sie hätten sich alle um die Aufnahme der beiden geprügelt, um an ihrem Haus eine Tafel anbringen zu können: „Hier nächtigten Maria und Josef vom 24. Dezember bis zum 6. Januar des Jahres 1“. Doch das war nur der Auftakt. Wenig später mussten Maria und Josef vor der Verfolgung des Königs Herodes fliehen, der den neugebornen Knaben in der Gegend um Bethlehem nach dem Leben trachtete. Sie flohen nach Ägypten und fanden dort Asyl für einige Jahre, bis Herodes gestorben war und sie in die Heimat zurückkehren konnten. Es waren Afrikaner, die der heiligen Familie Schutz gewährten – das müssen wir uns heute auf der Zunge zergehen lassen! Das waren der Anfang und der Abschluss der Weihnachtsgeschichte.

Diese Seite der Weihnachtsgeschichte taucht natürlich auf keiner Weihnachtskarte auf, und sie passt in keine Weihnachtsdekoration auf dem Weihnachtsmarkt. Sie stört auch ein bisschen unsere Festtagsstimmung. Herr Pfarrer, können Sie nicht wenigstens in der Kirche am Heiligabend von etwas anderem reden? Ja, ich rede noch von etwas anderem, aber wir kommen an dieser Seite nicht vorbei. So wie man, wenn von Sport die Rede ist, an den Menschenrechtsverletzungen in manchen Austragungsländern nicht vorbeischauen darf. Ich gebe sogar zu: Ich fände es wirklich spannend, wenn eine Flüchtlingsfamilie am Weihnachtsabend vor meiner Tür stünde wie einst Maria und Josef. Das wär’ doch mal ein anderes Weihnachtsfest! Ich würde sie willkommen heißen, auch ohne Absprache mit meiner Frau.

Die Aufnahme von Flüchtlingen ist nicht nur aufgrund der Weihnachtsgeschichte eine Christenpflicht, denn unser Herr selbst ist ein Flüchtlingskind gewesen und hat dank der Aufnahme guter Menschen überlebt. Sie ist auch eines der sieben Werke der Barmherzigkeit, von denen Jesus spricht: „Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet, ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben…“

In diesem Jahr mussten hunderttausende Menschen aus den biblischen Ländern vor den Truppen des syrischen Herrschers Assad, des „Islamischen Staats“ oder den Muslimbrüdern fliehen.

Hinzu kommen Hunderttausende, die aus wirtschaftlicher Not und Hoffnungslosigkeit aus Afrika fliehen. Ganz ähnlich sind einst hunderttausende Menschen aus der DDR geflohen, weil sie im Westen eine bessere wirtschaftliche Zukunft sahen.

In Deutschland regt sich seit Monaten massiver Widerstand gegen die schrankenlose Aufnahme von Flüchtlingen. Auch soll das Abendland gerettet werden. Weiß überhaupt noch einer, wo die Grenze zwischen Abend- und Morgenland verlief? Zuletzt verlief sie da, wo der eiserne Vorhang durch Europa ging. Dresden gehörte in dieser Zeit schon zum Morgenland… Die meisten verfolgten Christen leben heute auch im Morgenland, das mehr Hilfe braucht als das Abendland. Hinter der neuen Bewegung stehen ernstzunehmende, aber auch völlig irrationale Ängste. Ernstzunehmen sind Ängste gegen gewalttätiges Verhalten von Flüchtlingen aus anderen Kulturen, wo Konflikte nicht im Gespräch ausgetragen werden. Und auch ich wünsche mir nicht, dass Frauen in Deutschland verschleiert herumlaufen und dass die Tonbandstimme eines Muezzins statt der Glocken über Markkleeberg erklingt. Nicht aus Intoleranz oder Hass, sondern weil es um eine Leitkultur geht. Minderheiten genießen Schutz und Respekt, aber nicht die Freiheit, hier andere Gesellschaftsstrukturen aufzubauen. Aber ist es eine reale Angst, dass unseren Kindern hier bald die Köpfe abgeschnitten werden? Ist es eine reale Angst, dass in Sachsen Ausländer überhandnehmen? Und am Dienstag essen die Dresdener Demonstranten alle mit Genuss ihren Döner. Gegen die Ängste vor islamischer Überfremdung gibt es ein probates friedliches Mittel, das ich schon in vielen Predigten empfohlen habe: Erzieht eure Kinder und Enkel zu Christen und bekennt euch selbst zu Christus und seiner Kirche! Denn dort, wo christlicher Glaube gelebt wird, findet eine Islamisierung keinen Boden. Nur wo wir heute unsere Religion abwerfen und ein religiöses Vakuum erzeugen, wird morgen religiöser Fanatismus leichtes Spiel haben.

