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Predigt zum Sonntag Lätare, 30.3.2014, über Jes. 54,7-10
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Predigt zum Sonntag Lätare, 30.3.2014, über Jes. 54,7-10

Predigt vom 30.03.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Eine winzige Unaufmerksamkeit kann katastrophale Folgen haben! Ein Autofahrer schläft am Steuer nur eine Minute ein – mit tödlichen Folgen für mehrere Menschen. Ein Arzt begeht bei einer Operation einen Kunstfehler – und kann damit ein Leben verpfuschen. Ein Vater achtet am Strand, weil er abgelenkt wird, nur kurz nicht auf sein kleines Kind – und dann zieht man es aus dem Wasser. Eine kleine Abweichung von der Skipiste – und Monate im Koma vielleicht sogar ohne Aufwachen folgen. Alles das und ähnliches ist geschehen und geschieht immer wieder, ohne böse Absicht.

Ist das nur bei uns Menschen so? Oder passieren auch Gott Kunstfehler? Gibt es Augenblicke, wo auch er nicht aufgepasst hat und kurzzeitig unaufmerksam oder gar abwesend war? So empfinden wir es, wenn solche katastrophalen Folgen geschehen. Gott hat nicht aufgepasst! Wir wagen es vielleicht nicht auszusprechen, aber wir denken es. Und über unser persönliches Leben hinaus gibt es solche Katastrophen in der Geschichte der Menschheit: Die zwölf Jahre Naziherrschaft waren für die Juden in Deutschland eine solche Zeit der Unachtsamkeit Gottes. Die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima waren Augenblicke, wo Gott nicht aufgepasst hat. Der Untergang der „Estonia“ oder der Flüchtlingsboote vor Lampedusa mit hunderten Opfern – warum hat Gott da weggeschaut? So mögen wir es jedenfalls empfinden.

„Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr.“ Für die einen ist es ein Wort des Trostes, für andere ein Anlass bitteren Zweifels. Gott erinnert an Noah: „Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.“ Hat sich Gott an dieses Versprechen gehalten?

Hier ist zuerst zweimal vom Zorn Gottes die Rede. Eine Vorstellung, die uns irritiert. Von alten Religionen, etwa den Griechen, hören wir dieses Motiv – Gott ist zornig, und sein Zorn muss versöhnt werden. Tatsache ist aber, dass auch in der Bibel oft vom Zorn Gottes die Rede ist. Zorn aber hat für uns heute etwas Archaisches. Er gehört zu den Verhaltensweisen wie Rache oder Brutalität, die für uns heute Zeichen schlechter Erziehung sind oder in die überwundenen Zeiten ungezügelter Emotionen gehören – wie Julia Timoschenkos unchristliche Hasstirade auf Vladimir Putin dieser Tage. Zorn passt nicht zu einer zivilisierten Nation und nicht zur Vorstellung eines gerechten Richters. Sollte Gott noch solche emotionalen Verhaltensweisen haben? Sagt Er nicht selbst: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“? (Eph. 4,26) In der Bibel selbst kommt es zu einem Wandel – der Zorn Gottes wird versöhnt, vor allem durch den Kreuzestod Jesu, und damit wird auch der menschliche Zorn gebändigt und von Liebe überwunden. Konnte Gott in alter Zeit noch sagen, dass er aus Zorn für gewisse Augenblicke nicht auf die Menschen geachtet habe, so lässt sich das heute auch aus Gottes Sicht nicht mehr nachvollziehen. Ein Gott, der in Jesus Christus Gestalt angenommen hat, ist kein zürnender Gott mehr, der im Unwetter über die Erde zieht oder die Menschen aus Rache in den Atomkrieg ziehen lässt.

Schon nach der Sintflut, also am Anfang der Menschheitsgeschichte, hat Gott seinen Bund mit den Menschen geschlossen und „Schluss mit zornig!“ gesagt. Dafür hat Er den Regenbogen als Zeichen Seines Friedens an den Himmel gesetzt. Aber hat Gott diesen Schwur gehalten? Sind nicht immer wieder Katastrophen über die Menschheit gekommen, die der Sintflut ähnlich waren? Sind nicht vier oder sechs oder gar 30 Jahre Krieg schlimmer gewesen als 40 Tage Sintflut? Wie passen alle diese schlimmen Ereignisse zu dem Friedensbund zwischen Gott und Mensch vom Berge Ararat?

