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Melanchthon-Predigt IV über Mt 28, 20,
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Melanchthon-Predigt IV über Mt 28, 20, "Der biblische Lehrauftrag der Kirche"

Predigt vom 22.08.10 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Unsere Konfirmanden haben gestern vor einem großen Markt in Markkleeberg eine Umfrage gemacht. Ihre Frage an zufällige Passanten war: "Was verbinden Sie mit Kirche?" Hier einige der Antworten, die sie erhalten haben: Trost, Glaube, Jesus, Freiheit, Kirchturm, Seelsorge, Feste, schöne Gebäude, Vergebung, Kunst, Ort der Ruhe, Kultur, Orgel, Gesang, Beten, Lebensinhalt, Institution Gottes auf Erden...

Sehr unterschiedliche Vorstellungen also von Kirche. Was hätten Sie geantwortet? Erstaunlicherweise ist eine Antwort, die doch zu den Hauptaufgaben der Kirche zählt, von keinem der Befragten gegeben worden: Lehre!

Obwohl in Deutschland unentwegt von der Notwendigkeit besserer Bildung gesprochen wird, erwartet das keiner von der Kirche. Ist es das Wort "Lehre", das vielleicht abschreckt - heute geht keiner mehr in die Lehre, sondern er absolviert eine Ausbildung, und "Lehre" klingt für manchen nach Dogma und hat den Beigeschmack von Lehrgeld oder Lehrling. Immerhin ist es aber ein Wort Jesu von testamentarischem Vermächtnis: "Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker, taufet sie... und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe!" Es ist der Taufbefehl Jesu, verbunden mit dem Lehrauftrag Jesu an seine Jünger und damit in ihrer Nachfolge an die Kirche. Bei jeder Taufe im Gottesdienst hören wir diese Worte. Wir kommen an ihnen nicht vorbei. Heute will ich darüber sprechen, was sie für uns bedeuten, will mich aber auf den Lehrauftrag konzentrieren.

Die erste Frage ist wohl, wie man überhaupt Völker lehren kann. Man kann Schüler lehren, man kann Klassen lehren, aber Völker? Dazu muss man ja nationale Schulsysteme aufbauen oder über Medien verfügen. Davon waren die Jünger Jesu weit entfernt. Unter ihnen war kein Berlusconi und keine Margot Honecker. Und doch haben die Jünger die Keime für die spätere Christianisierung der Völker gelegt. Paulus ist durch das halbe römische Weltreich gezogen, auch Petrus soll nach einer Legende bis nach Rom gekommen sein, Philippus hat den äthiopischen Schatzkämmerer getauft und das Christentum nach Afrika verpflanzt, Thomas soll nach einer Legende das Evangelium nach Indien gebracht haben. Nicht alles ist gesichert, und sie haben auch nur die ersten christlichen Keime gelegt. Die Jünger haben sich wahrscheinlich noch nicht vorstellen können, welche gewaltige Ausbreitung die Botschaft Jesu einmal erfahren sollte. Aber sie haben seinen Auftrag ernstgenommen und den Anfang gemacht und Jesus vertraut, dass Er selbst es hinausführen würde. - Auch wir haben vielleicht manchmal kein großes Zutrauen, dass durch uns etwas gelingen könnte, geschweige denn, dass durch uns die Völker gelehrt würden. Und doch heißt es auch da: den Auftrag Jesu ernst nehmen, mutig den Anfang machen und ihm vertrauen, dass Er es hinausführt!

Die nächsten Schritte, die Völker zu lehren, geschahen ein halbes oder ein ganzes oder anderthalb Jahrtausende später. Christliche Missionare wie Bonifatius oder Kyrill und Method haben das Evangelium zu den Fürsten germanischer und slawischer Völker gebracht. Und als diese Herrscher vom Glauben ergriffen waren, ließen sie ihr ganzes Volk taufen. Das war Gefolgschaftstreue So geschah es im Frankenreich unter König Chlodwig I., in der Kiewer Rus unter dem Großfürsten Wladimir I.

Mit dieser Mission der Völker gingen aber auch Schulgründungen einher. Taufen und Lehren gehörten zusammen. Bischöfe gründeten an ihren Domen und Mönche an ihren Klöstern die ersten Schulen, oder sie wurden von christlichen Herrschern gestiftet. Karl der Große etwa gilt als ein bedeutender Schulgründer. Und in der Reformationszeit brach sich der Gedanke hindurch, dass nicht nur eine kleine Elite gebildet sein sollte, sondern das ganze Volk, ja die Völker. Luther richtete einen offenen Brief "an die Ratsherrn aller Städte deutsches Lands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen." Damit waren die Volksschulen geboren, und zwar ausdrücklich auch für Mädchen.

