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Predigt zum Erntedankfest über 2. Kor. 9, 6-11,
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Predigt zum Erntedankfest über 2. Kor. 9, 6-11, "Vom kärglichen Säen, vom fröhlichen Geben und vom gezielten Danken"

Predigt vom 10.10.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Vor drei Tagen erschien zum ersten Mal in Deutschland eine Sonderbriefmarke zum Erntedankfest - eine schöne Fotografie einer Ähre und eine stilisierte Reihe von Gartenfrüchten, wie wir sie hier am Altar aufgebaut haben. Es freut mich, dass in unserem nur noch halbchristlichen Volk ein solches religiöses Fest neue Aufmerksamkeit erhält. Es gibt auch schon seit 1998 in Sachsen ein Landeserntedankfest, das in diesem Jahr vor vier Wochen in Wurzen gefeiert wurde.

Allerdings sehe ich auch eine Schattenseite: Es geht bei diesem Erntedankfest mehr um die landwirtschaftliche Entwicklung unserer Heimat als um das Lob des Schöpfers! Da tritt der Fleischerverband neben dem Winzerverband auf, das ganze unter Blasmusik und untermalt von Kirchenglocken. Die Frage, wem der Dank für die Ernte dargebracht wird, bleibt völlig im Nebel. Es erinnert mich ein klein wenig an die DDR, wo man in diesen Herbstwochen täglich in der LVZ lesen konnte, welche großen Ernteleistungen die heldenhaften LPG-Bauern zur Übererfüllung des Planes wieder eingebracht hätten und damit ihren Beitrag zum Friedenskampf der Völker und zum Sieg des Sozialismus leisteten. Ein Dank, der den menschlichen und wirtschaftlichen Leistungen gilt. Erntedank im christlichen Sinne ist aber etwas anderes: Da geht es nicht um menschliche Selbstverherrlichung, sondern um den Dank an die Adresse im Himmel. Da geht es nicht um unsere Leistungen, sondern um das verborgene Wirken Gottes in der Natur, der trotz Unwettern und menschlichen Technikwahns uns dennoch die Früchte des Feldes reifen lässt.

Erntedank im christlichen Sinn heißt also, den Blick für Gottes Wirken zu schärfen und die Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck zu bringen. Erntedank im allgemeinen Sinn aber kommt mir vor, als ob Menschen auf dem Feld laut "Danke" riefen und sich wunderten, dass die Berge kein Echo zurückwürfen. Denn wem gilt der Dank? Er kann nur Menschen gelten oder Gott, denn man dankt nicht Maschinen und auch nicht der Sonne oder dem Wind und den Wolken. Man dankt entweder den fleißigen Bauern und Bäckern, da sind wir wieder ideologisch in der DDR, oder wir danken Gott als dem der ganzen Welt zugrunde liegenden Kraftstrom!


Aber auch ein so verstandener christlicher Erntedank ist eine Medaille mit zwei Seiten. Auf der Vorderseite steht "Empfangen" geschrieben und auf der Rückseite "Geben".


Empfangen - das bezieht sich auf die Ernte. Wir müssen ehrlich zugeben, dass wir heute, auch in Markkleeberg, keine richtigen Erntemenschen mehr sind. Nur noch wenige von uns haben unmittelbar mit der Ernte zu tun, während es früher der Großteil der Menschen war. Im allgemeinen sind wir Stadtbürger des 21. Jahrhunderts und decken unseren Nahrungsbedarf nicht vom Feld und aus dem Garten, sondern aus dem Supermarkt. Ob das Wetter gut war oder schlecht - die Tomaten wachsen irgendwo in Spanien unter riesigen Foliezelten und sind selbstverständlich immer und ausreichend auf dem Markt. Wir leben ohne Ernte sehr gut. Nur am Brotpreis, der in den letzten Wochen wieder gestiegen ist, merken wir, dass in diesem Jahr etwas nicht so gut gelaufen ist mit der Ernte, aber das verändert unsere Lebensgewohnheiten nicht. "Wir sind reich in allen Dingen." Und "Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!" - wie der Apostel Paulus schreibt.

Wie gut, wenn wir wenigstens noch ein klein wenig an der Ernte teilhaben! Ich habe in diesem Jahr zwei Eimer Pflaumen geerntet, eine Schüssel Himbeeren, einen kleinen Kürbis und einen Korb Kartoffeln. Es ist ein schönes Gefühl, selbst etwas geerntet zu haben, und wenn es wenig ist. Unseren Kindern sollten wir dieses Erlebnis nicht vorenthalten und ihnen unbedingt ein kleines Gärtchen in Pflege geben. Als ich Kind war, durfte ich noch auf dem Acker beim Bauern mitarbeiten, Kartoffeln lesen und Getreide einfahren, und das zählt zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit. Aber es hat keinen Sinn, einer verlorenen Romantik nachzutrauern. Doch noch immer, behaupte ich, ist ein Gartennachmittag oder ein Waldspaziergang mit Kindern mehr wert als jede planmäßige Bildungsmaßnahme.

