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Predigt am Tag der Deutschen Einheit über Lk. 17, 18, im ökumenischen Dank- und Bitt-Gottesdienst
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Predigt am Tag der Detuschen Einheit über Lk. 17, 18, im ökumenischen Dank- und Bitt-Gottesdienst "Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte und gäbe Gott die Ehre...?"

Predigt vom 03.10.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold - 1. Teil - und Pfarrer André Lommatzsch (kath.) - 2. Teil) Ort: Martin-Luther-Kirche

"Hat sich (Lk. 17,18)

Liebe Gemeinde!

In diesen Tagen wird viel Bilanz gezogen über 20 Jahre deutscher Wiedervereinigung: Wofür dürfen wir dankbar sein? Und was machen wir bei der nächsten Wiedervereinigung besser? Es wäre langweilig, das hier zu wiederholen. Nur um die Dankbarkeit geht es mir. Und merkwürdig: Schon vor fünf Jahren haben wir bei der Vorbereitung auf den ökumenischen Gottesdienst dasselbe Evangelium ausgewählt wie heute: Die Geschichte Jesu von den zehn geheilten Aussätzigen, von denen neun den Dank vergaßen. Wir Bürger der DDR sind auch vor 20 Jahren von einem kranken und krankmachenden politischen System geheilt worden, und den Bürgern der alten BRD sind amputierte Gliedmaßen an ihrem Körper erfolgreich wieder angenäht worden. Die Dankbarkeitsrate in Ost und West ist aber heute niedrig.

Manchmal wird man schief angesehen, wenn man für die deutsche Wiedervereinigung dankbar ist. Als ob man unbedingt "Ja - aber" sagen müsste. Ja, das freie Reisen, die guten Autos, die echten Wahlen, die vollen Läden, die sanierten Städte - aber die hohe Erwerbslosigkeit, die gestiegene Kriminalität, die Teuerung, die Drogensucht, die Kinderarmut.
Mir scheint, dass manche die reale Welt mit dem Himmelreich verwechseln. Der beste Staat der Welt wird immer Menschenwerk bleiben, d. h. da wird es Korruption geben und Ungerechtigkeit und Arm und Reich und Verbrecher und Gefängnisse. Gute Politik muss dafür sorgen, dass diese schlechten Auswüchse eingedämmt werden, so gut es geht, aber sie wird nicht das Himmelreich auf Erden schaffen.

Warum sind so wenige dankbar? Undankbarkeit ist vielleicht eine Wohlstandskrankheit und eine Glaubensschwäche. Nur wer Not und Armut erfahren hat, wird für das Leben im Wohlstand richtig dankbar sein können. Wir Nachkriegskinder konnten auch nicht so dankbar für den Frieden sein wie die, die den Krieg erlebt hatten. Die dankbarsten Markkleeberger, die ich kenne, sind heute ältere russlanddeutsche Spätaussiedler. Sie oder ihre Familien haben in Kasachstan und Sibirien schlimme Dinge erlebt. Jetzt sagen sie dankbar: So gut wie hier und heute in Deutschland ging es uns noch nie! Und dabei leben sie nicht in den prächtigsten Villen. Die Kinder des neuen Deutschlands aber sind großenteils im Wohlstand aufgewachsen. Ihre Eltern haben sie mit dem Auto chauffiert, wohin sie wollten, und haben ihnen möglichst alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Wie sollten sie für dieses als selbstverständlich empfundene gute Leben unentwegt dankbar sein? Und die Älteren? Sie verklären und vergessen manches. Wer spricht noch davon, dass Nachbarn und Kollegen einander bespitzelten, und dass wir vor jeder Grenze und fast jeder Behörde Angst hatten?

Und dankbar gegenüber wem? "Hast du nicht alles selbst vollendet, heilig glühend Herz?" hat Goethe einst gedichtet, und in der DDR-Schulzeit mussten wir das lernen. Die Revolutionäre sind doch viele von uns selbst gewesen. Die mutigen Demonstranten in Leipzig, die Vordenker einer besseren DDR über viele Jahre in kirchlichen Basisgruppen. Können wir uns nicht selbst dankbar auf die Schultern klopfen? Dankbar dann aber auch gegenüber Helmut Kohl und Gorbi und allen anderen Politikern, die von West und Ost kräftig mitgeholfen haben, und auch gegenüber den Aufbauhelfern aus dem Westen, die hierherkamen und - neben manchen Gaunern - die neue Verwaltung, die neue Wirtschaft aufbauen halfen unter manchen persönlichen Opfern.

"Danke, Kirche!" sagten damals nur wenige, obwohl die Kirchen zuerst ihre Türen für die Gedanken der Revolution geöffnet hatten. Viele ließen dann die Kirche hinter sich wie den Mohr, der seine Schuldigkeit getan hatte. "Gott sei Dank!" stand auf einzelnen Plakaten zu lesen, und war es nicht wirklich ein einmaliges historisches Wunder, wie friedlich diese Revolution durch ganz Europa ihre Spur zog und über vierzigjährige Gräben und Mauern beseitigte? Ist da nicht wirklich der Mantel Gottes durch die Geschichte geweht? Aber es sind nicht viele, die aus Dankbarkeit gegenüber Gott zur Kirche oder zum Glauben zurückgefunden hätten.

