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Predigt am Osterfest über Mt. 28,1-10
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Predigt am Osterfest über Mt. 28,1-10

Predigt vom 16.04.17 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,

        ein guter Freund von mir hat einen Lieblingsspruchstets auf den Lippen: „Auf dem Friedhof tobt das Leben!“ Ich finde, es ist eine geniale Formulierung der Osterbotschaft – und wir haben gleich das Osterlachen damit hervorgerufen. Er hat dafür seine Beobachtungen als Beweise: Es wimmelt auf dem Friedhof nur so von Vögeln, von Insekten und Würmern. Es blühen Blumen in aller Pracht und Fülle. Menschen gehen aus und ein, sie treffen sich, sie schwatzen miteinander – die frisch um einen Toten trauern, sind eher still, aber andere können auch fröhlich sein. Wie im wahren Leben gibt es dort auch Streit und Diebstahl und andere allzumenschliche Dinge. Auf dem Friedhof tobt das Leben.

        Aber mein Freund meint es natürlich auch in einem geistlichen Sinn: Zwischen Karfreitag und Ostersonntag hat sich ein gewaltiger Kampf abgespielt zwischen Tod und Leben, zwischen Hölle und Himmel, zwischen den Mächten der Finsternis und den Mächten des Lichtes. Viele Zeitgenossen heute wissen davon nicht mehr viel. Für sie hat Ostern den Charakter eines mehrtägigen Frühlings-, Eier- und Hasenfestes angenommen, die christliche Bedeutung ist total verschüttet worden. Der Unterschied zwischen Karfreitag als Welttrauertag, Karsonnabend als Weltruhetag und Ostersonntag als Weltjubeltag wird völlig eingeebnet, indem man es zum verlängerten Osterwochenende macht. Die Grenze zwischen Christentum und Neuheidentum verläuft übrigens zehn  Meter westlich von unserer Kirche: Am gestrigen Karsonnabend tobte hier im Kees’schen Park das Leben zum Ostermarkt. Diskomusik beschallte die ganze Umgebung, und fressende Kinder tobten durch das Kirchengelände. Eine Umfrage in der „Leipziger Volkszeitung“ vom gestrigen Tag bestätigte es: Nur 40% der Evangelischen wüssten noch etwas von der geistlichen Bedeutung des Osterfestes. Ich will diese Formen, Ostern zu feiern, nicht dämonisieren, aber ich will auch bekennen, dass es mich schon betrübt, wie unsere Gesellschaft abdriftet in eine Immer-nur-Gaudi-Gesellschaft, die ihre Wurzeln verliert.  

        Wir müssen die alten Osterlieder singen, damit wir wieder an die Osterbotschaft erinnert werden, oder zum Gottesdienst kommen, wo allein die biblische Stimme noch erklingt. Die Auferstehung Jesu ist der Sieg Gottes über den Teufel, des Lebens über den Tod. Auf Osterbildern dargestellt wird meist das leere Grab, der Engel daneben oder auch Christus als Auferstandener mit der Siegesfahne in der Hand. In diesem Sinne tobt auf dem Friedhof das Leben.

        Die Ostergeschichte, wie sie uns Matthäus überliefert hat, führt uns das alles plastisch vor Augen: Der Morgen beginnt mit einem Erdbeben. Es ist das eindrücklichste Bild dafür, dass die Erde ihren Schlund öffnet und sich die Gräber auftun und eine gewaltige Erschütterung durch die Welt geht. Dann kam ein Engel vom Himmel herab, der den Stein vom Grab gewälzt hat. Das muss ein starker Kerl gewesen sein, denn die mühlsteinartigen Rollsteine der Gräber dort konnte kein einzelner Mensch bewegen, damit die Gräber vor Grabräubern sicher waren. Danach fallen die Grabwächter, die Pilatus abgeordnet hatte, in Ohnmacht. Der Engel hält eine Rede an die beiden Frauen, die nach dem Grab hatten sehen wollen und schickt sie zu den Jüngern mit dem Auftrag, nach Galiläa zu gehen, wo man sich wiedertreffen werde. Die Frauen sprinten über den Friedhof nach Hause (im langen Rock!), unterwegs aber stürzen sie gewissermaßen über Jesu Füße, fassen sie auch an, und er wiederholt noch einmal im O-Ton die Botschaft an die Jünger. Also durchaus eine Geschichte, in der das Leben auf dem Friedhof in Jerusalem tobt!

        An die Wahrheit dieser Geschichte zu glauben,  fällt aber nicht allen leicht. Im Seniorenkreis war ich unlängst doch sehr überrascht, wieviel Zweifel und Widerspruch mir bei diesem Thema auch aus der älteren Generation entgegentrat. Einige sagten rundheraus: Ich glaube, dass Gott mein Vater und Schöpfer ist und dass er mich im Leben behütet und bewahrt. Aber dass er Jesus vom Tod auferweckt hat, dass Jesus nach der Auferstehung den Jüngern erschienen ist, und dass wir selbst vom Tod auferstehen werden, das glaube ich nicht! So denken viele, wenn sie ehrlich sind.

