Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt zur Christvesper über Jes. 9,1-6
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt zur Christvesper über Jes. 9,1-6

Predigt vom 24.12.17 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Weihnachten geht uns in Kürze verloren. Noch 10 Jahre, vielleicht 20, dann ist es vorbei. Deutschland war einst DAS Weihnachtsland der Welt. Jetzt wird es zum Dezemberklamaukland mit ein bisschen Weihnachtsflitter. Nicht unbedingt, weil wir stattdessen schon Ramadan und muslimisches Opferfest feiern. Obwohl innerhalb eines Jahrzehnts schon mehr Menschen in Deutschland Halloween feiern als Reformationsfest… Nein wir Deutschen opfern selbst das Weihnachtsfest. Seit der Zeit Karls des Großen, also seit 1200 Jahren wird Weihnachten in Deutschland gefeiert, aber seit zwei Generationen geht es damit bergab. Was die DDR nicht mit politischem Druck geschafft hat – das christliche Fest dem Volk auszutreiben – das schaffen wir jetzt freiwillig. Wir lassen den Inhalt des Weihnachtsfestes mehr und mehr verlorengehen, werfen den alten Inhalt auf den Müll und machen ein Allerweltsspektakel daraus. Es ist nur noch eine hauchdünne Schicht von christlichem Zuckerguss, der sich über das immer verwaschener werdende Fest ergießt. Darunter schaut der Geist unserer Zeit hervor, der ständig etwas Neues hervorbringen zu müssen glaubt, jedes Jahr eine coole neue Idee, statt sich auf Bewährtes zu besinnen und es zu pflegen.

Wir haben auf diese Weise Weihnachten zuerst zum Fest des Kaufrauschs gemacht. 24 Tage lang sind  wir wie Nomaden von Geschäft zu Geschäft gezogen, von Adventsmarkt zu Adventsmarkt. Auch wenn es überall die gleiche Bratwurst ist – wir müssen hindurch. Gott sei Dank erklingt zwischendurch hier in der Kirche wenigstens einmal das große „Jauchzet, frohlocket!“ und lässt uns für zwei Stunden abtauchen und eine Ahnung vom wirklichen Weihnachtsfest bekommen. Wie wäre es, wenn wir ein Weihnachtsfest einmal ganz ohne Geschenke feiern würden? Hätte das nicht zum Reformationsjubiläumsjahr gepasst? Wären wir wirklich traurig darüber, oder nicht eher erleichtert? Fänden wir nicht stattdessen Zeit, ohne Hektik unterm Christbaum zu sitzen oder beim Nachbarn zu klingeln und uns auf ein Schwätzchen in seine Stube zu begeben? Wir könnten ja das Schenken auf den Nikolaustag verlegen wie in Holland, damit der Handel und alle, die in der Produktion arbeiten, auch ihren Schnitt machen können. Wir Christen müssen keine Geschäftsverderber sein. Aber einmal nicht zu Weihnachten wie die Verrückten kaufen und schenken!

Aber der Kaufrausch ist noch nicht der wirkliche Verlust der Weihnacht, der sich breitmacht. Dieser ist vielmehr die Übermalung der Krippe von Bethlehem mit anderen Bildern. Noch nie ist es mir so deutlich geworden wie in diesem Jahr. Zuerst hat der Nationalsozialismus das Weihnachtsfest germanisieren wollen. Die Ältesten unter uns erinnern sich noch. Da wurde die „hohe Nacht der klaren Sterne“ besungen,

und das Winterhilfswerk nahm weihnachtliche Stimmungen geschickt auf und lenkte sie vom jüdisch-christlichen Ursprung weg. Dann versuchte der Sozialismus nach sowjetischem Vorbild die göttliche Friedensbotschaft zum internationalen Weltfriedenskampfschlager zu verwandeln. Beide Male sollte es ein Weihnachten ohne Bethlehem sein. In der alten BRD öffnete man die Türen weit für amerikanische Volkskultur. Las-Vegas-Stimmung auf den Straßen und der rote Coca-Cola-Mann aus Amerika an allen Ecken – der natürlich auch über die Mauer kletterte – machten das Kind in der Krippe vergessen oder degradierten es zur niedlichen Beilage.

