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Predigt am Reformationstag 31.10.2016,
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Predigt am Reformationstag 31.10.2016, "Hammerpredigt"

Predigt vom 31.10.16 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold, Prof. Dr. Thomas Vahlenkamp, Frank Strohmann, Pfarrerin Kathrin Bickhardt-Schulz) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Christenleute,
meine Hammerschläge hallen noch heute durch die ganze Welt. Ich rührte an den Schlaf der Welt – ach nein, das war ein anderer… Mir graust, wenn ich sehe, was ihr aus mir gemacht habt! Den Hammer im Augustinerkloster hat mein Herr Käthe in der Hand. Ich bin kein guter Heimwerker, sondern einer, der nur den Federkiel zu führen weiß. Und wenn ihr denkt, mir wäre der Bergmannsschlägel in die Wiege gelegt worden, irrt ihr euch. Mein Vater hat Bergwerke nur verwaltet, er hat nicht das Erz mit eigner Hand herausgebrochen. Der Küster der Schlosskirche hätte mich wohl davongeprügelt, wenn ich seine Pforte mit Nägeln zerlöchert hätte. Nein, der Anschlag von Thesen ist hier in Wittenberg üblich mit Leim an einer Plakatwand der Universität. So habe ich es anständig getan. Und dachte nicht anders, als dass die Professoren und Studenten darüber in eine gelehrte Diskussion mit mir einträten. Ich wollte auch, dass der Papst und Kaiser sich wohl dazu äußerten, hielt sie damals noch für verständige Köpfe, dass wir gemeinsam die Kirche Gottes besserten und heilten von ihren Gebrechen. - Aber dann ist es alles anders gekommen. Sie haben mir den Hammer in die Hand gedrückt, und ich musste schlagen. Sie haben mir das Kinn und die Stirn nach vorn verschoben, dass ich so recht aussähe wie ein Boxer vor dem Herrn oder eben wie ein Schlägertyp. 95mal musste ich mit dem Hammer den Nagel auf den Kopf getroffen haben, meinte die Welt. Aber der Hammer ist ein gar gefährliches Instrument. Er kann drohen und töten. Haben sie nicht meinen Herrn Christus mit Hammer und Nägeln an das Kreuz geschlagen? Sollte ich da zum Hammer greifen? Nur in der Hand Gottes ist er am rechten Platz. „Ist nicht Gottes Wort wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?“, spricht der Profet Jeremia. Ja, Gottes Wort allein hat eine Schlagkraft wie ein Hammer, es braucht kein Eisen dazu. Diesen seinen Hammer des kräftigen Wortes hat mir Gott gegeben – aber kein Schlaginstrument in die Hand.
Dann haben sie mich konterfeit in Öl und Bronze auf tausenden Bildern und unzähligen Denkmalsockeln und haben mich in lächerliche bunte Zwerge aus Plastik gegossen, haben mich auf Bierflaschen geklebt und Bonbons in mein Bild gewickelt, haben mich auf Briefmarken gedruckt und von hinten angeleckt, haben Suppen und Socken mit meinem Namen versehen und sogar Kirchen nach mir benannt, als wäre ich ein zweiter Petrus. Und haben darüber meinen Herrn und Meister Christus immer mehr vergessen, dem ich allein doch dienen wollte. Und endlich nach 400 Jahren, im Jahr 1917, hat mir einer den Hammer aus der Hand gerissen… (Pfarrer Dr. Arndt Haubold)

Ich heiße Vladimir Iljitsch Lenin! Der Hammer soll zusammen mit einem Arbeitsgerät aus der Landwirtschaft zur Illustration für meine Losung von der Vereinigung des Industrieproletariats und der werktätigen Bauernschaft werden. Im April haben wir endgültig die Variante Hammer und Sichel für das Emblem abgesegnet. Zuvor wurden ebenfalls Hammer und Harke sowie Hammer und Heugabel diskutiert. Nachdem der fünfte Sowjetkongress im Sommer des Jahres 1918 offiziell für das Symbol Hammer und Sichel gestimmt hat, soll der Hammer zukünftig in allen europäischen Ländern das Symbol der Arbeiterschaft werden… (Prof. Dr. Thomas Vahlenkamp)

