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Predigt am Karfreitag über Jh. 19,19-22, „INRI“
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Predigt am Karfreitag über Jh. 19,19-22, „INRI“

Predigt vom 14.04.17 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

         bei Hinrichtungen, vor allem im Krieg, war es oft üblich, dass man den Verurteilten ein Schild um den Hals hängte, auf dem die Ursache zu lesen war: „Ich bin ein Deserteur!“ oder „Ich habe Blutschande getrieben.“ Jesus wurde kein Schild um den Hals gehängt, aber er erhielt ein Schild über seinem Haupt am Kreuz. Pilatus hatte es veranlasst. Es trug die Inschrift: „Jesus von Nazareth, der König der Juden.“ Es war sogar in drei Sprachen geschrieben, damit die internationalen Besucher es alle lesen konnten: in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Die lateinische Version wurde später abgekürzt zu INRI und ziert bis heute die meisten Kruzifixe auf den Altären, auch bei uns. Ein ungewöhlicher Vorgang.

         Diese Inschrift war natürlich keine Ehrung, sondern eine zynische Verspottung: Der König am Kreuz! Das war noch schlimmer als später der französische König Ludwig XVI. unter der Guillotine. Die jüdischen Oberen verstanden den Spott dennoch nicht und wollten Pilatus bewegen, die Inschrift zu ändern. Er solle schreiben, dass Jesus nur gesagt habe, er sei der König der Juden. Aber Pilatus weigerte sich: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben!“

         Die Frage, ob er der König der Juden sei, hatte ihm Pilatus im Verhör gestellt, sie spielt dort eine zentrale Rolle und durchzieht als ein Hauptmotiv die gesamte Passionsgeschichte. Jesus von Nazareth, der König der Juden! Jesus war der Antwort ausgewichen: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“, und hatte ihm nur bestätigt: „Du sagst es, ich bin ein König.“ Daraufhin legten die Kriegsknechte Jesus ein Purpurgewand um - einen Königsmantel – und setzten ihm eine Dornenkrone auf – Insignien eines Königs. Dann spitzt sich die Auseinandersetzung zwischen Pilatus und den Hohepriestern noch einmal zu. Mit den Worten: „Seht, das ist euer König!“ führt er ihn hinaus, und vergewissert sich nochmals: „Soll ich euern König kreuzigen?“ Die Hohenpriester aber treiben Pilatus in die Enge: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser, und lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht mehr, denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser!“ Wir haben diese Sätze vielleicht noch im Ohr aus Bachs Johannespassion, die wir vor wenigen Tagen hier gesungen und gehört haben und denen Bachs Musik noch eine besondere Ausdruckskraft verleiht. Die Hohenpriester drohen also Pilatus mit einer Hochverratsanklage – ein unglaublicher Vorgang.

         Judäa war zu dieser Zeit bereits römische Provinz und kein selbstständiges Königreich mehr, wie jedenfalls teilweise noch zu Zeiten der Geburt Jesu, als Herodes der Große als König herrschte. Zur Zeit der Kreuzigung Jesu aber gab es keinen König mehr in Jerusalem, nur im Norden, in Galiläa, hatte ein Verwandter, Herodes Antipas, noch einen eingeschränkten Machtbereich. In der Lukaspassion wird zwar berichtet, Jesus sei auch Herodes zum Verhör vorgeführt worden, aber wo und wie, das bleibt im Dunkel. Jedenfalls waren die Juden nicht römerfreundlich gestimmt, und die Drohung ihrer Oberen, Pilatus beim Kaiser zu verpetzen, wenn er Jesus freispäche, hat sie ganz vom Volk isoliert. Es geht letztlich um die Frage, wer die juristische Verantwortung für Jesu Tod trägt: die Römer oder die Juden? Es ist ein Zusammenspiel der Mächtigen beider Völker, von Intrigen, Aufhetzung und Einschüchterung geprägt, es war nicht die Bevölkerung, vor allem nicht das jüdische Volk, das Jesus an’s Kreuz gebracht hat. Es waren die Mächte dieser Welt, wie sie bis heute in vielen Staaten in der Person von Diktatoren ihre unrühmliche Rolle spielen, indem sie ihre Kritiker beseitigen. 

         Weshalb aber ist diese vermeintliche Königsrolle Jesu für uns heute überhaupt von Bedeutung? Könnten wir nicht sagen, nach dem Ende der Monarchie interessiert uns diese Tatsache gar nicht mehr? Dagegen spricht aber, dass es nach wie vor ein starkes Interesse auch an lebenden Royals gibt. Als die dänische Königin Margarete in diesem Jahr Wittenberg besuchte und für den Altar der Schlosskirche ein selbstgefertigtes Parament übergab, oder als das niederländische Königspaar Alexander und Maxima sogar Leipzig-Grünau besuchte, war das Interesse dafür sehr groß. Und ausgerechnet in Wittenberg ist im vorigen Jahr ein Mann namens Peter Fitzek als selbsternannter „König von Deutschland“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er ein neues Deutschland gegründet haben will und die Autorität der Bundesrepublik ablehnt. Das Interesse an Königen ist also lebendig.