An der Ausgestaltung dieses evangelischen Schulwesens hat nun Philipp Melanchthon großen Anteil. Er entwarf den Lehrplan für das erste humanistische Gymnasium in Deutschland, das er 1526 mit eröffnete. Er entwickelte Schulbücher, Schul- und Hochschulordnungen, die sogar in katholischen Gegenden beliebt waren. Man riss dort einfach die Titelseite mit Melanchthons Namen ab, so dass keiner die Ketzerei bemerken sollte. In hunderten von Briefen hat Melanchthon Gemeinden geholfen und ihnen gute Lehrer, oft aus Wittenberg, vermittelt. Schließlich hatte er in seinem Hause eine internationale Hausschule, indem er mit Studenten zusammenlebte und ihnen durch Andachten und Gebete ein geistliches Zuhause gab. Viele von ihnen kamen aus ganz Europa. So wurde er der "praeceptor Germaniae" - der "Lehrer Deutschlands" schlechthin.

Fast 400 Jahre lang bildeten die Kirche, die Kirchschule und das Pfarrhaus das Zentrum jedes Dorfes, jeder Stadt, und waren eine Einheit. Der Pfarrer übte die geistliche Schulaufsicht aus, der Kantor war zugleich der Lehrer. Dieses Modell wurde auch durch christliche Missionen hinausgetragen zu vielen Völkern. Erst im 20. Jahrhundert änderte sich das. Jetzt übernahm der Staat die meisten Schulen, und als der Staat dann plötzlich kirchenfeindlich wurde, wie in der Nazizeit und in er DDR, da wurden der christliche Glaube an den Schulen verunglimpft und die Bildungstradition der Kirche verleugnet. Auch die christlichen Schulen waren natürlich keine Inseln der Seligen, es gab pädophile Priester und prügelnde Kantoren und wer weiß, was noch. Was erleben wir aber heute an Deutschlands Schulen? Einerseits zwar ein hohes naturwissenschaftliches Niveau, oft eine gute Ausstattung mit Computern und auch engagierte Lehrer, die das beste aus ihrer Schule machen wollen - aber oft auch eine Atmosphäre aus Gewalt, Drogenmissbrauch, Autoritätsmangel, Degradierung des Lehrerberufs und ethischer Orientierungsschwäche. Und ausgerechnet in dieser Situation will die sächsische Staatsregierung in den nächsten Jahren die Mittel für die freien Schulen kürzen. Das betrifft auch die über sechzig evangelischen Schulen in Sachsen, die in den letzten 21 Jahren wieder gegründet worden sind. Das wäre ein ganz falsches Signal, weil gerade diese Schulen wieder ethische Orientierung geben möchten und die Schattenseiten des modernen Schulwesens überwinden wollen! Besinnt euch, ihr Volksvertreter!

Mit diesem kleinen Ausflug in die Schulgeschichte, liebe Gemeinde, sind wir wieder beim Lehrauftrag der Kirche. Er wird nicht nur im Evangelischen Schulzentrum Leipzig ausgeübt oder in der christlichen Lebenswelt-Schule in Großstorkwitz und an all den anderen kirchlichen Schulen. Der Lehrauftrag Jesu beginnt in unserem evangelischen Kindergarten nebenan, er wird in der Christenlehre und in der Kurrende verwirklicht, im Religionsunterricht an den Schulen, im Konfirmandenunterricht, in den Tauf- oder Glaubenskursen für Erwachsene, in Tagungen an den evangelischen Akademien und anderen Angeboten der evangelischen Erwachsenenbildung, bei Rüstzeiten, im Theologiestudium und im Lehrvikariat, an allen Ausbildungsstätten der Diakonie und der Kirche - und er wird hier im Gottesdienst und im Kindergottesdienst ausgeübt. Der Gottesdienst ist nicht nur eine geistliche Wohlfühlstunde, sondern immer auch christliche Weiterbildung. So viel Lehre geschieht bei uns! Sie geschieht in Gottes Auftrag.

Und - es lässt sich nicht verheimlichen - es gibt auch Lehrer der Gemeinde dafür. Pfarrer und Pfarrerin, Kantor und Gemeindepädagogin, Leiterin und Erzieherinnen des christlichen Kindergartens, Religionslehrer - wir alle haben gemeinsam einen Lehrauftrag an der Gemeinde. Wir sind nicht nur die Zeremonienmeister, Seelsorger, geistlichen Chefs oder Abteilungsleiter - nein, wir sind eure Lehrer, liebe Gemeinde. So wie Jesus ein Lehrer war - die Menschen sprachen ihn als "Meister", "Lehrer" oder "Rabbi" an. Die evangelische Kirche leistet es sich, ihre Lehrer des Glaubens auf lange und gründliche Studien zu schicken, ehe sie berufen werden. Das ist auch ein Vermächtnis Philipp Melanchthons, der zur Reformationszeit bei seinen zahlreichen Visitationen in Gemeinden erleben musste, dass viele Pfarrer und Schulmeister kaum das Apostolische Glaubensbekenntnis kannten. Wie nimmt die Gemeinde ihre Lehrer in Anspruch? Es ist auffällig, dass oft eher Nichtchristen zum Pfarrer kommen und ihn nach Gott und Glaubensdingen fragen als Gemeindeglieder. Verbraucht die Gemeinde ihre Lehrer vielleicht zu sehr mit anderen Aufgaben?

