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Predigt am Tag der Darstellung des Herrn, 2.2.2014, über Hebr. 2, 14 - 18
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Predigt am Tag der Darstellung des Herrn, 2.2.2014, über Hebr. 2, 14 - 18

Predigt vom 02.02.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold ) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,
über diesem Sonntag liegt eine Fülle von Spannungen! Keine Spannungen unter der Mitarbeiterschaft, keine Spannungen in unserer Gemeinde – aber inhaltliche Spannungen.
Im Volksmund bzw. im katholischen Kirchenjahr heißt der Tag „Mariä Lichtmess“ oder „Mariä Reinigung“. Er erinnert an den jüdischen und dann auch christlichen Brauch, dass eine Frau 40 Tage nach der Niederkunft unrein war und im Haus blieb, aber dann am 40. Tag wieder in die Öffentlichkeit ging und dies mit einem ersten Kirchgang („Messgang“) tat, bei dem sie ein Licht stiftete und anzündete (das war damals ein größeres Opfer als heute). Nachdem die Reformation die Marienfrömmigkeit stark zurückgedrängt hatte, blieben von zahlreichen Marienfesten im Kirchenjahr nur die drei bestehen, die eine biblische Grundlage haben. Das ist auch Lichtmess. Aber die evangelische Kirche wandelte die Marienfeste zu Christusfesten, und so erhielt der Tag den Namen „Darstellung des Herrn“. Es wurde nicht der Kirchgang Marias hervorgehoben, sondern das Geschehen an ihrem Kind, die Darbringung des Erstgeborenen im Tempel, die Auslösung mit einem Opfer, und nun als Besonderheit die Begegnung mit den Profeten Simeon und Hanna, die die göttliche Sendung dieses Kindes erkennen und öffentlich verkünden. Dieses Evangelium ist bereits am Sonntag nach Weihnachten gelesen worden, und vielleicht war der eine oder andere auch in der Großstädtelner Kirche am 29. Dezember dabei. Keine Sorge, es wird keine Wiederholung dieser Predigt werden. Diese Spannung zwischen einem katholischen Marienfest und einem evangelischen Christusfest ist die erste über diesem Sonntag. Wir lösen sie auf, indem wir Maria durchaus ihre besondere Stelle im Heilsgeschehen einnehmen lassen. Sie ist einzigartig die Mutter des Herrn, wir können sogar sagen, die Mutter Gottes, nicht einfach irgendeine biblische Frau. Aber sie steht für uns Evangelische nicht neben Christus, sondern unter ihm, und sie erfährt deshalb unsere Achtung, aber nicht Verehrung wie in der katholischen Kirche.
Die zweite Spannung entsteht für den aufmerksamen Bibelleser durch einen Widerspruch: Ist nicht die heilige Familie nach der Geburt ihres Kindes und dem Besuch der Weisen vom Morgenland nach Ägypten geflohen, um den mörderischen Anschlägen des Königs Herodes zu entgehen, der diesem Kind nach dem Leben trachtete? Wie kommt dieselbe heilige Familie jetzt 40 Tage nach der Geburt in aller Ruhe zum Tempel in Jerusalem? Sind sie schon wieder zurückgekehrt aus Ägypten, und wieso können sie sich jetzt in die Höhle des Löwen Herodes nach Jerusalem wagen und noch dazu an den öffentlichsten Ort, den Tempel? Das passt in keinem Fall zusammen. Wir müssen hier verstehen, dass es sich bei den Kindheitserzählungen Jesu nicht um Biografien im modernen Sinn handelt, sondern um heilige Legenden. Gott will mit diesen Erzählungen eine Botschaft verkünden, und dabei folgt er nicht zwingend modernen literarischen oder historischen Kriterien. Wir fragen heute gern, wie es wirklich gewesen ist, aber die Menschen damals fragten anders: was es zu bedeuten habe. So kann es zu historischen Widersprüchen für uns kommen, die aber einen höheren, übertragenen Sinn nicht ausschließen dürfen. Für den christlichen Glauben gelten nicht reine Fakten – wir sind keine Justizbehörde – sondern auch übertragene Bedeutungen – wir sind mit dem Glauben eher im Bereich der Kunst als der Justiz! Das ist die zweite Spannung, und wir lösen sie auf, indem wir an die biblischen Texte mit einem anderen Verständnis herangehen als etwa an journalistische Reportagen.
Die dritte Spannung aber liegt darin, wer dieses Kind ist. Diese Frage stellt uns der heutige Predigttext aus dem Hebräerbrief: „Daher musste er in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden, auf dass er ein treuer Hohepriester würde vor Gott.“  Ist Jesus einer von uns oder ein ganz anderer? Ist er ein Menschenkind von Fleisch und Blut oder ein göttliches Kind, verheißener Heiland, wie ihn Simeon und Hanna erkennen und preisen? Diese Spannung zeigt sich auch heute im Verständnis Jesu. Traditionell wird Jesus im Gottesdienst als „unser Herr“ angesprochen (Kyrios). In der jüngeren Zeit gibt es eine Tendenz, ihn als „unser Bruder“ anzusprechen oder wenigstens als beides: „unser Herr und Bruder“. Auch wenn wir den Kindern von Jesus erzählen, überwiegt meist die menschliche Darstellung eines guten Menschen oder eines Heiligen. In der feierlichen Liturgie der Kirche dagegen, am deutlichsten in der orthodoxen Kirchen, wird er als der erhöhte Christus angebetet, der zur Rechten Gottes sitzt an der Seite der Engel – also hoch erhaben über uns Menschen. Und gerade der Hebräerbrief, aus dem unser heutiger Predigttext stammt, beschreibt in immer neuen Ansätzen Christus höher als die Engel, höher als Moses, als den wahren Hohenpriester. Aber der Apostel betont auch die Spannung, dass Christus erniedrigt werden musste, um erhöht zu werden. Er musste seinen Brüdern in allem gleich werden, Fleisch und Blut haben, von einer Frau geboren werden, unsere Niedrigkeit erfahren, ja unseren Tod erleiden, damit er uns daraus erlösen könnte und zur Rechten Gottes sitzen könne. Er ist für eine kleine Zeit niedriger als die Engel gewesen, damit er dann höher werde als sie.
Der Hebräerbrief beschreibt damit das Geheimnis Christi als Mensch und Gott zugleich. Es ist eine gewaltige Spannung darin, die wir nicht auflösen können. Aber es ist eines der großen Grundthemen des christlichen Glaubens, an dem wir uns nicht vorbeimogeln können. Diese zweifache Natur Christi - Gott und Mensch zugleich - prägt den christlichen Glauben, sie wird in jedem Gottesdienst, bei jeder Taufe zur Sprache gebracht, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen. Es ist eine große Herausforderung an uns, diese Botschaft in unserer modernen Zeit zur Sprache zu bringen. Aber wir können uns dieser Herausforderung nicht entziehen, indem wir den christlichen Glauben verharmlosen und verdünnen. Deshalb soll unser Glaubenszeugnis von Christus immer beides zur Sprache bringen: Er ist unser Herr und unser Bruder. Er ist Jesus von Nazareth und Christus, der Gesalbte Gottes. Er ist der uns Nahe und der uns Überlegene. Wir sollen ihn lieben, und wir sollen Ehrfrucht vor ihm haben. Er ist einer von uns und doch ein ganz anderer.
Drei große Spannungen liegen über diesem Sonntag, aber wir haben gehört, wie wir sie ertragen und auflösen können.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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