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Predigt zum Erntedankfest über Jes. 58, 7,
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Predigt zum Erntedankfest über Jes. 58, 7, "Brich mit dem Hungrigen dein Brot"

Predigt vom 25.09.11 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

wie feiern wir von Herzen Erntedank, wenn wir nichts geerntet haben? Ist das nicht wie Hochzeit feiern ohne Brautpaar? Die meisten von uns haben nichts geerntet – vielleicht ein paar Tomaten im Garten und ein paar Äpfel vom Baum, aber doch nichts für das tägliche Brot, für Kaffee und Kuchen und Gemüse und Obst. Unser täglich Brot ernten wir nicht mehr selbst, sondern kaufen es ein. Wir ernten höchstens ein kleines Zubrot.

Oder wie feiert man Erntedank, wenn es einem das Feld verhagelt und ein Drittel der Ernte vernichtet hat? So ist es in diesem Sommer manchem Landwirt in Deutschland ergangen. Wir werden es im Angebot nicht spüren, höchstens in den steigenden Preisen. Aber können wir aus vollem Herzen singen „Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein und wickelt seinen Segen gar zart und milde ein“, wenn ein Unwetter großen Schaden angerichtet hat?

Oder wie feiert man erst Erntedank, wenn man am verhungern ist – wenn die Brunnen ausgetrocknet sind und das Gras verbrannt ist, wenn die Rinder verdurstet sind und das Kind an Auszehrung gestorben ist und man im Flüchtlingslager lebt? So geht es Millionen Menschen in Somalia, in Äthiopien und in anderen Ländern Ostafrikas zur Zeit.

„Brich dem Hungrigen dein Brot…“

Der Anblick hungernder Menschen gehört seit 60 Jahren nicht mehr zu unserer Lebenserfahrung. Das ist gut so. Bis dahin war das anders über hunderte von Jahren. In biblischer Zeit gehörten um Brot bettelnde Menschen zum Alltagsbild der Dörfer und Städte – und so war das früher auch in Deutschland. Die letzten Hungernden sah man noch nach dem zweiten Weltkrieg. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“ Für die hungernden und bettelnden Menschen ließen die Bauern auf dem Feld Ähren liegen, damit diese Nachlese halten konnten. Meine Großeltern sind noch nach dem Krieg mit mir auf den Kartoffelacker gefahren, um Kartoffeln zu stoppeln – wie ein Nachspiel jener uralten Nachlese. Um viele Heilige ranken sich Legenden und Geschichten von der Speisung Hungernder – Elisabeth und Nikolaus. Hunger gehörte einst zum Alltag, wenigstens aller paar Jahre.

Heute aber begegnen wir hierzulande keinen wirklich Hungernden mehr auf der Straße. Die Bettler in den Großstädten sind meist Betrüger, die ein einträgliches Geschäft mit dem Mitleid der anderen machen. Natürlich gibt es Menschen mit so geringem Einkommen, dass sie sich kaum das tägliche Brot leisten können, und das ist schlimm. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“

Dafür sind uns die fernen Hungernden nahe gerückt. Die Bilder des Fernsehens führen sie uns Tag für Tag vor Augen, jeder weiß darum. Sie machen uns in unserer Fülle ein schlechtes Gewissen, und viele von uns spenden zur Weihnachtszeit oder bei akuten Katastrophen für sie. Auch das ist gut. Mancher allerdings zweifelt, ob die Spenden wirklich ankommen. In Somalia herrscht Bürgerkrieg. Hilfstransporte kommen nicht ans Ziel oder werden geraubt, Helfer können wegen Lebensgefahr nicht dort tätig werden, und die Regierung ist korrupt und stiehlt Hilfsgelder für ihre eigenen Kassen. Es gibt keine ausgebauten Straßen in die Hungergebiete und zu wenige Lastwagen, um die Hilfsgüter ans Ziel zu bringen. Wir könnten den Hunger in der Welt weithin beherrschen und die meisten Menschen satt machen, wenn diese politischen und technischen Probleme es nicht vereiteln würden. Es ist trotzdem besser, zu spenden, als nichts zu tun. Und ich habe in die kirchlichen Hilfswerke wie „Brot für die Welt“ das größte Vertrauen, dass die Spenden gut ankommen. Eine verlorene Spende ist immer noch barmherziger als eine verweigerte Spende. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“

In diesen Tagen ist oft vorwurfsvoll aufgerechnet worden, wie viele Millionen Euro der Besuch des Papstes in Deutschland gekostet habe, und ob man das nicht besser den Hungernden in Somalia gespendet hätte. Ich halte das für eine falsche Argumentation, denn man könnte sie genauso gegen unseren geplanten Orgelneubau und gegen jedes Gewandhauskonzert und gegen jeden neuen Kilometer Autobahn und gegen jedes Brautkleid anführen. Der Welthunger ist vor allem ein politisches und organisatorisches und erst in zweiter Linie ein finanzielles Problem. Die Fernsehbilder verleiten uns nur zur irrigen Ansicht, mit Geld allein könnten wir das schnell lösen. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“

Eine große Sünde ist die Vernichtung von Lebensmitteln in Deutschland, es sind etwa 30 %. Wieviel Brot und Obst und anderes wird weggeworfen, weil es am Abend nicht verkauft wurde, weil es nicht mehr ganz frisch aussieht oder weil es nicht so gut schmeckt wie gedacht. Gott sei Dank gibt es in den großen Städten, auch in Leipzig, sog. Tafeln, die diese Lebensmittel sammeln und an Bedürftige verteilen. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“ Aber auch das lässt sich eben nicht nach Ostafrika bringen.

