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Predigt zum Dordrecht-Gottesdienst, 23.2.2014, über 2. Mose 22, 20-26 und Mt. 5, 38-42
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Predigt zum Dordrecht-Gottesdienst, 23.2.2014, über 2. Mose 22, 20-26 und Mt. 5, 38-42

Predigt vom 23.02.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!
Immer wieder in dieser Woche, als ich die neuesten Nachrichten aus Kiew hörte, musste ich zurückdenken an den Leipziger Herbst 1989. So hätte es damals auch bei uns ausgehen können: Gewalt und Blutbäder auf den Straßen. Wie konnte es gelingen, dass bei uns die Gegner ohne eine Spur von Gewalt die Auseinandersetzung aushielten? Der Ruf „Keine Gewalt“, die Kerzen und Gebete, der Geist der Bergpredigt, das Wunder Gottes werden dann gern genannt. Aber ausgerechnet ein solches jesuanisches Verhalten in einer Hochburg des Atheismus, wie Leipzig es damals war und heute ist!? Dagegen jetzt in Kiew, einer Stadt, in der sich die Mehrheit der Menschen offiziell zum orthodoxen Glauben bekennt, ein solches Gewaltpotenzial – und aus meiner Sicht von beiden Seiten, also von Regierung wie von Demonstranten. Wie lässt sich dieser Gegensatz erklären? Sehr schwer. Wir müssen eingestehen, dass es auch in Deutschland noch nicht länger als 70 Jahre her ist, dass auf unseren Straßen fürchterliche Gewalt geschah, als sich die meisten Menschen offiziell noch als Christen bezeichneten. Und die Menschen in der Ukraine haben bisher noch wenig positive Demokratieerfahrungen machen können. Sie haben seit hundert Jahren fast nur Diktaturen erlebt.
Wie lange braucht die Welt noch zur Zivilisierung ihrer Streitigkeiten? Wie lange dauert es noch, bis Konflikte ausschließlich friedlich gelöst werden, vielleicht auf der Ebene olympischer Wettkämpfe – oder in Gebetsgemeinschaften? Wann endlich bringt Gott uns Menschen zur Vernunft und Liebe? Die Wegbeschreibung in der Bibel zu einem zivilisierten Umgang hin ist schon lange vorhanden. Bereits Mose mit seiner Verkündung der göttlichen Gesetzgebung hat starke Akzente der Zivilisierung von Streitigkeiten gesetzt. Und Jesus hat wie ein zweiter Mose, ja ein Über-Mose sogar, diese Akzente der Zivilisierung noch übertroffen. Im 22. Kapitel des 2. Buches Mose geht es um Rechtsschutz für die Schwachen der Gesellschaft. Im 5. Kapitel des Matthäusevangeliums geht es darum, wie Vergebung überhaupt Vergeltung und Strafe ersetzt.
Die Schwachen im alten Israel waren vor allem Fremdlinge, Witwen, Waisen und Arme. Wie interessant, dass das Volk Gottes ausgerechnet die Fremdlinge schützte, obwohl es sich doch von der Vermischung mit Fremdlingen, etwa durch Mischehen, abgrenzte, und auch fremden Religionen gegenüber gar nicht tolerant war! Aber die Erinnerung war da, dass die Israeliten Fremdlinge in Ägypten gewesen waren und dort Schutz und Hilfe empfangen hatten, und von daher ergab sich die Verpflichtung, jetzt selbst Fremdlingen Schutz und Hilfe zu gewähren. Da sind wir mitten in der deutschen Tagespolitik angekommen. Die Probleme, Unterkünfte für Asylsuchende hier in Sachsen einzurichten, sind bekannt. Jeder sagt, grundsätzlich ja, aber bitte nicht gerade in meiner Nachbarschaft! Natürlich kannte das alte Israel keine zentralen Unterkünfte für Hunderte Asylsuchende aus aller Welt, die den Konfliktstoff ja in sich tragen, sondern es gab damals nur einzelne, die Hilfe suchten. Es wäre auch gut, wir würden die Asylsuchenden so schnell wie möglich einzeln unter uns aufnehmen, jede Kirchgemeinde oder Schulen oder Kindergärten könnten z. B. eine Patenschaft übernehmen.
