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Predigt und Sprechszene über
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Predigt und Sprechszene über "Bild und Bibel in der Reformation" im Reformationsfestgottesdienst, 31.10.2015, übertragen als Rundfunkgottesdienst bei MDR figaro

Predigt vom 31.10.15 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Sprechszene
Es ist Februar 1522. In Wittenberg gehen Bilderstürmer auf die Straßen. Luther verlässt deshalb sein Exil auf der Wartburg. Eine Journalistin rekonstruiert die Ereignisse in einem fiktiven Interview nach 493 Jahren:
Journalistin:
Herr Dr. Karlstadt, Sie haben im Februar 1522 mit einer Flugschrift dazu aufgerufen, Heiligenbilder, Altäre und sogar Orgeln aus den Kirchen zu entfernen und zu zerstören. Sie haben damit eine Plünderung wertvollen Kulturgutes inganggesetzt, die noch heute, nach fast 500 Jahren, schmerzt. In Wittenberg, Meißen, Pirna, Dresden, Zwickau und Wolkenstein sind die Kirchen geplündert worden. Das Vorgehen erinnert an die Entfernung sog. „entarteter Kunst“ unter den Nazis oder an die gegenwärtigen Zerstörungen des „Islamischen Staates“ in Syrien. Warum haben Sie das getan? Ist das nicht eine schreckliche Schattenseite der Reformation?
Karlstadt (im historischen Kostüm):
Was heißt Kultur! Das Wichtigste ist doch für uns Christen Gottes Gebot! Das erste Gebot lautet: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Die Stifter haben die Altäre und Heiligenbilder doch nicht um der Kunst willen gestiftet, sondern weil sie sich mit solchem „Seelgerät“ den Himmel erkaufen wollen. Das ist Götzendienst! Sie sollen das Geld lieber für die Armen und Flüchtlinge geben als für solchen Luxus! Auch das zweite Gebot sagt klar: „Du sollst dir kein Bildnis machen!“ Das hat mein Kollege Martin Luther leider beiseitegelegt. Schon Jan Hus und Ulrich Zwingli haben die Bilder in den Kirchen verworfen. Wir müssen die Kirche reinigen von solchen Verirrungen und sie wieder zum Tempel der Wahrheit machen!
Journalistin:
Herr Dr. Luther, Sie sind gegen den Willen Ihres Landesherrn unter Lebensgefahr im Februar 1522 aus Ihrem sicheren Versteck auf der Wartburg nach Wittenberg zurückgekehrt, weil sie dem Bildersturm Ihres Kollegen Dr. Karlstadt Einhalt gebieten wollten. In Ihren berühmten acht Invokavitpredigten im März sind Sie darauf eingegangen. Sind sich die Reformatoren nicht einig darüber, was Erneuerung des Glaubens bedeutet? Was hat Sie zu diesem schweren Eingriff bewogen?
Luther (im historischen Kostüm):
Solche Zerstörung wollte ich einfach nicht dulden, vielleicht noch in Gottes Namen! Mein Kollege hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. So weit darf der Eifer für den Herrn nicht gehen! Natürlich sind die Bilder und Altäre keine Seelenretter, aber unentbehrliche pädagogische Hilfsmittel. Sie helfen den Kindern und all denjenigen, die noch nicht lesen und schreiben können, Christus liebzugewinnen. Viele Bilder sind auch Zeugnisse echten frommen Glaubens. Sehen Sie nur, was mein Freund Lukas Cranach alles für unsere Kirchen zu malen begonnen hat! Jetzt gilt es fürwahr mehr biblische Szenen zu malen als Heilige, aber sie sind doch auch nützliche Vorbilder christlichen Lebens! Wir stiften ihnen keine Altäre mehr, aber wir zerstören nicht, was im Glauben entstanden ist. Die Kirche jetzt erneuern heißt nicht, die alte Kirche zu zerstören, sondern Gottes Wort in ihr neu in die Mitte zu stellen – auch mit Bildern!
Journalistin:
Ich danke Ihnen, meine Herren, für das Gespräch!

Predigt 
Liebe Gemeinde,
wer Wind sät, wird Sturm ernten – in Wittenberg war es ein Bildersturm. Und wer Thesen anschlägt, muss mit Antithesen rechnen. Vielleicht war das Martin Luther gar nicht so bewusst. Er hatte nicht den Mitteldeutschen Rundfunk an die Tür der Wittenberger Schlosskirche eingeladen (wenn er überhaupt dort zugange gewesen ist…), sondern hatte eher an die Universitätszeitschrift gedacht zum gelehrten Austausch über seine Thesen. Nun waren sie in die Welt gesetzt und nicht aufzuhalten. Jesus sagt: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“ Jesu Botschaft war keine Geheimsache, und auch unser Glaube ist eine öffentliche Angelegenheit, keine Sache für’s stille Kämmerlein allein. Auch heute gilt: Wer „Zeit zum Aufstehn“ sagt oder „Ja - aber“ oder „Flüchtlinge willkommen!“ oder „Keine Gewalt!“ in den Wald hineinruft, muss mit einem Echo rechnen. Aber was gesagt werden muss, muss gesagt werden!
