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Melanchthon-Predigt VI am 493. Gedenktag der Reformation über Hbr. 13, 7
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Melanchthon-Predigt VI am 493. Gedenktag der Reformation über Hbr. 13,7

Predigt vom 31.10.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

"Gedenket eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!" (Hbr. 13,7)

Liebe Gemeinde!

"Gedenket eurer Lehrer!" - klingt das nicht wie eine lustige Nummer zum Abi-Ball? Doch der Satz geht weiter: "Gedenket eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!" So schreibt der Apostel im Brief an die Hebräer - und an uns. Es geht also um eine besondere Gruppe von Lehrern. So wie es Sportlehrer, Musiklehrer, Tanzlehrer und Fahrlehrer gibt - so gibt es auch Glaubenslehrer.

Wer sind diese Lehrer, die uns das Wort Gottes gesagt haben? Es ist eine lange Reihe, die aus der Tiefe zweier Jahrtausende vor uns aufsteigt. Sie beginnt bei den vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, und bei Paulus und seinen Apostel-Nachfolgern. Sie waren die ersten Lehrer des christlichen Glaubens. Ihrer gedenken wir treu und regelmäßig, denn wir lesen in jedem Gottesdienst ihre Worte aus ihren Schriften vor und predigen dann darüber. Die Reihe der alten Glaubenslehrer setzt sich fort mit allgemein weniger bekannten Persönlichkeiten: Da sind die ägyptischen Einsiedler in der nubischen Wüste, denen wir die berühmten "Sprüche der Väter", eine Sammlung tiefgründiger Glaubensweisheiten, verdanken. Es geht weiter mit den vier frühchristlichen Kirchenvätern oder Kirchenlehrern, Augustinus, Ambrosius, Hieronymus und Gregor der Große. Ihre Bilder sind oft an den vier Seiten von Kanzeln zu sehen. Wir verdanken ihnen Grundgerüste der christlichen Lehre. Die Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus ist bis heute aktuell zum Thema Staat und Kirche. So sind sie unter uns gegenwärtig auch nach anderthalb Jahrtausenden. Die Reihe der großen Glaubenslehrer geht weiter mit Kyrill und Method, den beiden Slawenaposteln, die im Mittelalter von Konstantinopel bis nach Mähren gewandert sind. Der Osten Europas verdankt ihnen seine Schriftsprache, das kyrillische Alphabet. Ich überspringe Anselm von Canterbury mit seinen Gottesbeweisen und Thomas von Aquin, den größten mittelalterlichen Kirchenlehrer. Wenn ich alle aufzählte, würdet ihr euch langweilen. Eine neue Blütezeit an Glaubenslehrern bricht bei den Reformatoren an, bei Martin Luther und Philipp Melanchthon, Thomas Müntzer, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Joachim Camerarius, Georg Spalatin, Primus Truber und vielen anderen. Es war eine Zeit wirklicher Geistesriesen, die als Lehrer des Glaubens die christlichen Ideen neu entdeckten und neu formulierten. Viele Schüler Philipp Melanchthons waren darunter. Zum Beispiel Paul Eber, einer der großen Gelehrten, Kirchenlieddichter und Generalsuperintendent in Wittenberg. Zum Beispiel Matthias Flacius, nach dem heute die theologische Fakultät der Universität in der kroatischen Hauptstadt Zagreb heißt, weil er die evangelische Lehre nach Kroatien gebracht hatte. Ihre Namen gehören nicht unbedingt zu denen, die man beim Kreuzworträtselraten wissen muss, aber ihr Platz in der Geschichte wird allemal bedeutender bleiben als der von Günter Jauch oder Lena Meyer-Landruth. Melanchthon war nicht nur ein "Lehrer Deutschlands", wie sein Ehrentitel heißt, sondern sogar ein "Lehrer Europas".

