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Predigt im Gottesdienst am 23.10.2016, 22. So. n. Trinitatis
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Predigt im Gottesdienst am 23.10.2016, 22. So. n. Trinitatis

Predigt vom 23.10.16 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

in dieser Woche war Leipzig die Hauptstadt des deutschen Humors. Die alljährliche „Lachmesse“, die heute ihren Abschluss findet, zog deutschsprachige Kabarettisten aus dem In- und Ausland und viele Besucher zu Dutzenden von Auftritten an. Und ich war mittendrin. Während ich sonst jedes Jahr eine einzige Veranstaltung besuchte, konnte ich diesmal die ganze Woche über so viel Kabarett besuchen, wie meine Lachmuskeln aushielten. Ich war Mitglied der LVZ-Leserjury - nicht zuletzt dank einer Verwechslung, weil man mich für den Vater des bekannten Dresdener Kabarettisten Olaf Schubert (im wahren Leben Michael Haubold) gehalten hatte… Ich möchte Sie aus diesem Anlass mitnehmen auf eine geistliche Reise zur Lachmesse, zumal mir ein Gemeindeglied begegnet ist, das auch schon einmal diese Rolle innehatte.

Pfarrer, Kirche und Lachmesse – wie passt das zusammen? Ich musste den anderen erklären, dass es bei uns in Markkleeberg in der Kirche nicht nur todernst zuginge, sondern öfter etwas zu lachen gäbe. Und dann nahm ich mir vor, die Programme daraufhin anzuhören und anzuschauen, wie Glaube und Religion dabei wegkämen. Ich nahm mir also in Gedanken Jesus an die Seite und fragte ihn, wie er das so empfinden würde. Und ob er überhaupt mitkommen würde? Denn mir war klar, dass die Bibel kein Kabarettnummernheft ist, und dass der Spott über heilige Schriften von ernsthaften Gläubigen schnell verübelt werden kann, um es milde auszudrücken. Auch im Christentum gab es Phasen, wo die Komödie und überhaupt Theater verpönt waren. Man hielt sie für Falschspiel und heidnisches Spektakel. Heute gibt es sogar christliche Kabaretts, wie man sie zu jedem Kirchen- und Katholikentag erleben kann und wie wir sie in unserer Gemeinde schon hatten. So können sich auch in der Kirche Beurteilungen ändern.

Man könnte allerdings bei einem Blick in die Bibel wirklich denken, unser Gott verstünde keinen Spaß. „Wohl dem, der nicht sitzt, wo die Spötter sitzen.“, heißt es im 1. Psalm im 1. Vers. Und 2. Könige 2 wird eine Geschichte vom Profeten Elisa erzählt, die in der Christenlehre heute totgeschwiegen wird: Eine Gruppe von spielenden Knaben verspottete den Gottesmann auf der Straße und rief ihm nach „Glatzkopf, komm herauf!“ „Glatzkopf, komm herauf!“ Woraufhin Elisa die Knaben im Namen Gottes verfluchte. Stracks kamen zwei Bären aus dem Wald und zerfleischten auf der Stelle 42 von den Knaben. Das war mindestens so schlimm wie der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris vor einem Jahr. Und auch an Sarahs Lachen hinter der Tür werden wir erinnert, als der Engel ihrem Mann Abraham verkündete, seine betagte Frau würde schwanger werden. Das Lachen als Zweifel an Gottes Kraft.

Von daher war ich mir nicht sicher, ob Jesus überhaupt zur Lachmesse mitkommen würde – und ob ich als Pfarrer zu einer solchen Veranstaltung gehen dürfte. Aber Jesus vertraute mir dann folgendes an: Mein Lieber, Pfarrerleben, hast Du nicht meine Worte und meine Gleichnisse aufmerksam gelesen und gehört? Als ich von dem reichen Jüngling gefordert habe, er solle alles verkaufen, was er habe, und mir dann nachfolgen? Und dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr ginge, als dass ein Reicher in den Himmel käme? Oder als ich von dem um seinen Vater trauernden Sohn verlangte, er solle ihn nicht begraben, sondern das Begraben den Toten überlassen? Oder als ich den wütenden Pharisäern, die eine Ehebrecherin steinigen wollten, Buchstaben in den Sand gemalt habe? Oder als ich gesagt habe, wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann sollst du ihm auch die rechte hinhalten? Hast du das alles wörtlich verstehen wollen, oder hast du darin nicht gemerkt, dass ich Humor habe und meine Botschaft ein wenig satirisch verpackt habe?

