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Predigt über Joh 2, 1-11, am 2. Sonntag nach Epiphanias, in Vorbereitungsgemeinschaft mit dem Dordrecht-Partnerschaftskreis
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Predigt über Joh 2, 1-11, am 2. Sonntag nach Epiphanias, in Vorbereitungsgemeinschaft mit dem Dordrecht-Partnerschaftskreis

Predigt vom 17.01.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Das war eine schreckliche Blamage für den Bräutigam oder den Festverantwortlichen in Kana - rücksichtsvollerweise nennt uns der Evangelist Johannes seinen Namen nicht! Der Wein für die Hochzeitsgäste reichte nicht aus. Es gibt kaum etwas Peinlicheres, auch wenn wir uns eine orientalische Hochzeit etwas anders als bei uns vorstellen müssen. Sie konnte bis zu sieben Tagen dauern, und man wusste nie genau, wer noch gratulieren kommen würde. Aber der Partymeister hätte doch schnell zum Nachbarn oder zum Winzer oder zum Krämer gehen können, um noch ein paar Ziegenfellbeutel Wein zu leihen oder nachzukaufen. Das Problem wäre ohne viel Aufhebens lösbar gewesen.

Stattdessen entwickelt sich die Sache so richtig spektakulär, dass man bis heute in aller Welt davon erzählt. Das lag an den prominenten Gästen - die aber bis dahin so bekannt noch gar nicht waren, sondern mit diesem öffentlichkeitswirksamen Auftritt erst Aufmerksamkeit erzeugten. Denn unter den Gästen waren Maria, Jesus und seine Jünger. Von ihnen erzählt man bis heute - von der Schönheit der Braut spricht keiner mehr.

Dass man bis heute von der Hochzeit zu Kana erzählt, lag auch an dem, was da geschah. Heute würde es ins Guiness-Buch der Rekorde kommen: Schnellste, billigste und größte Weinvergärung aller Zeiten! Eigentlich geht es die Gäste ja gar nichts an, was in der Küche passiert. Aber Maria spielt die Hausherrin. Sie fordert Jesus zum Eingreifen auf, als der Wein alle ist, sie gibt dem Personal Anweisungen. Dasselbe tut dann Jesus. Zu Anfang sieht es aus wie ein Familienkonflikt in der heiligen Familie. Maria gibt ihrem großen Sohn Befehl, der Hochzeitsgesellschaft aus der Patsche zu helfen, aber er fährt sie ziemlich barsch an, er wisse selbst, was zu tun sei und wann. Dann übernimmt Jesus das Heft des Handelns und führt eine Aktion durch, die einem Zauberkunststück ähnelt: Er versorgt die Hochzeitsgesellschaft mit einem unglaublichen Übermaß an Wein in Quantität und Qualität.

Das Geschehen wirft eine Kette von Rätseln und Fragen auf, wenigstens für uns heutige Hörer. Wieso spricht Jesus so barsch mit seiner Mutter? Wieso sagt Jesus zu ihr, als sie ihn zum Eingreifen herausfordert: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen!" - und beginnt dann doch gleich danach in göttlicher Kraft zu wirken? Wieso gehorchen die Diener den seltsamen Anweisungen der Gäste? Wieso sind die sechs steinernen Wasserkrüge, aus denen man mit einer Schöpfkelle nach jüdischer Sitte vor und nach dem Essen jeweils die Hände übergießt, in diesem Moment leer? Wieso wählt Jesus diese riesigen Steingefäße für den Wein aus und nicht die üblichen Weinbeutel aus Ziegenleder? Wieso füllt Jesus eine solche gewaltige Menge an Wein nach? Es sind etwa 600 Liter, die in diese Gefäße passen, mit anderen Worten: 800 Flaschen Wein! Die Menge müsste zu einem kolossalen Besäufnis unter den Gästen geführt haben. Und wieso erfahren wir nichts davon, dass sich der Bräutigam bei Jesus wenigstens dafür bedankt? Wieso kommen die Hochzeitsgäste auf dieses Wunder hin nicht zum Glauben an Jesus und bilden nicht gleich die erste Gemeinde? Nur von den Jüngern heißt es am Schluss, sie glaubten an ihn, obwohl sie das vorher schon getan hatten.

Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana wird uns vom Evangelisten Johannes nicht im Stil einer Reportage erzählt, so wie man heute am nächsten Tag in der Zeitung lesen kann: So war es gestern beim Opernball! Deshalb würden wir auch in die Irre gehen, wenn wir sie im Blick auf jede Einzelheit journalistisch ausdeuten wollten. Geheimnisvolle Züge bleiben stehen. Die Geschichte dient auch nicht etwa der Rechtfertigung, dass Jesus ein lebenslustiger Geselle war, der dem Weine nicht abhold war und dass wir Christen deshalb auch guten Gewissens bechern könnten. Nein, die Geschichte ist eine kunstvolle theologische Komposition, die ja erst aus der Überlieferung der urchristlichen Gemeinde vom Evangelisten Johannes Jahrzehnte später niedergeschrieben worden ist, und sie enthält verborgene Andeutungen, die wir theologisch deuten müssen.