Wir eilen der Gegenwart entgegen, um nicht in der Geschichte zu versinken. Da treffen wir schnell noch Nikolaus Graf Ludwig von Zinzendorf mit seiner genialen Erfindung der Herrnhuter Losungen und kommen schon zu unseren verstorbenen Zeitgenossen Dietrich Bonhoeffer, Wolfgang Ullmann und Dorothee Sölle. Jeder Pfarrer hat in seinem Theologiestudium solche Lehrer des Glaubens kennengelernt. Ihre Glaubenslehren haben seinen Glauben geprägt und gebildet, und über seine Predigten haben sie auch auf die Gemeinde ausgestrahlt. Jeder Pfarrer hat wenigstens einen seiner Theologieprofessoren verehrt und verdankt ihm außer den Vorlesungen tiefe Gespräche über den Glauben und vielleicht sogar das Durchhalten über schwere Krisen und Durststrecken hinweg. Und die Professoren der Theologie sind nicht nur am Katheder tätig, sondern sind zugleich auch Prediger auf den Kanzeln. Welchen Reichtum haben wir, dass wir in unserer Gemeinde auch einen Schatz von Professoren der Theologie haben!

Das sind große Namen, die Promis der Kirche - doch wie steht es um die Lehrer des Glaubens an der Basis und in meinem Leben als einfaches Gemeindeglied ohne Theologiestudium und doch im Glauben? Suchen wir einmal nach diesen kleinen "Dorfschullehrern des Evangeliums"! Wer sind sie? Es sind die christlichen Lehrer, die ihren Glauben bezeugen.

Ich bin in einer Zeit zur Schule gegangen - wie die Hälfte von euch auch - als der Lehrerberuf politisch abhängig war von einem Bekenntnis zum DDR-Sozialismus und von einer Absage an die christliche Kirche. Das war eine schlimme Zeit. Ich hatte einen alten Lehrer, von dem ich über meine Eltern wusste, dass er im Herzen ein Christ war. Aber er durfte nicht zur Kirche gehen, das hätte ihn seinen Beruf gekostet. Er hatte nach dem Krieg einige Jahre im Steinbruch arbeiten müssen, weil er schon in der Nazizeit Lehrer gewesen war, war aber dann als ein seltener Fall wieder in den Schuldienst aufgenommen worden. Einmal haben wir Schüler ihn in die Enge getrieben - nicht aus Bosheit, sondern aus echtem Interesse - mit der Frage, ob es einen Gott gäbe. Er wagte vor uns Schülern im Unterricht nicht zu sagen, ja, das glaube er, aber er wagte immerhin die kluge Antwort, dass es Menschen gäbe, die das glaubten, und andere, die das nicht glaubten. Da war es ganz still in der Klasse. Das war ein mutiges Wort gewesen, wie man es sich heute in der Schule der Freiheit nicht mehr vorstellen kann. Ich denke auch an unsere frühere Kirchvorsteherin Lieselotte Köhler, die vor einem Jahr verstorben ist. Auch sie war Lehrerin und wurde in der DDR-Zeit strafversetzt, weil sie mit den Kindern in der Schule das religiöse Lied "Weißt du, wieviel Sternlein stehen" gesungen hatte. Manche Lehrer und anderen Gebildeten waren damals heimliche Christen wie jener Nikodemus im Neuen Testament, der bei Nacht zu Jesus kam. Sie konnten uns Kindern zwar keine echten Lehrer des Glaubens sein - und doch war das Gespür für ihren verborgenen Glauben eine Stärkung für uns Christen. Der Glaube konnte nicht so dumm sein, wie er in der Politik und Schule damals dargestellt wurde, wenn es kluge Menschen gab, die doch etwas von ihm hielten! Wir spürten geradezu solche Spuren heimlichen Christseins in der DDR auf: unter Dichtern, Künstlern und Wissenschaftlern. Es war eine Leidenschaft, solche oppositionellen Sätze oder versteckte Glaubenszeugnisse zu entdecken.

