Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt am Reformationsfest, 31.10.2014
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt am Reformationsfest, 31.10.2014

Predigt vom 31.10.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

jede Umbruchszeit hat ihre Losungen! „Wir sind das Volk“ klang es 1989 auf dem Leipziger Ring. „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, war das Schlusswort des „Kommunistischen Manifestes“ 1848, das zum Schlachturf der Kommunistischen Internationale wurde. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ war 1789 die Losung der französischen Revolution. Diese Losungen sind bis heute lebendig geblieben.

Was aber war die Losung der Reformation? Die 95 Thesen Martin Luthers waren das Programm für die Gelehrten, im Volk sind sie weithin unbekannt. Aber es gab eine Zusammenfassung der reformatorischen Lehre, die von Luther selbst stammt: Es ist das vierfache „Solus“ – auf Deutsch das vierfache „Allein“: „Sola scriptura“ – allein die Schrift – „sola fide“ – allein aus Glauben – „sola gratia“ – allein aus Gnade – „solus Christus“ – allein Christus. Wir finden diese Losungen gelegentlich auf Kirchenfenstern, an Altären, und in Tschechien hat die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder Tagungshäuser danach benannt: Sola Fide in Johannisbad, Sola Gratia in Bystrice pod Hostynem.

Diese Losungen richteten sich klar und deutlich gegen die damalige römische Kirche. Allein die Schrift soll in der Kirche gelten – natürlich die Heilige Schrift. Die Traditionen der Kirche, die Beschlüsse von Konzilien und Synoden, die Verlautbarungen von Päpsten, die Anordnungen christlicher Kaiser – alles das ist Menschenwort, nicht Gotteswort, es kann Irrtümern unterliegen und es gilt für uns nicht absolut wie die heilige Schrift. Allein aus Glauben werden wir gerecht vor Gott, nicht aus unseren Werken – diese Botschaft des Apostels Paulus hat Luther wieder in den Mittelpunkt gerückt. Wir verdienen uns die ewige Seligkeit nicht mit der Erfüllung religiöser Werke – so ist es in erster Linie gemeint: nicht mit Wallfahrten ins Heilige Land, nicht mit Bußübungen wie Geißelungen, nicht mit der Erfüllung von Klostergelübden und vor allem nicht mit Ablasszahlungen. Allein aus Glauben werden wir gerechtfertigt. Allein aus Gnade finden wir zum Glauben – nicht aus eigner Kraft. Es ist Gott allein, der uns Glauben schenkt, wir erwirken den Glauben nicht durch unsere Aktivität. Deshalb ist die Taufe von unmündigen Kindern richtig, weil darin das Geschenk Gottes ohne unsere Mitwirkung am deutlichsten wird. Gott beruft und erleuchtet uns zum Glauben, kein Mensch vermag es aus eigener Erkenntnis oder Kraft zu schaffen. Und allein in Christus liegt unser Heil – nicht in den Heiligen, die Menschen sind. Sie sind uns gute Vorbilder des Glaubens, aber sie erwerben uns nicht durch ihre Fürbitte den Himmel. Wir können durch ihre Anrufung nichts bei Gott bewirken. Sie können auch nicht ihre guten Werke für andere anrechnen lassen, wie es heute die industriellen Luftverschmutzer mit ihren Emissionsrechten machen. In der ewigen Herrlichkeit zur Rechten Gottes sitzt vorerst Sein Sohn Jesus Christus allein, noch kein Heiliger ist vom Jüngsten Gericht ausgenommen. Ihre leiblichen Überreste – die Reliquien - haben keine wundertätige Wirkung.

Das sind scharfe Positionierungen gegen die damalige Kirche! Gelten sie für uns heute überhaupt noch? Können wir heute noch mit diesen Losungen werben? Widerspricht das nicht der ökumenischen Zusammenarbeit, solche alten Schlachtrufe auszugraben? Treffen diese Abgrenzungen die heutige katholische Kirche noch? Inzwischen hat der ökumenische Dialog dazu geführt, dass die Verwerfungen der Reformationszeit abgemildert worden sind. Wir sehen im Papst nicht mehr wie Luther den Antichristen. Auch gegenüber anderen Evangelischen (Täufern, Calvinisten) gab es übrigens jahrhundertelang fast ebenso harte Ketzerverwerfungen wie gegenüber Katholiken! Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre hat zu einer weitgehenden Annäherung von Lutheranern und Katholiken geführt. Die Taufe wird gegenseitig anerkannt. Wir feiern gemeinsam ökumenische Gottesdienste. Wir sind wirklich weit vorangekommen. Keine Religionskriege entzweien uns Christen mehr, wenigstens nicht in Mitteleuropa. Wir gehen faktisch tolerant miteinander um, auch wenn die katholische Kirche nach wie vor die evangelische Kirche nicht als Kirche im vollen Sinn betrachtet und deshalb das Abendmahl mit uns nicht teilt. Wir dürfen deshalb trotzdem nicht die Augen davor verschließen, dass uns manches weiterhin trennt. In der katholischen Kirche gibt es immer noch eine Lehre und Praxis vom Ablass, die wir Evangelischen nicht teilen. Auch die Verehrung der Heiligen entspricht nicht dem, was wir glauben. Aber wir halten diese Unterschiede in gegenseitiger Toleranz heute aus.