Der Dank geht - menschlich gesehen - an viele Adressen, aber Gott hat - geistlich gesehen - dabei die tragende Rolle gespielt. Er hat uns inspiriert, ermutigt und ertüchtigt. Denn unsere Revolutionspläne waren anfangs nicht viel besser als die Konzeptionen zur deutschen Wiedervereinigung in den Schubladen der damaligen Bundesregierung. Und dass aus einem solch kleinen Protest eine solch gewaltige kontinentale Veränderung wurde, das halte ich für Gottes Werk.

Für all dies danke ich heute Gott. Ohne wenn und aber...

 

Ohne wenn und aber ... Ja, ihr Deutschen habt es gut, ihr könnt wirklich dankbar sein, so P. Gerald SVD, mein ehemaliger Heimatkaplan. Er kam aus Ghana. Als ich erwiderte, dass nicht alle Deutschen das so sehen, sagte er: " Wieso? Ihr habt 2 Staaten zu einem gemacht, beide Teile Deutschlands haben sich gut entwickelt, warum seid ihr nicht dankbar?"

20 Jahre Deutsche Einheit - gewiss Grund zum Dank, aber auch Blick nach vorn.

Die Geschichte hat gezeigt: Wenn Menschen ihre Hoffnung allein auf Menschen setzen - ohne Gott - scheitern sie.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat darauf hingewiesen: "In einer monotheistisch konditionierten Kultur Gott für tot zu erklären, impliziert eine Erschütterung aller Bezüge und die Ankündigung einer neuen Weltform. Mit >Gott< wird das Prinzip des Zusammengehörens aller Menschen in der Einheit einer geschaffenen Gattung ausgestrichen. Sobald der Vater dem Sohn in den Tod gefolgt ist, stehen die Menschen als verwaiste Vielheiten in einer ungeheuren Weltlandschaft nebeneinander ... ohne gemeinsamen Namen im Unklaren darüber, ob sich ohne gemeinsamen Schöpfer noch ein gemeinsames Werk wird definieren lassen. Die viel beschworene Brüderlichkeit ("Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit"), die besser in den Begriffen Geschwisterlichkeit und Solidarität zur Sprache gebracht wird, lebt schließlich von dem einen Vater.

In keiner Religion wird der einzelne Mensch so gewürdigt und in die Mitte des Glaubens gerückt wie im Christentum: Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, ist das Bild Gottes, der Messias. In ihm erkennen wir: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild - kein Produkt des Zufalls oder keine Laune der Natur, sondern Gottes Ebenbild und Bundespartner. Christen lassen sich von niemanden darin übertreffen, groß vom Menschen zu denken. Vorgängig zu seinen Taten und Untaten, zu seinen Leistungen und Fehlleistungen, ist er von Gott unbedingt erwünscht und gerechtfertigt. Die Erfahrung, unbedingt bejaht und anerkannt zu werden, eröffnet einen Lebensraum, in dem sich jeder in gegenseitiger Annahme und Anerkennung entfalten kann. Was von Jesus ausgeht, betrifft die ganze Gesellschaft, ihre Leitbilder und ihre Organisation. Solidarität zeigt, wohin der Christ gegen muss, um bei Christus zu sein.

Die Familie ist der Lernort der Solidarität. Hier kann soziale Verantwortung wachsen. Hier entscheidet sich, ob jemand lebenstüchtig wird und gemeinschaftsfähig. Die Familie ist der wichtigste soziale Raum des Dialogs, des Unterhalts, des gegenseitigen Beistands und des Zusammenlebens. Die Familie eröffnet Beteiligungschancen am gesellschaftlichen Leben. Sie bietet den ersten und weitreichendsten Schutz, ohne dessen soziale Bindekraft die Gesellschaft überfordert wäre. Die Familie ist für die Zukunft der Menschen so wichtig wie nie zuvor. Familienpolitik ist Zukunftspolitik. Staat und Gesellschaft leben von den Familien (Kindererziehung, Pflege). Umgekehrt zeigen sie sich den Familien gegenüber zu wenig solidarisch. Das Beispiel der Familie und der Familienpolitik verdeutlicht: Wir bleiben nur dann auf dem Weg in eine gemeinsame, für alle lebenswerte Zukunft, wenn wir in der Familie und in anderen Bereichen unserer Lebenswelt Solidarität einüben.

Auf der anderen Seite haben sich viele neue Formen der Solidarität eingebürgert. Die friedliche Revolution, der Runde Tisch; dort haben Menschen solidarisch nach neuen Wegen gesucht. Umweltkreise, Entwicklungspolitische Gruppen, sowie das vielfältige ehrenamtliche Engagement zeigen exemplarisch, wie solidarisches Zusammenleben geht. So sind wir dankbar für das Leben in Freiheit.