Aber in der Welt als fremdenfeindlich dazustehen, dafür schäme ich mich als Deutscher und als Christ. Wir haben eine lange Tradition der Aufnahme von Flüchtlingen. Im 17. und 18. Jahrhundert sind zehntausende evangelischer Emigranten aus Böhmen geflohen und haben in Sachsen Asyl und neue Heimat gefunden: in Herrnhut und Oberwiesenthal, in der Lausitz und entlang des gesamtes Erzgebirgskamms. Nach 1945 haben wir in Sachsen hunderttausende Heimatvertriebener aus Schlesien, Pommern, Böhmen und Ostpreußen aufgenommen in zerstörte Orte, in Hunger und Wohnungsnot. Das war nicht leicht, aber es ist über die Jahre gelungen. Nach 1989 haben wir zehntausende Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion und aus Rumänien aufgenommen. Sie alle gehören längst zu uns und haben zum wirtschaftlichen Erfolg unserer Heimat beigetragen. Sie haben uns nichts weggenommen von unserem Wohlstand, auch wenn sie Starthilfen erhalten haben. Die meisten Flüchtlinge sind langfristig unserem Land zum Segen geworden.

Natürlich war das leichter, weil diese Flüchtlinge unserer Kultur näherstanden als Menschen aus dem Orient oder aus Afrika. Aber heute sind wir auch besser ausgestattet dazu und haben viel bessere Vorbereitungsmöglichkeiten durch Betreuer, durch Informationen, durch die Politik.

Die Christenheit ist von Anfang an ein integratives Völkchen gewesen. Da haben sich gleich in den ersten Jahrzehnten Juden, Römer, Griechen, Ägypter, Syrer im Glauben verbunden und sich gegenseitig angenommen. Schon an der Krippe hatte die heilige Familie drei unerwartete Gäste aus der Fremde, die symbolisch für die drei damals bekannten Erdteile standen. Die Kirche ist getreu dem Missionsauftrag Jesu weltweit verbreitet, und jeder Kirchentag führt uns die Internationalität der christlichen Kirchen vor Augen.

Von daher gibt es nur eines für uns Christen: unbefangen, angstfrei und offen auf Flüchtlinge zuzugehen, sie zu besuchen, das Gespräch mit ihnen zu suchen, die Christen unter ihnen in unsere Kirchgemeinden einzuladen und ihnen zu helfen, so gut es geht. Es geht konkret immer um Menschen, denen wir zur Hilfe verpflichtet sind - nicht um eine Unterstützung für islamische Staatsformen in unserem Land!

Aber auch das andere ist wichtig: Das Christentum in unserem Land zu stärken! Tritt der Kirche wieder nahe, wenn du dich von ihr entfernt hast, besuche den Gottesdienst, wie Muslime in die Moschee strömen, setze dich mit der Bibel auseinander wie Muslime mit dem Koran. Wir brauchen Religion, und zwar aufgeklärte, moderne Religion, wie sie gerade unsere evangelische Kirche vertritt, keine mittelalterliche, radikale und gewaltbereite Religion.