Andererseits sollten wir uns auch selbstkritisch fragen, ob die theologischen Positionen der Reformation nicht auch bei uns einer fortwährenden Reformation bedürfen? Sind sie überhaupt noch richtig? Allein die Schrift gilt – das wird heute gern als Argument gebraucht z. B. gegen die Akzeptanz von Homosexualität. Wir führen z. Zt. in unserer Kirche eine leidenschaftliche Debatte darüber, ob die Heilige Schrift in dieser und anderen Fragen wörtlich oder übertragen zu verstehen ist. Das Argument „allein die Schrift“ hilft uns gar nicht immer. Luther selbst hat schon davor gewarnt, dass wir die Schrift als „papierenen Papst“ missverstehen könnten. Er hat das Wort Gottes immer so verstanden, dass es nicht allein um geschriebene Buchstaben und vor allem nicht um eine gesetzliche Anwendung derselben geht. Gottes Wort ist für ihn die lebendige gute Nachricht Christi von seiner Liebe und Erlösung, wie sie in der Auslegung des Predigers aktuell wird – deshalb gibt es die besondere Funktion des Predigtamtes, die Luther sehr hoch geschätzt hat! Und „allein aus Glauben“ gerecht zu werden kann doch nicht heißen, dass wir untätig sein und nur auf Gott warten sollen. Es hat solche extremen Formen eines abwartenden Glaubens gegeben, der sich von allem Selbsttun freihalten wollte. Nicht zum Arzt gehen etwa, nur Gott handeln lassen. Wir sind auch zu guten Werken der Nächstenliebe und Barmherzigkeit als Früchten des Glaubens aufgerufen, wir sollen uns um ein christliches Leben bemühen, um gute Arbeit und gute Politik, um gute Predigt und gutes Orgelspiel und eine gute Mitarbeit im Konfirmandenunterricht, um ehrenamtliches Engagement, und wir werden um Spenden und Opfer gebeten. „Allein aus Glauben“ funktioniert kein attraktives Gemeindeleben. Aber das alles sind nicht Werke, die uns den Himmel aufschließen, sondern Früchte des Glaubens. „Allein aus Gnade“ heißt nicht, dass wir nicht zum Glauben auch etwas beitragen müssten. Wir müssen uns schon entscheiden, uns als Jugendliche oder Erwachsene zur Taufe vorbereiten zu lassen oder in die Kirche wieder einzutreten oder für die Kirche etwas zu tun. Das fällt nicht vom Himmel. Aber „allein aus Gnade“ bewahrt uns davor, dass wir uns selbst zu Urhebern des Glaubens machen. Glaube ist Gottes Geschenk, und dass wir glauben können, ist eine Gnade Gottes. Wir können es nicht erzwingen, wie wir Gott nicht beweisen können. Und dürfen wir in unserer Zeit der Begegnung und Durchdringung der Weltreligionen überhaupt noch sagen: „Allein Christus“ macht uns selig? Schlagen wir damit nicht die Tür des Dialogs zu anderen Religionen, aber auch zu den Atheisten unter uns von vornherein zu? Wenn ich einen Alleinvertretungsanspruch habe, kann ich nicht mehr unabhängig mit anderen nach der Wahrheit suchen. Sind wir nicht im Zeitalter der Toleranz allen Alleinvertretungsfloskeln abhold? Die Alleinvertretung der alten BRD, die Alleinvertretung Taiwans für China, die Alleinvertretung der röm.-kath. und der orthodoxen Kirche – sind das nicht alles veraltete Positionen früherer Jahrzehnte, als die Welt noch anders aussah? Kommen wir damit nicht dem Kalifat des Islamischen Staats sogar gefährlich nahe, der auch die alleinige Wahrheit zu vertreten meint? Alle religiösen fundamentalistischen Strömungen in der Welt bergen eine explosive Gefahr. Aber wenn wir die alleingültige Wahrheit aufweichen, wenn wir nicht mehr Christus und die Schrift allein gelten lassen wollen, wenn wir um der modernen Toleranz willen die einzige Wahrheit aufgeben - stellen wir uns  damit nicht in Widerspruch zum ersten Gebot? Heißt nicht jener erste Grundsatz unseres Glaubens: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“? Ist das nicht der Alleinvertretungsanspruch Gottes, und können wir uns davon lossagen, nur weil es der Zeitgeist uns nahe legt? Eine wirklich schwere Frage! Luther und die Reformatoren haben um der von ihnen erkannten Wahrheit willen keine Kompromisse gemacht und sogar die Einheit der Kirche dafür geopfert. Darf oder soll man um des Glaubens willen bis zum Äußersten gehen – sogar bis zum Glaubenskrieg?

