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Predigt zum Reformationsfest zum 500-jährigen Reformationsjubiläum
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Predigt zum Reformationsfest zum 500-jährigen Reformationsjubiläum

Predigt vom 31.10.17 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

500 Jahre Reformation kommen heute zu ihrem feierlichen Höhepunkt. Es ist ein Wunder Gottes, dass die lutherische Kirche dieses Jubiläum feiern kann. Im 30-jährigen Krieg, in der NS-Zeit und im Sozialismus hätte es mit ihr zu Ende gehen können, aber sie lebt. Martin Luther hat sich wohl kaum vorstellen können, dass nach 500 jahren eine weltweite Kirchengemeinschaft seinen Namen trägt.

Der heutige Festtag schließt ein Jubiläumsjahr ab und eine zehnjährige Vorbereitung – die Lutherdekade. Es hat in den letzten Monaten harsche Kritik von Freunden und Feinden gehagelt von einer vertanen Chance, von grandiosen Fehleinschätzungen und verschleuderten Steuergeldern. In manchem kann ich in diese Kritik einstimmen, in manchem aber nicht. Was hatten wir denn erwartet? Hatten wir erwartet, dass die evangelische Kirche die katholische endlich besiegen und überholen und zur kirchlichen Weltmacht Nummer eins aufsteigen würde? Nein, das hatte ich nicht erwartet. Hatten wir erwartet, dass ein neuer Luther mit einem revolutionären Programm die Welt noch einmal so verändern würde, wie es Luther eher unbeabsichtigt gelungen war? Nein, das hatte ich nicht erwartet. Die letzte revolutionäre Veränderung liegt auch erst 27 Jahre zurück. Hatten wir erwartet, dass die 80 % konfessionsloser Zeitgenossen in Ostdeutschland wieder in die Kirche eintreten würden, als sei nichts gewesen? Nein, auch das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte allerdings auch nicht erwartet, dass gerade in diesem Jubiläumsjahr eine Rekordwelle von Kirchenaustritten erfolgen würde, auch in unserer Gemeinde. Und ich hatte nicht erwartet, dass man die Botschaft der Reformation so dümmlich verplempern würde, wie es etwa auf der Plakatkampagne der EKD im Sommer geschehen ist, wo wasserballspielende Elbbiber und pettikoattragende junge Frauen für einen Besuch in Wittenberg warben, und wie es durch den  Reformationstruck geschah, der 40.000 km durch Europa fuhr, um bei seinen Halten in großen Städten seichte Fragespielchen zu verteilen. Das steht im völligen Widerspruch zu der lebensgefährlichen Protestbewegung vor 500 Jahren und zu dem tödlichen Bekennermut, den viele Evangelische in diesen 500 Jahren bewiesen haben.

Wer aber bei diesem Jubiläum nicht ganz auf seine Kosten gekommen ist, der sollte es auch nicht zu schwer nehmen. Im Durchschnitt hat jeder Evangelische in seinem Leben mindestens sechs Gelegenheiten, große Reformationsjubiläen zu feiern! In 50 Jahren ist es wieder soweit – 550 Jahre Reformation, denn jedes Halbjahrhundert wird gefeiert. Dazu kommen regelmäßige Jubiläen von Luthers Geburtstag 1483, von der Einführung der Reformation in Kursachsen 1539 oder vom Augsburger Bekenntnis 1530. Wir dürfen ein Jahrzehnt Luft holen, dann geht es weiter: 2030 feiern wir 500 Jahre Augsburger Bekenntnis, 2033 Luthers 550. Geburtstag und 2039 500 Jahre Einführung der Reformation in Kursachsen, also auch Leipzig und Gautzsch. Das haben viele von euch noch vor sich. Ich selbst erinnere mich an das 450. Jubiläum vor 50 Jahren. Ich war 13 Jahre alt, war Konfirmand und hatte schon den in der DDR verrückten Wunsch, Pfarrer werden zu wollen. Mein Vater fuhr mit mir an diesem Tag zu einem theologischen Vortrag eines berühmten Leipziger Theologieprofessors nach Karl-Marx-Stadt in die Petrikirche. Der Vortrag war knattertrocken für einen Konfirmanden, ich weiß kein Wort mehr davon, aber der Eindruck einer vollen Kirche in der DDR-Zeit war immer ein prickelndes Erlebnis, weil es die DDR-Ideologie vom Absterben der Religion Lügen strafte und ein Stück Widerstand war. Es war eine Zeit, in der das Bekennen für Jugendliche gefährlich war und harte Konsequenzen hatte – meinen Lebensweg hat es geprägt – und wir waren an Luther vielleicht näher dran als heute!

