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Predigt zum Sonntag Judika über Hebr. 5, 7-9
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Predigt zum Sonntag Judika über Hebr. 5, 7-9

Predigt vom 21.03.10 (Pfarrerin Kathrin Bickhardt-Schulz) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

eine Frage wird mir von Menschen immer wieder gestellt, die mit unserer Tradition nicht vertraut, ja verbunden sind: Warum haben die Kirchen immer diese Bilder vom Kreuz mit dem Leiden Jesus?

Wenn ich mit den Religionsschülern das erste Mal die Kirche in Großstädteln besuche, wurde mir immer wieder die Frage gestellt: Wer hängt da am Kreuz, so groß?

Ich finde, diese Fragen gehören zu den schwersten, die mir über den Glauben gestellt werden: Was bedeutet uns das Kreuz und das Leiden Jesu für den Glauben?

Über Jahrhunderte haben sich Gläubige daran abgemüht.

Auch der Hebräerbrief setzte sich damit auseinander und versuchte eine Antwort: Dort heißt es: Jesus flehte und betete, unter dem Schreien und mit Tränen, in seiner Lebenszeit zu Gott, der fähig ist, ihn aus dem Tod zu retten. Aufgrund seiner Ehrfurcht vor Gott wurde Jesus erhört. Obgleich er Sohn war, lernte er aus dem was er erlitt, den Gehorsam. Als er vollkommen war, wurde er für alle, die auf ihn hören, Urheber der ewigen Rettung. (Hebr. 5, 7-9, Bibel in gerechter Sprache).

Also: Was bedeutet das Leiden Jesu für unseren Glauben?

Im Predigttext ist die Antwort: Im Leiden lernt Jesus Gehörsam und bringt damit den Menschen, die auf ihn hören, die ewige Rettung.

Das Leiden Jesu bringt mir das Heil – aber nur, wenn auch ich gehorsam bin.

Wenn ich an meine Kindheit und Schulzeit in der DDR zurück denke, hat das Wort Gehorsam einen negative Eindruck hinterlassen. Wenn Menschen von mir Gehorsam einforderten, dann wollten sie mich klein machen, meinen Willen brechen; dann hatten sie nicht den Mut, mich als Gegenüber zu behandeln; dann hatten sie nicht genügend Rückgrat, mir zu erklären, warum ich so und nicht anders handeln soll. Das ist das eine.

Als ich mich jetzt mit dem Text beschäftigte, dann fiel mir der Satz aus der Apostel-geschichte ein: “Man muss Got mehr gehorchen als den Menschen” (Apg. 5,29). Und ich stellte mir die Frage: Ist es mit dem Gehorsam, Gott gegenüber denn anders, als mit dem Gehorsam, den Menschen von mir fordern? Gehorsam kommt in der Sprache des Neuen Testamentes von hören – in die Tiefe hören. Ich soll Gott hören, in die Tiefe hinein hören, was Gott von mir will und wozu ich bestimmt bin. In die Tiefe der Bibel und in meine eigene Tiefe, mein Innerstes hinein hören – das ist für mich eine Umschreibung für beten. Einmal stehen bleiben in all meiner Geschäftigkeit und hören, was Gott wohl zu dem sagt, was ich gerade erlebe. Es kann eine neue Perspektive in mein Leben bringen. Wenn ich z.B. verzweifelt bin über die Krankheit eines lieben Menschen, gefangen in meiner Traurigkeit und Wut, dass es ihm so ergehen muss – und dann in die Tiefe hinein höre: dann merke ich, dass Gott die Schmerzen und die Verzweifelung kennt und sich nicht davon abwendet. Dass das Leiden in Gott geborgen sein kann und sogar der Tod kein gottloser Ort sein wird. Gottes Heil gilt auch den Menschen, die unheilbar krank sind.

Ein anderes Beispiel: wenn ich wütend bin, weil ich mich ungerecht behandelt fühle – und einmal verharre und in die Tiefe hinein höre: dann kann es sein, dass ich ganz deutlich vernehme: Wehre Dich, handle! Es kann auch sein, dass ich merke: Hier gilt es einmal zu schweigen und die anderen machen zu lassen, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen, sondern mich demütig meinen Mitmenschen anzuvertrauen. Zu dem Hören auf Gott gehört immer auch das Hören in die Tiefe der Bibel - die gibt einen guten Maßstab, die verschiedenen Stimmen zu unterscheiden. In der Bibel habe ich ja schon einiges über Gottes Willen für das Leben der Menschen erfahren: Zur Freiheit sind die Menschen bestimmt, das wird mir von Gott in ganz verschiedenen biblischen Geschichten erzählt. Zur Liebe sind wir bestimmt – das habe ich oft gehört. Zum Menschsein sind wir bestimmt – und das ist sehr gut, hat Gott einmal gesagt.