Die Lehrer des Glaubens waren in jener Zeit vor allem Lehrerinnen: Katechetinnen, wie Gemeindepädagoginnen damals hießen. Es waren nicht immer die besten ihres Faches, aber doch kann Gott auch aus irdenem Ton wundervolle Gefäße töpfern. Meine Katechetin war eine aus ihrer Heimat in Pommern vertriebene ältere ehemalige Lehrerin. Sie stammte aus besseren Verhältnissen und wurde zeit ihres Lebens nie richtig warm mit den Menschen in meinem sächsischen Heimatdorf. Je älter sie wurde, umso schrulliger wurde sie, und von der Dorfjugend wurde sie verspottet und mit Streichen geärgert. Ich habe schon als Kind mit solchen Außenseitern immer Mitleid gehabt und mich stets auf ihre Seite gestellt. Ihre Christenlehre bestand aus dem einfachen Erzählen der biblischen Geschichten und aus dem Nachzeichnen derselben. Sie hätte damit nie einen pädagogischen Preis erhalten. Aber dass ich Pfarrer geworden bin, verdanke ich vielleicht dieser Frau, die mir den wunderbaren Brunnen der Bibel geöffnet hat. - Vor zwei Wochen lernte ich eine jüngere Pfarrerin im Kaliningrader Gebiet kennen. Sie erzählte auch, dass sie im fernen Astrachan in völlig religionslosen Verhältnissen aufgewachsen war. Aber eines Tages hatte ihre Großmutter sie mit in das armselige dortige evangelische Bethaus genommen, und da hat ein göttlicher Funke in ihr gezündet, der ihr den Weg ins Pfarramt eröffnet hat. Ich denke auch an Ursula Reuther, die frühere Katechetin unserer Gemeinde, die mit ihrer wundervollen Art über 20 Jahre lang hier in Markkleeberg Kinder zum Glauben geführt und Vikare ausgebildet hat, die heute noch dankbar an sie denken. Das sind Lehrerinnen des Glaubens aus unserer Zeit, derer wir gedenken.

Auch Pfarrer gehören zu diesen Lehrern des Glaubens, die in uns den Anfang zum bewussten Christsein gemacht haben. Pfarrer als Lehrer? Viele, vor allem Ältere, sprechen mich noch mit "Herr Pfarrer" an, wie es alte Sitte war. Aber noch keiner hat zu mir gesagt: "Herr Lehrer"! Tatsächlich bin ich aber als Pfarrer vor allem ein Lehrer - ein Glaubenslehrer - wie ein Rabbi, wie ein Imam. Die Hauptaufgabe eines Pfarrers ist es nicht, Gemeindeverwalter, Gemeindemanager, Gemeindebaumeister oder Gemeindeunterhalter zu sein, wie es sich die Gemeinde heute meist wünscht, sondern Glaubenslehrer der Gemeinde. "Brauchen wir nicht", sagen da wohl manche, "wir wissen Bescheid." O, wenn es nur so wäre! Wie viele wissen in Wahrheit heute jämmerlich wenig, was Glaube und Christentum heißt, oder nur, was sie dafür halten. Da ist wohl mein Beruf so unnütz nicht! Die Predigt selbst heißt bei den Reformatoren oft einfach "Lehre".

Nun möchte ich aber als Lehrer des Glaubens nicht von mir selbst predigen, und meiner sollt ihr auch heute noch nicht gedenken, ich hoffe, noch ein paar Jahre bei euch zu sein. Also reden wir von anderen!

Wieder muss ich bekennen: Es gibt auch solche und solche Pfarrer! Der Pfarrer meiner Kindheit hatte nicht die stärksten Sympathien in einem ziemlich roten Dorf, und er fand aufgrund seiner Ehescheidung dann ein unrühmliches Ende in der Gemeinde. Und doch hat dieser Mann in mir den von der alten Katechetin gezündeten Funken zu schmieden verstanden, so dass ich mich als sein Konfirmand zum Theologiestudium entschloss. Natürlich gab es auch den tollen Pfarrer oder Jugendwart, dem die Jugend nachlief, der mit den Konfirmanden in der Ostsee nackt baden ging oder in einer Band Musik von den Beatles spielte. Männer wie Otto Drephal und Siegfried Schmutzler in Leipzig waren solche Persönlichkeiten, die viele geprägt haben!

Jeder von uns möge sich heute einmal erinnern an die Menschen, die bei ihm den Glauben geweckt haben, und vielleicht in den nächsten Wochen eine Blume an ihrem Grab niederlegen! In vielen Kirchgemeinden gibt es sogar eine besondere Tradition, dieser Glaubenslehrer zu gedenken: sie pflegen nach dem Ablauf von 25 Jahren dauerhaft die Grabstellen ihrer Pfarrer. Deshalb finden wir an der Südwand unserer Kirche Gedenksteine für die längst verblichenen Pfarrer Christian Tzscheile und Siegmund Heinsius, Johann Bosseck, Johannes Stolberg und Karl Ludwig Henze, und auf unserem Friedhof haben wir vor einigen Jahren die schlichte Grabplatte für Pfarrer Johannes Wangemann erneuert. Wie gut ich es doch einmal nach meinem Tod haben kann!