Ich glaube, dass wir einfache menschliche Handlungsweisen eines Vaters, eines Arztes, eines Autofahrers nicht vergleichen können mit den komplexen Zusammenhängen des Waltens Gottes in der Welt. Wir mögen uns das wünschen, aber so einfach sind die Dinge nicht. Die Kräfte, die in der Welt wirken, sind für uns nur teilweise verständlich – und eben auch das Wirken Gottes. Es lässt sich nicht nach dem Schema guter Autofahrer – schlechter Autofahrer, guter Vater – schlechter Vater oder ähnlich beschreiben. Ich verstehe manches in der Welt und auch in meinem Leben oder in unserer Gemeinde nicht und kann es auch unter Zuhilfenahme Gottes nicht alles auf einen guten Nenner bringen. Da bleiben Rätsel und da bleibt Unbegreifliches. Aber das ist für mich kein Anlass, Gott zu verleugnen oder an ihm zu zweifeln. So wie ich ihm nicht unbedingt mit zu einfachen Erklärungen gerecht werde, so werde ich ihm auch nicht gerecht, wenn ich über seine Existenz befinden wollte. Als gäbe es Gott nur, wenn er mir alles recht macht! Ich respektiere Gott, auch wenn ich ihn nicht immer verstehe.

Und doch gibt es trotz manchem Unverständlichen die großen Trostlinien Gottes. Wenn jetzt der Frühling wieder anbricht, erinnere ich mich an Gottes Verheißung nach der Sintflut: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen. 8,22) In allem, was an Schwerem hinter uns liegt, hat dies etwas Tröstliches. Oder hören wir bei der Erklärung zu den Zehn Geboten: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden.“ (Ex. 20, 5f) Auch hier wird der zeitweilige Zorn Gottes seinem viel weiterreichenden Segen gegenübergestellt. Oder nehmen wir die Existenz des jüdischen Volkes heute in der Welt nach so viel Vertreibung und Vernichtung: „Das geknickte Rohr wird Er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen.“ (Jes. 42,3) Immer wieder haben die Propheten Israel diesen Mut in schwerer Bedrängnis zugesprochen, in der babylonischen Gefangenschaft, in der Diaspora, der späteren weltweiten Zerstreuung, sogar in der Shoa, in den Vernichtungslagern. Es hat nicht jeder persönlich die Erfüllung dieser Verheißung am eigenen Leib erfahren dürfen, aber das Volk Gottes hat überstanden.

Wir können diesem ungleichen Schicksal nur seine Last nehmen, wenn wir an eine ausgleichende Gerechtigkeit Gottes in einem anderen Leben glauben. Dann ist auch das tragisch abgebrochene Leben hier in einer anderen Geborgenheit. Die Verheißung Gottes reicht nicht nur bis zum sichtbaren Horizont, sondern darüber hinaus, auch wenn wir nicht hinter jene Horizontlinie schauen können. 

In dieser Perspektive können wir von der großen Barmherzigkeit und ewigen Gnade Gottes sprechen. Sie soll nicht von uns weichen, selbst „wenn Berge wichen und Hügel hinfielen“. Die Versetzung von Bergen konnte man sich zur Zeit Jesajas noch nicht vorstellen, die mit heutiger Technik durchaus zu bewältigen ist. Überhaupt dachte man früher vieles als unveränderlich, während wir heute in einer Welt leben, in der wir fast nichts mehr für unveränderlich halten. Früher waren die Traditionen des Zusammenlebens über lange Zeiten stabil, bestimmte Ansichten waren unveränderlich, die Kleidung veränderte sich nicht mit jeder Saison – vieles war von Dauer wie die Sternenbahnen am Himmel. Heute reden davon, dass eines Tages die Sonne verglühen wird und das ganze All in sich zusammenfallen könnte. Wir halten unwahrscheinliche Entdeckungen und Erfindungen für machbar, an die die Menschheit jahrtausendelang nie geglaubt hätte. So vieles ist im ständigen Fluss und in Veränderung begriffen. Das ist auch für den Glauben eine ungeheure Herausforderung. Wie glauben wir heute angesichts eines völlig veränderten Weltbilds gegenüber dem der Bibel an Dauerhaftes?

Vielleicht nennen wir die Gnade Gottes heute letztes Vertrauen, vielleicht nennen wir sie letzte Geborgenheit, vielleicht Hoffnung über alles Sichtbare hinaus oder einen Zustand der inneren Stabilität im steten Wandel.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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