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Melanchthon-Predigt I über Jes. 48, 17,
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Melanchthon-Predigt I über Jes. 48, 17, "Gott als Lehrer"

Predigt vom 31.01.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Eröffnung

Liebe Gemeinde!

Unsere evangelische Kirche begeht dieses Jahr als zweites Jahr der Lutherdekade unter dem Motto "Kirche und Bildung" und erinnert sich deshalb besonders an den großen Reformator an Luthers Seite, dessen 450. Todestag wir am 19. April dieses Jahres begehen: Philipp Melanchthon. Von Statur ein kleiner Mann, nur 1,50 m groß, aber ein Riese von Geist! Schon mit 21 Jahren war er Professor für griechische Sprache in Wittenberg. Er galt als Wunderkind und Universalgelehrter und ist als "praeceptor Germaniae", als "Lehrer Deutschlands" in die Geschichte eingegangen. Warum?
Er war einer der großen Gelehrten der evangelischen Kirche, hat viele Studenten aus ganz Europa geprägt, hat Schul- und Universitätsordnungen und Lehrpläne entworfen und Schulbücher geschrieben, das erste humanistische Gymnasium in Deutschland in Nürnberg eröffnet und mit seinen "loci communes" das erste theologische Lehrgebäude der evangelischen Kirche verfasst. Mit sieben Melanchthon-Predigten in diesem Jahr wollen wir auf Melanchthons Spuren biblischen Lehrern folgen und beginnen heute mit dem praeceptor mundi: Gott selbst als Lehrer!

Predigt

Liebe Gemeinde!

"Welchen Beruf hat Gott?", haben mich einmal Kinder gefragt. Ich war verdutzt und musste einen Augenblick überlegen. "Gott ist ein Künstler!", war dann meine Antwort. Er schafft immer Neues, er ist kreativ. Er bringt Schönes hervor, aber an seinen Werken scheiden sich auch die Geister - die einen finden seine Werke gut, die anderen lehnen sie ab. Seine Werke müssen auch erst gedeutet werden, sie erschließen sich nicht immer auf den ersten Blick. Gott ist ein Künstler.

Aber ist Gott nicht auch ein Arzt? Beten wir nicht zu ihm am häufigsten in Krankheitsnot und erhoffen von ihm Hilfe und Heilung? Ja, Gott ist auch ein Arzt, und nicht nur ein Chirurg oder ein Orthopäde, sondern eher ein Kardiologe, der sich um unser Herz kümmert, oder ein Psychiater, ein Seelenarzt.

Und ist Gott nicht auch ein Bäcker? "Unser tägliches Brot gib uns heute", beten wir Tag für Tag. Wir wissen auch, dass es nicht nur um das Brot für den Magen geht, sondern um alles das, was wir zum täglichen Leben brauchen, wie es Luther so wunderbar in seiner Erklärung dieser vierten Bitte des Vaterunsers erläutert:

"Was heißt denn tägliches Brot?

Alles, was not tut für Leib und Leben,

wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh,

Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut,

fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen,

fromme und treue Oberherren, gute Regierung,

gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre,

gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen."

Also ist Gott auch ein Bäcker, und er bäckt für uns außer dem täglichen Brot auch noch das Himmelsbrot: Glaube und die ewige Herrlichkeit.

Aber ist Gott nicht auch ein Gärtner? Sprechen wir doch davon, dass Gottes erstes Werk der Garten des Paradieses war und er die Erde bebaut und die Früchte auf dem Feld gedeihen lässt und die Blumen so schön gemacht hat. Der Maler Emil Nolde hat Gott auf einem Gemälde als "großen Gärtner" dargestellt.

Und ist Gott nicht auch ein Politiker? In jedem Gottesdienst vertrauen wir ihm in den Fürbitten das Schicksal unserer Stadt, unseres Vaterlandes, ja der ganzen Welt an. Gott ist ein Politiker, und sogar mehr als ein König oder ein mächtiger Präsident: ein Allherrscher, der alle Fäden des Weltgeschehens in seiner Hand hält.

Gott ist aber auch ein Baumeister. Die ganze Erde ist ein kunstvolles Bauwerk, und unser Leben nicht minder. "Wo der Herr nicht das Haus baut, so bauen umsonst, die daran bauen." (Ps. 127,1) Und er hat Bauwerke gedeihen lassen wie den Tempel Salomos, und er hat andere Bauwerke zerstört wie den Turm von Babel. Wer ein Haus baut, wird vielleicht bei der Grundsteinlegung, beim Richtfest oder der Einweihung Gottes Segen erbitten. Und schließlich nennen wir jede Kirche ein "Haus des Herrn". Gott ist auch ein Baumeister.

Und Gott ist auch ein Richter. Er sorgt bekanntlich für Gerechtigkeit, er hat uns die Gebote als Richtschnur unseres Handelns gegeben. Er straft die Schuldigen, aber er begnadigt auch die Verurteilten. Es wird sein letzter Beruf sein, wenn er im Jüngsten Gericht auftritt. Gott ist ein Richter.

Aber Gott ist auch - ein Lehrer! "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich lehrt!", heißt es beim Profeten Jesaja (Jes. 48,17). "Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen!", betet der Psalmist (Ps. 143,10). Und oft wird diese Bitte wiederholt: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!" (Ps. 90,12)

Gott als Lehrer - die Aussage mag uns überraschen, weil die Berufe des Arztes, des Richters, des Architekten, des Künstlers, des Bäckers, des Gärtners, des Politikers vielleicht heute höher im Kurs stehen als der Beruf des Lehrers. Früher war dieser Beruf angesehener. Der "Herr Lehrer" war wie der "Herr Pfarrer" eine Autoritätsperson, und es gab meist nur einen im Dorf. Heute hat das Ansehen des Lehrerberufs stark gelitten. Der Verlust der Autorität in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens - einst eine berechtigte Reaktion auf Führergefolgschaft und Zwangsautorität - zeigt heute auch seine Schattenseiten. Wir erleben ein schwieriges Miteinander der Generationen, und Lehrer erleiden oft einen harten Alltag in der Schule, der viele krank macht. Vom göttlichen Abglanz ist beim Lehrerberuf nicht mehr viel zu spüren.

