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Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, über Ex. 3,1-10
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Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, über Ex. 3,1-10 "Brennender Dornbusch"

Predigt vom 05.02.17 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

wie habt ihr euch verhalten, als ihr die Kirche betreten habt? Habt ihr die Schuhe ausgezogen und im Vorraum abgestellt? Oder habt ihr euch verhalten wie beim Besuch von Freunden? Seid ihr mit lautem Hallo hereingetreten? Habt ihr euch weiter ungeniert unterhalten wie auf der Straße? Habt ihr euch in die Kirchenbank fallen lassen wie in eine Sesselecke? Oder wie habt ihr euch verhalten?

Es gibt beim Betreten von Gotteshäusern aller Religionen bestimmte Verhaltensregeln, die zum guten Stil gehören. Wenn du sie verletzt, wirst du nicht gleich hinausgeworfen, aber dein Ansehen leidet Schaden. Du wirst als unwissend oder auch als bewusst verletzend empfunden. Man wird sich über dich ärgern und die Herzen vor dir eher verschließen als öffnen. Du hast ja schließlich bei dir zu Hause auch bestimmte Regeln, wenn du einmal darüber nachdenkst. Zum Beispiel das Anklopfen, ehe du das Zimmer der großen Tochter betrittst. Ein gemeinsamer Beginn der Mahlzeit. Straßenschuhe im Flur ausziehen. In der Mittagspause nicht herumtoben. Solche Regeln stiften Gemeinschaft, sie halten zusammen, und sie sind Erkennungszeichen einer Gemeinschaft.

Welche Regeln gelten beim Eintritt in ein Gotteshaus? Beim Betreten einer Synagoge oder eines jüdischen Friedhofs bedecken Männer ihr Haupt mit einer Mütze, einem Hut oder wenigstens einem Taschentuch. Vor dem Eintritt in eine Moschee ziehen Männer ihre Schuhe aus und waschen sich evtl. sogar die Füße. Das geht allerdings nicht auf die Gottesoffenbarung im brennenden Dornbusch zurück, sondern einfach auf die Absicht, rein vor Gott zu treten, nicht im Schmutz der Straße. Beim Betreten einer orthodoxen Kirche bedeckt man seine Blöße – Männer treten nicht mit kurzen Hosen ein, Frauen nicht in freizügiger Strandkleidung oder im Minirock. Außerdem bekreuzigt man sich. Beim Betreten einer katholischen Kirche tippt man mit zwei Fingern in das Weihwasserbecken und bekreuzigt sich damit, unterstützt das vielleicht sogar mit dem Beugen eines Knies. Man betritt auch nicht den Altarraum und setzt sich nicht zum Spaß in den Beichtstuhl. Das gilt übrigens nicht nur für Angehörige dieser Kirche, sondern auch für Besucher, also uns, obwohl wir es meist nicht tun. Der Gast hält sich an die Regeln des besuchten Hauses, wenn er das Gastrecht nicht verletzen möchte…

Was gilt in einer evangelischen Kirche? Wir werden oft als die Kirche ohne Regeln empfunden, aber das stimmt nicht. Auch bei uns gilt: Männer entblößen ihr Haupt. Früher bedeckten Frauen ihr Haupt. Wie schön wäre es, wenn die Frauen heute noch Hüte trügen… Manche Regeln verändern sich, aber nicht, indem einzelne sie willkürlich verletzen, sondern indem ein Konsens aller gefunden wird. Vor allem aber tritt man still in eine Kirche ein, denn „Mein Haus soll ein Bethaus sein“, sagt Jesus. Und zum Beten braucht es Stille. Man spricht, ehe man Platz nimmt, ein stilles Gebet im Stehen. Im Unterschied zu einem Fußballstadion und einem Biergarten bleibt die Stille der Grundton eines Gottesdienstes, auch wenn sie durch Singen, Orgelspiel, Predigt, Lesungen und laut gesprochene Gebete unterbrochen wird. Alles das ist nur Untermalung der grundlegenden Stille. Am besten, man schaut beim Betreten der Kirche die Kerzen auf dem Altar an. Sie nehmen uns das Sprechen jetzt ab. Kinder müssen das natürlich erst lernen, und zwar von uns Erwachsenen. Es ist vielleicht selbstverständlich, dass man in der Kirche nicht raucht und trinkt und isst, übrigens auch nicht wiederkäut. Und als Besucher betritt man nicht den Altarplatz und die Sakristei. Man rennt auch nicht durch die Kirche, auch das ergibt sich aus der Wahrung der Stille. Das sollten besonders die Alten beherzigen…