Wir sind zwar keine Erntemenschen mehr, aber wir können ein Gefühl für die Ernte in uns wach halten, indem wir erntebewusst leben. Das heißt, nach der Herkunft unserer Nahrung fragen und ihren Weg verfolgen. Die Früchte lieber aus der Erde oder dem Garten entnehmen und nicht aus Nahrungsproduktionshallen, lieber aus der Nähe als aus der Ferne, nicht auf Massenverzehr setzen, sondern auf Qualität. Und immer das Gefühl dabei wach halten, dass Gott uns damit beschenkt, dass über der Ernte der Zauber eines Geheimnisses liegt, dass sie nicht nur vom Saatgut und vom Düngemittel und von der Technik abhängt. Das Wetter spielt noch immer eine Rolle für die Ernte, auch wenn wir es durch Importe zu überlisten versuchen. Es weist uns auf Gott hin, weil es zu den Naturgewalten gehört, die wir nicht erfunden haben und die wir auch bis auf kleine Eingriffe nicht steuern können. "Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott!", hat Matthias Claudius so schön gedichtet. Das ist die eine Seite der Medaille: die Ernte, die wir aus Gottes Hand empfangen.


Auf der anderen Seite steht: Geben! Denn auch der Apostel Paulus war kein Erntemensch, sondern eher ein moderner Städter. Deshalb kommt er schon auf die andere Seite zu sprechen, und die heißt: Wer viel empfangen hat, der gibt davon auch etwas weiter. Das Erntedankfest ist seit alter Zeit ein Fest des Gebens. Unsere Vorfahren brachten von den Früchten ihres Feldes Gott ein Opfer dar. Unser geschmückter Altar erinnert an diesen alten Brauch, auch wenn es heute eher zeichenhaft geschieht. Denn nicht jeder hat seine Arbeitsfrüchte hierhergebracht. Wie sollte das auf dem Altar auch aussehen, wenn wir einen Computer aufstellten oder einen Wintermantel aufhängten oder bunte Werbeprospekte darauflegten oder dem Engel unter der Kanzel eine Wellness-Gesichtspackung verpassten - das sind die Früchte unserer heutigen Arbeit. Deshalb haben wir schon lange die Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft abgelöst.

Auch zum Erntedankfest gilt längst: Geld zu geben ersetzt die Naturalien-Opfergaben. Unsere Steuern, ich muss es so sagen, die wir an Staat, Kommune und Kirche zahlen, sind heute ein Teil der Abgaben geworden, die unsere Vorfahren einst zum Priester brachten. Dabei gerät uns Gott ein bisschen aus dem Blick. Er wohnt nicht im Finanzamt. Aber Gott will auch, dass wir ehrliche Steuerzahler sind, das gehört in unserer Zeit zur Erfüllung des siebten Gebotes: "Du sollst nicht stehlen!"

Und wir geben darüber hinaus noch manche Opfer: Gerade zum Erntedankfest ist das Dankopfer im Gottesdienst meist erfreulich hoch, und mancher spendet zu diesem Fest bewusst das eine oder andere - das herrliche Brot auf dem Altar, die prächtigen Blumen, mit denen die Kirche geschmückt ist, die liebevollen Körbchen, die die Kindergartenkinder mit ihren Eltern vorbereitet haben. Wir sind dankbare Empfänger der Gaben Gottes, und so werden wir zu dankbaren Gebern, die mit Notdürftigeren teilen.

Der Apostel Paulus schrieb die Zeilen, die wir heute zum Erntedankfest vorlesen, übrigens nicht für das Erntedankfest in Korinth, sondern für die erste große Kollektensammlung der christlichen Gemeinden. Er hatte sie zugunsten der hilfsbedürftigen Urgemeinde in Jerusalem organisiert. In der ganzen damaligen christlichen Welt wurde dafür eine Kollekte gesammelt. Auch wir haben mit unseren sonntäglichen Kollekten nicht nur unsere eigene Gemeinde, ihre Orgel und ihre Fahrradkirche im Blick. Nein, denn etwa die Hälfte unserer Kollekten geben wir für christliche Hilfe in allen Bereichen unserer Gesellschaft und in aller Welt. Auch ein Teil unserer Kirchensteuern aus dem wohlhabenden Deutschland unterstützt die armen Kirchen in der ganzen Welt. Ohne unsere Kirchensteuern wäre der Ökumenische Weltkirchenrat nicht arbeitsfähig. Also, es geht nicht nur um Äpfel und Getreide, sondern um die Früchte unserer Gerechtigkeit in einem weltweiten Ernteprozess.


