Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-Westzur Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Martin-Luther-Kirchgemeinde Markkleeberg-West
Predigt am Palmsonntag, 29.03.2015, angesichts des Unglücks in Seynes-les-Alpes
Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeubenzur Evangelisch Lutherische Großstädteln-Großdeuben

Predigt am Palmsonntag, 29.03.2015, angesichts des Unglücks in Seynes-les-Alpes

Predigt vom 29.03.15 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

was war das für ein schneller Stimmungswechsel! Am Sonntag vor dem Passafest jubelte die Bevölkerung von Jerusalem Jesus frenetisch zu, als er auf einem Esel in die Stadt einritt: „Hosianna!“ Nur fünf Tage später schrien die Menschen hasserfüllt „Kreuzige ihn!“! Ein solcher Stimmungsumschwung aber ist in der Politik nicht ungewöhnlich. Denken wir zurück: Der rumänische kommunistische Staatschef Nicolae Ceausescu hielt am 21. Dezember 1989 seine letzte große Rede vor dem rumänischen Volk, und während dieser Rede kippte die Stimmung vom Jubel zu Buhrufen, Tumult und Schießereien. Vier Tage später, am Weihnachtsfest, wurde er erschossen.

Im Falle Jesu war dieser Stimmungsumschwung jedoch noch unerwarteter, denn Jesus war kein Politiker. Die Bezeichnungen als Aufwiegler oder Revolutionär, die ihm heute gern angeheftet werden, entsprechen nicht vollständig seiner Mission und sind Modernismen. Die Pläne Gottes spielen dabei eine Rolle. Wie kam es, dass er heute bejubelt und morgen gekreuzigt wurde? Wir stehen vor den unerforschlichen Abgründen menschlichen Verhaltens – wie in diesen letzten Tagen bei uns.

Unser ganzes Land ist voller Entsetzen und voll Nichtbegreifens über das vermutliche Schwerverbrechen, das in einem Flugzeug begangen wurde. Menschen waren in Urlaubsstimmung und voll heiterer Freude, nach Hause zurückzukehren, vielleicht haben die Gastgeber ihnen fröhlich beim Einsteigen zugewinkt – und dann - sie selbst haben wahrscheinlich gar nicht begriffen, was ihnen geschah – das Entsetzen der Journalisten und Politiker, der Angehörigen, der Rettungskräfte über die unbegreifliche Bluttat und das Ringen um angemessene Worte.

Das Unglück wirft mit aller Macht die Gottesfrage auf. „Warum?“ steht auf einer Tafel vor der Schule in Haltern. Aber  der Bürgermeister dankte doch den Pfarrern seiner Stadt für die ökumenischen Andachten in den Tagen nach dem Unglück. Menschen suchen Trost in der Kirche, im Glauben – aber sie verlieren vielleicht auch ihren Glauben an einen guten, helfenden Gott und seine Schutzengel. Müssten sie nicht eher gegen Gott auf die Straße gehen?

Jeder Pfarrer ist angesichts dieses Geschehens in einer schwierigen Lage. Ich fühle mich mitschuldig an dem Unglück! Ja, ich vertrete doch die Sache Gottes in der Welt, und wenn ich auch persönlich keine Schuld an dem Unglück trage, so stehe ich doch als Vertreter Gottes da und werde gefragt, was sich mein Chef dabei gedacht haben mag, als er das nicht verhinderte, und muss Antworten geben auf die Fragen der Menschen, die doch auch die meinen sind.

Da nützt es nichts, darauf hinzuweisen, dass diese Frage an Gott doch auch angesichts vieler anderer Unglücksfälle und Verbrechen gestellt werden muss. Der Verlust eines jeden einzelnen Angehörigen bei einem tragischen Unfall ist doch für die Betroffenen nicht leichter als dieses kollektive Unglück! Die Tausende, die in der Ukraine und in Syrien ermordet worden sind im letzten Jahr, wiegen doch nicht weniger als die 150 Opfer von Seynes-les-Alpes! Aber dieser Verweis auf andere Verluste trägt nicht, obwohl er logisch richtig ist. Die Gemeinsamkeit eines Unglücks und Trauergeschehens ruft eine so große öffentliche Anteilnahme hervor, aber auch eine nicht immer leichte mediale Verarbeitung. Es ist wie am 11. September 2001 in New York oder wie am 3. September 2004 in der Schule in Beslan in Nordossetien. Jedes schwere Leid stellt uns grundsätzlich vor die Gottesfrage, und sie müsste nach Jahrtausenden menschlicher Geschichte eigentlich längst verstummt sein.