Ein Hammer ist ein sehr nützliches Werkzeug, mit dem man viele Dinge machen kann. Aber man kann damit auch etwas platt-, breit-, zerschlagen oder gar jemanden erschlagen. So wie man das mit einem Hammer tun kann, geht das auch mit Worten, und so hat der Gautzscher Publizist Theodor Fritsch 1904 in Leipzig den Hammerverlag gegründet und die Zeitschrift „Der Hammer" herausgegeben. Diese Zeitschrift hatte aber nichts mit einer Fachzeitung für Berufe, die zum metallverarbeitenden Gewerbe gehörten oder mit der Herstellung von Werkzeugen befasst waren, sondern es war eine Plattform für antisemitisches Gedankengut. In diesem Verlag wurde auch die deutsche Version der „Protokolle der Weisen von Zion" herausgegeben. In diesem Pamphlet wird die Verschwörungstheorie, das Judentum will die Weltherrschaft erringen, verbreitet. Als Echtheit führte Theodor Fritsch im Vorwort an, ein arischer Kopf könne sich ein solches System spitzbübischer Niedertracht gar nicht ausdenken, und verlangte, man müsse nun das Judentum als die allein Schuldigen zur Rechenschaft ziehen: den geschworenen Feind der ehrenhaften Menschheit. Somit gehört er mit seinem Verlag zu den Wegbereitern der Rassengesetze des Dritten Reiches. Als eine weitere Schmähschrift erschien in diesem Verlag der Antisemiten-Katechismus. Das Wort wurde hier zum Hammer der Zerstörung gemacht… (Frank Strohmann)

Es gab wieder Hammerschläge, die von Wittenberg ausgehend eine überaus große Wirkung zeigten, 1983 im September versammelten sich Tausende Christen und Journalisten in der Stadt. Es fand anlässlich des 500. Geburtstags des Reformators ein Ev. Kirchentag statt. Unter den vielen prominenten Gästen auch Richard v. Weizsäcker der regierende Bürgermeister von West-Berlin. Die Machthaber in der DDR beobachteten das mit Misstrauen. Die Kirchen hatten sich als einzige Institution in Ostdeutschland eine weitgehende Eigenständigkeit bewahrt trotz des Totalitätsanspruches der SED. Christinnen und Christen, besonders Kinder- und Jugendliche sahen sich immer wieder staatlichen Repressionen ausgesetzt. Eine große unerwartet große Zahl an Teilnehmern und vielen Besucherinnen aus alle Welt schufen eine im SED-Staat ungeahnte Öffentlichkeit. Zum Abend der Begegnung bereitete der Wittenberger Friedenskreis auf dem Hof des Lutherhauses diese Schmiedeaktion vor. Der Kunstschmied Stefan Nau brachte ein Schwert zum glühen legte es auf den Amboss und schmiedete mit dem Hammer in 1 ½ h eine Pflugschar daraus. Umrahmt von einer „Schmiedeliturgie“ in Bibeltexten und Lieder erinnerte die Aktion an die bestehende Bedrohung durch das Wettrüsten und an die Gefährdung des Weltfriedens. Die Aktion führte zur Stärkung der kirchlichen Friedensbewegung. Seit 1980 war es das Symbol der Friedensbewegung geworden. Die Geschichte des Symbols beginnt lange vor der Schmiedeaktion mit dem Hammer. Sie geht zurück auf ein Geschenk der Sowjetunion, das der russische Parteichef Nikita Chruschtschow 1959 den Vereinigten Nationen übergab. Es steht heute vor dem Gebäude der UNO am East River in New York. Das Motiv beruht auf einem Bibelwort des Propheten Micha und Jesaja: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk gegen das andere das Schwert erheben und sie werden fortan nicht mehr lernen Krieg zu führen.“ Dieses Bibelwort verbunden mit dem Symbol wurde Mutmacher und stärkendes Leitwort für viele Jugendliche in der DDR. Verbunden damit die Vision: Durch tätiges Handeln mit einem Hammer – in der Friedensforschung spricht man von der Konversion – geschah die Umnutzung militärischer Mittel zu zivilen Mitteln für die Menschen. Die Wittenberger Hammeraktion 1983 erzeugte viel Resonanz und wurde immer wieder zu einem Hoffnungszeichen für die Menschen, die das Wettrüsten der Mächtigen in den 80iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ablehnten. So führte der Hammer von Wittenberg viele Jugendliche in eine Bekenntnissituation gegen die Militarisierungspolitik der SED. Als Christin in der DDR, zu der ich mich auch in der Schule bekannte und eben auch zu der kirchlichen Friedensbewegung, war ich ständige Zielscheibe staatlicher Agitationspolitik. In meiner letzten Prüfung am Henfling-Gymnasium in Meiningen im Fach Deutsch wurde mir am Ende der Prüfung noch einmal die Frage gestellt, ob ich an diesem Bibelwort festhalten werde. Bis dahin hatten Lehrer und Direktoren immer wieder versucht, ihre offizielle von dem SED-Staat umgewandelte Version, die lautete: „Schwerter und Pflugscharen“, durchzusetzen. Die Hammeraktion von Wittenberg anlässlich von Luthers 500. Geburtstag hatte auch für die einzelne Christin in der DDR eine große Wirkung entfaltet. Als Stärkung für den einzelnen Christen  zum einen und als Bekenntnis zu Gottes Vision für eine friedliche Welt zum anderen. Wieder einmal war es ein einzelner Bibelvers, verbunden mit einer Aktion, der eine großartige visionäre Kraft entfaltete und das Leben der Menschen veränderte. (Pfarrerin Kathrin Bickhardt-Schulz)

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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