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Predigt über "O du fröhliche" am 28.12.2014

Predigt vom 28.12.14 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liedpredigt über „O du fröhliche“

Liebe Gemeinde,

zu den vertrautesten deutschen Weihnachtsliedern, mit dem wir stets an den Festtagen den Gottesdienst beschließen, gehört das Lied „O du fröhliche“. Woher rührt der Zauber dieses Liedes? Kaum einer weiß um seine Entstehung und Geschichte. Es verbindet Europa von der Ostsee bis zum Mittelmeer und hat etwas mit den traurigen Tagen der Völkerschlacht zu tun.

Das Lied klingt so fröhlich, dass man dahinter einen heiteren Dichter und Komponisten und eben ein fröhliches Weihnachtsfest vermutet. Dem war jedoch nicht so. Wir schreiben das Jahr 1791 und versetzen uns in das Rathaus der berühmten Hafen- und Hansestadt Danzig an der Ostsee. Dort stand ein 23-jähriger junger Mann vor den Ratsherren, die im feierlichen Ornat zu seiner Verabschiedung angetreten waren. Johannes Daniel Falk war der Sohn eines armen Perückenmachers. Seine pietistisch geprägten Eltern erkannten seine Gaben nicht und verweigerten ihm lange eine förderliche Schulbildung. Erst durch Vermittlung eines reformierten Pfarrers erhielt er ein Stipendium des Rates und konnte das Gymnasium absolvieren. Nun sollte er an die Universität Halle zum Studium gehen. Die Ratsherren erinnerten ihn daran, dass er in ihrer Schuld bleiben würde – nicht mit der Rückzahlung des Stipendiums, sondern in moralischer Hinsicht. Sollte jemals ein armes Kind an seine Tür klopfen, so sollte er es nicht abweisen, sondern an sein Los denken und sich der grauen Häupter seiner Vaterstadt erinnern.

So kam der „Johannes von der Ostsee“, wie er bald genannt wurde, in die Stadt, die von dem Kinderfreund August Hermann Francke geprägt war. Er begann mit dem Studium der Theologie, brach es aber ab und widmete sich schriftstellerischen Arbeiten, nachdem der Dichter Wieland seine diesbezüglichen Versuche gelobt hatte. So zog er auch 1797 nach Weimar in die Nähe der großen Dichter, erwarb aber keinen wirklichen schriftstellerischen Ruhm. Als Weimar 1806 von den Franzosen besetzt wurde, arbeitete er als Dolmetscher und Diplomat.

Dann kam das Jahr 1813. Im Gefolge der Napoleonischen Kriegszüge wüteten auch Seuchen im Land, und er verlor in den Tagen der Völkerschlacht vier seiner sechs Kinder durch eine Typhusepidemie. Das war für ihn der Auslöser seiner sozialen Erweckung. Er gründete gemeinsam mit dem Konsistorialrat Horn den „Verein der Freunde in der Not“, der verwaiset und verwahrloste, auch kriminell gewordene Kinder von den Straßen sammelte und 1816 den „Lutherhof“ gründete, das erste derartige Rettungshaus, das später zum Vorbild für Wicherns „Raues Haus“ in Hamburg wurde.

Teils wurden die Kinder in der Woche privat bei Handwerksmeistern untergebracht, aber sonntags versammelten sich alle bei Falk. Er hielt erbauliche Bibelstunden auf eine ganz besondere Art für die Kinder, zu denen aus Begeisterung auch Erwachsene aus der Stadt hinzukamen. Vor allem aber das Weihnachtsfest war legendär. Er baute eine lange Festtafel auf, auf der drei Weihnachtsbäume standen, darunter aber waren Geschenke aufgereiht, die die Handwerker der Stadt teils mit den Kindern selbst gefertigt hatten und nun füreinander spendeten.

Zu diesen Bibelabenden und Weihnachtsfesten gehörte natürlich auch Gesang. Für das erste Weihnachtsfest hatte Falk 1816 ein kleines Liedlein gedichtet. Es hatte einen höchst einfachen Text, den die Kinder schnell im Kopf behalten konnten: „O du…“ Er nahm darin die Not der Zeit, die die Kinder erlitten hatten, auf und spiegelte diese an der biblischen Weihnachtsgeschichte bzw. der christlichen Heilsgeschichte. Die „verlorne Welt“ war also einerseits der Kriegsschauplatz in Mitteldeutschland, andererseits die dem Tod und Untergang bestimmte Welt allgemein.

Originell aber war die Melodie, die Falk für dieses Lied aufgriff. Es war ein sizilianisches Marienlied, das die Fischer bei der Fahrt auf das Tyrrhenische Meer als Bittlied um gute Heimkehr und guten Fang sangen. Der Dichter Johann Gottfried Herder, der Lieder der Völker Europas sammelte, hatte es 1789 von seiner Italienreise mitgebracht und 1807 auch veröffentlicht. Die Anregung dazu soll Falk jedoch von einem italienischen Jungen erhalten haben, der als Findelkind bei ihm aufgenommen war und ihm die Melodie vorgesungen hatte.

Um dem Kind eine Freude zu machen, dichtete Falk darauf einen Weihnachtsvers, die erste Strophe von „O du…“ Er setzte das Lied fort mit einer Strophe auf Ostern und einer dritten auf Pfingsten – das „Alldreifeiertagslied“ war geboren, das sich bald allgemeiner Beliebtheit erfreute und in ganz Deutschland populär wurde, nicht zuletzt aufgrund seiner leichten Erlernbarkeit. Noch im Gesangbuch von 1883, das bis 1951 in Gebrauch war, war es enthalten.

