Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt zur Jubelkonfirmation Sonntag Kantate, 18.5.2014, über den Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt zur Jubelkonfirmation Sonntag Kantate, 18.5.2014, über den Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“

Predigt vom 18.05.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,

wenn die evangelische Kirche am „Eurovision Song Contest“ teilgenommen hätte – welches Lied hätte sie eingereicht? Entweder Martin Luthers Choral “Ein feste Burg“ – oder den Lob- und Dankchoral „Lobe den Herren“ von Joachim Neander. Sie werden dieses Lied oft in Ihrem Leben gesungen haben – vielleicht damals zur Konfirmation, vielleicht später zur Hochzeit, vielleicht bei einer Kindtaufe, vielleicht bei einer Einsegnung. Oft gesungen – aber selten ist es Inhalt einer Predigt gewesen. Ich möchte das heute nachholen.

Wir verdanken das Lied dem Dichter Joachim Neander aus Bremen. Zuerst hieß die Familie Neumann, aber es war Mode, den Namen auf Griechisch zu veredeln, und so wurde aus Neumann „Neander“. Der Dichter hat den späteren Ruhm seines Liedes wie so oft nicht geahnt, und sein ärmliches Leben scheint gar nicht zu dem großen Lobgesang zu passen. Er wurde 1650 in Bremen geboren und erhielt mit 24 Jahren eine reformierte Schulrektorenstelle in Düsseldorf. Da er, wie es in pietistischen Kreisen Mode war, Hausbetstunden abhielt, wurde er von Amts wegen beargwöhnt und erhielt sogar Kanzelverbot. Die damals schöne Umgebung von Düsseldorf hatte es ihm angetan, er war Naturfreund und entdeckte die Schönheit eines Tales, das nach ihm später Neandertal benannt wurde. Über hundert Jahre später schließlich entdeckten Archäologen in jenem Tal Knochenfunde unserer menschlichen Vorfahren und gaben ihnen auch den Namen unseres Liederdichters! Der „Neandertaler“ lobe den Herrn!

Dieser herrlichen Hymne liegt der 103. biblische Psalm zugrunde, den wir als Lesung gehört haben. Ein Jahr nach dem Entstehen dieses Lieds verstarb Neander schon im Alter von nur  30 Jahren in seiner Geburtsstadt Bremen, wo er gerade eine Hilfspredigerstelle angetreten hatte. Man möchte diesem Lebensschicksal gar nicht „Lobe den Herren“ zutrauen!

Aber ist es nicht mit unseren Lebenswegen manchmal ähnlich? Sie dürfen heute auf rund 40, 65 oder gar 85 Lebensjahre zurückschauen. Nicht alles war glücklich. Wie viele Freunde oder Angehörige haben Sie verloren? Welche schweren Zeiten haben einige von Ihnen erlebt! Das Ende des Krieges, Vertreibung und Flucht aus der Heimat, Hunger und Entbehrung, den Kampf des Sozialismus gegen die Kirche mit vielen Schikanen, darunter der Jugendweihekampf gegen die Konfirmation, politische Verfolgung, Studien- und Arbeitsverbot, die Abbaggerung des Heimatdorfes und die Zerstörung der Konfirmationskirche und noch manches andere. Wie viele Träume von Liebe, Familie, von Reichtum, von Gesundheit, von Berufsglück sind vielleicht nicht in Erfüllung gegangen – auch wenn wir heute lieber an die glücklichen Weg denken? Es fällt uns leicht, Gott zu loben, wenn wir im Glück schwimmen. Aber auch bei mangelndem Glück hat das Gotteslob seinen Sinn. Es bewahrt uns immer vor Verbitterung – und wenn wir die kleinsten Körnchen des Dankes gegenüber Gott entdecken. Und es lenkt unsere Gedanken von unseren Ich-Bedürfnissen weg auf die große innere Ordnung, die Gott in unsere Welt gebracht hat. Lobe den Herren!

Die erste Strophe des Liedes klingt, als ob ein Orchester nach langer Pause die eingestaubten Instrumente auspacken solle und ein Chor, der in alle Winde zerstreut war, sich wieder zusammenfinden solle: „Kommet zuhauf, Psalter und Harfe wacht auf!“ Das Einstimmen in den Lobgesang Gottes ist die Grundmelodie eines christlichen Lebens. Einzelne haben es zu ihrem Beruf machen können, andere haben im gemeinsamen Gesang im Kirchenchor und im Gottesdienst eine solche Grundmelodie gefunden. Mancher, dem Gott nicht die Gabe des Gesangs gegeben hat, hat lieber Fußball gespielt oder Gartenzaun gebaut. Aber er hat damit auch auf seine Weise dem Schöpfer die Ehre gegeben, wie Neander bei seinen Spaziergängen im Nebental des Rheins. „Meine geliebete Seele“, so spricht der Dichter sich selbst an – eine wunderbare Anrede! Das Lied war nicht für den Gemeindegottesdienst gedacht, sondern für die private Hausandacht oder, wie er selbst schreibt, „auf Reisen oder bei Christen-Ergötzungen im Grünen“ – was auch immer diese Ergötzungen gewesen sein mögen. Moderne Theologen haben diese barocke Formulierung mehrfach umgedichtet, weil es ihnen zu schwülstig erschien. Aber ist es nicht herrlich, sich als „geliebete Seele“ anzusprechen? Da muss man doch mit sich selbst gleich zufrieden sein. Und nicht nur selbstzufrieden - sondern Gott ist zufrieden mit uns. Was dich auch belastet aus deinem Leben: Gott nimmt dich an, er spricht dir sein Geliebtsein zu – ist das nicht herrlich?!

