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Predigt zur Christvesper über Joh. 7, 28-29
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Predigt zur Christvesper über Joh. 7, 28-29

Predigt vom 24.12.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Wer in diesem Jahr Weihnachten ganz ursprünglich erleben wollen sollte – wohin sollte er reisen? Vielleicht nach Annaberg im Erzgebirge in die „Manufaktur der Träume“ oder zu Wendt & Kühn in die Engelwerkstatt? Oder besser ins tief verschneite Tiroler Zillertal, wo die „Stille Nacht“ entstanden ist? Oder nach Himmelpfort zum Weihnachtspostamt?

Nein. Wer in diesem Jahr Weihnachten ganz ursprünglich erleben wollen sollte – der sollte nach Syrien oder nach Ägypten, nach Palästina oder in den Irak reisen, zu den koptischen, palästinensischen und aramäischen Christen. In der Teilnahme an ihrem derzeitigen Schicksal und bei ihrer Art, Gottesdienst zu feiern, würde er dem ursprünglichen Geschehen von Weihnachten näher sein als an den o. g. Orten. Er würde dort die gefahrenvolle Situation jener welthistorischen Tage von Bethlehem viel direkter empfinden können. Wenn die Soldaten Assads um die Häuserecken stürmen und seine Bomber Häuser und Kirchen zerstören, dann würde einem deutlicher, welche Gefahr dem Kind von Bethlehem damals blühte, als des Königs Herodes Soldaten es aufstöbern wollten. Wenn aufgeputschte Muslimbrüder eine Kirche am Nil stürmen, dann wird einem die Gewalt auf den Straßen nachvollziehbar, der Josef und Maria ausgesetzt waren auf ihrer Reise nach Bethlehem und ihrer Flucht nach Ägypten. Und wenn man die Bilder zerstörter Häuser sieht, dann ist man vielleicht sogar froh, dass das heilige Paar hinten im Grundstück im Stall untergebracht war, vielleicht waren sie dort am sichersten. Was schlecht aussieht, hat Gott gut gemacht.

Vor allem zu Besuch bei aramäischen Christen wären wir ganz nah dran am weihnachtlichen Ursprung. Denn sie, die Aramäer, sind es, die voller Stolz ihre Sprache als die Muttersprache Jesu bezeichnen. Hebräisch war damals in Israel die vornehme Gottesdienstsprache, Aramäisch war die Umgangssprache des Volkes. Maria hat dem kleinen Jesuskind auf jeden Fall Wiegenlieder in Aramäisch gesungen, auch wenn uns keines davon überliefert ist. Heute noch sprechen etwa eine halbe Million Menschen auf der Welt diese aramäische Sprache. Die Gebiete, in denen diese Sprache die römische und arabische Verfolgung überlebt hatte, waren der Norden Syriens, des Iraks und der Osten der Türkei. Lebten dort in der Türkei vor 100 Jahren noch 100.000 christliche Aramäer, sind es heute kaum mehr als 2.000. Ein Völkermord im Osmanischen Reich hat dieses Volk seit 100 Jahren ebenso dezimiert wie die Armenier. Noch 1987 hat die Türkei Aramäisch als Schulsprache verboten.

Auch die koptischen Christen in Ägypten sehen sich ganz nah am christlichen Ursprung. Ist nicht die Heilige Familie nach der Geburt ihres Kindes auf der Flucht nach Ägypten gewesen? Sollten da nicht schon die frühesten Samenkörner des Evangeliums in dem Land am Nil verstreut worden sein und aufgegangen sein? Lange haben wir von diesen Mitchristen hier in Deutschland wenig Notiz genommen. Der frühere UN-Generalsekretär Boutros-Gali gehörte zu ihnen. Erst die Verfolgungen des letzten Jahres haben sie wieder in die Schlagzeilen der Welt gebracht. Und zu diesem Weihnachtsfest sollte in jeder Kirche der Welt für sie gebetet werden.

Sobald wir uns allerdings mit diesen fernen Christen solidarisieren, wird uns auch bewusst, in welche fremde Welt wir eintauchen. Denn dann sind wir auch genötigt zum Respekt vor ihrer tief orthodoxen und für uns sehr unmodernen Frömmigkeit, die voller Wunderglaube und Heiligenverehrung und voller alter Rituale ist. Wenn wir Jesus ganz ursprünglich nah kommen wollen, dürfen wir überhaupt nicht zu sehr von uns aus der Moderne her denken. Nicht, was wir vom Christentum heute übrig lassen, ist die Fülle seiner Wahrheit und seiner Schätze, sondern was in den christlichen Kirchen der ganzen Welt geglaubt und gedacht worden ist über 2000 Jahre.

