Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis zu Lukas 19, 1-10
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis zu Lukas 19, 1-10

Predigt vom 11.10.20 (Pfarrer Frank Bohne) Ort: Martin-Luther-Kirche

Der Predigttext wurde als Evangelium gelesen.
Am Eingang erhielt jeder Besucher ein Meditationsbild „Jesus und Zachäus“ von Sieger Köder (zu beziehen bei schwabenverlag-online.de

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Die Gnade unseres Hernn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Das Wort für die Predigt haben wir als Evangelium gehört. Die kleine Bildkarte, die Sie bekommen haben, soll die Zachäusgeschichte wie ein Lesezeichen in uns wach halten, auch wenn ich erst später auf sie eingehe. So segne der Herr an uns sein Wort.

Liebe Gemeinde!

Krach gab es nach dem Gottesdienst. In heftigem Disput waren ein paar Geschwister zurückgeblieben. Die Sonne war schon längst untergegangen, aber die aufgebrachten Stimmen im Innern des Hauses waren immer noch zu hören. In der kleinen Stadt am Meer lebten Griechen, auch ein paar Juden, und seit neuestem Christen. Früher waren sie mit in die Synagoge gegangen, oder hinauf in den Tempel. Nun aber nicht mehr. Sie trafen sich am ersten Tag der Woche bei Gregorius, dem Schmied, denn der besaß von allen die größte Hütte. Ihr Glaube war einigen Bewohnern der Stadt schon aufgefallen. Wie sie miteinander umgingen. Den Bettlern am Markt oft etwas zusteckten. Sich einander aushalfen, wenn jemanden eine Krankheit oder ein schweres Ungück traf. Hafenarbeiter waren darunter, ein paar Sklaven, der arme Töpfer vom Stadtrand. Heute aber war etwas passiert: Heute hatte die kleine Versammlung einen ungebetenen Gast. Der Stadtvorsteher, den die Römer eingesetzt hatten, war dazugekommen. Er lebte in einer respektablen Villa in der Oberstadt. Hatte etwa sein Haus-Sklave ihn mitgebracht? Woher hatte er vom Gottesdienst erfahren? Auch dass man zum Abendmahl etwas mitbringt, hatte er offensichtlich gehört. Denn ganze Körbe mit süßem Brot, Oliven und Obst, dazu erlesenen Wein hatte er in die Mitte gestellt und aufmerksam verfolgt, wie Gregorius sprach. Dann hatte er wie die anderen die Hände zum Gebet erhoben und mitgesungen. Schließlich war er mit fröhlichem Gesicht gegangen, wie die anderen Besucher, die sich vor dem heiligen Mahl zurückzogen. Als die Feier geendet hatte, entzündete sich ein heftiger Streit: Was soll nun geschehen? Was sollen wir tun, wenn der Stadtvorsteher wiederkommt, am Ende gar die Taufe begehrt?  'Mit reichen Leuten wie ihm ist nicht zu spaßen', meinten einige. „Was will der hier bei uns armen Leuten?! Der passt nicht zu uns.“, sagte der Töpfer. „Man muss ihm zu verstehen geben, dass er hier nicht willkommen ist!“ „Der hat doch ganz andere Interessen. Und außerdem ist da seine Verpflichtung gegenüber den Römern. Habt ihr vergessen, dass die unsern Herrn Jesus gekreuzigt haben?“ So ging die Rede hin und her. Doch dann ergriff Damaris, die Frau des Schmieds, das Wort:  „Habt ihr vergessen, was Christus in Jericho getan hat? Als der Zöllner auf den Baum gestiegen war, um Jesus zu sehen?  ER hat ihn vom Baum geholt und ihn zu Hause besucht. Die ganze Stadt war aufgebracht. Jesus aber hat gesagt: 'Auch er ist Abrahams Sohn.' Habt ihr vergessen, dass unser Glaube Menschen verändert? Beim Oberzöllner ist das passiert, gleich als Jesus zu ihm kam. Den Armen hat er von seinem Reichtum ausgeteilt! Was ist, wenn der Stadtvorsteher sich tatsächlich für unseren Glauben interessiert, sich bekehrt? Brecht nicht so schnell den Stab. Er ist ein Mensch wie wir.“ Darauf hatten alle geschwiegen. Sie beteten noch einmal und entschieden, dass ein Bote der Gemeinde zu ihm gehen soll. Ihm danken für all die Gaben. Ihn fragen, was er von der Gemeinde denkt. Und ihn einladen, wenn er wieder kommen will... Grenzüberschreitung… So stelle ich es mir vor, wenn das Evangelium Hürden nimmt. Aus einem abgezirkeltem Milieu - der damaligen Unterschicht - auch in andere Schichten hinein. Vielleicht hatten sie irgendwie gedacht, das Heil für sich gepachtet zu haben, und taten sich deshalb so schwer, von Gewohntem auch nur eine Handbreit abzurücken. Die Erinnerung an Jesus aber - sein Ja zu Zachäus – hat geholfen, und wirkt noch immer Wunder.