War Luther ein Provokateur? Er wird uns ja oft im kämpferischen Pathos dargestellt. Viele Flugblätter seiner Zeit waren deftig formuliert. Vom Papstesel und von der wittenbergischen Sau war da die Rede in Wort und Bild. Thilo Sarrazin und Charlie Hebdo hätten gut in diese Runde gepasst. Gegen Melanchthons Diplomatie war Luther ein Polterer. Manche seiner Worte über die Juden beschämen uns heute. Auch seine Urteile über den Papst können wir heute nicht gegen Franziskus und seine Vorgänger mehr gelten lassen. Der Umgangston war derber als heute, wie die Ess- und Trinksitten. Trotzdem galt seine Leidenschaft einer wiederentdeckten Glaubenswahrheit, sie war kein jugendlicher Affront gegen das bürgerliche Establishment. Ein leidenschaftlicher Streiter war Luther, aber kein Provokateur.
Aber in einer Hinsicht war Luther überraschend zurückhaltend: in seiner Stellung gegen die Bilderstürmerei. Den meisten von uns ist dieses dunkle Kapitel der Reformation heute vielleicht unbekannt. Die Sprechszene zu Beginn hat uns an diese Ereignisse herangeführt. Wir haben in diesem Jahr das Thema „Reformation - Bild und Bibel“ als Motto der Lutherdekade im Gemeindeleben verankert. Tausende Besucher haben Ausstellungen über Lukas Cranach d. J., über Luther und die Fürsten u. a. besucht. Wir freuen uns am Reichtum der Kunst jener Jahre und an dem Interesse auch von Nichtchristen für solche Themen. Aber wir können diese Schattenseite der Reformation, den Bildersturm, nicht verleugnen, weil sie uns eine Gefahr des Glaubens aufzeigt: dass wir aus dem geglaubten Besitz der Wahrheit radikal werden können. Aber sollen wir uns nicht tapfer und furchtlos zur erkannten Wahrheit bekennen? „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater!“, sagt Jesus. Bekennen ja – aber auf welche Weise?
Warum hat Luther gegen die Bilderstürmerei solchen Widerstand geleistet? Sein Anliegen war: Veränderungen brauchen Zeit, Geduld und Liebe. Zerstörerische Kräfte entsprechen nicht dem Evangelium. Deshalb hat er sich auch in den nächsten Jahren von seinem anfänglichen Mitstreiter Thomas Müntzer abgewandt. Deshalb hat er manches, was typisch katholisch schien und in Genf und Zürich abgelehnt wurde, beibehalten. Deshalb erscheint unser lutherischer Gottesdienst heute in Sachsen für manche zugereiste Südwestdeutsche „fast katholisch“. Luther hat aber damit auch die Bilder und die Kunst in der evangelischen Kirche gerettet. Viele von uns sind mit Bildern von Lukas Cranach, Albrecht Dürer, Julius Schnorr von Carolsfeld, Paula Jordan, Hans Anniés, Werner Juza, Matthias Klemm, Elly-Viola Nahmmacher und anderen groß geworden – so wie Orthodoxe mit Ikonen und Katholiken mit Marienbildern groß geworden sind. Diese Bilder haben unseren Glauben geprägt.
Heute kämpfen wir in unserer Kirche nicht mehr gegen Bilder. Doch die Attentate gegen Mohammed-Karikaturisten sind mitten in Europa geschehen. In Russland zerschlagen orthodoxe Eiferer anstößige religiöse Kunstwerke. Wir wissen um die Macht von Bildern – wie besonders im Krieg verlogene und frisierte Bilder Teil des Kampfes sind, wie die Medien bestimmte Ereignisse durch ihre Bilder in ein spezielles Licht rücken. Die Gefahr von Bildern und ihre Verführungskraft sind allgegenwärtig. Und moderne Kunst in einer Kirche kann auch eine Gemeinde spalten. Das ist etwa durch Kunstwerke von Friedrich Press und Michael Fischer-Art geschehen. Solche Auseinandersetzungen sind nicht so weit weg, wie wir denken.
