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Choralpredigt über
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Choralpredigt über "Christ lag in Todesbanden"

Predigt vom 08.04.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Text des Chorals/Liedblatt für den Gottesdienst

Chor: Str. 1

Liebe Gemeinde,

einen größeren musikalischen Kontrast kann es kaum geben als den zwischen Madonnas neustem Song "Give Me All Your Luvin" und Martin Luthers Osterchoral "Christ lag in Todes Banden"! Madonna ist hier - für Ältere sei es gesagt - nicht die Heilige Jungfrau, sondern eine nicht mehr ganz junge Pop-Ikone, zu Deutsch eine Sängerin zeitgenössischer Unterhaltungsmusik.

Bei Madonna eine mitreißende Musik, die Jugendliche tanzen lässt - aber inhaltlich ein sooo dürftiger Text, der nicht viel darüber hinauskommt, als zu stammeln: "Gib mir heute deine ganze Liebe und lass uns eine Flasche Burgunder trinken" Daran verdient das reife Mädchen aber Millionen Dollar.

Bei Luther - für die Jüngeren sei es gesagt: er ist einer der größten Liedermachers Deutschlands - ein langer, inhaltsschwerer Text und eine schwerfällige Melodie, die kein Konfirmand mit seiner Dreitonleiter heute singen kann. Luther hat daran übrigens nicht die Bohne verdient, obwohl sein Lied seit 500 Jahren von mehr Menschen gesungen worden ist, als Madonnas Album je verkauft werden wird. Ich glaube auch nicht, dass in 500 Jahren noch einer weiß, wer diese Madonna war und was sie je gesungen hat. Luther hat die 500 Jahre in Kürze schon erreicht.

Allerdings gibt es zwischen Madonnas und Martins Song doch eine Gemeinsamkeit: Madonna singt von einer Flasche Burgunder - und Luthers Osterlied stammt von einem Burgunder! Luther hat es nicht erfunden, sondern neu nachgedichtet. Es stammte zuerst von Wipo von Burgund, einem Mönch aus dem 11. Jahrhundert! Er hat einige sogenannte Sequenzen für die kirchliche Liturgie des Mittelalters geschaffen, die noch heute in vielen Gottesdiensten gesungen werden, z. B. "Veni creator spiritus/Komm Heiliger Geist" und "Dies irae/Tag des Zornes". Seine Ostersequenz "Victimae paschali laudes" gehörte früher zur festen Liturgie der Osternacht, sie ist heute ein wenig verdrängt worden. Luther hat aber diese Sequenz neu nachgedichtet - und wirklich ein ganz großes Osterlied für die evangelische Kirche daraus gemacht. Man merkt es ihm nur nicht gleich an, aber das ist bei vielen Kunstwerken so. Damit wir es als schön empfinden können, müssen wir es ein bisschen verstehen - so wie wir in das Gemälde eines großen Künstlers oft eine Einführung brauchen, um es uns in seiner Fülle erschließen zu können.

Es fängt damit an, dass wir Luthers kunstvolle Formensprache verstehen lernen. Er hat nicht einfach nur irgendeine schwachsinnige Zeile mit Tönen untermalt ("Give Me All Your Luvin"). Nein. Sein Lied hat sieben Strophen, jede Strophe hat sieben Zeilen, und jede Zeile (außer der letzten) hat sieben Silben. Prüfen wir es an der ersten Strophe nach! Sieben ist die biblische Zahl der göttlichen Vollkommenheit - hier wird also Gottes vollkommenes Wirken im Osterereignis besungen - und das hört man erst richtig, wenn man es verstanden hat.

Die inhaltliche Achse des Liedes ist die mittlere, vierte Strophe. Von einem Krieg ist da die Rede. Welchen Krieg meint Luther? Er hat das Lied im Jahre 1524 gedichtet. Da lag in Deutschland tatsächlich Krieg in der Luft - der Große Deutsche Bauernkrieg. Müntzer hatte mit seiner "Fürstenpredigt" am 13. Juli auf dem Schloss in Allstedt die Bauern und die Fürsten zum Kampf gereizt, Luther positionierte sich gegen die aufrührerischen Bauern. Luther hatte zugleich im August jenes Jahres gegen seinen einstigen Mitkämpfer Andreas Bodenstein gen. Karlstadt zu kämpfen. Ihn hatte er aus Wittenberg vertrieben, nachdem er dort in vermeintlich bibeltreuer Bilderstürmerei die Altarbilder der Kirchen verbrannt und die Orgeln zerstört hatte. Jetzt trieb er als evangelischer Prediger in Orlamünde sein Unwesen, und Luther führte im August in Jena mit ihm zwei heftige Streitgespräche. Der dritte Gegner in jenen Tagen war der Gelehrte Erasmus von Rotterdam. Er hatte mit seiner ebenfalls im Jahr 1524 erschienenen Schrift "Vom freien Willen" gegen Luthers Verständnis der Vorherbestimmung des Menschen polemisiert und mit ihm gebrochen.

Das waren die Kämpfe und Kriege im Jahr 1524, als Luther diesen Choral dichtete. Und doch meint er hier einen ganz anderen Krieg, einen "wunderlichen Krieg" - einen Krieg zwischen Tod und Leben. Einen Krieg, der seit Urzeiten auf der Welt tobt: Satan gegen Gott, Gut gegen Böse, himmlische Heerscharen gegen Höllenmächte, der Mensch kämpft gegen Katastrophen und Krankheiten, gegen Hunger und Ausbeutung, gegen den eigenen Schweinehund und gegen seine Vergänglichkeit. Ein Existenzkampf, der das Wesen dieser Welt zu sein scheint.