Dass unerwartet Fremde dazukommen wollen, ist in unsern Tagen nicht allzu häufig. Doch es geschieht. Manchmal merkt es Kirche, weil sie permanent mit sich selbst beschäftigt ist, nur nicht gleich. So geschehen in einer kleinen Gemeinde, kaum 10 Kilometer von hier: bei Kindergruppen, Junger Gemeinde ist da schon jahrelang der Ofen aus. 5 Leute am Sonntag im Gottesdienst, selten mehr...Dann kam Weihnachten. Die Kinder der Nachbargemeinde hatten einfach keine Lust mehr, ihr Krippenspiel zweimal zu spielen. „Traurig, traurig“, sagten einige, „dann muss es eben ohne gehen...“ „Dann muss es eben anders werden!“, sagten andere. „Ganz anders!“ Eine Initiative von Eltern entstand. Die fragten andere Eltern, von den Schulfreunden ihrer Kinder. „Habt ihr Lust mitzumachen? Heiligabend  in der Kirche?“ Die Resonanz war erschreckend-positv: An die 30 Kinder wollten spielen, aber nur zwei davon waren getauft… Bei so vielen, die mitmachen wollten, blieb gar nichts weiter übrig als zwei Krippenspiele aufzuführen. Jedesmal voll, mit Omas, Tanten und Verwandten. Doch dann ging der Stress erst richtig los: Wie sich bedanken, bei den Kindern und  ihren Eltern, die sich engagiert hatten, aber gar nicht zur Kirche gehörten? Spruchkalender wie sonst waren da wohl Fehlanzeige! Was hatte sich Gott nur dabei gedacht? Sie hatten der Gemeinde etwas geschenkt … Man lud sie ein als Dankeschön, zu einem Sommer-Wochenende mit Hüpfburg und Zelten im Garten. Lagerfeuer, Kirchenkino in der Nacht. Sonntags Frühstück und dann Adieu. Und der angestammte Gottesdienst um 10.00 ? Die Vielen zu den Fünfen? Nein, das geht nicht! - war schnell klar. Da wackelt der Schwanz mit dem Hund. Umgedreht wird ein Schuh draus: Die Fünfe zu den Vielen! Also Auftakt in der Kirche am Samstag mit 30 kirchenferen Leuten. Und Pfarrer, gib dir Mühe! Wie immer geht da nicht. Da soll was rüber kommen. Zu Menschen, die mit leeren Worthülsen nichts mehr anfangen können.
Ich denke, in dieser Gemeinde ließ Zachäus freundlich grüßen. Das Murren jedenfalls war zu hören. Gemeinde hat sich angepasst. Verändert.  Es läuft seit nunmehr sieben Jahren. Man experimentiert und schaut, was Gott daraus wohl macht. Für andere. Denn auch die sind doch Abrahams Sohn. Und Töchter mit dazu.
So was geht nur, weil da draußen in der Pampa mit Kirche alles runter war, denken jetzt vielleicht ein paar in unsern Reihen. Hier in der Stadt, da geht das nicht. Geht doch!, sag ich. Und ich denk dabei an einen sich stark verjüngenden Leipziger Stadtbezirk. Zuzug. Künstermilieu. Die meisten kirchenfern. Eine große Backsteinkirche steht in der Mitte. Sie wird zum Stadtteilzentrum umgebaut. Die Gemeinde muss sich öffnen, sonst gibt es keine Fördermittel. Zu recht. Denn warum sollte der Staat der Kirche Geld schenken, wenn die nur unter sich bleiben will?!
Eine junge Vikarin kommt auf die Idee eines Musik-Festivals am Wochenende. Es wird ihr „Diakonisches Projekt.“ Diakonie mal ganz wörtlich: Wie können wir, als Gemeinde, den Menschen, die in unserer Nachbarschaft leben, dienen? Unserm Stadtteil Gutes tun? Sie entwirft Plakate und Flyer, stellt sich selber auf die Straße zum Verteilen. Und an zwei Tagen ist die Hütte voll.
Und der Sonntags-Gottesdienst? Der wird zum Spagat. Diskussionen mit Traditionellen zeichnen sich ab. Doch es ist wie beim Sport: wenn man sich vorbereitet und übt, sich wirklich Mühe gibt, und wenn's drauf ankommt, auch mal ein Ziepen aushält, dann gelingt sogar ein Spagat.
