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Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis anlässlich der Ersterwähung dieser Kirche vor 800 Jahren
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Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis anlässlich der Ersterwähung dieser Kirche vor 800 Jahren

Predigt vom 20.08.17 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Am Freitag der vergangenen Woche, am 18. August, hat sich der Tag zum 800. Mal gejährt, an dem unser Gotteshaus zum ersten Mal aus dem Dunkel der Geschichte hervorgetreten und in einer überlieferten Urkunde erwähnt worden ist – eine Art Gründungsdatum unserer Kirche. Das betrifft ebenfalls die Apostelkirche in Großzschocher, unsere Nachbarkirche, die an diesem Wochenende deshalb ein großes Fest feiert, und zur Stunde predigt dort der Landesbischof.

Ich möchte dieses Ereignisses in der Predigt gedenken und deshalb zunächst den Text jener alten Urkunde als „Predigttext“ verlesen:

“In nomine sanctae et indIviduae trinitatis.
Teodericus Misnensis et orientalis marchio omnibus in perpetuum…“


Entschuldigung, ihr versteht mich nicht, ich will es gleich verdeutschen:

„Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit.
Dietrich, Markgraf von Meißen und der Ostmark, allen in Ewigkeit. Damit Unseren Handlungen oder Beschlüssen sich nicht in Zukunft durch unüberlegte Machenschaften Missgünstiger irgendein Hindernis entgegenstelle, haben Wir beschlossen, Uns gegen die Hinterlist von Widersachern mit den Waffen der Privilegien zu rüsten. Daher geschieht es, dass wir allen, sowohl der gegenwärtigen als auch der künftigen Zeit, die durch das Wasser der heiligen Taufe wiedergeboren sind, zur Kenntnis geben wollen, dass wir die in den Dörfern Gautzsch und Großzschocher errichteten Kirchen, deren Patronatsrecht uns rechtmäßig übertragen worden war, in der Hoffnung auf göttlichen Lohn mit dem Einverständnis Unserer Erben dem Kloster des Heiligen Thomas in Leipzig, das Wir auf jede Weise zu fördern beabsichtigen, zur Unterstützung derer, die ebendort Gott dienen, in freier Entscheidung und vollständig übertragen haben, so dass der Propst des oben genannten Klosters das Patronatsrecht ebendieser Kirchen für alle Zeit besitzt. Falls sich aber in Zukunft – was fern sei – jemand vorgenommen hat, dieser Unserer Entscheidung entgegenzuwirken, dürfte er, wenn er den Abdruck Unseres Siegels erblickt hat, mittels dessen Wir die Entscheidung bekräftigen und als für immer gültig bestätigen, beschämt zur Einsicht gelangen und Unser Gelübde nicht zum Schaden für sein Heil anfechten.

Die Namen der Zeugen aber, die diesem Akt Unserer Großzügigkeit beigewohnt haben, sind unten aufgeführt…(…)

Beurkundet wurde dies im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1217 am 15. Tag vor den Kalenden des September in der Indiktion 6 [18. August 1217] in der Stadt Leipzig in Anwesenheit der oben Genannten.“