Luthers Handeln aber lässt uns erkennen: Glaube muss bei aller notwendigen Klarheit alle Erneuerungen in Liebe vollziehen, nicht in Hass und Gewalt. Wir zerstören in Deutschland heute keine Bilder, aber unser Land steht vor einer unheilvollen Radikalisierung und einer Zerstörung unserer Umgangskultur. Woche für Woche ziehen Menschen durch die Städte, und es ist viel Leidenschaft und Hass, aber wenig Liebe darin zu erkennen. Hassparolen, Einschüchterung, Bedrohung und Verunglimpfung anderer beherrschen das Bild - aber auch Ängste und Sorgen der Bevölkerung um die Zukunft Deutschlands drücken sich darin aus. Doch weder Hetze noch Angst sind Früchte des Glaubens. Wir brauchen wieder eine andere Kultur des menschlichen Umgangs miteinander! Statt unsere Wut nur herauszuschreien, müssen wir miteinander reden. Das war auch im Herbst 1989 ein Hauptanliegen in unseren Kirchen: Dialog statt Gewalt. Dorthin müssen wir wieder kommen.     
Das gilt auch für die Radikalisierung in geistlichen Fragen, die wir in der Kirche erleben. Die Frage nach dem richtigen Bibelverständnis und davon abgeleitet Fragen der Sexualethik bedeuten Zerreißproben für manche Gemeinden. Auch hier gilt: Veränderungen brauchen Geduld und Liebe, nicht Hass und gegenseitige Verteufelung. Die Gespräche, die vor drei Jahren in der sächsischen Landeskirche in Gang gekommen sind, sind noch nicht abgeschlossen. Sie brauchen noch Jahre, und wir müssen diese Gespräche furchtlos führen. Jeder muss seine Meinung sagen können, ohne gleich abgestempelt zu werden.  „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle!“
Und wir brauchen eine gehörige Portion Gottvertrauen und Zuversicht: „Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Dennoch fällt deren keiner auf die Erde ohne euren Vater… Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ Nicht die Angst muss uns beherrschen, sondern das Vertrauen, dass Gott sogar „die Haare auf unserem Haupt gezählt hat“ und uns auch in diesen Monaten gute Wege führen wird.
Die Reformatoren antworteten mit ihrem Bekenntnis auf die Herausforderungen ihrer Zeit, auf das Ablassgeschäft, auf den moralischen Verfall in Klöstern, auf das verweltlichte Papsttum. Unsere Großväter antworteten mit dem Bekenntnis von Barmen auf die Herausforderung der nationalsozialistischen Ideologie. Wir haben in der DDR mit überwiegend stiller Opposition und kritischer Mitgestaltung auf die Herausforderung des atheistischen Staates geantwortet. Was fordert uns heute zum Bekenntnis heraus, und wie legen wir es heute ab?
Theologische Fragen scheinen augenblicklich hinter tagespolitische Fragen zurückzutreten. Aber unser Verhältnis zu Gott und zu den Menschen ist wie ein Spiegelbild: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Wir werden gefragt nach unserem Umgang mit Flüchtlingen und mit Demonstranten, mit den Ressourcen der Erde, nach unserer Ehrlichkeit in der Wirtschaft und nach der Bewahrung unserer Heimat und Kultur. Auf diese Fragen, die die Welt stellt und die wir uns nicht zurechtlegen können, müssen wir im Glauben eingehen. Es ist immer eine Gottesfrage darin. Hier ist plötzlich – nach 25 Jahren Ruhe und Sicherheit – wieder ein Bekennen gefragt, und das kann in unserer freien Gesellschaft eine Frage des Mutes sein, bei der wir Herzklopfen bekommen! Nicht wenige haben Angst, ihre Meinung frei zu sagen.
Wir bekennen uns im Geist Jesu zur Nächstenliebe und Barmherzigkeit und gegen jegliche Gewalt von jeder Seite: kein Brandsatz gegen eine Flüchtlingsunterkunft, kein Steinwurf auf Polizisten und keine Messerstecherei in einem Erstaufnahmeheim dürfen gutgeheißen werden. Aber ebenso bekennen wir uns zu den Werten unserer Heimat und zu den Grundlagen unserer Kirche, die wir erhalten wollen. Sich zu bekennen bedeutet in unserer Situation nicht, den Schlagabtausch zu erhöhen und das Reizklima zu verstärken, sondern zur Liebe und Geduld zurückzukehren, wie es Luther mit seiner Rückkehr von der Wartburg angesichts der Bilderstürmer getan hat. Bekennen heißt nicht nur demonstrativ zu sagen: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“, sondern auch versöhnend zu wirken. Auch das war Luther.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn!

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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