Und wieder lässt Zachäus grüßen. Gemeinde verändert sich, ein Stück auf die Mitmenschen zu. Damit auch ihnen Heil widerfährt.
Und bei uns in Markkleeberg? The same procedure as every year?
Das Denkmal, das sich nennt „Wie immer“, wackelt. Man muss nur aufmerksam seit den letzten Monaten in unsere Reihen blicken.
Ab und an schaut auch bei uns ein Zachäus, eine Zachäa vorbei. Unbemerkt vom Gros der Gemeinde. Junge Leute um die dreißig wollen sich taufen lassen. Sind gebildet, technische Intelligenz. Und es ist hoch-spannend, den Glauben im Abendkurs in ein ganz anderes Milieu hinein zu sprechen. Und dann weiß Ihr Pfarrer nicht, wohin er jene Menschen einladen soll.  Wir haben viele Gruppen für Senioren, eine Menge für Kinder - gleich mehrmals die Woche. Doch für Leute über 30? Junge Familien?
Seit Jahren beklagen Engagierte im Ausschuss für Familien, wie die Ablehnung zu spüren ist, wenn Jüngere mit Kindern zum Gottesdienst in die Kirche kommen. Das Murren ist sublimer, verhaltener als in unserer Geschichte. Ein Räuspern, ein gestrenger Blick. Offen beschwert sich keiner. Jedenfalls ist es kein Schön-dass-ihr-da-seid. Kommt, nehmt Platz, wir stecken für euch zurück...
Und sitzt man erst an der neu gestalteten Mitte vorm Bäcker in der Rathausstraße, da wo Markkleebergs Leben pulsiert, und betrachtet die Leute, ganz normale Leute mit Taschen, Rädern, Kinderwagen, gepierct, gestresst und abgehetzt…  Was wäre, wenn sie kämen? Würden wir uns verändern? Welcher Ort in der Gemeinde könnte für sie „passen“ ? Ob es diesen Ort erst noch zu gestalten gilt?
Das Interessante auf der kleinen Karte, die ich Ihnen ausgeteilt habe, ist für mich die „Menge“. Nicht alle murren und schimpfen. Im Grunde sind's nur zwei, die drohen. Vielleicht sind die ja nur die Lautesten. Der Schatten der erhobenen Faust an der Hauswand ist weit größer als in Wirklichkeit. Ein paar andere in der Szene sind schon im Gespräch, was die Einladung Jesu wohl bedeuten mag. Erhobene Zeigefinger sehe ich auch. Doch das muss kein Indiz für Ablehnung sein. Vielleicht eher für eine aufmerkende Erkenntnis: Da passiert gerade etwas. Andere scheinen an ihren Fingern abzuzählen, was sich daraus entwickelt. Und einer hält erschrocken die Hand vor den Mund. Denn ihm wird wohl gerade klar, welche missionarischen Konsequenzen das Annehmen dieses Oberzöllners für die Gemeinde haben könnte.
Nehmen Sie die Karte mit und denken Sie daran zu Hause weiter. Als Lesehilfe für die Zeichen der Zeit, bei Veränderungen auch in unseren Gemeinden, die gewiss in den  nächsten Jahren kommen werden.
In der kleinen Hafenstadt am Meer hatte es Krach gegeben, weil ein reicher, einflussreicher Mensch sich für den Glauben zu interessieren begann. Auch in Jericho hatte es Krach gegeben, als Jesus so unverblümt beim Oberzöllner Zachäus eingekehrt war. Und sicher gab es Krach in den Gemeinden, von denen ich Ihnen erzählt habe.
Leicht war es nie, sich auf Veränderungen einzulassen, wenn Leute, die nicht zu uns zu passen schienen, sich auf einmal dafür interessieren, was Kirche macht, wie Gemeinde lebt, wie und woran Christen glauben. Doch geschadet hat es nicht. Im Gegenteil! Glaube war gefordert, von Christus nicht zu klein zu denken. Gemeinde hat sich entwickelt und dabei jene Spannkraft hervorgebracht, die wir heute so dringend brauchen.
Was geschieht, wenn jemand dazukommen möchte? Kann deine und meine Phantasie sich solch eine Situation überhaupt noch ausmalen? Dass es jemand stark findet, was wir da haben und woran wir glauben. Und gern dazugehören möchte. Gibt es eigentlich etwas Schöneres?
In welchem Maße sind wir bereit, dafür etwas vom Gewohnten zu opfern, ja uns auch selbst zu ändern?

Der Friede Gottes, der mehr umfasst, als wir verstehen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in diesem Wagnis. Amen.

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Frank Bohne
Pfarrer Frank Bohne
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!