         Dennoch ist Jesus in den letzten Jahrzehnten eher anders gesehen worden. Man hat ihn im Zuge der 1968er Bewegung und der Theologie der Befreiung zum Revolutionär und Freiheitshelden stilisiert. In der Tat hat er wenig königliches Auftreten an den Tag gelegt. Seine Jünger waren keine Leibgarde und keine Diener. Er besaß keinerlei Besitz oder Luxus. Er pflegte den Kontakt mit dem Volk und nicht mit den herrschenden Clans. Nur beim Einzug in Jerusalem wurde er als „König von Israel“ ausgerufen. Aber er erfüllt auch nicht so richtig das Klischee des Revolutionärs. Seine Ablehnung jeglicher Gewalt und seine gepredigte und gelebte Sanftmut sprechen eine ganz andere Sprache. Nein, er ist auch kein Vorläufer der Sozialdemokratie oder gar des Kommunismus, wozu ihn Friedrich Engels gern machen wollte.

         Wer war Jesus, als er gekreuzigt wurde? Wir können die Frage nicht ignorieren, denn allein die Inschriften an den Kruzifixen stellen uns diese Frage jeden Sonntag, und auch in Liedern und Gebeten im Gottesdienst sprechen oder beten wir Jesus immer wieder als König an. Seine zentrale Aussage lautet: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Und „ich bin in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll.“ – er ist der König der Wahrheit.

         Sein Reich ist nicht von dieser Welt – und doch ist er in die Welt gekommen um der Wahrheit willen. Die Unterscheidung des Reiches Gottes von den Reichen dieser Welt ist eine grundlegende Glaubenserkenntnis. Die enge Verbindung von religiöser und staatlicher Macht, die im Römischen Reich unter Kaiser Konstantin begann, hat über die Jahrhunderte immer wieder zu Verwerfungen geführt. In vielen Kriegen und Machtkämpfen wurde dabei der Glaube für politische Interessen missbraucht. Und auch heute noch berührt es uns unangenehm, wenn in Moskau Patriarch Kyrill und Präsident Putin gemeinsam im Kreml oder in der Kathedrale auftreten. Wir haben aber in der eigenen deutschen Geschichte genug Beispiele: der Tag von Potsdam in der Garnisonkirche, als Hitler mit der evangelischen Kirche zu paktieren versuchte, die  Einweihung des Greifswalder Doms 1989, wo sich Honecker und Bischof Gienke ein Stelldichein gaben. Wir haben auch den Bundespräsidenten Köhler 2004 in unserer Kirche freudig begrüßt. Und zum Kirchentag in Wittenberg wird wieder die ganze deutsche Politprominenz zu Gast sein.

         Die Unterscheidung des Reiches Gottes und des Reiches der Welt bedeutet aber nicht, dass wir Christen uns aus dem politischen Leben heraushalten sollten und auch nicht, dass die Kontaktpflege mit den Mächtigen oder die Zusammenarbeit mit dem Staat grundsätzlich Sünde wäre, wie es die Zeugen Jehovas und manche Freikirchen vertreten. Wir dürfen uns nur nicht vereinnahmen lassen, sondern müssen uns stets die Freiheit zur Kritik und auch zum Widerstand, wo er geboten ist, erhalten. Gottes Reich ist ein anderes Reich. Es ist das Herrschaftgebiet der Liebe, nicht der Gewalt, es durchdringt diese Welt auf allen Ebenen, es ist ein internationales, kein nationales Reich, vergleichbar dem Reich der Musik. Jesus war kein jüdischer Usurpator, er hätte Herodes nie Konkurrenz gemacht und vertrat keine machtpolitischen Interessen. Er hatte kein politisches, sondern ein ethisches Programm. Auch seine Abstammung aus dem Geschlecht Davids bedeutet keinen Thronanspruch, sondern einen geistigen Bezug. Insofern ist die Bezeichnung „König der Juden“ sogar irreführend. Sie bedeutet eigentlich „Messias nach jüdischer Verheißung für die ganze Welt“. Wenn wir heute vor Kruzifixen mit der Inschrift INRI beten, dann müssen wir sie in diesem Sinne verstehen.

         Was es aber bedeutet, dem König der Wahrheit zu dienen, ist eine kniffligere Frage. Schon Pilatus musste zurückfragen: Was ist Wahrheit? Daraus wurde eine philosophische Frage, die besonders im Neuplatonismus diskutiert worden ist, aber ich würde sie heute lieber Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Rüdiger Safranski vorlegen, als sie in unserem Hausbibelkreis zu thematisieren. Für den böhmischen Theologen Jan Hus war die Frage nach der Wahrheit die zentrale theologische Frage, die ihn umtrieb, und sie ist bis heute in Tschechien allgegenwärtig. An der Bethlehemkapelle in Prag gibt es seit zwei Jahren ein Denkmal mit dem Schriftzug „za pravda“ – „für die Wahrheit“. Hus meinte aber nicht die philosophische Wahrheit und nicht die Faktenwahrheit, die wir vor Gericht herausfinden wollen, sondern die Wahrheit des Christusgeschehens. Das meinte auch Jesus, als er sich Pilatus als König der Wahrheit vorstellte. Es geht um die wahre Situation des Menschen vor Gott in seiner Bedürftigkeit und um die wahrhaftige Gottessohnschaft Jesu zu unserer Erlösung – „wahrer Gott vom wahren Gott“ heißt es im Nizänischen Glaubensbekenntnis. Jesus ist der König der Wahrheit nicht als ein Kriminalinspektor der Menschheit, sondern als die Verkörperung des göttlichen Geheimnisses in der Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das ist die Wahrheit, um die es in der Bibel geht: Jesus von Nazareth, König der Wahrheit!

 Amen.

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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