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Predigt am Karfreitag über 2. Kor. 5, 19,  „Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst.“
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Predigt am Karfreitag über 2. Kor. 5, 19, „Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst.“

Predigt vom 02.04.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

In den letzten Tagen habe ich eine Geschichte von Versöhnung unter uns gehört, die mich sehr berührt hat. Vor drei Wochen lief im mdr-Fernsehen eine Sendung, in der ein Sohn für seinen verstorbenen Vater eine Kriegsschuld versucht hat auszusühnen. Der Vater vertraute ihm auf dem Sterbebett an, dass er in Italien im 2. Weltkrieg Partisanen auf Befehl standrechtlich erschossen habe und diese Schuld ihn bis an sein Lebensende bedrücke. Auf dem Sterbebett hat der Sohn diese Last übernommen und sich danach auf den Weg nach Italien gemacht, um Nachkommen der Opfer zu finden und sich stellvertretend für seinen Vater mit ihnen auszusühnen, was auch geschehen ist. Das hat mich tief berührt, zumal ich Beteiligte persönlich kannte.

Und doch bleiben Fragen zurück, ob das überhaupt möglich ist. Kann ein anderer eine Schuld vergeben oder aussühnen, ist Schuld nicht immer eine persönliche Schuld? Vor Gericht würde es heute nie möglich sein, fremde Schuld zu büßen. Der Mörder des Mädchens Corinna kann seine Strafe nicht abtreten an seinen Vater, auch wenn dieser sich vielleicht aus väterlicher Liebe für ihn opfern und an seiner Stelle ins Gefängnis gehen würde. Und werden sich die Missbrauchsopfer an Klöstern und Schulen, die sich in diesen Tagen offenbaren, damit zufrieden geben, wenn wir sagen: Christus ist auch für die Sünden Eurer Peiniger gestorben, damit hat Gott für euch Versöhnung erwirkt?

Wie kann Christus durch seinen Tod am Kreuz die Sünden der Welt getragen haben? Wie kann Gott Versöhnung stiften mit einer so blutigen Hinrichtung? Was ist das für ein grausames, ja sadistisches Gottesbild, das hier vor unseren Augen ersteht? Hat das mit dem Gott der Liebe noch das Geringste zu tun?

Stellen wir uns einmal die Sünden der Welt vor und werfen sie in Gedanken hier vor uns auf einen Berg: all die Gewalttaten, die in zahllosen Kriegen geschehen sind, in den Konzentrationslagern der Nazis und den GULags Stalins, all die Verbrechen, die die Gerichte dieser Welt tagaus, tagein beschäftigen und von deren Folgen die Gefängnisse voll sind, die Umweltsünden, mit denen wir die Schöpfung Gottes durcheinanderbringen, die gesellschaftlichen Sünden der Sklaverei, des Kolonialismus, des Kapitalismus, des Sozialismus - ganz zu schweigen von den vielen kleinen Sünden der Lügen, Hintergehungen und Betrügereien, an denen wir vielleicht alle Anteil haben. Stellen wir uns diesen gewaltigen Sündenberg vor und laden ihn nun Jesus auf die Schultern, dass er ihn ans Kreuz hinaufträgt – die Vorstellungskraft muss uns dabei versagen, denn die grausamsten Qualen Jesu am Kreuz könnten das nicht annähernd aufwiegen, was hier an Sündenlast aufgehäuft werden würde.

Kein Wunder, wenn in der modernen Zeit gegen solche Theologie und damit aber auch gegen das Zeugnis der Bibel, gegen die Interpretation des Paulus, gegen die Lehre der Reformatoren Sturm gelaufen wird. Es könne doch nicht sein, dass ein solches sinnloses und inhumanes Geschehen die Absicht Gottes zur Rettung der Welt sei! Nicht nur Friedrich Nietzsche hielt die Vorstellung vom Sühnopfer Jesu am Kreuz für eine Narrheit. Auch moderne theologische Strömungen seit der Aufklärung versuchen immer wieder das Kreuzesgeschehen anders zu interpretieren und abzumildern, was so hart und unverständlich erscheint. Da wird Jesu Tod am Kreuz eher sozialrevolutionär verstanden als ein Opfer menschlicher Politik oder als ein Martyrium für die Menschen, aber nicht als ein guter Plan Gottes für die Welt. Ob wir aber der Wahrheit näher kommen, wenn wir das Zeugnis der Heiligen Schrift nur nach unserem Zeitgeist frisieren? Besser ist es, die vielfältigen Stimmen der Heiligen Schrift und ihrer Interpreten über die Jahrhunderte so ernst zu nehmen, dass sich daraus unsere Sicht erweitern lässt und wir vielleicht doch etwas verstehen von dem, was mir selbst auch manchmal unverständlich erscheinen mag. Wenn wir das Sühnopfer Jesu am Kreuz nur als unzeitgemäß und unserer Gottesvorstellung nicht entsprechend abtun, werden wir der Wahrheit nicht gerecht.