Es gibt auch im vorigen Jahrhundert eine Trennungsgeschichte zwischen Lehrern und Gott. Im Zuge der Lösung der Schule von der geistlichen Schulaufsicht in der Weimarer Republik haben sich viele Lehrer bewusst von der Kirche und vom christlichen Glauben abgewandt. Oft sind sie dann allerdings statt zu befreiten Menschen zu Handlangern der Diktaturen in Deutschland geworden. Und während der Lehrerberuf jahrhundertelang ein kirchliches Amt war - mit dem gottesdienstlichen Orgelspiel und der Kirchenchorleitung als Kantor verbunden - wurde der Lehrerberuf in der DDR zuletzt ein Kampfberuf gegen die Kirche. Der Glaube an Gott musste den Kindern lächerlich gemacht und als unwissenschaftlich ausgetrieben werden. Wie viele Seelen christlicher Kinder sind in der DDR in den Schulen schwer verletzt worden! Wie tief war da der Graben zwischen Pfarrer und Lehrer geworden - einst Kollegen und Verbündete, jetzt Klassenfeinde. Der Pfarrer durfte nicht in die Schule gehen, jedenfalls nicht, um dort zu lehren oder auch nur im Elternbeirat mitzuwirken - und der Lehrer durfte nicht zur Kirche gehen, höchstens zum unverfänglichen Weihnachtsoratorium. Ich weiß von der schweren Gewissennot vieler heimlich christlicher Lehrer damals. Das alles ist Gott sei Dank vorbei, Lehrer und Pfarrer begegnen sich wieder unbefangen in Schule und Kirche, allerdings wirken die Spätfolgen noch lange nach in einer ganzen Generation.

Nicht jeder Lehrer wird sich künftig als ein Diener Gottes verstehen, aber er wird dennoch vom Abglanz des Wesens Gottes geprägt sein. Denn das Lehren ist - wie auch das Heilen, das Bauen, das Ernähren, das Regieren, das Richten, das Pflegen des Gartens - ein göttlicher Beruf, ein von Gott gesetzter Dienst an uns Menschen. Es ist eine große Sache, Menschen lehren zu dürfen, und keine leichte Aufgabe. Denn ein guter Lehrer ist nicht der, der nur eine Menge Fachwissen besitzt, sondern der, der mit seiner ganzen Persönlichkeit Kinder oder Erwachsene prägt, der neben der Fachbildung Herzensbildung vermittelt.

Da sind wir beim Wesen Gottes angelangt: die Bildung des Herzens zu bewirken. Auf mehrerlei Weise erfahren wir Gott selbst als Lehrer. Er lehrt uns erstens direkt durch sein Wort. Die Heilige Schrift ist das Lehrbuch der Herzensbildung. Und da die Heilige Schrift mit ihren 1300 Seiten nicht ganz ohne ist, hat Luther mit seinem Kleinen Katechismus eine Kurzfassung jenes Lehrbuchs geschrieben, die das erste Volksschullehrbuch im protestantischen Deutschland wurde. Gott lehrt uns durch sein Wort. Es hat eine herzensbildende Kraft.

Gott lehrt uns zweitens durch Menschen, denen er seinen göttlichen Lehrauftrag gegeben hat. Die Profeten und Apostel waren in biblischer Zeit in besonderer Weise Lehrer des Gottesvolkes. Sie waren Gottes Mund und Gottes Stimme. Heute gibt es einen kirchlichen Lehrauftrag, der in unserer Kirche den Pfarrern und Pfarrerinnen, den Gemeindepädagoginnen und Kantoren, den Professoren der Theologie, den Erzieherinnen und weiteren Mitarbeitern im Verkündigungsdienst übertragen ist. Nicht jeder darf so einfach lehren, sondern es muss mit ordentlichem Auftrag der Kirche geschehen. Gegen die großen Profeten und Apostel sind wir natürlich nur kleine Lichter, aber der Lehrauftrag der Kirche ist dennoch eine hohe Verantwortung. Jeder Pfarrer weiß um diese schwere Last, Stimme Gottes zu sein, und doch kann er sich davor nicht drücken, wie es auch mancher der Profeten tun wollte. Gott selbst lehrt uns durch das Lehramt der Kirche, das er uns aufgetragen hat.

Und Gott lehrt uns auf indirekte Weise durch Lebenserfahrung. Wir haben Erfolge und Misserfolge, wir gehen Irrwege und kommen hoffentlich irgendwann auf Umwegen auf die Zielgerade des Glaubens. Lebenserfahrung ist Gotteserfahrung, allerdings nicht immer eine Erfahrung der Bestätigung, sondern manchmal auch eine Erfahrung der scheinbaren Abwesenheit Gottes. Wie gut, wenn wir auch durch solche Erfahrung hindurchkommen und wieder Glauben finden!

Gott ist wirklich ein Lehrer, liebe Gemeinde, ein guter Lehrer, ein großes Vorbild. Deshalb ist Glaube auch eine Lehre und nicht nur ein Gefühl - und wir sind Gottes Schüler, die seinen Idealen nachfolgen, der Liebe und Barmherzigkeit, der Geduld und Gerechtigkeit.

Was ist Gottes Beruf? Künstler und Arzt, Bäcker und Gärtner, Baumeister, Richter und Politiker - aber vor allem - Lehrer!

Amen

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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