Heute kennt man nur noch das Weihnachtslied. Es wurde aber erst im Jahre 1827 mit drei Strophen komplettiert von einem Mitarbeiter Falks, Heinrich Holzschuher. Dieser schrieb ein Krippenspiel für die Kinder, in das er die drei Strophen einflocht.

Aus heutiger Sicht ist es eigentlich kein Kinderlied, obwohl es leicht zu lernen und zu singen ist. Doch der Inhalt ist, ganz anders als etwa „Alle Jahre wieder“ oder „Ihr Kinderlein, kommet“, das etwa aus derselben Zeit stammt, sehr dogmatisch: „Welt ging verloren, Christ ist geboren./Christ ist erschienen, uns zu versühnen.“ Es ist kein Erzähllied, das die Weihnachtsgeschichte nacherzählt, sondern ein programmatisches Lehrlied. Es ist die pietistische Theologie des Hallenser August Tholucks, der damals sehr bekannt war, die hinter diesem Lied steht. Diese Sühnopfertheologie des Christuskinds ist heute Kindern nicht leicht zu vermitteln und fällt schon Erwachsenen recht schwer. Das Geschehen von Bethlehem erhält damit etwas Mythisches. Allerdings ist es doch ein wirkliches Kirchenlied, denn es enthält biblische Aussagen, was man von manchen neueren geistlichen Liedern nicht mehr sagen kann.

In der ersten Strophe  - „Welt ging verloren, Christ ist geboren“ - wird die Erlösungsbedürftigkeit der Welt und die rettende Lösung Gottes beschrieben. Es ist eine Kernaussage des christlichen Glaubens, die auch in zahlreichen anderen Weihnachtsliedern wiederkehrt: „Als die Welt verloren, Christus ward geboren“, singen wir zum Beschluss des Gottesdienstes. Die Verlorenheit bezieht sich aber nicht auf die Zeit, in der Christus geboren wurde. Die Welt oder die Menschheit war damals nicht schlechter als heute. Nein, aber wir fühlen uns in der Welt damals wie heute immerfort als Verlierer angesichts unserer Sterblichkeit und unserer Grenzen, der Konflikte und Katastrophen, denen wir ausgesetzt sind. Wir gehen unter, wenn uns keiner hält. Da bleibt keiner verschont. Unser Leben ist zum Scheitern bestimmt. Diese Verlorenheit aber ist unsere Schuld – das meiste Elend bereiten wir Menschen uns selbst – und zwar nicht deine und meine private Schuld, jedenfalls nicht allein, sondern Adams Schuld, die auf uns lastet, unsere Ursünde, die Trennung von Gott.

Es ist keine spielerische Laune Gottes, dass er seinen Sohn geboren werden lässt, sondern eine Notwendigkeit zur Heilung dieses ursprünglichen Schadens, dieses menschlichen Entwicklungsdefekts. Gott sandte seinen Sohn, um diesen Defekt zu heilen: „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“, heißt es in der zweiten Strophe. Das Erscheinen Christi ist Gottes Reparaturmaßnahme am menschlichen Geschlecht. Es ist ein gewaltiger Gedankenbogen, der sich über die scheinbar simple Weihnachtsgeschichte spannt, ein Gedankenbogen, der die Weltgeschichte und den Kosmos umspannt. Dieser Gedankenbogen ist heute den meisten Menschen nicht mehr gegenwärtig, weil sie die Grundlagen des christlichen Glaubens nicht mehr kennen. Aber um die alte christliche Bedeutung des Weihnachtsfestes und die alten und neuen kirchlichen Weihnachtslieder bis hin zu Bachs Weihnachtsoratorium zu verstehen, müssen wir diese Gedankengänge nachvollziehen können. Wir werden sie nicht in jedem Fall heute so nachvollziehen können, aber wir müssen es wenigstens versuchen und ihnen in Respekt begegnen. Nur so kann sich daraus vielleicht eine veränderte Weihnachtsfestbedeutung entwickeln, die neue Impulse und Erkenntnisse aufnimmt, ohne den alten Sinn zu verwerfen. Der Inhalt der dritten Strophe ist dann wieder leichter fasslich: „Himmlische Heere jauchzen dir Ehre“.

Dieser Inhalt ist eingebettet in eine schöne Form: Die Weihnachtszeit wird persönlich angesprochen, als wäre sie eine Geliebte: „O du fröhliche, selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“ Und am Schluss werden wir in eindringlicher Wiederholung zur Freude aufgerufen: „Freue, freue dich, o Christenheit!“ Diese Verbindung von mythischem Inhalt, volkstümlicher Melodie, für Kirchenlieder ungewöhnlicher Beschwingtheit, äußerster sprachlicher Knappheit und Originalität machen zusammen den Zauber dieses Liedes aus.

Es ist in viele Sprachen übersetzt und mehrfach nachgeahmt worden. Schon Theodor Körner, der Dichter der Befreiungskriege gegen Napoleon, hat ein Gebet während der Schlacht auf diese Melodie gedichtet. Es gibt eine Nachdichtung auf Martin Luther und Katharina von Bora. Und ob es Zufall ist, dass der bekannte Gospelsong „We shall overcome“ die Melodielinie von „O du fröhliche“ aufnimmt?

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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