Wie aber können wir es vielleicht doch annehmen und verstehen? Wir müssen dazu den Kreuzestod Jesu aus dem Blickwinkel der göttlichen Dreieinigkeit verstehen. Der Glaube an den dreieinigen Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist, sie sind nicht getrennte Wesen, sondern drei in einem – ist ein Dreh- und Angelpunkt christlichen Glaubens. Wenn Jesus am Kreuz stirbt, ist das nicht ein Kindesopfer, das Gott geschehen lässt, sondern es ist sein eignes Opfer, seine Selbsthingabe. Er lässt nicht einen anderen bluten. Es ist nicht genauso wie bei Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern sollte. Gott selbst erleidet am Kreuz seinen Tod in der Gestalt seines Sohnes – aber er weiß schon um die Auferstehung. Der Kreuzestod Jesu ist kein rein menschliches Geschehen, und alle Vergleiche mit menschlichen Opfertoden, wie sie Sokrates oder Spartakus oder Giordano Bruno oder Hans und Sophie Scholl erlitten haben, treffen nicht den Kern der Sache. Im Tod Jesu am Kreuz vollzieht sich ein Geheimnis Gottes, das sich unserer letzten Deutung entzieht, und es ist deshalb filmisch eigentlich nicht darstellbar. Dort wird man immer nur die menschliche Seite zeigen können von einem Geschehen, das den Einbruch Gottes in die menschliche Welt darstellt. Wir müssen es deshalb ein Stück gleichnishaft verstehen, nicht als reines Faktengeschehen. Niemand wird das wirkliche Geschehen jenes Prozesses gegen Jesus und seiner Hinrichtung je genau aufklären können.

Es gibt in der Bibel ein uraltes Vorgeschehen für die Kreuzigung Jesu: die Sintflut. Damals hat Gott die angehäuften Sünden der Menschen, die noch nicht so groß gewesen sein mögen wie heute, grausam ertränkt. Dann aber hat er den Regenbogen als Friedenszeichen an den Himmel gesetzt und verheißen, dass er nie wieder solche Rache am Menschengeschlecht üben wolle. Die Menschen sind unverbesserlich, er will sie aber dafür nicht mehr vernichten. Die Sünde ist nicht auszutilgen, indem die Sünder ausgerottet werden. Sie liegt in der menschlichen Natur. Keine Strafe dieser Welt verändert diese menschliche Natur. Der Tod Jesu am Kreuz auf Golgota ist wie ein neuer Regenbogen, den Gott nun nochmals und endgültig über die Erde spannt. Als wollte er sagen: Ihr seid dennoch meine Kinder. Ich gebe euch nicht verloren. Ich stehe zu euch. „Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht“, heißt es im Weihnachtsoratorium.

Die Fragen menschlicher Schuld und Sühne werden wir damit nicht befriedigend in einem juristischen Sinn aufarbeiten können. Ob und wie mit dem Tod Jesu am Kreuz auch Kriegsverbrecher und Kinderschänder gerechtfertigt sind, ist wirklich eine schwierige Frage, vor allem für die Opfer. Gottes Versöhnung ist auch keine billige Gnade, die dies alles einfach wegwischt. Dazu ist die Not, die die Sünden der Welt hervorbringt, zu groß und zu schwer. Schuld braucht in jedem Falle Aufarbeitung und oft sogar Strafe.

Sünde ist insgesamt ein so komplexes Geschehen, das sich nicht auf große Verbrechen reduzieren lässt. Meine kleine Notlüge gehört ebenso dazu wie unsere industriell produzierte Kohlenstoffausscheidung, wie der Atheismus unserer Gesellschaft und unsere oft unbewältigte Sexualität. Die Versöhnung, die Gott im Tod Christi am Kreuz vollbracht hat, ist ein Eingreifen Gottes in die Geschichte, das die Geschichte selbst übersteigt. Es ist ein überirdisches Geschehen, das sich unserer vollkommenen verstandesmäßigen Erfassung entzieht. Es verlangt deshalb unsere Anbetung und unser Niederknieen.

Es ist aber eine Versöhnung, die uns zuversichtlich macht, dass alles, was auf Erden sinnlos erscheint, in Gott einen Sinn findet, und dass Er zurechtbringt, was wir immer verderben.

Amen

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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