Die zweite Gruppe von Schwachen waren die Witwen und Waisen. In einer Gesellschaft, in der die Großfamilie das soziale Netz bildete, waren Witwen und Waisen  wirklich hilfsbedürftig und brauchten anstelle der verlorenen Ehepartner und Eltern andere Sicherheiten. Jahrhundertelang wurde im Fürbittengebet unserer Gottesdienste noch besonders an diese Gruppe von Schwachen gedacht und für die Witwen und Waisen gebetet. Erst in den letzten beiden Generationen hat sich das bei uns gewandelt. Kaum jemand spricht jetzt noch von Witwen und Waisen, als wären das Schimpfwörter. Der Staat sorgt für Menschen, die ohne den Schutz einer Familie dastehen. Trotzdem tragen Kinder, die ihre Eltern verloren haben, und Menschen, denen der Ehepartner gestorben ist, immer noch ein schweres persönliches Los. Aber zu den schutzbedürftigen Schwachen gehören heute vielleicht eher andere: Kinder, deren intime Fotos kommerziell vermarktet werden. Kinder in Osteuropa, deren Eltern irgendwo in Westeuropa ihren Lebensunterhalt verdienen und die bei den Großeltern als „Eurowaisen“ großwerden.
Weiter ist im 2. Buch Mose von den speziellen Armen die Rede, die unter hohen Zinslasten leiden („Wucher“ wird das genannt). Zinsen betrugen in biblischer Zeit nicht selten 50 % des geliehenen Realwertes. Das ist heute nicht der Fall. Trotzdem gibt es noch Menschen, die durch leichtfertige Kredite in Schuldenfallen geraten. Aber Mose verbot geradezu das Zinsnehmen von Menschen in Not. Es gibt auch heute kirchliche Kampagnen gegen das Zinsnehmen, vor allem von reichen Völkern wie Deutschland von armen Völkern in der Zweidrittelwelt. Wirtschaftlich betrachtet eine schwierige Frage, weil keiner wirklich die Wege des Geldes durchschaut und ein funktionierendes Bankenwesen auch ein Motor der Entwicklung ist. Man muss wohl unterscheiden zwischen allgemeinem Geldwesen und konkreter Nothilfe, die wirklich Armen Schulden erlässt.
Weiter wird die Pfandleihe angeprangert: Man versetzte in einer Notlage Wertgegenstände gegen Bargeld, in der Hoffnung, sie bald wieder auslösen zu können. Es gibt noch ein ehemaliges Leihhaus in Leipzig, die Praxis aber kaum mehr. Mose fordert in Gottes Namen: Wer den Mantel eines anderen als Leihpfand nimmt, soll ihn vor Sonnenuntergang zurückgeben, damit der andere nachts nicht friert. Ein Tagespfand macht aber eigentlich keinen Sinn mehr, höchstens für den Tagelöhner, der abends seinen Lohn erhält. Damit wird auch das Pfandleihen für Unrecht erklärt, jedenfalls in Notsituationen. Es gibt also bereits in der mosaischen Gesetzgebung einen starken Schutz der Schwachen, an den Jesus anknüpft und den er überbietet.
Das alte Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, von dem Jesus in der Bergpredigt spricht, war kein Gewaltaufruf, sondern ein Appell zur Eindämmung der Gewalt! Es soll keine maßlosen Strafen mehr geben, sondern nur noch eine angemessene Reaktion. Für Körperverletzung nicht mehr die Todesstrafe. Das klingt für uns heute immer noch ein bisschen wie Scharia, aber wir haben das Rechtswesen inzwischen auch weiterentwickelt, es gilt nicht mehr Auge um Auge, sondern eine angemessene Geld- oder Haftstrafe für Körperverletzung. Die fortschreitende Zivilisierung des Rechts bedeutet aber auch, dass man politische Auseinandersetzungen nicht mehr mit militärischer Gewalt gegen Demonstranten, aber auch nicht mit brennenden Barrikaden und gewaltsam erstürmten Gebäuden zum Ziel zu führen versucht.
Was Jesus in der Bergpredigt den mosaischen Gesetzen hinzufügt oder womit er sie überbietet, ist eine völlige Radikalisierung der Vergebung oder eine extreme Zivilisierung der Konflikte. Er sagt, dass wir „dem Übel“ nicht widerstehen sollen, sondern ihm entgegentreten sollen durch entwaffnende Überbietung. Wer einen Schlag auf die rechte Wange erhält, der soll nicht zurückschlagen, sondern auch noch die linke Wange hinhalten. Wem das Obergewand geraubt wird, der soll auch noch das Untergewand dazugeben. Und wer dienstverpflichtet wird, einem römischen Soldaten das Gepäck oder die Munition eine Meile weit zu schleppen, der soll noch freiwillig eine zweite Meile zulegen. Das gilt seitdem als Gesetz der Bergpredigt und als Gipfel christlicher Feindesliebe.