Lehre ist ja aber nicht nur die äußere Form der Veranstaltung (so wie man "in die Lehre" geht), sondern vor allem auch ein Inhalt, der gelehrt wird! Die Kirche hat auch eine Lehre, und sie hat den Auftrag von Jesus, die Völker diese Lehre halten zu lehren. Es fällt vielen Menschen heute aber schwer, dies anzuerkennen. Die Lehre der Kirche wird gern als ein starres Gebilde von Dogmen gesehen, das längst überholt ist. Keiner lässt sich gern belehren. Jeder fühlt sich als Meister und hat seine eigene Lehrmeinung. Keiner möchte glauben, was ihm vorgeschrieben wird, sondern was er selbst erkannt hat. Und anderen Völkern möchten wir schon gar nicht vorschreiben, was sie glauben sollen - öffnen aber ihrem Glauben bereitwillig unsere Türen. Da liegt Zündstoff. In Alltagsfragen ist es richtig, seine eigene Meinung zu haben. Und natürlich darf die Kirche ihre Lehre niemandem aufzwingen. Eine Glaubensgemeinschaft allerdings braucht verbindliche Ideen und Normen, sonst fällt sie auseinander, wenn jeder nur das Seine glaubt. Und es gibt zwischen christlicher Lehre und ingenieurtechnischer Lehre einen entscheidenden Unterschied: Ingenieurtechnische Lehre wird weiterentwickelt, egal, was dabei herauskommt, und wenn es Atombomben sind. Christliche Lehre aber muss bewahrt werden. Im reformatorischen Sinn muss sie auch erneuert und weiterentwickelt werden - aber immer im Blick auf den Ursprung. So sind wir als Christen der Bibel als Grundlage unseres Glaubens verpflichtet. Sie ist die erste Lehre, die durch keine Erkenntnis überholt werden kann. Darüber hinaus gibt es Dogmen, und das sind keine bösen Prinzipien, sondern aus der Bibel abgeleitete Lehrsätze des Glaubens. Sie sind bei Orthodoxen, Katholiken und Evangelischen nicht ganz die gleichen, haben aber doch grundlegende Gemeinsamkeiten. Zu den evangelischen Dogmen gehört das Glaubensbekenntnis, gehört Martin Luthers Kleiner Katechismus - und gehört das Augsburgische Bekenntnis, das Philipp Melanchthon für den Reichstag zu Augsburg 1530 verfasst hat. Das sind Lehren des Glaubens, die ein evangelischer Christ kennen und beherzigen sollte, so wie ein Autofahrer die Straßenverkehrsordnung und ein Politiker das Grundgesetz.

Wenn diese verletzt werden, kostet es Strafe. Gibt es auch Kirchenstrafen, wenn einer die kirchliche Lehre verletzt? Natürlich gibt es heute keine Inquisition mehr, und unsere Kirche verweigert kaum jemanden das Abendmahl oder die christliche Bestattung. Exkommunikationen sind sehr selten. Die Freiheit innerhalb der evangelischen Kirche ist groß, aber sie darf auch nicht grenzenlos sein. Wenn ein Pfarrer Katzen und Hunde tauft, wie unlängst in Thüringen geschehen, verliert er sein Pfarramt, oder wenn er sich selbst zum Bischof ernennt oder öffentlich Gott lästert. Und wenn ein Gemeindeglied keinen finanziellen Beitrag zur Gemeinde leistet oder sich wiedertaufen lässt, kann es auch Konsequenzen haben. Glaubensgemeinschaft braucht Normen und Grenzen.

Es geht nicht darum, die Gemeinde belehrend zu bevormunden, sondern sie sprachfähig im Glauben zu machen. Das ist ein erklärtes Ziel unserer Landeskirche bis zum Reformationsjubiläum 2017. Denn viele können noch nicht gut weitersagen, was und weshalb sie glauben. Dazu ist es nötig, dass wir uns miteinander als lernende Gemeinschaft im Glauben verstehen, dass wir lernwillig werden und nicht meinen, wir hätten's doch schon, und dass wir uns bestimmten Lernprozessen innerlich öffnen. Aber auch, dass wir der Lehre der Kirche, die uns mit den anderen Konfessionen und mit der alten Kirche verbindet, mit Interesse und in Achtung gegenübertreten, sie kennen und bewahren und nicht allein unsere gegenwärtige Glaubenserkenntnis zum Maß des rechten Glaubens machen. Sprachfähig im Glauben werden wir in besonderer Weise auch durch die Kirchenmusik. Sie lehrt uns christliche Inhalte, aber wir verinnerlichen sie nicht rein intellektuell, sondern eher emotional beim Singen. So ist die Einführung eines neuen Kantors, der am Lehrauftrag Jesu teilhat, ein guter Anlass, uns auf den Lehrauftrag der Kirche zu besinnen. Lasst uns deshalb heute wieder neu beginnen, lernende, singende, sprachfähige Gemeinde zu werden, und damit uns selbst, unser Volk und die Völker zu lehren!
Amen

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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