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Predigt über Mt. 9, 9-13
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Predigt über Mt. 9, 9-13

Predigt vom 27.01.13 (Pfarrerin Kathrin Bickhardt-Schulz) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

„Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“.
Dieser Satz des Schriftstellers Ödön von Horvath (Zur schönen Aussicht, 1926) trifft einen bestimmten Sachverhalt sehr gut. Bei den meisten Menschen ist es so: Das Bild, das die anderen von uns haben, stimmt nicht überein mit unserem eigenen Bild, ja mit unserem wahren Gesicht. Das hat vielerlei Gründe:

  • wir geben nicht gerne allzu persönliches von uns preis, zum Teil mit guter Berechtigung;
  • gelegentlich verstellen wir uns selber und setzen eine Art Maske auf, um bei den Mitmenschen besser anzukommen und gesellschaftlich akzeptiert zu werden;
  • durch einen besonderen Beruf oder sozialen Status werden bei den anderen Assoziationen bis hin zu Vorurteilen geweckt, für die wir selber nichts können.

Vor allem in diesem zuletzt erwähnten Fall ist es oft schwer, ja bitter, damit leben zu müssen, dass andere ein völlig unstimmiges und verzerrtes Bild von einem/r haben. Daraus ergeben sich Vorverurteilung, Meidung bis zur Isolation, Ungerechtigkeit, ja Hass.
Der heutige Predigttext stellt uns einige dieser Menschen vor:

Matthäus 9, 9-13

Es geht um die Zollbediensteten, mit dem alten Wort um die „Zöllner“. Sie hatten in Israel zur Zeit Jesu einen schlechten Ruf. Da sie für die römische Besatzungsmacht Steuern eintrieben, galten sie als Verräter des eigenen Volkes. Hinzu kam es, dass etliche von ihnen mehr Steuer als nötig kassierten, um sich selber zu bereichern. Somit war der schlechte Ruf nicht ganz ungerechtfertigt.
Zu Beginn des Textes findet sich die kürzeste Berufungsgeschichte der Bibel. Jesus sieht einen Mann am Zolltisch sitzen und sagt ihm einfach: „Folge mir“. Der Mann, von dem wir sogar den Namen erfahren, Matthäus, erhebt sich und geht mit Jesus.
Erstaunlich! Er muss schon vorher von Jesus gehört haben. Er muss zumindest eine vage Ahnung von dem gehabt haben, was ihn erwarten würde, wenn er sich der Jüngerschaft Jesu anschließt.
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Matthäus Beispiel scheint anderen Mut gemacht zu haben, sich etwas zu trauen.
„Und nun geschah es, als Jesus im Haus zu Tisch lag, seht, da kamen viele, die sich als Zollbedienstete bereichert, und viele, die Unrecht getan hatten. Sie kamen, um mit Jesus und seinen Jüngerinnen und Jüngern zusammen zu essen.“
Diese Szene wirkt auf mich besonders stark. Die Männer mit dem üblen Ruf, deren Anwesenheit nirgendwo gern gesehen war, trauen sich, aus ihren Häusern, aus ihrem Schattendasein hinaus zu gehen und Jesu Nähe zu suchen. Denn sie ahnen: Dort werden sie nicht abgewiesen werden. Dort wird es selbst für sie einen Ort geben, an dem sie nicht verurteilt und abgestempelt werden.
Sie suchen Gemeinschaft, um endlich aus ihrer Isolation heraus zu brechen. Und sie finden die Gemeinschaft, die Tischgemeinschaft mit Jesus und den Seinen.
Eine größere Gemeinschaft konnte es damals kaum geben, als mit jemandem zusammen zu essen und zu trinken. Von Jesus wissen wir, dass er diese Gemeinschaft immer wieder gesucht hat, mit den unterschiedlichsten Menschen: mit Frauen und Männern, mit Jungen und Älteren, mit Gelehrten und einfachen Leuten, mit Angehörigen des Volkes Israels und mit Fremden. Dabei hat Jesus immer wieder die Hüter des Gesetzes, die Pharisäer und Schriftgelehrten, vor den Kopf gestoßen und ihre Empörung hervorgebracht.
So ist es auch in der heutigen Geschichte. „Warum isst euer Lehrer mit solchen Leuten?“ Die Frage mag harmlos erscheinen, ich höre aber darin jede Menge Missbilligung. „Schon wieder dieser Jesus, der gibt sich mit den Verrätern ab, statt sich mit der Tora zu beschäftigen! … Er scheint wirklich von den schlechten Menschen magisch angezogen zu sein...“

Er verknüpft seine Hilfe mit keinerlei Bedingungen. Er lädt die Menschen einfach ein, sich mit ihm auf den Weg zu machen. Mit der Hoffnung, dass sich auch bei diesen Menschen etwas ändern könnte. Und meistens ist es auch passiert.