Jeder von uns aber weiß, dass es im Ernstfall sehr, sehr schwer ist. Es gibt Beispiele, wo durch solch entwaffnendes Verhalten wirklich Gewalt deeskaliert worden ist. Aber ob ein solches überlegtes Verhalten in dieser Form grundsätzlich immer funktioniert oder nicht nur eine Ausnahmeregel darstellt? Wenn Einbrecher in deinem Haus die Balkontür aufbrechen, dann öffne ihnen gleich den Tresor, übergib ihnen deinen Garagen- und Autoschlüssel… Wenn du vergewaltigt wirst, biete dem Täter auch dein Kind an… Verteidige dich nicht, wenn du angeklagt wirst, sondern bekenne dich schuldig gleich noch an anderen Straftaten… Wenn wir aus den extremen Beispielen Jesu allgemeine Verhaltensregeln ableiten wollten, würde die Welt nicht heiler, sondern empfinge neue Wunden. Er hat es wohl auch anders gemeint. Es geht ihm darum, dass allein Vergebung, nicht Vergeltung die menschlichen Konflikte dieser Welt zivilisieren kann. Wie schwer muss es sein, dass ein Jude oder auch ein Russe oder ein Niederländer, dessen Familie von deutschen Nazis umgebracht wurde, diesem unserem Volk vergeben kann! Wie schwer muss es sein, dass eine Mutter dem Sexualstraftäter, der sich an ihrem Kind vergangen hat, vergeben kann! Und doch sind solche Vergebungen passiert. Aber es sind extreme Situationen, an denen wir nicht den Normalfall des Lebens messen können. Der Normalfall aber stellt uns vor Fragen wie: Wie gehe ich mit politischen Gegnern um? Wie gehe ich mit Mitarbeitern meines Unternehmens um? Wie gehe ich mit meiner Familie um, die sich in einer Zerreißprobe befindet? Wie gehe ich in meiner Kirchgemeinde mit Spannungen um? In diesen Situationen bewährt sich der Glaube, wenn er uns zivilisiert reagieren lässt, wenn er sich an Jesu Handeln orientiert – uns nicht persönliche Rechnungen begleichen lässt, nicht einer Mentalität des Heimzahlens Raum gibt, nicht triumphiert über die Niederlage des anderen. Hier zeigt sich ein Glaube, der scheinbar ganz wenig Bezug hat zu Frömmigkeit oder Liturgie, sondern vielmehr zur Lebensgestaltung. Ein Glaube, der nicht viele Worte um Gott macht, aber aus dem Geist Gottes handelt.
Die Zivilisierung der Gewalt ist ein langer und schwerer Weg – man könnte sagen, vom Tierreich zum Himmelreich. Warum lässt Gott es zu, dass so lange und so oft Gewalt geschieht? So ist die Frage falsch gestellt. Dann müssten wir auch fragen, weshalb Gott Menschen, Tiere, Natur geschaffen hat und nicht perfekte, gute Automaten. Die Geschichte der Zivilisation oder überhaupt unser Leben ist ein Bewährungsfeld. Es hat keinen Sinn zu fragen, weshalb Gott die Welt nicht anders gemacht habe. Diese Frage beinhaltet immer schon die Überheblichkeit, wir hätten es besser gemacht. Sondern wir können nur nach vorn blicken und fragen, welche Anstöße zum Denken und Handeln heute Jesus uns gibt. Und Gott hat uns in seinem Sohn Jesus Christus kräftige Impulse gegeben.
Vergebung statt Vergeltung – eine großartige Idee. Aber nicht leicht aus dem Ärmel zu schütteln. Wer selbst in schweren Konflikten gestanden hat, wer Kriegserfahrungen machen musste oder Familientragödien durchlitten hat, weiß, wie schwer Vergebung sein kann. Sie ist leicht von anderen zu fordern, aber selbst schwer zu gewähren. Vergebung muss erst gelernt werden. In jedem Leben von Kind an, in jeder Generation und in jedem Volk und jeder Epoche neu. Solche Ideen vererben sich nicht in direkter Erbfolge, aber vielleicht über Jahrhunderte. Und zu ihrer Entwicklung braucht es manchmal verrückte Ideen. Die Bergpredigt ist eine solche Sammlung scheinbar verrückter Ideen.
So ist es auch mit der Gewalt in der Ukraine. Sie braucht jesuanische Impulse – Vergebung, Besänftigung, Glaube, Gebet. Sie wird hoffentlich einmal überwunden oder zivilisiert sein – auf der ganzen Erde. Aber nicht von heute auf morgen. Jesus hilft uns dabei mit seinen Worten und seiner geistigen Gegenwart, aber der Weg zum Paradies ist lang.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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