Und in diesen Glauben nimmt uns der Predigttext für diese Christvesper hinein. Es sind Worte aus dem Johannesevangelium, die zunächst ganz unweihnachtlich klingen und auch den Prediger ein langes Nachdenken abverlangt haben:

„Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.“

Wer ist der, dessen Geburt wir heute feiern? Zu wessen Ehren sind Millionen Christen weltweit heute Nacht in den Kirchen versammelt? Er war schon seinen jüdischen Zeitgenossen ein umstrittener bekannter Unbekannter. Eine Begebenheit aus seinem späteren Leben, die uns heute als Predigttext aufgegeben ist, macht das deutlich. Jesus ist schon erwachsen, als er im Tempel zu Jerusalem beim Laubhüttenfest von jüdischen Glaubenswächtern angefeindet wird. Sie sagen, und zwar mit ziemlich drohendem Unterton: „Wir wissen, woher du kommst!“ Du bist das Armeleutekind aus dem popligen Nazareth! Der Sohn des Zimmermanns Josef bist du doch! Oder gar das uneheliche Kind eines römischen Legionärs, der eine jüdische Jungfrau geschwächt hat! So wurde es schon in urchristlicher Zeit von den Gegnern des Christentums behauptet. Es ist nicht erst eine Erfindung des Liberalismus der 70er Jahre, die auch unter Christen Mode wurde. Und weil wir wissen, woher du kommst, kannst du nicht der Messias sein, wie Du behauptest! Denn der Messias entzieht sich menschlichem Zugriff und menschlicher Erkenntnis! „Wenn der Christus kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist.“

Wenn man einen prominenten Menschen auf seine einfache Herkunft festnagelt, entzaubert man seine Aura und zerstört seine Macht. So hatte der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer im Wahlkampf seinem Gegenkandidaten Willy Brandt dessen uneheliche Abstammung vorgeworfen. So haben sich die verfeindeten Zweige des Hauses Wettin in diesem Jahr eine unrühmliche Posse geliefert, wer nun der neue Chef des Hauses sein solle – ein Adoptivsohn in Mexiko oder ein anderer entfernter Abkömmling in Moritzburg. Und der frühere Bundespräsident Prof. Horst Köhler – für seine Klassenkameraden in Zöbigker war er auch in Amt und Würden immer der „Horscht“.

„Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin!“, sagt Jesus, „und deshalb glaubt ihr nicht, dass ich Gottes Sohn bin“. Denn warum sollten wir so viel Wesens um die Geburt eines beliebigen kleinen Kindes vor 2000 Jahren machen? Ist das nicht etwas Alltägliches, das tausenden Müttern in jeder Stunde auf dieser Welt widerfährt? Fast jedes Neugeborene ist eine Freude für seine Mutter und die Angehörigen – aber muss die Welt so viel Begängnis machen um dieses eine kleine Kind damals in Bethlehem? Ja, wenn es göttliche Vierlinge gewesen wären, dann verstünde ich die Aufregung, oder wenn es ums Enkelkind der Kaiserin Cleopatra gegangen wäre – aber was ist an diesem armen Würstchen von Bethlehem Besonderes? Es brachte keine besonderen Voraussetzungen mit – keine adlige Kinderstube, Jesus war kein Windsor und kein Romanow, keine prominenten Eltern, Jesu Mutter war weder eine Kate noch eine Victoria, keine Hochbegabtenanlagen, Jesus glänzte weder durch Singen, Klavierspielen, Kopfrechnen oder Philosophie, keinen namhaften Geburtsort, Jesus war weder in Jerusalem noch in Rom oder Athen zur Welt gekommen, sondern in dem popligen Bethlehem, das noch weit hinter Markkleeberg zurückstand, keine millionenschwere Ausstattung, selbst das Gold der Könige vom Morgenland, das Jesus geschenkt worden war, ist ganz schnell wieder spurlos verschwunden, keine Herrenrasse, denn Juden waren damals wie heute nicht am besten angesehen – nichts dergleichen traf auf Jesus zu. Eigentlich war es das unbedeutendste Kind, das man sich denken kann. Nicht einmal eine ordentliche Geburtsurkunde hatte er vorzuweisen, so dass wir über sein wirkliches Geburtsdatum in Verlegenheit sind. Und Gott war mit diesem Kind nach menschlichem Ermessen auf verlorenem Posten. Höchstens die Abstammung aus dem alten Geschlecht des Königs David mochte etwas von längst verlorenem Glanz darüber legen.

Die Menschen haben deshalb später auch versucht, ein bisschen nachzubessern und es besser zu machen als Gott. So haben die deutschen Christen in der Nazizeit alles versucht, die jüdischen Wurzeln des Gottessohnes zu leugnen. Da wurde die abstruse Theorie eines arischen Christus geboren, der nicht aus Judäa, sondern aus Galiläa stammen sollte. Und auch bei unterdrückten schwarzen Christen wurde dann ein Gospel von der afrikanischen Herkunft Jesu gesungen: „Jesus muss schwarz gewesen sein, schwarz wie wir…“ So könnten wir uns viele Szenarien ausdenken, bei denen Gott einen aus unserer Sicht verbesserten oder wunschgemäßeren Christus in die Welt gesetzt haben könnte.