Viele Gemeinden feiern das Ereignis – in Wittenberg, in Dresden und anderswo. In Leipzig gab es in der vollbesetzten Peterskirche vorgestern ein sehr schönes Mendelssohn-Konzert. Ich möchte gegen alle Unkenrufe vieles am Reformationsjubiläum positiv würdigen. Die thematische Vorbereitung der Lutherdekade mit ihren jährlichen Schwerpunkten und den daraus erwachsenen Impulsen für die Gemeindearbeit hat mir große Freude bereitet und mich inhaltlich bereichert. Ich weiß dadurch heute viel besser, welchen Reichtum wir der Reformation verdanken. Auch die Sanierung der Lutherstätten nehme ich mit Dankbarkeit wahr. Besuche in Eisleben, Wittenberg, Eisenach und Torgau sind heute echte Erlebnisse. Auch ist Luther in aller Munde. Es gibt so viele Bücher, die erschienen sind, Ausstellungen, die zu sehen waren, Konzerte und Kompositionen, Spiele, Theaterstücke, Filme, Pilgerwege – auf nationaler Ebene, aber auch auf der Basis vieler Gemeinden. Noch nie ist zu einem Reformationsjubiläum so viel an Initiativen und Neuschöpfungen entstanden. Auch Nicht-Lutheraner haben dabei kräftig mitgewirkt. Das ist alles der Mühe wert und ein Grund zur Freude und Dankbarkeit.     

Und dennoch empfinde ich, dass das Feiern allein und auch die großen musikalischen Lobgesänge dem Jubiläum nicht genügen. Die evangelische Kirche ist zur Reformationszeit als eine Kirche des Bekennens angetreten. Was Luther in der vierten Strophe seines Chorals „Ein feste Burg“ gedichtet hat: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib“ und was wir heute als problematisch zu singen empfinden, das haben Evangelische in Zeiten der Verfolgung und Bedrängnis wirklich erlitten: Es waren beispielhaft die Opfer der Bartholomäusnacht in Paris, die böhmischen Exulanten, die alles verlassen mussten, oder die Lutheraner in der Sowjetunion unter Stalin, aber auch Deutsche wie der Jurist Hermann Reinmuth in der NS-Zeit, der auf unserem Friedhof ruht. Und es waren nicht nur evangelische – auch katholische und orthodoxe Christen sind um des Evangeliums willen verfolgt worden. Gott führt uns auch durch schwere Prüfungen hindurch.

Was bedeutet angesichts dieser ernsten Geschichte Bekennen für uns heute? Wir genießen die Gnade einer späten Geburt und können Gott danken dafür, dass es uns hier und heute als Christen nicht an Leib und Leben geht und wir eine Freiheit erleben wie nie zuvor. Es verpflichtet uns aber mindestens zur Aufmerksamkeit auf das harte Los all der verfolgten Christen in der Welt, zur Fürbitte für sie und, wo möglich, zur Unterstützung. Das ist das erste.