Paulus hat drei wichtige Gedanken über die Haltung niedergeschrieben, in der wir geben sollen. Zuerst: "Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!" Das klingt gut. Ich weiß nicht, ob Sie immer Freudensprünge machen, wenn Sie Ihren Kirchgeldbescheid erhalten, wenn Sie einen höchstpersönlichen Spendenaufruf im Briefkasten finden oder dem dritten Bettler in der Leipziger Innenstadt in die Arme laufen - oder ob wir beim Kollektesammeln im Gottesdienst vielleicht Witze erzählen sollen, damit alle fröhlich geben. Fröhlich zu geben bedeutet im Sinne des Paulus aber nicht, mit Spaß zu spenden, wie es heute eine beliebte Geschäftsmethode ist. Fröhlich zu geben heißt bei ihm: ohne Zwang und mit gütigem Herzen zu geben. Das klingt wie ein Verbot kirchlicher Steuern und Gebühren. Da könnten die Freikirchen wieder frohlocken, deren Gläubige angeblich alles nur freiwillig geben. Das ist aber nicht ganz richtig. Es gibt in der Bibel sowohl den Zehnten, also einen Pflichtbetrag, als auch die zusätzlichen freien Opfer. Und auch die Freikirchen sind heute nicht freier als unsere Landeskirchen. Es geht also um einen Mix aus Pflicht und Kür beim Geben in der Kirche. Fröhlich geben im Sinne von offenherzig und verständnisvoll geben.


Der zweite Gedanke, der Paulus wichtig ist: "Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten, und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen." Ein schönes Wort, ich mag es sehr. Wir sollen nicht knickrig sein, sondern großzügig. Eine reichliche Aussaat wird sich lohnen. Wer dafür nichts einsetzt, auch wenn er Verluste dabei macht, wird nichts gewinnen. Das weiß jeder Unternehmer. Es ist aber nicht nur eine Geschäftsidee, sondern eine goldene Regel Gottes. Wenn du im Vertrauen auf Gott großherzig gibst, wird Er dir Segen zurückfließen lassen. Nicht unbedingt auf Heller und Pfennig mit Zinsen, aber auf irgendeine Weise. Das gilt für jeden einzelnen, das gilt aber auch für unsere Gemeinde. Wir haben z. B. vor drei Jahren beim Ausbau unseres Kantorats nicht kärglich gesät, sondern mutig etwas gewagt. Heute ernten wir im Segen: das Gästebuch ist voll Dankes für die schöne Unterkunft, es ist gut ausgebucht, sogar Gäste aus Finnland waren neulich da. Und jetzt verfahren wir an der Fahrradkirche in Zöbigker ähnlich: nicht kärglich auszusäen, um später im Segen zu ernten.


Und das dritte und letzte: Das Geben behebt nicht nur den Mangel der Bedürftigen, sondern es schafft einen Überfluss an Dank gegenüber Gott. Also: Wo gern und großzügig gegeben wird, da wächst auch die Lust zum Glauben. Ganz einfach: Wenn wir eine hohe Kollekte im Gottesdienst abkündigen können, staunen alle, besonders die Gäste. Jeder fühlt sich im guten Sinne gleich mitverantwortlich. Reichliche Opfer sind tatsächlich Ausdruck lebendigen Glaubens in einer Gemeinde und sie motivieren andere zum Glauben. Denn man gibt sein Geld nicht dorthin, wo man Zweifel und Bedenken hat, sondern nur, wo man mit dem Herzen dabei ist. Das Ganze darf allerdings nicht zu einer Mammonisierung des Glaubens führen, also zum Geldglauben. Auch wer wenig hat und nicht viel geben kann, ist bei Gott und in unserer Gemeinde willkommen.

So lasst uns an diesem Fest Gott gezielt danken, großzügig auf Hoffnung säen und mit offenem Herzen geben!


Fürdank und Fürbitten

Schöpfer und HERR der Welt,

wir danken Dir für den Rhythmus der Jahreszeiten,

für Saatzeit und Erntezeit,

für Arbeit und Feierabend.

HERR Jesus Christus,

wir danken Dir, dass wir auch in diesem Jahr trotz mancher Witterungsunbilden die Ernte haben ausreichend einbringen können und dass wir keine Sorge um das tägliche Brot haben müssen!

Heiliger Geist,

wir danken Dir für alle Freigiebigkeit, mit der Du uns beschenkt hast, die Du uns hast erfahren lassen in Notlagen und die Du uns hast schenken lassen im Überfluss!

Dreieiniger Gott,

wir bitten Dich, dass Menschen und Tiere auf der ganzen Erde satt werden von dem, was Du darreichst, und dass wir bereit werden, abzugeben von unserem Überfluss für die, die noch Mangel leiden!

Heiliger Gott,

wir bitten Dich, dass Du uns geistliche Nahrung schenkst Tag für Tag, damit wir nicht am Körper gesättigt an der Seele Hunger leiden!

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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