Immer mehr Menschen heute haben keine Kirchenerfahrung und wissen nicht mehr, was Beten bedeutet. Das spüren wir auch manchmal hier im Gottesdienst. Aber was bei anderen Religionen selbstverständlich geachtet wird, das dürfen wir auch für uns Christen selbstverständlicher einfordern. Die Anziehungskraft anderer Religionen kommt nicht von ihrer Laxheit und Regellosigkeit, sondern gerade von ihren konsequenten Regeln und einer neuen Sehnsucht nach Riten und Ritualen. Wir dürfen nicht denken, dass wir die Kirchen nachhaltig füllen und Menschen zum christlichen Glauben führen, indem wir alles darin erlauben und tolerieren und die besondere Atmosphäre der Kirche aufheben.

„Ziehe deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“, verlangte Gott von Mose, als er ihm im brennenden Dornbusch begegnete. Das war der Anfang all dieser Regeln, von denen wir jetzt gesprochen haben. Dahinter steht aber nicht nur eine Gemeinschaftsregel, sondern der Auslöser war die Begegnung Gottes mit Mose im brennenden Dornbusch. Er hatte beim Hüten der Schafe einen Dornbusch entdeckt, der brannte, aber nicht verbrannte. Neugierig hatte sich Mose dem ungewöhnlichen Anblick genähert, aber Gottes Stimme hatte ihn gestoppt: „Tritt nicht näher!“ Und Mose verhüllt sogar selbst sein Angesicht, weil er sich fürchtete, Gott anzuschauen.

Die Begegnung mit Gott ist die Begegnung mit einer ungewöhnlichen Macht oder Atmosphäre. Du darfst nicht erwarten, dass dir Gott jeden Tag so begegnet. Ein einziges mal ist Gott Mose so erschienen, als er ihn zum Profeten für Israel berief. Freue dich, wenn auch dir Gott einmal in deinem Leben so erscheint. Aber halte dich dafür dein Leben lang bereit, und dein Verhalten im Gotteshaus ist eine innere Vorbereitung dafür. Hier stimmst du dich auf eine Begegnung mit Gott ein, die dir irgendwann widerfahren kann. Vielleicht ist es kein brennender Dornbusch, aber ein anderes ungewöhnliches Ereignis.

Wie deuten wir den brennenden Dornbusch? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Zuerst hat sich Gott selbst darin gezeigt. Gott ist wie ein brennendes, aber nicht zerstörendes Feuer. Er ist keine harmlose oder unscheinbare Wesenheit, sondern eine mächtige Kraft. Aber er ist nicht eine Kraft der Vernichtung, sondern der Erhaltung. Es ist also Gottes Wesen, das im Dornbusch erscheint. Zweitens ist das Bild vom brennenden Dornbusch ein Symbol für das Volk Gottes. Die Israeliten sahen sich selbst in diesem Dornbusch, wie sie immer wieder verbrannten, aber nicht ausgelöscht wurden. Auch die Kirche hat immer wieder Verfolgung erlitten und ist nicht vernichtet worden, unter Stalin nicht, unter Hitler nicht, auch unter dem satten Wohlstandsleben heute nicht, vielleicht der geschicktesten Versuchung des Teufels. Die Presbyterianische Kirche von Südafrika  trägt in ihrem Wappen den brennenden Dornbusch. Die koptische Kirche in Ägypten sieht im Dornbusch sogar ein Mariensymbol – Marias  immerwährende Jungfräulichkeit sei wie die Zweige des Dornbuschs - unversehrt geblieben. Das ist uns fremd, aber es zeigt uns, wie unterschiedlich Christen biblische Texte deuten können.

Wenn Gott wie ein Feuer ist, liebe Gemeinde, dann müssen wir die Flammen seines Feuers auch in uns spüren. Wenn dem Täufling am Taufstein die Taufkerze überreicht wird, heißt es: Dein Herz möge brennen für Gott. Wir sollen nicht laue, faule und lasche Christen sein, sondern leidenschaftliche Liebhaber Jesu. Wir dürfen das nur nicht mit äußerem Fanatismus verwechseln. Für Gott zu brennen heißt eben nicht, sich selbst oder gar andere zu verzehren. Es heißt auch nicht, sich durch religiöse Streitsucht hervorzutun. Für Gott zu brennen heißt ganz einfach, wahrhaftig zu sein und liebevoll, aber die Flamme des Glaubens sichtbar zu zeigen und nicht nur wie ein verlöschendes Aschehäufchen dazuliegen.

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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