Aber sie wird gestellt, immer wieder, und eben besonders auch in den letzten Tagen. Man kann mindestens auf dreierlei Weise darauf antworten. Die erste Antwort lautet: Hier hat der Teufel seine Hand im Spiel. Was… - glauben wir aufgeklärten Menschen denn noch an den Teufel? Die bildliche Teufelsvorstellung haben wir weit zurückgedrängt, aber wir beten im Vaterunser täglich: „Und erlöse uns von dem Bösen!“ Und vor fünf Wochen begannen wir die Passionszeit mit dem Evangelium von der Versuchung Jesu durch den Teufel. Die Realität des Bösen in der Welt als zerstörerischer oder unerklärlicher Macht lässt sich nicht leugnen. Nur geraten wir dabei mit dem Bekenntnis zum allmächtigen Gott in Bedrängnis. Weshalb lässt Gott der Macht des Bösen so viel Spielraum? Wenn er dem Teufel zu unserer Warnung kleine Attacken erlaubte, verstünden wir das. Aber wenn der Teufel solche Macht hat, Menschenleben zu vernichten – welche Macht hat dann Gott überhaupt noch? Diese Erklärung erklärt mir zwar das Böse, stärkt aber nicht unbedingt meinen Glauben an Gott. Sie ist ein Teil einer noch verborgenen Wahrheit.

Die zweite Antwort lautet: Gott mutet uns Menschen Leid zu, wie er es seinem Sohn zugemutet hat, dem wir ja im Leiden folgen sollen, oder wie er es seinem Volk auferlegt hat über die Jahrhunderte. Er hat uns nicht versprochen, nur auf Rosenblättern zu gehen. Wir kennen die Geschichte von Hiob, dem auch unsägliches Leid widerfuhr bis zum Tod seiner Kinder. Christsein heißt das Kreuz tragen, Leiden mit Geduld auf sich zu nehmen und sich darin zu bewähren. Doch bleibt für mich die Frage, weshalb Gott uns in so unterschiedlichem Maße Leiden auferlegt. Wir kennen Menschen, die von Arzt zu Arzt gehen müssen und immer neue Krankheiten auferlegt bekommen, Menschen, die um ihr Kind trauern mussten – und andere, denen das Glück scheinbar in den Schoß fällt, bei denen alles gut geht oder deren Reichtum sich häuft. Weshalb verteilt Gott dann das Leid nicht wenigstens gerechter? Auch diese Antwort erklärt mir das Geschehen, aber auch sie befriedigt mich nicht ganz – Teil einer Wahrheit.

Die dritte Antwort lautet: Ist es für einen Christen denn überhaupt so schlimm, sein Leben zu verlieren? Ist uns nicht ein besseres Leben nach dem Tod verheißen, so dass wir uns freuen müssten, jetzt schon zu Gott zu kommen? Es ist fatalerweise der Glaube jener islamistischen Selbstmordattentäter, die unsere Welt seit Jahren unsicher machen. Wenn wir dieser Argumentation folgen würden, brauchten wir ja nicht erst geboren zu werden, sondern könnten besser direkt in ein anderes Leben zu Gott kommen. So aber hat dieses Erdenleben vor Gott seinen Wert, und wenn es als Bewährungsfeld des Glaubens dient und nicht zur Lebenslust! Auch diese Erklärung vermag vielleicht einen gewissen Sinn und Trost zu spenden, aber sie hat doch einen starken Zynismus und ist ebenfalls nur Teil einer Wahrheit.

Alle drei Antworten beruhigen uns nicht sofort, vielleicht befriedigen sie uns nicht einmal. Sie sind aber doch Teil der notwendigen Auseinandersetzung. Und vielleicht tragen sie uns doch ein Stück weiter auf unserem Weg. Die Gottesfrage verstummt nicht in Auschwitz und nicht im Krieg und nicht in Seynes-les-Alpes. Es ist allein schon die Frage nach Gott, die eine Hoffnung wachrüttelt: Es darf doch nicht sein, dass Verbrecher das letzte Wort haben! Und was heißt Verbrecher – noch wissen wir nicht wirklich, was geschehen ist, werden es vielleicht nie wissen. Eine heile Welt ist für uns wieder einmal zerbrochen, und das lehrt uns, wie gefährdet wir sind, als potenzielle Opfer, aber auch als potenzielle Täter! Gott ist kein Glücksautomatismus für uns, der alles gut und heil macht – von einem solchen Glauben müssen wir wohl Abschied nehmen. Glaube geht durch den Schmerz des Zweifels hindurch und ist ihm ausgesetzt. Wir können ihm dies auch klagen, er hält es aus. Aber doch bleibt Gott meine letzte Hoffnung auf einen Sinn in allem Bösen, auf eine letzte Antwort auf meine Fragen, auch wenn ich sie jetzt und hier noch nicht bekomme. So wie die Menschen in Haltern „Warum?“ fragen und dann doch in die Kirche zur Andacht gehen und nicht gegen Gott auf der Straße demonstrieren in ihrer Trauer. Das ist das Geheimnis des Glaubens und die Begründung, warum wir auch heute und trotz allem glauben können und sollen.  

» Predigt drucken

« zurück

Pfarrer Dr. Arndt Haubold
Pfarrer Dr. Arndt Haubold
AnregungAnregung

Uns interessiert Ihre Meinung - 
senden Sie uns Ihre Anregung!