Wir sind damit scheinbar von Weihnachten weit weg – und doch am wirklichen Weihnachten nah dran. Aber die Weihnachtsgeschichte lehrt uns noch etwas anderes. Das heilige Paar  sagt Ja zu einem Kind, das in diesem Moment gar nicht in ihre  Lebensplanung passte. Vielleicht wollte Josef gerade einen Meisterlehrgang zum Zimmermann besuchen? Straßen und Quartiere waren wegen der Volkszählung überfüllt, die Zöllner waren streikbereit, es wurde vor Taschendieben und stehlenden Hirten gewarnt. Erziehungsgeld, Elternzeit und Mütterrente waren noch nicht im Parlament beschlossen. Wegwerfwindeln waren noch nicht patentiert. Da wagt es diese leichtfertige Paar, gewissenlos ein Kind auszutragen… Es sagt Ja zum Kind, aber nicht aus Verantwortungslosigkeit, sondern aus Gottvertrauen. Dieses Gottvertrauen durchzieht die ganze Weihnachtsgeschichte. Als die jugendliche Maria oder die schon betagte Elisabeth sich für ihre Kinder entschieden, taten sie es im Gottvertrauen. Als Josef sich auf den Weg machte, tat er es im Gottvertrauen. Als die Hirten ihre Furcht überwanden und nach Bethlehem eilten, taten sie es im Gottvertrauen. Als die Weisen sich auf ihren langen Sternmarsch begaben, taten sie es im Gottvertrauen. Sie alle sind voll Gottvertrauens aufgebrochen in eine ungewisse Zukunft – sollte das nicht auch uns motivieren, so aufzubrechen?

Und die Hirten in Bethlehem hörten die gute Nachricht: „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren!“ Ihre Ängste werden aufgenommen, aber es wird kein politisches Kapital daraus geschlagen. Ängste sind stets schlechte Ratgeber. Gott wird nicht müde, gegen unsere Ängste Hoffnungen zu setzen. Schau nach oben, schau nach vorn, schau nicht zurück und schau nicht nach unten! Allem, was uns nach unten drückt, verleiht der Glaube Flügel. Er stellt sich den Aufgaben, die Gott uns vor die Füße legt, und schiebt sie nicht ab.

Und dann liegt das Kind in der Krippe, in Windeln gewickelt. Das tut uns richtig Leid. Das arme Kind! Die kalte Nacht! Das harte Bett! So stellen wir es uns vor, vielleicht, um uns selbst umso mehr an der warmen, gemütlichen Stube, an der reich gedeckten Tafel und an dem gewaltigen Geschenkabtausch zu freuen, der heute Abend vonstatten geht - Millionen Euro wechseln heute Abend den Besitzer. Aber mit diesem Mitleid für das Christkind liegen wir völlig daneben! Das Christkind hatte seine Mutterbrust, ein Strohlager war für die Menschen jahrhundertelang ihr Bett, von Schnee und Kälte bleibt Bethlehem in der Regel verschont. Alles halb so schlimm! Nicht die Armut der Krippe war das Entscheidende dieser heiligen Nacht, sondern das wunderbare Ereignis: Dass nach Gottes Bestimmung dieses Kind der Heiland der Welt war und ist und Gott selbst sich in die Gestalt dieses Menschen begab. Keiner von den Kaisern Augustus, Konstantin, Friedrich Barbarossa, Napoleon oder Wilhelm II. und nicht der Führer Adolf Hitler sollte zum Heiland der Welt werden! Nicht einmal der Merkel-Engel oder der Papst der Armen! Und auch nicht Claudia Schiffer oder Günther Jauch oder Markus Neuner!

Sondern dieses Kind in der Krippe in Bethlehem – kein Millionär, kein Nobelpreisträger, keine Führungspersönlichkeit, kein Schönheitsidol – man kann sich eigentlich nur wundern. Seine höchst verwunderlichen Geburtsumstände haben ihm seinen Platz in der Weltgeschichte eingeräumt. Es ist nicht die Geburt des armen Jesuskindes, die den Höhepunkt der Weihnacht darstellt, sondern die Menschwerdung Gottes in diesem Kind! Das ist das Wunder von Bethlehem – der allmächtige, ewige, erhabene Gott hat sich in Jesus Christus menschlich gemacht. Er lässt sich von uns finden, wie die Hirten ihn in der Krippe fanden. Er lässt sich von uns ansprechen, wie Simeon und Hanna im Tempel ihn ansprachen. Darüber lasst uns wieder Freude empfinden – und wenn die Weihnachtsdekorationen abgeräumt sind, lasst uns diesem Kind, das zum Manne wird, folgen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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