        In welcher Weise können wir heute an die Auferstehung glauben? Im materiellen Sinn sind ja alle Beweisstücke verloren. Es gibt keine Reliquien des Auferstandenen. Das heutige Grab Jesu ist nicht mehr das echte. Ein leeres Grab ist auch kein Beweis einer Auferstehung. Wir besitzen nur schriftliche Dokumente in den Zeugnissen der Evangelisten und der Apostel, aber sie sind Glaubenszeugnisse und keine unabhängigen Reportagen. Sie berichten von geistlichen Erfahrungen mit dem Auferstandenen, die sich aber meist auf die nachösterliche Zeit von 40 Tagen beziehen. Mit der Himmelfahrt Jesu ist seine leibliche Gegenwart auf Erden abgeschlossen. Wir müssen also Dinge als Tatsachen glauben, die unserer Erfahrung widersprechen, die unglaublich lange Zeit zurückliegen und die nicht im modernen wissenschaftlichen Sinn beglaubigt sind. Mit dem Hinweis auf Gottes unendliche Macht und Möglichkeiten können wir das natürlich glauben. Aber das wird nicht jeder nachvollziehen können.

        Eine Möglichkeit besteht darin, die Auferstehung als etwas rein Bildliches zu verstehen. Viele Dichter, Musiker, Künstler haben das getan. Goethe wendet in seinem berühmten Osterspaziergang im „Faust“ das Bild der Auferstehung für das Frühlingserwachen der Menschen nach der bedrückenden Winterzeit an:

„Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden.
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
aus der Strassen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.

        Der Dichter der DDR-Nationalhymne, Johannes R. Becher, hat 1949 deren Text gedichtet und dabei erstaunlicherweise für die kommunistische Propaganda das biblische Bild der Auferstehung verwendet: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland!“

        Der kürzlich verstorbene Schweizer Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti hat ein Gedicht „Auferstehung“ geschrieben:

„ihr fragt, wie ist
die auferstehung der toten?
ich weiss es nicht ihr fragt,
wann ist die auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ihr fragt, gibt’s
eine auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ihr fragt, gibt’s
keine auferstehung der toten?
ich weiss es nicht
ich weiss nur, wonach
ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiss nur, wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt.“

        Der nicaraguanische Schriftsteller Ernesto Cardenal bezeichnet den Freiheitskampf in Latein- und Mittelamerika als „Auferstehung für die Völker“. Man kann auch die Wiedergeburt lange unterdrückter Staaten oder Nationen als Auferstehung bezeichnen. Sogar die Gründung des Staates Israel nach dem Holocaust könnte man so interpretieren, aber auch die Gründung von Polen und der Tschechoslowakei nach dem ersten Weltkrieg, und auch die Wiedervereinigung Deutschlands 1990. Das waren Auferstehungen. In Russland nennt sich der Verein der Russlanddeutschen nach dem Ende der Sowjetunion „Wiedergeburt“ – das ist der Auferstehung ganz ähnlich.

        Selbst in der Geschichte der Kirche gibt es solche Interpretationen. Man hat etwa gesagt, die Existenz der Kirche nach dem Tod Jesu und nach der anfänglichen dreihundertjährigen Verfolgung der Kirche sei selbst eine Auferstehung. Jesus sei auferstanden in die Verkündigung seiner Botschaft oder in die Gemeinde seiner Bekenner. In diesem bildhaften Sinne kann man einen Auferstehungsglauben niedrigschwellig mit vielen Menschen teilen. Aber ist das wirklich die ganze Botschaft der Bibel?

        Man kann Auferstehung auch als ein einzigartiges Ereignis glauben, das unsere Erfahrungswelt noch übersteigt, weil es ganz Gottes Wunder ist. Es ließe sich mit der Schöpfung vergleichen, und als neue Schöpfung ist sie tatsächlich immer wieder benannt worden. Dieses Verständnis ist in der Bibel schon angelegt. Dort ist klar, dass Auferstehung keine gewöhnliche Rückkehr eines Toten in’s alte Leben ist. Deshalb die 40-tägigen Erscheinungen Jesu zwischen Körperlichkeit und Körperlosigkeit. Der Begriff Auferstehung wird in der Bibel deshalb auch mit anderen Worten ausgedrückt: Gott habe Jesus in den Himmel aufgenommen, er habe ihn erhöht u. ä. Die Entwicklung der Welt ist ein offener Prozess, dessen Ausgang kein Mensch kennt. Die Entwicklung geht auf eine Besiegung des Alterns, sogar des Sterbens zu. Ist es nicht logisch, am Ende ein ewiges Leben oder eine letzte Verwandlung zu sehen? Wir können sagen, dass Gott in der Auferstehung Jesu angedeutet hat, was tatsächlich sein Plan mit der Schöpfung ist – aber wie er es realisiert, bleibt sein Geheimnis.

        Das heißt aber, dass wir im Glauben an die Auferstehung auch den Prozess der Auferstehung mitgestalten sollen. Das wir aller Mutlosigkeit entgegentreten, den Kräften des Todes widerstehen, gegen Apathie aufstehen, Optimismus statt Pessimismus verbreiten, erstorbene menschliche Beziehungen wiederbeleben, Sprachlosigkeit überwinden – allen Formen des Todes Widerstand entgegensetzen. Das ist die Auferstehung im Leben. Und wer an diese glaubt, der darf auch glauben, dass Gott noch etwas Großes draufsetzt eines Tages, das wir heute noch nicht sehen. Der offene Prozess des göttlichen Wirkens lässt uns mehr hoffen, als wir heute verstehen können. „Auf dem Friedhof tobt das Leben!“ Und in der Kirche tobt die Hoffnung!

Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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