Freiheit wird vornehmlich als Emanzipation verstanden, als Befreiung von Fesseln. Das ist zweifellos ein zentraler Inhalt des Wortes. Aber das ist nicht alles. Unsere Sprache kennt nicht nur das Substantiv "Freiheit" und das Adjektiv "frei", sondern auch das Verbum "freien". Wir freien uns, indem wir Beziehungen aufnehmen und Bindungen eingehen. Die Logik solcher Freiheit heißt: Meine Freiheit wächst, indem ich an deinem Leben Anteil nehme. In diesem Sinne sagt Paulus: "Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für die Eigensucht, sondern dient einander in Liebe!" (Gal 5.13)

In diesem Zusammenhang sei auf das Subsidiaritätsprinzip hingewiesen. Schützt die Einzelperson und die Kleinen davor, dass ihnen entzogen wird, was sie aus eigenen Kräften leisten können. Subsidiarität und Solidarität, Subsidiarität und Sozialstaat gehören zusammen. Subsidiarität heißt: zur Eigenverantwortung befähigen, Subsidiarität heißt nicht: den Einzelnen mit seiner sozialen Sicherung allein lassen.

Als Christen auf den Tag der deutschen Einheit schauen heißt sich bewusst machen, dass Gott der Herr des Lebens ist und dass er uns einlädt, gemeinsam mit unseren Mitbrüdern an der Zukunft zu bauen, einer Zukunft, die christlicher Werte und Hoffnung auf den Beistand Gottes bedarf, einer Zukunft, die getragen sein sollte von Achtung und Respekt voreinander und dem Willen, einander und die Gemeinschaft zu fördern, wo es notwendig ist.

Fürdank und Fürbitten

Lasst uns dem Herrn danken und ihn bitten:

Himmlischer Vater! Wir danken Dir, in einem Land zu leben, für das wir uns nicht mehr schämen müssen, das nicht von Unfähigen regiert wird, in dem Luft und Wasser sauberer sind, das wir ohne Angst und Zittern und Behördenwillkür jederzeit verlassen können, in dem wir mit unseren Talenten etwas erreichen können statt durch devote Parteinahme, in dem wir wählen können und protestieren und ohne Zukunftsangst für unsere Kinder diese zum christlichen Glauben erziehen können!

Wir rufen zu Dir: Herr, gib uns Zukunft und Leben!

Gottes Sohn, Jesus Christus! Wir danken Dir für die größer gewordene Heimat, für die neugewonnenen Landschaften, für die freien Besuche bei alten Verwandten und Freunden, für neue politische Aufbrüche in Deutschland, für die sanierten Städte und Kirchen, an denen wir gemeinsam Anteil haben, für die Regionen, in denen Luther und Bach, deutsche Kaiser und Könige und Revolutionäre gewirkt haben und die uns wiedergeschenkt worden sind!

Wir rufen zu Dir: Herr, gib uns Zukunft und Leben!

Gott, Heiliger Geist! Wir danken Dir für die Partnerschaften zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands, zwischen Kommunen und Kirchgemeinden und Pfarreien, heute besonders zwischen Markkleeberg, Neusäß und Hemmingen, die über Jahrzehnte Menschen miteinander verbunden haben und zum besseren gegenseitigen Verständnis beigetragen haben!

Wir rufen zu Dir: Herr, gib uns Zukunft und Leben!

Gott, heiliger Schöpfer! Wir bitten Dich um eine gute Zukunft unseres Landes! Schenke uns eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung, die allen eine Lebensgrundlage in Würde gestattet! Fördere die Bildung in unserem Land – an geistigen wie an sittlichen Grundlagen! Hilf uns zu einer Kultur der Ehrfurcht und des Respekts zwischen Jungen und Alten, Ansässigen und Fremden!

Wir rufen zu Dir: Herr, gib uns Zukunft und Leben!

Jesus Christus, unser Erlöser! Wir bitten Dich um die Wohlfahrt der ganzen Welt: Lösche alle Kriegsherde, gib sauberes Wasser und Nahrung für alle, lass uns maßvoll mit den Ressourcen der Erde umgehen und hilf, dass die Besten die Völker leiten und alle Korruption ein Ende findet!

Wir rufen zu Dir: Herr, gib uns Zukunft und Leben!

Heiliger Geist der Vollendung! Wir bitten Dich für Deine Kirche: Heile ihre Gebrechen, bewahre sie vor Sünde, gib Deinen Heiligen Geist allen, die sie leiten, erwecke glaubwürdiges Zeugnis unter uns allen, gib ihr neue Ausstrahlungskraft in unserem Land und in aller Welt, führe sie zum Dialog mit allen Religionen und lass Deine Wahrheit siegen!

Wir rufen zu Dir: Herr, gib uns Zukunft und Leben!

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