Der Inhalt des Liedes ist die Führung Gottes in unserem persönlichen Leben. Die meisten Menschen glauben daran, dass unser Leben nicht allein von unseren bewussten Entscheidungen bestimmt wird, sondern von scheinbaren Zufällen, besser sprechen wir von wunderbaren Fügungen – im Hintergrund hält Gott die Fäden in der Hand. Dieser Führung Gottes habt ihr euch zur Konfirmation anvertraut. Wer weiß noch seine Träume aus dem Konfirmandenalter? Vielleicht habt ihr Gottes Führung aufs neue zur Trauung empfunden und immer wieder dann, wenn ein neuer Lebensabschnitt begann. Heute blickt ihr zurück, und das herrliche Lied fragt euch ab: „Hast du nicht dieses verspüret“ – wie Gott „dich auf Adelers Fittichen sicher geführet“ hat, dich „erhalten hat, wie es dir selber gefällt“, „dir Gesundheit verliehen“, „dich freundlich geleitet“ und „in Not über dir Flügel gebreitet“ hat, wie Er „deinen Stand sichtbar gesegnet“ und „aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet“ hat? „Denke daran“ und „hast du nicht dieses verspüret“?

Es sind starke poetische Bilder, die Neander hier geschaffen hat. „Adelers Fittiche“ und die „Regenströme der Liebe“ – solche Bilder müssen wir erst einmal finden für unser Leben! Vielleicht würden wir heute dichten, wie Gott uns mit dem Airbus oder mit einem Traumschiff oder mit unserem deutschen Lieblingskind Auto durch die große und weite Welt geleitet hat. Oder wir würden dichten, wie er uns ein Haus unserer Träume hat bauen lassen oder uns große Konzerte oder erfolgreiche Bücher oder Bilder hat gelingen lassen. Aber die barocke Bildpracht kann uns immer noch so ansprechen wie ein Gemälde von Rubens oder ein Konzert von Vivaldi.

Und dann die Beschreibung des Menschen, den Gott „künstlich und fein bereitet“ hat! Aus heutiger Sicht ist das Wort „künstlich“ missverständlich, als würde Gott einen Menschen klonen. Das Wort bedeutete „kunstvoll“, aber man fälscht nicht die Worte der alten Dichter. Schließlich „Lobe mit Abrahams Samen“ – auch dieses Wort ist manchen Neuerern anstößig gewesen und sie haben es verschlimmbessert. Gemeint sind die Kinder Abrahams, die Juden, und wir Christen mit ihnen als jüngere Geschwister, die neuen Kinder Abrahams.

Nicht nur der Text ist gelungen – auch die Melodie. Der Rhythmus, der in diesem Lied schwingt, war damals eine kleine Revolution. Kirchenlieder sang man noch langsam und getragen, gerade in reformierten Gemeinden wie in Düsseldorf. Neander machte fast ein Tanzlied daraus, das war ein Aufruhr wie in den 60er Jahren, als die ersten Beatrhythmen in Jugendgottesdiensten erklangen.

Aber ist der Lobgesang über Gottes „herrliche Regierung“ die ganze Wahrheit unseres Lebens? Ist es nicht nur die bessere Hälfte, für die wir Gott so überschwänglich loben? Waren da nicht auch Verluste und Misserfolge, Krankheiten und Krisen? Ja, das Lob Gottes ist immer die Anbetung derer, die die Not überstanden haben. Die Toten loben Gott nicht mehr. So gibt es in der Bibel neben Lobpsalmen wie jenem 103. Psalm, den Neander nachgedichtet hat, auch Klagepsalmen, aus denen Lieder wie „Aus tiefer Not“ entstanden sind. In seiner einseitigen Positivität hat das schöne Lied auch seine Begrenztheit, wenn wir es dafür auch nicht schelten dürfen. Es singt nur von Gott, dem Vater, von Gott als Schöpfer und Erhalter, vom Gott des Alten Testaments. Es singt nicht weiter von Gottes Sohn, dessen Name Jesus kommt darin nicht vor, es singt nicht vom Neuen Testament. Deshalb singen wir ja dieses Lied nicht als einziges im Gottesdienst, sondern eingebettet in andere Lieder.

Wir blenden als Christen die allgegenwärtige Not nicht aus. Sie ist ja der Inhalt aller unserer Gebete. Es geht auch für den Glaubenden nicht alles automatisch gut im Leben. Aber heute und hier ist der Ort, Gott zu danken und zu loben, und wir können es aus ganzem Herzen tun. Mein eigener Vater ist früh verstorben, er hat seine Jubelkonfirmation nicht erlebt. Und doch haben wir auf sein Grabmal geschrieben: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat!“ Die Führung Gottes ist eine verborgene Führung. Wir sehen nur die Oberfläche mit menschlichen Augen. Ein äußerlich glückliches Leben ist nicht immer der Beweis, dass ein Mensch besonders gut war oder Gottes Lieblingskind ist. Gott führt seine Kinder auch durch finstere Täler. Aber „Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht!“ Gott ist unser Licht auch in den Dunkelheiten des Lebens, und Er leuchtet uns am Ende nach Hause. 

 

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!