Wenn wir uns nicht mehr zu Christus allein bekennen, sondern Buddha, Mohammed, den Dalai Lama und andere Erlöser ihnen gleichwertig zur Seite stellen, verharmlosen und vergleichgültigen wir Glaubensfragen. Es ist auch gar nicht möglich, an alles zu glauben und alles für gut zu halten. Wer das zu können glaubt, wird nur die Oberfläche von Religionen berühren. Die Wahrheit einer Religion kann man nur erfahren und entdecken, wenn man sich intensiv hineinbegibt, viele Jahre lang, und dabei seine Wurzeln nicht abhackt, sondern sucht. Wir wurzeln hier in Deutschland in Christus 1500 Jahre, von anderen Glaubensrichtungen haben wir seit 25 Jahren etwas gehört. Sich zu Christus allein zu bekennen, heißt nicht, andere anderswo nicht anders glauben zu lassen. Aber es heißt, hier zu dem zu stehen, was unsere Kultur geprägt hat und was wir gerade zu verspielen in Gefahr stehen. „Christus allein“ ist keine Kampfansage gegen Andersglaubende, sondern eine Selbstvergewisserung für uns Christen. Für mich ist und bleibt Christus der Pol meines Glaubens, und ich will dazu stehen, um mich nicht verführen und verblenden zu lassen. Wir brauchen diese Selbstgewissheit, um bestehen zu können gegen aggressive Ideologien, und die vier Losungen der Reformation helfen uns dabei auch heute!

Herr, wir danken Dir, dass Du Deiner Kirche zu allen Zeiten neue Aufbrüche geschenkt hast, besonders in der Reformation. Wir danken Dir für Martin Luther, für Philipp Melanchthon, für Georg Spalatin, für Elisabeth von Rochlitz, für Gustav Adolf von Schweden, Johann Sebastian Bach und Dietrich Bonhoeffer, für all die Männer und Frauen, die in klarer Erkenntnis und mit mutigem Zeugnis das Evangelium neu ans Licht gebracht haben und bis heute bringen. Wir bitten Dich für Deine Kirche: erneuere sie auch heute, befreie sie von Irrtümern, gib ihr Ausstrahlung in unsere Gesellschaft hinein, orientiere sie an der Quelle und schenke ihr Frieden und Freiheit und Weisheit und Liebe im Umgang mit Andersglaubenden. Lass uns Christen nicht gegen-, sondern miteinander das Ziel suchen. Rette und bewahre unsere christlichen Geschwister im Orient, gib den Flüchtlingen Hilfe, aber gib ihnen auch ihre Heimat zurück! Wir bitten Dich für unsere Stadt, unser Land und die ganze Welt: Erneuere auch dort immer wieder die Strukturen der Macht auf friedliche Weise. Gib verantwortungsbewusste Regierungen, lass die Menschen teilhaben am politischen Geschehen und sich nicht zurückziehen, versöhne zerstrittene und sich bekriegende  Parteien und lass diejenigen, die gefährlich zündeln, zur Vernunft kommen. Wir bitten Dich auch für uns alle, die wir hier zusammengekommen sind: Schenke uns Freude und Gelingen in der Familie, im Beruf und in der Gemeinde. Gib Hilfe den Kranken, Trauernden und Sorgenbeladenen, den Schwachen und Zweifelnden. Behüte alle Reisenden und gib uns am Ende unserer Tage einen friedlichen Heimgang zu Dir!

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!