Der Verfasser dieser Urkunde und damit eine wichtige Persönlichkeit in der Geschichte unserer Kirche war Markgraf Dietrich von Meißen und der Ostmark (der heutigen Niederlausitz) aus dem Geschlecht der Wettiner, genannt Dietrich der Bedrängte, der Landesherr. Sein Bild finden wir in Dresden am berühmten Fürstenzug aus Meißner Porzellankacheln, auch auf einem Reitersiegel aus dem Jahr 1206 und auf seiner Grabplatte im Kloster Altzella in der Wettinergruft. Eigentlich war er als Zweitgeborner des Markgrafen Ottos des Reichen nicht als künftiger Regent erkoren, sondern sein älterer Bruder Albrecht. Es kam aber zu Familienintrigen, Albrecht ließ sich das Reich nicht so einfach nehmen und sperrte seinen Vater kurzerhand auf der Burg Döben bei Grimma ein. Es war ein unerhörter Vorgang, der sogar den Kaiser Heinrich VI. beschäftigte. Der Machtkampf ging schließlich doch zugunsten Dietrichs aus, da sein Bruder Albrecht 1195 plötzlich starb, zwei Jahre später auch der Kaiser. Dietrich hatte sich jedoch in Kämpfen zu behaupten, vor allem der Meißner Adel und die Leipziger Bürgerschaft waren ihm nicht wohlgesonnen. 1215/16 kam es zu einem Bürgeraufstand in Leipzig gegen den Markgrafen, Dietrich musste nachgeben, doch gelang es ihm mit List, die Stadt wieder zu erobern und ihre Mauern zu schleifen. Als Bastion seiner Macht ließ er die Pleißenburg erbauen und stiftete weiterhin neben anderen Einrichtungen das Thomaskloster, das er äußerst großzügig ausstattete. Am 18. August 1217 schenkte er dem Thomaskloster die Patronatsrechte an den Kirchen zu Großzschocher und Gautzsch. Damit gingen – mit heutigen Worten – die Steuern aus diesen Orten an das Thomaskloster, und die dortigen Mönche (das waren keine armen Schlucker, sondern Adlige) hatten das Recht, den hiesigen Pfarrer zu bestimmen und für ihr Seelenheil hier Messen lesen zu lassen oder selbst tätig zu sein als Seelsorger. Markgraf Dietrich beurkundete diese Schenkung im Beisein von hochgestellten Personen aus dem gesamten wettinischen Herrschaftsbereich.

Die Namen der Anwesenden unter der Urkunde spiegeln das eindrucksvoll wider: „Bruno Bischof von Meißen, Eckhard Bischof von Merseburg, Gerhard Abt von Celle, Bruningus Abt von Buch, Heinrich Propst in Merseburg …, Ulrich Propst von Wurzen, … Heinrich, Graf von Anhalt, (Fri)dericus Graf von Brehna, …, Albert Burggraf von Altenburg, Heinrich Burggraf von Donin, Heinrich Graf von Schwarzburg, Heinrich Vogt von Schkeuditz, Volrad von Landsberg, Friedhelm von Pouch, Otto und Bodo Vögte von Eilenburg…“ und einige andere. Die gesamte politische Elite des alten Sachsenlandes war in Leipzig versammelt.

Es klingt, als wenn wir heute den sächsischen Ministerpräsidenten und weitere Kabinettsmitglieder, Landräte, den Landesbischof u. a. Prominente zu einer Beurkundung für unsere Kirche heranziehen würden, die aber in tagelangen Ritten zu Pferde hierherkommen müssten, nicht mal schnell in einer Stunde mit dem Dienstwagen.

In jener Urkunde bezieht sich Dietrich auf die Heilige Dreieinigkeit und auf die Taufe. Was wir heute an dem Täufling im Gottesdienst vollzogen haben, das geschah hier bereits vor 800 Jahren. Ist das nicht staunenswert? Weiterhin wollte Dietrich etwas für ewige Zeiten bewirken, und es ist in der Tat erstaunlich, dass diese Übertragung, die er vollzog, jetzt schon 800 Jahre Bestand hat. Was hat sich in diesem Gotteshaus seitdem ereignet! Wie viele Taufen, Trauungen, Bestattungen, Messen, Gottesdienste haben hier die Menschen im Glauben vereint?! Wie viele Seuchen, Feuersbrünste und Kriege haben sie hier überstanden?! Dabei spielte für Dietrich der Glaube an göttlichen Lohn in der Ewigkeit eine große Rolle, vielleicht auch der Gedanke einer Buße für Sünden, die er begangen hatte und damit sühnen wollte. Dietrich hat aber unsere Kirche nicht gegründet, sondern nur von Früheren übernommen, die für uns hinter dem dunklen Vorhang der Geschichte verborgen bleiben. Er schreibt ja, dass er das Patronatsrecht rechtmäßig erhalten habe – wir wissen nicht, von wem. Sein Wunsch, das Thomaskloster möge für ewige Zeiten die Patronatsherrschaft über unsere Kirche ausüben und dessen Rechte genießen, ging freilich nicht in Erfüllung. Nach der Reformation, als die Klöster aufgelöst wurden, fiel die Patronatsherrschaft an den Landesherrn, der sie dann an die adligen Geschlechter der von Pflugk, später von Dieskau verkaufte, später Jöcher, zuletzt nach einigen anderen Kees, bis das zerstörerische Jahr 1945 allem ein Ende machte.

