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Predigt zur bevorstehenden Bundestags- und OBM-Wahl, 15.9.2013, unter Bezug auf Apf. 6, 1-7
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Predigt zur bevorstehenden Bundestags- und OBM-Wahl, 15.9.2013, unter Bezug auf Apf. 6, 1-7

Predigt vom 15.09.13 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Mein Jesus,

nächsten Sonntag ist Wahlsonntag in unserem Land, und die Straßen sind voller Bilder und Verheißungen, als wären wir auf einem Pilgerweg. Vieles klingt religiös besetzt, als würden wir eine Synode wählen, auch das Lächeln der Bewerber ähnelt oft dem der Mutter Maria oder des heiligen Ignatius auf einem Andachtsbild oder die Siegerpose dem Auftritt Luthers auf dem Reichstag zu Worms. Was sollen wir davon halten, was sollen wir glauben, wem können wir Vertrauen schenken?

„Der Osten wählt rot!“ behauptet eine Partei. Welche religiöse Bedeutung doch „der Osten“ hat! Das ist ja nicht die Gegend, die 40  Jahre das Europa zweiter Klasse war – nein „Osten“ ist die Gegend, wo die Sonne aufgeht, ex oriente lux, dort liegt Jerusalem, von dort kommen die Weisen zur Krippe, dort wurden Papier und Porzellan erfunden, dort wurde auch der Kommunismus zum ersten Mal in einer Langzeitphase getestet – eine verheißungsvolle Himmelsrichtung also – nur, ob dort deshalb wirklich rot gewählt wird oder ob mancher da nicht rot sieht, ist eine andere Frage…

Und weiter am nächsten Straßenlampenmast: „Religion Privatsache“ verspricht eine Partei. Das klingt wie „Führerschein für Frauen“ – eine Selbstverständlichkeit seit fast hundert Jahren in unserem Land. Religion ist Privatsache in Deutschland seit 1918, niemand wird zu einer Religion gezwungen, niemand wird dadurch bevorteilt, dass er einer Kirche angehört, niemand muss für die Kirche zahlen, der es nicht will. Was soll also der Ruf nach Privatisierung der Religion? Vielleicht soll die Religion wieder aus der Öffentlichkeit verdrängt werden, soll wie das Geschlechtsleben ins heimische Schlafzimmer abgedrängt werden und in den Schulen verboten werden wie in der DDR oder in Frankreich – hört, hört, liebe Christen, wollt ihr das? Oder soll – Religion Privatsache - jeder seine Privatkirche eröffnen dürfen? Ich verstehe nicht, was gemeint ist.

Und was lese ich hier: „Rechtsstaat statt Rechtsbruch“ – das klingt ja wie beim Profeten Jesaja, der von Gott kündet: „Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit“! Die Worte stehen im Gleichnis vom unfruchtbaren Weinberg. Ist Deutschland heute aber wirklich so eine unfruchtbare Gegend? Ist Rechtsbruch heute der Normalzustand im Land, war das nicht eher vor 80 Jahren, also 1933 der Fall, leben wir wirklich in einem Land der vorherrschenden Gesetzlosigkeit, nur weil wir anderen Nationen unter die Arme greifen, von denen auch wir profitieren?

„Damit es Deutschland besser geht“, verspricht eine andere Partei. Das klingt schon einmal gut, obwohl es nicht heißen muss, dass es mir persönlich dann auch besser gehen wird, wenn es Deutschland besser geht. Aber versprechen nicht alle Parteien, dass es Deutschland besser ginge nach ihrer Wahl – nur auf unterschiedliche Weise? Und wird es Deutschland wirklich besser gehen, nachdem der Solidaritätszuschlag abgeschafft wird? Schließlich auch die Frage: Soll es uns als Christen nur besser gehen – oder sollen wir nicht auch besser werden?

„Und Du?“ baggern mich die Plakate einer anderen Partei an, als würde Billy Graham auf Missionsfeldzug durch die Straßen ziehen und jeden fragen: Wie hältst Du es mit Jesus? Da ist ein richtiges  Glaubensbekenntnis gefragt. „Kinder statt Kohle“ wird versprochen, das klingt nicht übel, obwohl ich erst überlegen muss, ob meine Enkelkinder jetzt vielleicht in den Ofen geschoben werden sollen wie Hänsel von der Hexe oder ob ich mit einer Kinderschar lieber im Kalten sitzen soll statt mit meiner Geliebten allein im warmen Zimmer.

„Das Wir entscheidet“ plakatiert eine andere Partei. Hier wird richtig  Gemeindeaufbau betrieben, nicht einer allein soll es richten, keine Papst- oder Pastorenkirche, sondern demokratische Mitbestimmung ist angesagt. Individualisten wird es ein wenig gruseln, und es hieß auch schon einmal in Deutschland „Wir sind Papst“, obwohl es dann doch nur einer war.

Die kernigsten Losungen haben immer die, die ich trotzdem nicht wählen möchte. „Maria statt Scharia“, das hat schon ein Schmäckerle. Ich finde es erstaunlich, dass eine Partei eine Jüdin zur Wahl aufstellt, die sonst ehr für antisemitische Töne bekannt ist. Mich wundert auch,  woher plötzlich so viel Frömmigkeit kommt bei Leuten, die sonst nicht gerade am Beichtstuhl Schlange stehen oder für Barmherzigkeit auf die Straße gehen. Und als Protestant hebe ich natürlich eher die Hände und möchte weder Scharia noch zu viel Maria.