Weil ich das alles von Gott weiß, bin ich bereit, ihm in Ehrfurcht zu begegnen, weil er mich die Ehrfurcht vor dem Leben lehrt. Ihm allein will ich gehorsam sein. Ich will auf ihn hören und mich zu meinem Menschsein bekennen, in das er mich gerufen hat. Auf Gott hören, Gott gehorsam sein und mich zum Menschsein bekennen – das ist ein und dasselbe. In Jesus habe ich ein Vorbild darin. Der war Mensch, hat gefühlt und gehandelt. Er hat geschrieen und geweint, wie es im Hebräerbrief heißt. Er hat sich dem Leben gestellt und dem Tod.

Menschsein bedeutet, mich dem Leben zu stellen, mit allem was dazu gehört. Nicht ausweichen, auch wenn es weh tut. Es bedeutet auch, das Elend wahrzunehmen, wenn Mitarbeiterinnen mit hoher Kompetenz, großem Wissen und mit viel Engagement arbeiten und andere das gemeinsame Fortkommen aussitzen, blockieren und verhindern. Das ist wirkliches Elend. So erlebe ich das. In Jesus haben sie ein Vorbild, ja Trost.

Mensch sein bedeutet auch, mich dem Leben mit seiner ganzen Unsicherheit zu stellen. Aushalten, dass wir keine unschlagbaren Argumente haben, die unseren Glauben verteidigen. So ging es ja den Gemeinden, für die der Hebräerbrief geschrieben wurde. Sie mussten aushalten, dass der Herr nicht alsbald gekommen ist mit starker Hand, um ihnen Recht zu geben in ihrem Glauben. Sie mussten sich dem stellen, dass die Menschen um sie herum andere Werte hatten. Sie sind da auch unter Druck geraten und haben sich teilweise abgewendet von Jesus Christus. Ihnen sagt der Hebräerbrief: Hört nicht auf, auf den Herrn zu hoffen; bleibt dabei, in die Tiefe hinein zu hören, wozu er euch bestimmt hat; bleibt Gott gehorsam. Dann habt ihr das Heil. Wenn ich, wie diese frühen Christinnen und Christen zu Gott gehören will, muss ich auch heute manchmal aushalten, dass andere mich mit meinem Glauben in Frage stellen.

Sie merken: Gott gehorsam sein ist nicht immer angenehm. Es kann auch sehr fröhlich sein, das Leben zum sprudeln bringen und die Sinne beglücken. Aber heute, in der Passionszeit, bekommen wir die andere Seite vor Augen gestellt: Auf Gott hören, kann Mitleiden von uns abverlangen, Tränen und Schmerzen. Das lernen wir mit Jesus, wenn wir lernen, auf Gott zu hören.

Von Jesus lernen, heißt aber auch, die andere Seite zu sehen: Denn Jesus wurde von Gott erhört – so heißt es in dem Predigttext. Das Hören ist gegenseitig. Jesus hört Gott – und Gott hört Jesus. Das hat ihn nicht vor dem Leiden bewahrt. Aber es hat ihn in das Heil geführt – es hat ihn und sein Leben ganz gemacht uns zum Heil.

Damit komme ich noch einmal zurück zu der Frage, die Christinnen und Christen so oft gestellt wird: Was bedeutet das Leiden Jesu für unseren Glauben?

Für mich gehört zum christlichen Glauben entscheidend dazu, dass Gläubige sich nicht von dem Leiden abwenden müssen. Wir sind in diese Beziehung eingebunden: Wir hören Gott und Gott hört uns. Gott will uns ganz machen, wenn wir zu Gott gehören. Ganzsein bedeutet eben, uns dem zu stellen, dass Leiden zum Menschsein dazu gehört. Wir können das, weil wir wissen, dass das Leiden kein heilloser Abgrund ist. Wir können das, weil wir uns mit allem, was wir erleben, zu Gott wenden können, beten und schreien und weinen. Und darauf vertrauen: Gott wird unser Leben heil machen.

Amen

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Pfarrerin Bickhardt-Schulz
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