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Predigt am 7. Sonntag n. Trin., 3.8.2014, über Lk. 9,62
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Predigt am 7. Sonntag n. Trin., 3.8.2014, über Lk. 9,62

Predigt vom 03.08.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde,
jahrtausendelang war der Pflug das wichtigste Werkzeug unserer Vorfahren – wie heute das Auto. Mit der Erfindung des Pflugs – der ersten Maschine - war die Menschheit in der Lage, sich von Feldarbeit zu ernähren. Die meisten Menschen lebten in Dörfern. Jedes Kind wusste, was eine Pflugschar war. Lass heute ein Kindergartenkind eine Pflugschar zeichnen – es wird nicht wissen, was das ist. In unserer Kirche finden sich Pflugscharen auf einigen Wappen, denn die Herren von Pflug waren 200 Jahre lang Patronatsherren unserer Kirche – vom 14. bis zum 16. Jahrhundert.
Die Pflugschar ist ein Symbol des Friedens. Seit der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer zum Kirchentag 1983 symbolträchtig ein Schwert zu einer Pflugschar umgeschmiedet hat, ist das biblische Wort des Profeten Micha „Schwerter zu Pflugscharen“ wieder aktuell geworden. Das Symbol wurde eines der Zeichen der Revolution vor 25 Jahren.
Die Hand am Pflug ist also ein Zeichen der friedlichen und lebensnotwendigen Tätigkeit des Bauern. Die Hand am Pflug ist aber auch ein Zeichen des Aufbruchs: Wir brechen auf, etwas Neues bricht sich Bahn. Vor 1000 Jahren haben unsere Vorfahren hier erst einmal mit dem Pflug Land urbar gemacht. Sie haben hier Urwälder gerodet und dann zum ersten Mal die Furchen gezogen – das war eine harte Arbeit, ohne die wir heute nicht in unserem Wohlstand leben könnten. Die Hand am Pflug - ein Zeichen des Aufbruchs.
Warum aber ist nach Jesu Wort das Zurückschauen mit der Hand am Pflug verboten? Was ist schädlich daran, noch einmal zum Bauernhof zurückzuschauen oder de n Kindern zu winken? Warum fordert Jesus von einem angehenden Jünger, der sich nur noch zu Hause verabschieden will, sofort und ohne Abschied mit ihm zu gehen? Will er Jünger wie die Taliban? Gehorsame Befehlsempfänger, die keine Familienrücksichten mehr nehmen? Gehört es sich nicht, voneinander Abschied zu nehmen, wenn einer aufbricht und in die Fremde geht? Wenn der Jugendliche für ein Jahr nach Amerika geht zum Schüleraustausch? Wenn der Urlaubsbesuch verabschiedet wird? Wenn ein Mensch im öffentlichen Dienst in den Ruhestand tritt, ein Arzt seine Praxis oder ein Handwerker sein Geschäft aufgibt? Wenn ein Ehepaar getrennte Wege gehen zu müssen glaubt? Wenn ein Mensch aus unserem Familienkreis stirbt? Abschiednehmen ist doch ein wichtiges menschliches Ritual. Warum lehnt es Jesus ab?
Ein Weggehen ohne Abschied hinterlässt Wunden. Wenn ein Kind das Elternhaus verlässt und einfach nicht wiederkommt. Wenn ein Geliebter feig die Verbindung löst und sich sang- und klanglos aus dem Staub macht. Das ist unbarmherzig.
Es gibt natürlich Situationen, in denen das Zurückschauen nicht hilfreich ist: Als Hunderttausende Ostdeutsche nach dem Krieg ihre Heimat verlassen muss für immer, sollten sie nicht zurückschauen. Wenn es vom eignen Haus ins Pflegeheim geht, ist ein Zurückschauen auch nicht gut. Aber beim Pflügen?