Das zweite aber ist, dass zum Bekennen ein Kennen gehört oder ihm vorausgeht. Zu bestimmten Zeiten waren Evangelische stolz auf ihre gute Bibelkenntnis und ihre Glaubensbildung. Heute sind viele Evangelische in dieser Beziehung sehr, sehr schwach. Sie beziehen ihre religiöse Weiterbildung aus Fernseh-Talkshows oder leichter Literatur, aber nicht aus dem Dialog in der Gemeinde oder vom Besuch etwa einer evangelischen Akademietagung. Diese inhaltliche Schwäche macht manche unter uns anfällig für Kirchenaustritte, für unsachgemäße Kirchenkritik oder auch für andere, teils dubiose religiöse Angebote – bis hin zu Konversionen zum Islam, denen gerade junge Menschen auch in Sachsen erliegen. Bekennen ist ein Vorgang, der die eigene Befähigung zum Glauben voraussetzt.

Das dritte ist: Bekennen ist keine trotzige Reaktion gegen neue Herausforderungen unserer Zeit, auch keine Beschwörung alter Anbetungsrituale nur um der Tradition willen, sondern ein sensibler, friedfertiger, aber ehrlicher Dialog über Glaubensfragen. Davon sind wir weit entfernt. Wir sind stolz auf ökumenische Fortschritte und das Ende der gegenteiligen Verteufelung. Das ist auch gut und wichtig. Und doch verkleistern wir im Bedürfnis nach Harmonie die bestehenden Unterschiede. Wir führen über die Themen, die uns noch trennen, keinen wirklichen Dialog. Luthers 95 Thesen waren hauptsächlich dem Thema Ablass gewidmet – aber es gibt keinen ökumenischen Dialog heute über dieses Thema, das noch nicht zu Ende diskutiert ist. Wir brauchen nicht nur ökumenische Gottesdienste, sondern streitbare ökumenische Disputationen! Auch im Blick auf fundamentale Unterschiede zwischen evangelischen Christen, etwa Pfingstlern und Lutheranern, oder zwischen Anhängern und Gegnern der sächsischen Bekenntnisinitiative in unserer Landeskirche sind Disputationen dringend erforderlich, wie sie zaghaft vor drei Jahren eingeleitet worden waren, aber wieder eingeschlafen sind. Wir sind uns untereinander als Evangelische vielleicht uneiniger als mit den Katholiken! Und erst recht im Blick auf andere Religionen, ob Buddhismus oder Islam, die in Deutschland Raum gewinnen wollen, sind Disputationen nötig, wahrscheinlich sogar zuerst unter uns. Die menschliche Seite des Zusammenlebens mit Fremden gelingt am ehesten, wenn es um diakonisches Helfen geht, aber man muss sich auch über Glaubensvorstellungen verständigen. Bekennen ist eine lebendige Auseinandersetzung über den Glauben, ohne den anderen zu verketzern, aber auch ein Nicht-Ruhe-Geben auf der Suche nach der Wahrheit.

Und viertens ist Bekennen ein Zeichen der Treue. Ich bekenne mich zu Konstanten meines Lebens und meiner Geschichte. Ich bekenne mich zu meiner Familie, zu meinem Volk, zu meiner Kultur – und auch zu meiner Kirche. Es sind nicht alles Ruhmesblätter, die da geschrieben wurden. Aber Parteien steigen auf und ab, Staaten entstehen und vergehen – doch die Kirche hat Gott erhalten über 500 Jahre, nein sogar durch zwei Jahrtausende. Traditionen sind zwar nicht um ihrer selbst willen gut, aber sie haben trotzdem einen hohen Wert, weil sie uns an unsere Wurzeln und Nährkräfte führen. Auch in unserer satten und freien Zeit ist die Kirche gefährdet – von der Gleichgültigkeit vieler ihrer Glieder, vom Wertverlust in der Gesellschaft und von politischen und religiösen Angriffen von außen. Bekennen heißt heute auch, Kirche und Gemeinde sichtbar und spürbar stärken.

Das ist es, womit ich aus dem Reformationsjubiläum hinausgehe und mich auf weitere Jubiläen jetzt schon freuen kann!

 Es gilt das gesprochene Wort.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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