Wie feiert unser Land 2017 Weihnachten? Das ganze Jahr wurde Luther hier und Luther da gefeiert – aber ausgerechnet jetzt zu Weihnachten, wo er doch so inniglich von Maria und vom Christkind zu singen und zu sagen wusste, ist Luther schon wieder vergessen. Bei MDR-Kultur erklangen kaum Weihnachtslieder in den letzten Wochen. Das junge Publikum, das der damit MDR gewinnen will, kennt diese absonderliche Musik ja nicht. Weihnachtskabaretts greifen seuchenartig um sich. Nicht, dass ich Olaf Schubert nicht leiden könnte, er heißt ja im wahren Leben auch Haubold, aber so viele versuchen sich dieses Jahr daran, die heilige Geschichte auf irgendeine Weise nur zu verblödeln. Und die Leute haben einen Spaß daran – Weihnachten sollte so richtig ein Fest zum Totlachen sein. Nur ja nichts vom wirklichen Inhalt des Festes ansprechen. Stattdessen ist Eisbaden ganz wichtig, und ein Weihnachtsmann wollte sich jüngst von unserem Kirchturm abseilen. Auf den Theaterbühnen machen Märchen der Weihnachtsgeschichte seit Jahrzehnten Konkurrenz, allmählich können die Kinder keinen Unterschied mehr erkennen zwischen der Goldmarie und der Jesusmarie – eben alles Märchen. Und das Fernsehen: Im MDR lief eine Sendung über das Weihnachtsdorf Seiffen – da wurden die Spielzeugmacher interviewt, die Feuerwehr, der Bäcker, die Vermieter und auch der Kantor – alles nett, ich kenne Seiffen gut – aber von der christlichen Weihnachtsbotschaft kam nicht viel vor. Gleich danach folgte die Werbung für den „Tatort“ am 1. Feiertag, damit unbedingt auch am Weihnachtsfest die wöchentliche Leichenquote erreicht wird. So verlieren wir Weihnachten: in 10 oder 20 Jahren ist es vorbei. Da wird man in den Familien nur noch erzählen, wie langweilig die Großeltern früher Weihnachten feierten, mit armseligen Kerzen und rührseligen Liedern. Man wird Silvester und Halloween und Ostern zusammenwerfen zu einer Allerweltsfeiertagsmelange, in den Gärten werden Buddha-Stauen neben dem Christbaum blinken, und vielleicht tanzen leichtbekleidete Engel mit schwarzvermummten Frauen.

Heute Abend aber lasst es uns noch einmal versuchen, es hier in der Kirche und bei uns zu Hause Weihnachten werden zu lassen! Vielleicht können wir das Weihnachtsfest doch noch retten? Wir singen, beten, hören die heilige Schrift und öffnen unsere Herzen dem heiligen Kind von Bethlehem, das unser Leben froh und heil macht. Geben wir ihm den Platz in unserer Mitte!

Wir haben drei Weihnachtsgeschichten in der Bibel. Die erste verdanken wir dem Evangelisten Lukas. Es ist die bekannte Geschichte von Bethlehem, von der heiligen Familie, den Engeln und den Hirten. Die zweite verdanken wir dem Evangelisten Matthäus, und sie ist schon weniger bekannt. Es ist die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, vom Kindermord des Herodes und der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten. Aber die dritte verdanken wir dem Profeten Jesaja, und diese ist die unbekannteste, aber wir haben sie am Heiligabend doch jedes Jahr schon gehört. Es ist eine profetische, vorausschauende Weihnachtsgeschichte, 800 Jahre vor der Geburt Christi entstanden. Sie hat ein eindrucksvolles dichterisches Versmaß, bei dem die zweite Hälfte des Satzes immer ein leicht verändertes Echo der ersten ist, weshalb wir  sie im Wechsel gelesen haben.

Zahlreiche weihnachtliche Motive tauchen darin auf: Licht, ein Kind, Freude, Friede, Jubel, der König David. Aber auch ganz unweihnachtliche Motive: Beute, die Jochstange, die Treiberpeitsche, Stiefel, Blut, Feuer. Das passt so zusammen, wie die Welt an diesem heiligen Abend zusammenpasst: Die einen feiern im Frieden und Wohlstand, die andern leiden unter Krieg und Not. Wir können diese Rollen auch nicht wirklich tauschen, so wie ein Liebespaar nicht seine Liebe opfern kann für das Schicksal eines alten Menschen im Pflegeheim. Nicht tauschen können wir, nur ein wenig teilen, aber uns wenigstens der anderen bewusst werden und Gott danken, dass er es uns heuer gut gehen lässt – es kann morgen schon anders werden.

Vertiefen wir uns ein wenig in jene Motive der jesajanischen Weihnachtsgeschichte! „Das Volk, das im Finstern wandelt“, so beginnt es – dabei denken wir nicht an uns. Wenn ich abends im Wetterbericht die Karte des nächtlichen Mitteleuropas sehe, dann erschrecken mich immer die bis in den Himmel strahlenden Lichtinseln der großen Ballungsgebiete: Paris, London, das Ruhrgebiet, das ganze kleine Belgien, auch die Region Halle-Leipzig – da wird es nicht mehr dunkel, die Städte strahlen nachts bis in den Weltraum. Und doch ereignen sich genau da im Licht die größten Verbrechen, und die Menschen, die ständig im hellen Lichterglanz leben, sind doch so wenig erleuchtet, und so viel Dunkel wohnt in unseren Lichtpalästen. WIR sind doch das Volk, das im Finstern wandelt, und viele von uns sehen nicht das wahre Licht, das in die Welt gekommen ist – Christus, der unser Leben wirklich hell macht!