Also – Jesus würde mitkommen zur Lachmesse, das war mir jetzt klar. Aber was würde er zu hören bekommen, und wie würde er reagieren? Ich habe mit ihm acht Vorstellungen besucht. Keiner da vorn wusste, dass wir beide im Publikum saßen. Aber es ging achtmal mehr oder weniger, aber immer um das Thema Religion. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist kamen an die Reihe. Alle großen Weltreligionen waren dran, Pfarrer und Priester, Konfirmanden und Ministranten, die zehn Gebote mehrfach, die Schöpfung und die Kreuzigung. Als wäre es einfach ein unerschöpfliches Thema. Für das säkularisierte Leipzig war das wie ein leiser Vorwurf: Seht, was ihr verloren habt! Man kann ja nur so lange über Religionen lachen, wie sie noch ein Stück des Lebens sind. Über die alten griechischen oder germanischen Götter kann man keine Satire mehr machen. Sie sind tot.

In einer Vorstellung landete der Satiriker nach einer selbstverursachten kleinen elektrischen Explosion im Himmel, und er hörte plötzlich die Stimme Gottes und sprach mit ihm wie der biblische Hiob über das leid der Welt – das war richtige moderne Theologie. Da verstummte das Lachen im Saal, und alle wurden ganz still. Der Papst, früher ein dankbares Thema der Satiriker, wurde diesmal nicht in die Mangel genommen - der typische Franziskus-Effekt, alle Welt mag den Mann - obwohl sich an der Lehre der katholischen Kirche noch nicht viel geändert hat. Auch Luther war erstaunlicherweise nicht präsent, obwohl das in der Luft gelegen hätte. Mir war als Experten fürs Jenseits besonders die Thematik Tod zugeteilt worden. Ich erhielt eine abendfüllende Einführung, die sich doch von meinen Trauerfeiern stark unterschied, aber leider ein wenig zu flach ausfiel. Da hätte ich mir mehr  schwarzen Humor gewünscht. Dafür gab es einen Lehrgang in vergleichender Religionskunde, bei dem am Schluss das Christentum für mich am besten abschnitt, weil es die wenigsten regulierten Einschränkungen und Vorgaben vorsieht. Selbst der derbe Satiriker, der seine religiöse Kinderstube nicht verleugnete, verglich „seinen Christus“ mit dem Profeten Mohammed und war stolz darauf, dass Christus seine Satire aushalten würde. Auffällig war überhaupt, wie viele der Kabarettisten ihre religiöse Kinderstube bekannten, auch wenn sie sich vielleicht davon vorübergehend losgesagt hatten. „Die Leute treten aus der Kirche aus, weil sie drinnen nicht austreten können.“ Angesichts des Thomas-WCs und unserer neuen Toilette kein haltbarer Vorwurf mehr… Erwartet jetzt keine weiteren nacherzählten Sketche – Kabarett lebt von der Situationskomik, und ich kann mir Witze schlecht merken.

Es gab keine Vorstellung, in der ich mich als Christ beleidigt gefühlt hätte oder in der ich die Grenze der Satirefreiheit überschritten gefühlt hätte, auch wenn manche Worte derb waren und manche Urteile nicht Bestand hätten vor meiner Kritik.

Was bleibt als Bilanz? Wir nehmen den Glauben am meisten ernst, wenn wir ihn nicht bissig todernst nehmen. Wir dürfen als Gläubige über unseren Glauben lachen, weil wir immer die menschliche Seite des Glaubens erleben und noch nicht an der vollen Gottesgegenwart teilhaben. Wir lachen Gott nicht aus, wenn wir über seine Schöpfung schmunzeln. Das Lachen ist sogar eine göttliche Eigenschaft: „Der im Himmel wohnet, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer!“, heißt es über die Völker und Könige der Erde, die sich gegen Gott auflehnen (Ps. 2,4). Über sich selbst lachen zu können, ist menschliche Größe und Charakterstärke. Von Papst Johannes XXIII. ist ein Wort überliefert, dass Christus ihm gesagt hätte: „Johannes, nimm dich nicht zu wichtig!“ Von daher gibt es das befreiende Osterlachen, das aus dem Sieg Christi über Tod und Hölle erwächst.

Es ist durchaus nicht alles zum Lachen. Auf dem Weg zur Lachmesse traf ich eine Frau aus unserer Gemeinde, die gerade aus dem Krankenhaus gekommen war und der nicht nach Lachmesse zumute war. „Jegliches hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit.“ Aber ich glaube, dass Gott selbst uns im Himmel mit einem freundlichen Lächeln, wenn nicht gar lachend willkommen heißen wird und nicht mit einer Leichenbittermiene.

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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