Der Ruf Jesu in seine Nachfolge war allerdings wirklich ein extremer Schritt und etwas anderes als das alljährlich wiederkehrende Ritual des Bauern. Es ging um die Verkündigung des Reiches Gottes – um einen neuen Aufbruch des Glaubens, der die Welt verändern sollte. Alle Sicherheiten aufzugeben, die Familie im Stich zu lassen, mit einem von den Behörden Bespitzelten durchs Land zu ziehen – ohne Gehalt, ohne Quartier, ohne Versicherung, ohne Verpflegung, mit der Aussicht auf Gefängnis – das brauchte harte Kerle. Da musste Jesus Mutproben stellen wie: Komm sofort mit, lass deinen toten Vater im Haus liegen, verabschiede dich nicht von den Deinen! Nur wenn du das schaffst, bist du reif, mir nachzufolgen!
Es war eine extreme Situation, in die Jesus dieses Wort gesprochen hat. Hin und wieder erleben wir so etwas vielleicht auch. Als der junge Bartholomäus Ziegenbalg aus Pulsnitz 1705 als erster evangelischer Missionar nach Indien aufbrach, war es vielleicht eine ähnliche Situation, in der er nicht zurückschauen durfte. Aber im normalen Alltag verlangt Jesus von uns nicht, Menschen abschiedslos im Stich zu lassen. Wenn Gläubige das verlangen, wie im Fall einer früheren Konfirmandin unserer Gemeinde, die in die Hände einer strengen christlichen Gruppe fiel und jeglichen Kontakt zu ihren Angehörigen abbrechen musste, halte ich das für einen irregeleiteten christlichen Glauben.
Als ich am ersten Augustsonntag 1994 nach dem Abschied von der Leipziger Nikolaikirche hier in Markkleeberg als Pfarrer eingeführt wurde, wollte ich auch nicht zurückschauen. Im Hof des Gemeindezentrums fand ich damals einen alten Pflug, lud ihn ins Auto und ratterte zu Beginn meiner Predigt mit dem Pflug von hinten in die Kirche ein und rief der erschreckten Gemeinde zu: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes!“
Zurückschauen ist nicht verboten, so wenig wie Abschiednehmen. Natürlich denke ich heute zurück an unseren gemeinsamen Beginn hier vor 20 Jahren. Ich sehe unterhalb der Kirche das riesige Tagebauloch. Ich sehe zehn große Baustellen, die ich damals hier vorfand. Ich erinnere mich an die herzliche Aufnahme, die freundlichen Worte und die hohen Erwartungen, mit denen ich hier begrüßt wurde. Ich glaube, es war der richtige Platz für uns, den Gott uns miteinander gezeigt hatte.
Aber auch wenn Jesu Wort nicht für jedermanns Alltag bestimmt war, bleibt ein Impuls daraus wichtig. Als Christ zu leben, ist doch immer etwas Außerordentliches, und das Reich Gottes wachsen zu lassen, ist unser christlicher Auftrag. Es ist mehr, als nur seine familiären und staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen. Wenn wir wirklich in die Nachfolge Jesu treten, dann werden wir neue Furchen ziehen und neue Wege wagen müssen. Das ist das revolutionäre Potenzial im Christentum! Nach vorn schauen statt nach hinten – das ist Jesu Blick auf die Welt! Manchmal müssen wir einfach die ganze Geschichte beiseitelassen, statt sie aufzuarbeiten, und einfach neu anfangen – wie der Bauer am Acker, wenn er die Hand an den Pflug legt. Auch im heiligen Land denke ich, kann eines Tages nur Frieden werden, wenn die alten Geschichten von gestern vergessen werden und einer anfängt, eine ganz neue Furche zu ziehen.
Für manche beginnt bald ein neuer Schulweg, andere haben schwierige Veränderungen vor sich, auch ein Weg in eine medizinische Behandlung kann uns fordern. Gehe es mutig an, schau nicht zurück, sondern nach vorn, erbitte von Gott Kraft und Speise für den Weg, pflüge neue Furchen, in denen Samen aufgeht und Ernte gedeiht!

(Es gilt das gesprochene Wort.)

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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