Von lautem Jubel ist sodann die Rede – auch das klingt unweihnachtlich für uns. Wir sitzen eher still in den Kirchenbänken, zwei Drittel der Männer singen nicht mit – das ist keine Jubelparty. In Brasilien und Italien, da feiert man Weihnachten anders, eher wie

Fasching – aber das können wir auch nicht kopieren und wollen es auch nicht. Der Jubel, von dem Jesaja spricht, war der Jubel vom Erntedankfest, als das gute Überwintern noch davon abhängig war, wie die Ernte ausfiel. Da ging es um Leben oder Tod. Bei uns geht es nur um Sich-Überfressen oder Abnehmen. Oder es war wie der Jubel beim Beuteverteilen, wie am Tage Midians. Das war der Tag, als Gott den Israeliten unter ihrem Helden Gideon den Sieg über die Midianiter schenkte und ihnen das fremde Joch von den Schultern nahm und die Peitsche des Treibers zerbrach. So etwas kennen wir nicht mehr, dass man sich diebisch freut über Beute, die man besiegten Feinden gestohlen hat. Wir haben die letzten beiden Kriege verloren, so dass da von uns keine Beute mehr gemacht wurde wie einst noch 1871, als das Kaiserreich Elsass-Lothringen, Metz und Straßburg, erbeutet hatte und seitdem jährlich der Sedantag gefeiert wurde. Also: solcher Jubel ist nicht mehr unsere Sache. Wir jubeln nur noch, wenn Red Bull Leipzig wieder einmal gewinnt. Aber im übertragenen Sinn sind wir zu Weihnachten doch an der Seite Jesu die strahlenden Sieger. „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ heißt es bei Bach im Weihnachtsoratorium, und dann „jauchzen und frohlocken“ wir mit den Engeln Gottes, und bei „O du fröhliche“ am Schluss dieses Gottesdienstes – eine Melodie aus Sizilien! – gehen wir vielleicht doch alle aus uns heraus und jubeln mit.

Als nächstes wird eine gewaltige Zeremonie entworfen, wie sie bei der Thonbesteigung eines Königs im Orient üblich war. Dagegen ist eine heutige Kanzlervereidigung – wenn es denn überhaupt noch einmal dazu kommt – eine nüchterne Sache. Hier bei Jesaja aber wird kein Thronfolger gekrönt, der König Ahas saß fest im Sattel. Von einem neugeborenen Kind auf dem Thron ist die Rede. Wir wissen nicht, ob Jesaja wirklich 800 Jahre auf die Geburt Christi vorausschaute, oder ob er in seiner Zeit ein kommendes Königskind sah. „Ein Kind IST uns geboren!“, sagt er ja. Die Geburt eines Herrscherkindes passt real aber gar nicht in Jesajas Zeit. Es passt jedoch 800 Jahre später gut zu dem Geschehen in Bethlehem. Gottes Verheißungen können lange im Verborgenen ruhen, und so sind auch manche seiner Verheißungen heute nach über 2000 Jahren noch offen.

Dann werden dem verheißenen Kind vier Namen gegeben, die unseren Ohren seltsam erscheinen. Wir geben unseren Kindern Namen nach dem Klang oder nach praktischen Gesichtspunkten oder nach bewunderten Vorbildern. Hier aber heißt das Kind „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Damit gäbe es bei uns auf dem Standesamt Probleme. „Aber es steht doch in der Bibel…“ Es sind Programmnamen, keine Rufnamen. Niemand hat Jesus später so angesprochen, aber seine Mission erfüllte diese Bedeutungen. Wunder-Rat: Er braucht von uns keine Ratschläge, sondern ist voll wunderbaren Rates für uns. Gott-Held: Er ist kein Nationalheld, kein Bismarck und kein Kaczynski, kein Trump und kein Putin, sondern Held der Liebe Gottes. Ewig-Vater: Er ist auch kein Dauer-Kind, aber ebensowenig ein Alternder und Sterblicher, sondern eines Wesens mit Gott, deshalb selbst eine Verkörperung des ewigen Vaters. Friede-Fürst: Er ist der, der den Menschen das kostbarste Gut bringt: den Friede, der mehr als Waffenstillstand ist – äußere und innere Sicherheit. Ein Fürst, der von den Seinen nicht im Krieg das Opfer des Lebens fordert, sondern der es für sie selbst bringt.

Dieser Friede wird kein Ende haben in Davids Königreich. Das ist nicht das heutige heilige Land, in dem das Geschlecht Davids längst erloschen ist und in dem es so unheilig zugeht. Dieses ewige Friedensreich Davids ist die Gottesgegenwart in dieser Welt, die in Bethehem vor 2017 Jahren angesagt worden ist. Es sind die in Christus vereinten Nationen. Bleibt in dieser Gottesgegenwart zusammen als Alte und Junge, als Linke und Rechte, als Begüterte und Bedürftige, als Ossis und Wessis, bewahrt die heiligen Überlieferungen, sucht immer wieder auf‘s neue nach Glauben und lebt mit dem Christkind – damit Weihnachten nicht verlorengeht, nicht in 10, nicht in 20 Jahren, rettet das Weihnachtsfest – damit die Menschlichkeit und die Menschheit nicht verlorengehen!

 

 

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!