Heute, am 27. Januar 2013 gedenken wir der gewaltsamen Verbrechen an unseren jüdischen Schwestern und Brüdern durch die Nationalsozialisten. Jesus selbst war Jude und hat sich berufen lassen, gottgemeintes Leben anzustiften in Gemeinschaft mit den Verachteten, gesellschaftlich verurteilten Menschen.

Die jüdische Philosophin Hanna Ahrend, die selbst vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste, fragte sich, wie das systematische Verbrechen an ihren Glaubensgeschwistern funktionieren konnte.. Wie konnte das passieren? Sie folgte dem Ruf : „ Ich muss verstehen!“ Das war der Leitsatz der Philosophin, deren Geschichte gegenwärtig in einem Film im Passagekino in Leipzig gezeigt .Die Regisseurin Margarte von Trotta drehte diesen Film, der die Philosophin vor allem im Zusammenhang mit dem Eichmann –Prozess in Jerusalem erzählt.

Hanna Ahrend selbst war Jüdin, sie erfährt dies erst als Schülerin. In Königsberg aufgewachsen, ihre Mutter trug ihr auf, noch die kleinste antisemitische Äußerung im Unterricht sofort zu melden nach dem Motto.“Man darf sich nicht ducken!“Sie studierte 1924 in Marburg Philosophie. Ihr Professor dort war Martin Heidegger. Die beiden werden ein Paar. Doch mit Heidegger erlebte sie ihren größten Schock. Während sie schon 1933 Deutschland verlässt und zunächst nach Paris flieht, wendet sich Heidegger Hitler zu. Wieder nahm sie den Ruf wahr, verstehen zu wollen. Wie konnte ein Mensch, den sie gerade wegen seines Denkens bewunderte , Hitler folgen? Aus seinem Versagen zieht sie den Schluss : Jeder Mensch muss dem eigenen Denken gegenüber stets mißtrauisch sein und darf erst dann handeln , wenn er die Wirkung seines Handelns auf andere menschen überprüft hat. Das ist Hanna Ahrends kategorischer Imperativ.

Gemeinsam mit ihrem Partner Heinrich Blücher gelingt ihr die Flucht aus Frankreich nach New York. Sie arbeitete als geachtete Philosophin, als sie 1960 in der New York Times liest, dass Israel Adolf Eichmann, den Organisator des Holocaust entführt hat und ihm in Jerusalem den Prozess macht. Da will sie hin, wieder ein Schritt auf dem gerufenen Weg des Verstehenwollens.
4 Jahre beschäftigte sie sich mit Eichmann, nahm an dem Prozess teil, fertigte Protokolle an.

Hanna Ahrend findet in Eichmann zu ihrem großen Entsetzen einen „Hanswurst“. Das Schlimmste seine Gedankenlosigkeit. Er sagte im Prozess, dass er sich kein einziges Mal klar gemacht hat, was sein Taten für die Opfer bedeuteten. Diese gleichgültige Gedankenlosigkeit nennt Hanna Ahrend schließlich die Banalität des Bösen.. Sie hatte vor allem zu Zeiten des Krieges geglaubt, unter dem Eindruck der Verbrechen von Ausschwitz geglaubt, das Böse sei radikal. Und dann musste sie erkennen, dass gerade Banalität Böses hervorbringen kann , weil diese kein Mitgefühl kennt. Daraus schließt sie wiederum : . Wirklich radikal kann nur das Gute sein.
Banalität bringt Böses hervor, weil sie kein Mitgefühl, keine Barmherzigkeit, kein Erbarmen kennt.

In unserem Predigttext heißt es von Gott: „ Erbarmen will ich statt Opfer!“. Darum geht es um Erbarmen. Wir sind gewiesen auf die Folgen unserer Taten zu schauen , nicht nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, sondern das Ganze im, Blick zu haben, zu verstehen und zu verantworten. Nicht auf der vermeintlich „ richtigen Seite stehen“ zu wollen, sondern zu denken, zu fühlen was jetzt und heute der richtige wahrhaftige Weg in der Nachfolge Jesu ist.

Jesus riskierte die Gemeinschaft mit den „Unmöglichen“, er reif Menschen in die Nachfolge, die für andere als untragbar galten. Dadurch habe jeder die Möglichkeit zu einer Gemeinschaft dazuzugehören und die Chance zur Veränderung zu bekommen.
Jede und jeder steht in diesem göttlichen Ruf, den sie /er ganz tief in sich selbst wahrnehmen kann. Dabei kann dieser Weg nicht unabhängig von andern Menschen gegangen werden , sondern nur im Erbarmen, in Barmherzigkeit mit dem Nächsten.

Eigentlich bin ich ganz anders, nur ich komme selten dazu. Die göttliche Stimme in uns und der damit verbundene Ruf Jesu helfen uns dazu, das Eigentliche zu leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen .

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Pfarrerin Bickhardt-Schulz
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