Bleiben wir bei der Heiligen Familie: „Mehr für Familien“, verspricht eine weitere Partei, und das klingt recht christlich, erinnert ans vierte Gebot, Vater und Mutter ehren, dass es dir wohlgehe – aber  

vielleicht sollen ja die Familiengottesdienste künftig sogar bezuschusst werden?! Familie ist gut, auch wenn man sich streiten kann, was wirklich das beste für die Familien in unserem Land ist, und wenn wiederum fast alle Parteien mehr für Familien wollen, nur die einen mit Steuerentlastung, die anderen mit Umlage des Betreuungsgeldes, wieder andere mit Mindestlohn.

Und dann gibt’s die große Partei der Nicht-Wähler, die immer mehr von sich reden macht und an den Straßen durch ihre Nicht-Plakate auffällt. Alle leeren Laternenpfähle sind Plakate der Nicht-Wähler-Partei! Zweifelsohne ein umweltschonender Wahlkampf.

Ja, mein Jesus, und was sagst du dazu? Du hattest keine Wahl zwischen Herodes oder Pilatus. Du schwanktest höchstens zwischen Pharisäern und Sadduzäern hin und her und wähltest selbst deine provisorische zwölfköpfige Regierungsmannschaft aus – noch ohne Frauenquote und rein ehrenamtlich und ohne Pensionsansprüche.

Deine ersten Nachfolger haben sich allerdings bald an die Wahl gemacht. Als es in der Urgemeinde zu Konflikten zwischen griechischen und hebräischen Juden kam, weil die Hartz-4-Versorgung der Witwen nicht ganz gerecht zuzugehen schien, und die Jünger die Aufsicht bei der Mittagstafel führen mussten, statt ihrer  missionarischen Hauptaufgabe nachzugehen, da riefen die Zwölf die ganze Gemeinde zusammen und schlugen vor, einen siebenköpfigen Sozialausschuss zu wählen. Gute Idee – bei sieben gibt es keine Stimmengleichheit, bis heute ist das eine passende Zahl für ein arbeitsfähiges Gremium und die kleinste möglich Keimzelle für die Gründung eines gemeinnützigen Vereins. Was waren die Wahlkriterien? Es sollten Männer von gutem Ruf sein sowie voll heiligen Geistes und Weisheit. Mir scheint, diese Wahlempfehlung wäre auch heute für uns Christen nicht schlecht: Frauen und Männer zu wählen, die einen guten Ruf haben, wobei ein guter Ruf nicht ein hoher Bekanntheitsgrad ist, sondern ein unbescholtener Leumund – man soll ihnen nichts ehrlich Schlechtes nachsagen dürfen – und Frauen und Männer voll heiligen Geistes, also voll Glaubens, der sich auch in der Gemeinschaft der Kirche bewährt und im Gottesdienst konkretisiert, und schließlich voll Weisheit -  das müssen nicht nur graue Häupter sein, aber erfahrene, kluge Leute, keine Abenteurer und Hasardeure, Menschen, die Frieden und Ausgleich schaffen, aber auch das Land oder die Stadt voranbringen mit ihren Impulsen und Plänen.

Und wenn ich als Wähler mir etwas wünschen oder etwas auf Wahlplakate schreiben sollte und an die Straße oder vor den Bundestag hängen sollte, dann würde ich schreiben: Wer sorgt am besten für sozialen Ausgleich und Frieden in unserem Land? Wer setzt sich für die besten Bedingungen für die Kirche in unserem Land ein? Wer tritt als Politiker bescheiden auf statt großkotzig? Wer vertritt unser Land am sympathischsten in der Welt? Wen würde ich auch als Bischof oder Bischöfin gut finden? Für wen würde ich gern jeden Sonntag in der Kirche beten?

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Fürdank und Fürbitten

 

Allmächtiger Gott,

wir danken Dir, dass Du uns erwählt hast zu Deinem Volk und uns Frieden und Freiheit, Wohlstand und Anerkennung geschenkt hast und die Freiheit zu politischen Wahlen!

Wir danken Dir für alle Menschen, die bereit waren und sind, politische Verantwortung auf allen Ebenen zu übernehmen und unserem Land und unserer Stadt zu dienen.

Wir bitten Dich, bewahre sie vor Bestechlichkeit und Eitelkeit, vor dem Missbrauch der Macht und vor allen ihren Versuchungen! Lass sie treu dem Land und der Stadt dienen, besonders auf die Schwachen achten und das Ansehen des Landes und der Stadt mehren! Auch in ihren Fehlern stehe ihnen bei, dass sie fähig sind, umzukehren! Wo sie schwere Last von Entscheidungen zu treffen haben, gib ihnen Weisheit und Klarheit!

Für die Wahl am nächsten Sonntag bitten wir Dich um einen guten Ausgang für unser Land und unsere Stadt! Lass die Wähler eine verantwortungsbewusste Entscheidung treffen, bewahre uns vor unregierbaren Verhältnissen, vor Hass und Gewalt, gib den Kandidaten Kraft für den schweren Tag, sei barmherzig auch mit den Unterlegenen und führe uns in gute Jahre!

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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