Und doch hat Gott dieses Kind erwählt und ihm den Vorzug gegeben vor allen anderen Kindern. Das können wir im übrigen nicht nachprüfen oder richtigsprechen – keine nachträgliche DNA-Analyse lüftet uns das Geheimnis von Bethlehem - das haben die Christen der ersten Zeit erkannt und anerkannt, und wir glauben es allein aufgrund ihres Zeugnisses. Gott hat bewusst das Schwache, Kleine, Unbedeutende auserwählt, um damit etwas zum Ausdruck zu bringen. Und er hat die Herkunft Jesu mit Unklarheiten belassen, damit wir ihn nicht festnageln und in der Hand halten können, ja damit wir glauben sollen und nicht ein christliches Weltbild auf nackten Fakten aufbauen. Es ist Gottes Strategie der Unschärfe in unserem Wissen, die uns unsere Grenzen aufzeigt.

Und deshalb hat das Kind von Bethlehem noch eine andere Seite. Es ist – wie Jesus es später bezeugt - ein Gesandter Gottes. In dem schon zitierten Streitgespräch beim Laubhüttenfest im Tempel fährt Jesus fort: „Aber von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, welchen ihr nicht kennt.“ Und weiter: „Wenn aber der Christus kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist.“ Er, Jesus, ist also nicht nur der Sohn des Zimmermanns aus Nazareth, sondern zugleich ein von Gott Gesandter! Es ist damit ein doppeltes Rätsel um seine Herkunft. Das war schon damals nicht jedermann einsichtig zu machen. Und das ist für Otto Normalverbraucher heute auch nicht ganz leicht verständlich. Denn Gesandte Gottes kommen hier nicht alle Tage vorbei. Es kommen also in der Krippe zu Bethlehem ein menschliches Ereignis und ein göttliches Ereignis zusammen – die Geburt eines Menschenkindes und die Entdeckung dieses Kindes als Gesandter Gottes. Die Begegnung von beiden macht das Geheimnis der Weihnacht aus. Und nur, wenn wir beides an uns heranlassen, nähern wir uns dem ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes. Es hat keinen Wert, wenn wir die religiösen Mythen nur vernünftig aufklären und auf die Ebene des Alltagsgeschehens herunterziehen - wenn wir an Jesus nur die menschliche Seite sehen wollten - das liebe kleine Jesuskind. Heilige Geschichten wollen geglaubt und bestaunt sein, nur dann entfalten sie ihre volle Kraft. Das Kind von Bethlehem ist zugleich der Gesandte Gottes. Die Muslime behaupten dasselbe später von Mohammed, aber für uns Christen war dieser Gesandte schon längst in Christus erschienen.

Ein Gesandter muss zuerst sein Beglaubigungsschreiben überbringen. Das war in Bethlehem noch etwas schwierig, weshalb es am Hofe des Herodes zu einigen Verwicklungen kam. Das Beglaubigungsschreiben Jesu waren die Erfüllungen der messianischen Verheißungen an ihm und seine späteren messianischen Zeichen: die wunderbaren Begleitumstände seiner Geburt, später die wunderbaren Heilungen, die er bewirkte, aber auch seine Gleichnisse und seine gesamte vollmächtige Verkündigung. Das lag noch nicht alles in der Krippe bereit, das entfaltete sich erst Jahr für Jahr. Erst als das Neue Testament geschrieben war, lag sein göttliches Beglaubigungsschreiben vor.

Und Jesus musste als Gesandter Gottes seine Herkunft glaubwürdig repräsentieren. Musste immer neu unter Beweis stellen, dass er von Gott gesandt war. Immer wieder erkannten die Zeitgenossen Jesu in seinem Wirken aber das Wirken Gottes. Er war und blieb von anderer Art, er durchbrach die menschlichen Maßstäbe und Normen. Deshalb hat die Kirche von Anfang an bezeugt: Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich. Vom Vater geboren vor aller Zeit und geboren von der jungen Frau Maria. Und weil wir das rein biologisch gar nicht zusammendenken können – wie ein Wesen Gott und Mensch zugleich sein kann – deshalb nennen wir das Geheimnis Jesu im Bilde „geboren von der Jungfrau Maria“. Es drückt nichts anderes aus als das göttliche Gesandtsein jenes Kindes. Mit diesem Glauben stehen wir in der Gemeinschaft des weihnachtlichen Glaubens mit allen Christen auf der Welt, mit Katholiken und Orthodoxen, auch besonders mit jenen Christen in Syrien, Ägypten, im Irak, in der Türkei und in Palästina, die heute unserer Fürbitte bedürfen.

Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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