Jetzt habe ich viel von alten Zeiten erzählt. Wenn wir in die junge Vergangenheit schauen, dann stoßen wir auf die neugegründeten evangelischen Schulen. Unsere Landesregierung hatte gerade beabsichtigt, ihnen die Zukunft und Existenz zu erschweren, indem sie ihnen die Mittel kürzen wollte. Leider sind bei uns jetzt Regierende im Amt, die nichts mehr wissen über die Schule in der DDR und wie wichtig die Gründung freier Schulen war! Vielleicht ist der Schaden noch abzuwenden! Viele Kinder unserer Gemeinde haben an diesen evangelischen Schulen gelernt, und einige unserer Gemeindeglieder sind dort Lehrerinnen und Lehrer. Sie sind in besonderer Weise Lehrer des Glaubens, auch wenn sie vielleicht nicht Religion, sondern Musik oder Mathe oder Sport geben. Aber an einer christlichen Schule sollte jeder Lehrer den Kindern und Jugendlichen ein Glaubensvorbild sein und ihnen Rede und Antwort stehen können, wenn sie Glaubensfragen stellen. In besonderer Weise gilt das natürlich auch für die Religionslehrer, die in den Schulen tätig sind, und dort eine kleine Gemeinde in der Schule bilden. Es gilt für die Kantoren, die nicht nur musikalische Früherziehung auf den Altarstufen geben, sondern Glauben wecken über Lieder. Es gilt für die Gemeindepädagoginnen, die unsere Kinder zum Glauben und zur Gemeinde führen. Es gilt ebenso für die christlichen Kindergärten. Wer dort als Erzieherin oder Leiterin tätig ist, ist eine Lehrerin des Glaubens und hilft den Kindern, den Schlüssel zum Himmel zu finden.

Warum aber sollen wir uns der Lehrer des Glaubens erinnern? „Ihr Ende schauet an und ihrem Beispiel folget nach!“ Das klingt recht düster. Der Apostel geht davon aus, dass in der Anfangszeit der Kirche viele Lehrer des Glaubens Märtyrer geworden sind. Sie haben ihren Glauben mit ihrem Leben bezahlt. Sie konnten ihre Lehre oft gar nicht vollständig entfalten, aber ihr Tod wurde für die Mitchristen ein lebendiges Lehrstück - wie es später auch Dietrich Bonhoeffer geschah und auch dem kleinen Markkleeberger Schuster Oskar Brüsewitz, dem späteren Pfarrer in Rippicha, der sich auf dem Marktplatz von Zeitz verbrannt hat.

Das Ende dieser Glaubenslehrer muss aber nicht immer ein bitteres Ende sein. Es gibt auch das getröstete christliche Sterben, den Heimgang im Frieden zu Gott. Philipp Melanchthons Ende, das uns vorgespielt worden ist, war ein solches. Auch Luthers Totenmaske zeugt von einem solchen friedlichen Heimgang zu Gott. Oder die letzten überlieferten Worte von Papst Johannes Paul II. auf seinem Sterbebett: "Seid froh, ich bin es auch!"

Die orthodoxen und katholischen Christen halten mit ihrer Heiligenverehrung das Vermächtnis der Märtyrer und Glaubenslehrer in der Kirche wacher als wir. Es ist eine Schwäche unserer evangelischen Kirche, dass wir dieses Gedächtnis nicht so lebendig pflegen. Deshalb habe ich heute so viele Namen genannt, es musste einmal sein! Die Wolke der Zeugen, die bildlich über uns schwebt, ist uns zum Gedächtnis gesetzt. Ihr Leben und Sterben hat Bedeutung für uns. Sie sind mit uns Teil der großen Gottesfamilie, die nicht nur aus uns Lebenden besteht, sondern auch aus denen, auf deren Schultern wir im Glauben stehen. Und sie gehören in jeden Gottesdienst hinein - in die Fürbitte. Es gibt, wenigstens im klassischen Fürbittengebet, an jedem Sonntag eine Fürbitte für die Lehrer des Glaubens. Jetzt wissen wir, wem sie gilt und was sie bedeutet!

Amen

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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