Da ist zuerst die barsche Reaktion Jesu gegenüber seiner Mutter. Sie kommt noch öfter vor, etwa in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, oder bei der Frage nach seinen wahren Verwandten. Sie zeigt uns an, dass Jesus nicht der brave Sohn seiner Mutter war, sondern eine andere Bestimmung hatte. Sonst hätte er seiner Mutter viel Kummer ersparen müssen - bis hin zu seinem Opfertod. Da ist weiter das dunkle Wort: "Meine Stunde ist noch nicht gekommen." Jesus meint damit nicht sein bevorstehendes wunderhaftes Eingreifen im Hochzeitshaus zu Kana. Aus dem späteren Rückblick erkannte die Gemeinde, dass "seine Stunde" sein Tod am Kreuz war. Diese Stunde war in Kana noch nicht gekommen - das konnten allerdings seine Mutter und seine Jünger nicht ahnen. Aber indem Jesus jetzt schon auf seinen Tod hinweist, erhält auch das Weinwunder eine profetische, visionäre Bedeutung: Der gute Wein, den Jesus im Übermaß schenkt, ist der Wein seines Blutes, also des Abendmahls, und die Hochzeit zu Kana wird zum Symbol für die Gemeinschaft der Christen beim Abendmahl in hochzeitlicher Freude. Nur so ist die ungeheure Menge an Wein zu erklären. Sie hätte die Hochzeitsgäste in Kana sinnlos betrunken gemacht - aber für uns, seine Gemeinde, ist im Abendmahl genug für alle und für alle Zeit da. So erklärt sich auch, dass der gute Wein erst zuletzt ausgeschenkt wird. Zur Hochzeitsfeier wäre das ein Fehler gewesen, und der Speisemeister wunderte sich zu Recht über diesen vermeintlichen Fehler des Bräutigams. Aber im übertragenen Sinn steht der gute Wein am Schluss für die Verheißung Gottes: Wir werden am Ende von Gott das Beste empfangen - das ewige Leben. Dagegen ist das irdische Leben der saurere Wein. Und was in der letzten Woche in Haiti geschehen ist - das schwere Erdbeben - wirft uns unweigerlich das Bild einer glücklichen Hochzeit hier auf Erden durcheinander. Nein, hier fehlt es manchmal nicht nur am Wein, sondern an viel, viel mehr! So erhält auch die Füllung der Wassergefäße für die Reinigung einen Sinn: Im Abendmahl reinigt uns Jesus von unseren Sünden.

Schließlich ist die Hochzeit zu Kana überhaupt ein Bild der Gemeinschaft Gottes mit uns. Immer wieder wird in biblischen Bildern davon gesprochen, dass Israel oder die Gemeinde der Christen Gottes Bräute sind, und dass Jesus für uns der Bräutigam unserer Seele ist. Ich erinnere an das bekannte Gleichnis von den zehn Jungfrauen oder an die heutige alttestamentliche Lesung aus Jesaja 62: "Wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen." (V. 5) Die Choräle "In dir ist Freude" und "Jesu, meine Freude", die wir heute singen, spiegeln diese biblische Symbolik noch einmal wider. Auch unser Gottesdienst hat etwas vom Charakter einer Hochzeit mit Jesus. Nicht unbedingt, indem es hier hoch hergeht bei Wein, Weib und Gesang, aber in dem Sinne, wie wir eine Trauung in der Kirche erleben: mit dem erwartungsvollen Zusammenkommen der Gäste, mit der Freude über das Brautpaar, übertragen über die innige Gemeinschaft Jesu mit uns, mit der schönen Ausgestaltung des Hochzeitssaales, mit der Erinnerung an Gottes große Taten auf dem bisherigen Lebensweg, mit dem Einstimmen in den Lobgesang zur Ehre Gottes, mit der Erteilung des göttlichen Segens.

Und ein letzter Zug der Geschichte bleibt bei mir haften: Es war eine ziemlich verfahrene Situation, als die Hochzeitsgäste auf dem Trockenen saßen. Gerade da greift Jesus ein und hilft ihnen heraus. Vielleicht stecken wir auch manchmal in einer ausweglos scheinenden Lage, und plötzlich schenkt uns Jesus vom besten Wein so reichlich ein, dass wir's nicht fassen können.

 Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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