Warum lässt Gott überhaupt solchen Hunger zu? Das ist eine bedrängende Frage für viele Menschen. Will Gott uns zum Teilen zwingen und uns die Verantwortung für die Hungernden aufbürden? Damit würde er aber auf dem Rücken der Hungernden eine schwarze Pädagogik üben. Doch wir können Gott auch nicht einfach die Verantwortung für den Hunger in die Schuhe schieben. Gott hat uns nicht aufgetragen, Kriege zu führen. Und er hat uns auch nicht die Gegenden, wo die natürlichen Voraussetzungen für eine Ernährung der Menschen schlecht sind, zugewiesen, dass wir ausgerechnet dort in Massen leben sollen. Der Hunger ist auch ein bevölkerungspolitisches Problem.

Hunger und Elend sind vor allem keine Strafen Gottes und auch keine Pannen seiner Weltherrschaft. Sie sind Teile der unerlösten Schöpfung und Zeichen, dass wir nicht im Paradies sind. Oft sind sie von uns Menschen hausgemacht, aber oft auch von der Natur verursacht. Europa hat den Hunger besiegt, hat aber auch die günstigsten Voraussetzungen dafür. Und wir essen z. T. die Nahrungsmittel, die wir so billig aus Afrika importieren, dass die Menschen dort aus dem Hungerkreislauf nicht herauskommen. Wir können anderen Völkern vielleicht helfen, einen Weg aus dem Hunger zu finden, indem wir fairen Handel fördern und bewusst für Nahrungsmittel mehr Geld bezahlen. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“

Der Profet Jesaja sagt dieses Wort ursprünglich in eine ganz andere Situation hinein: Es geht ihm um das echte und das falsche Fasten! Falsches Fasten ist nach den Worten des Profeten Jesaja eine Ausübung religiöser Zeremonien bei sozialer Schieflage. Nach außen fromm tun, in Wahrheit aber unbarmherzig und hart im Geschäftsleben bleiben. Das prangert er als falsches Fasten an. Echtes Fasten dagegen sei es, wenn einer mit dem Hungrigen sein Brot bricht – auch wenn er dabei scheinbar gar nicht fastet. Es ist eine geradezu reformatorische Kritik am mittelalterlichen Fastenwesen. Nach paulinischem und reformatorischem Verständnis ist ein gottgefälliges Verhalten im Alltag der beste Gottesdienst und das glaubwürdigste Fasten – und das entspricht den Worten Jesajas: „Brich dem Hungrigen dein Brot…“

Das Fasten, der Gottesdienst und alle anderen religiösen Übungen werden damit allerdings auch nicht verteufelt oder vergleichgültigt, sie schließen uns nur nicht automatisch den Himmel auf. Das Fasten ist keine schlechte Sache, aber kein „notiger Dienst“, heißt es im Augsburgischen Bekenntnis, Art. 26. So ist auch das „Brich dem Hungrigen dein Brot…“ ein wichtiger Appell an uns Christen: Setzt euch ein für eine gerechtere Weltordnung, für einen faireren Handel, für einen sorgsameren Umgang mit Lebensmitteln, spendet und helft gegen die Not der Welt, so gut ihr könnt! - Jesus nimmt dieses Wort auf unter den Werken der Barmherzigkeit: „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist!“ – unsere Lebenshaltung ist also wirklich wichtig.

Aber wir werden damit kein Paradies auf Erden schaffen können, wie es der Kommunismus träumte, und wenn wir eines Tages die Hungersnot besiegt haben sollten, würde eine andere Not uns wieder besiegen. Es wäre zu kurz gegriffen, wenn wir nur eine Sozialbotschaft aus dem Profeten ableiten würden. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“ Der Profet Jesaja wie alle Profeten lässt doch auch stets mitschwingen, dass es sich noch um einen anderen Hunger handelt, den wir besiegen sollen. Es ist der Hunger nach Gott. Wir leben in einer gesättigten Welt, aber der Glaube an Gott ist die Butter, die auf dem Brot vieler Menschen fehlt. Sie vermissen ihn auch nicht und werden wütend, wenn wir ihnen diesen Hunger erst einreden wollen. Das war nun doch eine der guten Botschaften des Papstbesuches, diesen Glauben an Gott in Deutschland wieder wachzurütteln – neben manchen Enttäuschungen. „Brich dem Hungrigen dein Brot…“ heißt auch, das Brot des Glaubens teilen. In einer Gesellschaft, die scheinbar ohne Gott lebt, den verborgenen Hunger nach Gott glaubhaft aufzuzeigen, das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. „Brich dem Glaubenshungrigen dein Glaubensbrot!“

Liebe Gemeinde! Wie feiern wir Erntedank, ohne selbst geerntet zu haben – und im Angesicht des Hungers in der Welt? Wir haben Grund zu danken für die Fülle der Gaben Gottes in der Natur. Es wäre undankbar, wenn wir zu danken vergäßen, weil andere anders betroffen sind. Und je weniger wir selbst im Schweiß unseres Angesichts geerntet haben, umso mehr dürfen wir Gott danken für den täglich reich gedeckten Tisch. Und wir haben auch allen Grund, Gott zu danken für das Lebensbrot des Glaubens, das er uns in Deutschland in Fülle darreicht in unseren Kirchen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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