Zu einer späten und kuriosen Anknüpfung an jenes alte Thomaspatronat kam es, als 1964 die neuen Glocken unserer Kirche gegossen wurden. Aufgrund der DDR-Mangelwirtschaft fehlte es an Bronze für den Neuguss, der sich dadurch monatelang immer wieder verzögerte. Die Rettung kam dann von der Thomaskirche, die eine alte kaputte Glocke auf ihrem Turm als Material zum Einschmelzen an unsere Gemeinde verkaufte, so dass endlich der Guss erfolgen konnte! Bis heute haben wir also auf unserem Kirchturm ein materielles Stück Thomaskirche hängen, das uns an die Zeit vor 800 Jahren erinnert.

Welche Botschaft hat diese alte Urkunde für uns heute? Erstens zeigt sie die Beständigkeit des christlichen Glaubens, der christlichen Verkündigung und der Taufe über 800 Jahre an unserem Ort. Es ist für mich immer wieder ein Rätsel, wie ein großer Teil unserer Bevölkerung dieses Erbe einfach vergessen und abgelegt hat wie einen alten Mantel, statt es mit Stolz auf diese Geschichte lebendig zu halten. Ihr, liebe Gemeinde, tragt diesen kostbaren Schatz in die Zukunft, und es bewegt mich, dass es doch immer wieder trotz bedauerlicher Kirchenaustritte einzelne Menschen gibt, die diesen Wert erkennen und den Weg zur Kirche wieder neu suchen und finden, wie gerade erst letzte Woche geschehen.

 Zweitens zeigt diese Geschichte die Verknüpfung von Macht und Glaube. Sie ist Bestandteil unserer Kirchengeschichte. Es ist vielleicht einfacher, den Glauben als schlichter Untertan zu leben. Sobald ein Mensch in den Bereich von Macht und Herrschaft eintritt, ist es viel schwerer, politische Interessen und Glaubensgrundsätze unter einen Hut zu bringen. Es ist aber falsch, Menschen in Machtposition von vornherein jeglichen Glauben abzusprechen und ihr gesamtes Handeln nur unter Machtkalkül zu sehen. Sie sind angreifbarer, werden kritischer beurteilt und müssen auch ihre Machtinteressen durch das Evangelium bändigen lassen. Die Mitwirkung der Mächtigen ihrer Zeit hat in der Reformation dem Durchbruch des Evangeliums geholfen. Aber die teilweise Verbindung der Kirche mit der Macht in der nationalsozialistischen Zeit hat auch schwere Schuld auf die Kirche geladen. Markgraf Dietrich war einerseits ein Herrscher, der seinen Machtbereich ausweiten wollte, andererseits war er aber auch ein frommer Wohltäter. Diese zwei Seiten finden wir oft bei christlichen Herrschern, ich denke an Gustav II. Adolf oder an Wilhelm II., denen in der Thomaskirche Glasfenster gewidmet sind. Wir können uns heute in die politischen Details jener Zeit nur schwer hineindenken und sie kaum beurteilen. Aber wir sind froh, dass Dietrich diese Beurkundung vorgenommen und unserer Gemeinde damit eine Gründungsgeschichte gegeben hat und letztlich eine segensreiche Spur gelegt hat.

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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