Nun aber ist dieser Krieg zu Ende. Ein Tag der Befreiung ist da, die Tore der Gefängnisse, in denen wir saßen, werden geöffnet. Am Ende dieses Krieges siegt nicht, wie es bisherige Menschenerfahrung ist, der Tod - auf zeitgenössischen Bildern verschlingt der Todesrachen am Ende alles Leben - sondern ein Tod frisst den andern auf - nach einer Stelle im Profeten Hosea (Hos. 13,14). Christus ist von Gott auferweckt worden vom Tod und hat den Tod und alle Todesmächte getötet. Zum ersten und einzigen Mal hat der Tod verloren, und damit ist seine Allmacht gebrochen. Damit hat das Leben den Tod verschlungen, und der Tod ist keine Weltmacht mehr, sondern eine Kabarettnummer. Dieser "wunderliche Krieg" ist das Ostergeschehen, wir könnten sogar sagen: der Osterkrieg. Auf vielen Osterbildern sehen wir, wie Christus aus dem Grab steigt und eine Siegesfahne schwenkt, wie sie früher die Armeen verwendeten, als der Krieg wenigstens noch etwas für's Auge war. Und in manchen Osterliedern heißt es "Viktoria!" - und da wird nicht die schwedische Kronprinzessin zu Hilfe gerufen, sondern es ist der alte Siegesruf in der Schlacht. Aber es ist keine Realschlacht, kein Sedan und kein Tannenberg, kein Waterloo und kein Lützen, sondern der ewige Existenzkampf zwischen Tod und Leben, Himmel und Hölle, Gott und Satan.


Chor: Str. 4


Wir müssen nun zu Str. 2 springen: Dort ist von der Allmacht des Todes die Rede als Folge unserer menschlichen Sünde - wir sind Gefangene in Tod und Sünde. Wir verstehen wohl, dass wir alle Gefangene des Todes sind - er führt uns eines Tages wehrlos ab. Aber sind wir Gefangene der Sünde? Wir verstehen unter Sünde landläufig noch immer sexuelle Laster oder Schwerverbrechen und fühlen uns nicht unbedingt in diesen Punkten schuldig. Wir sind doch nicht alle Kinderschänder oder Kriegsverbrecher oder Terroristen. Sünde ist aber nicht nur dieses - sie ist unsere Abkehr von Gott, die Lossagung der Geschöpfe von ihrem Schöpfer, die Anbetung des Geschaffenen statt des Schöpfers, die grundsätzliche Mangelhaftigkeit unseres Wesens, die Lust, über andere zu herrschen, die Bereitschaft, über Leichen zu gehen, die Sucht nach immerwährendem Vergnügen, die maßlose Gier nach Bereicherung, der Fluch, an der langsamen Vernichtung unserer Erde mitzuwirken - und in diesem Sinne sind wir nach Luther "allzumal Sünder", ausnahmslos. Je weniger wir öffentlich von Sünde reden in unserer Zeit, je mehr wir sie als antiquierte Absurdität verdrängen, desto mehr hat sie uns im Griff. Eine Viertelstunde Zeitunglesen oder Fernsehen genügt, um zu sehen, wie die Macht der Sünde in der Welt am Wirken ist. Der "wunderliche Krieg" ist ein reales Geschehen, ein Krieg, in den wir unfreiwillig hineingezogen sind, und doch zugleich ein Kampf in anderen Sphären.


Chor: Str. 2


In den Strophen 1 und 3 besingt Luther das Ringen zwischen Christus und den Todesmächten. Da ist Christus selbst vom Tod gefesselt ("in Todes Banden", in den Ketten des Todes) - er stirbt am Kreuz - und besiegt dabei den Tod - er erfährt die Auferweckung - der Tod hat seinen Stachel verloren, d. h. er sieht nur noch aus wie der Tod, aber er hat kein Gift mehr, das uns tötet - eine Schlange, der der Giftzahn ausgebrochen ist.

Ist das wirklich so? Sind wir wirklich dem Tod schon von der Schippe gesprungen? Haben wir nicht alle unseren Tod noch vor uns? Lässt uns der Glaube an die Auferstehung dem Tod wirklich so fröhlich ins Auge schauen? Dann dürfte kein Christ mehr weinen oder trauern - aber so ist es noch nicht.

Wir müssen unterscheiden zwischen dem irdischen Tod und dem ewigen Tod, wie wir zwischen dem irdischen Leben und dem ewigen Leben unterscheiden müssen. Dem irdischen Tod entgehen wir wirklich nicht, und wir sollten auch nicht so tun, als würde der uns nichts ausmachen. Ja, wir haben Angst vor ihm, ja wir hängen am irdischen Leben. Aber: Erst wenn es über den Tod hinaus keinerlei Hoffnung mehr gäbe, wenn wir also dem ewigen Tod verfallen wären, wäre unsere Lage absolut trostlos. Solange wir eine Hoffnung haben, dass Gott lebt und wirkt, sind wir nicht auf ewig verloren, sondern haben etwas vor uns! Dieses raum- und zeit- und vernunftübersteigende Geschehen ist der "wunderliche Krieg" - oder sollen wir sagen "wunderliche Frieden"? - des Osterereignisses.


Chor: Str. 3


In den Strophen 5 bis 7 besingt nun Luther die andere Seite. Jetzt blickt er nicht mehr zurück auf den Kampf, sondern jetzt spricht er vom wahren Osterfest wie von einer Siegesfeier, zu der wir eingeladen sind. Da ist zuerst in Str. 5 vom "rechten Osterlamm" die Rede. Es ist nicht das Lamm, das zu Ostern auf unseren Esstischen liegt, sondern es ist Christus, der sich am Kreuz selbst als Lamm hat hinschlachten lassen. In Luthers Originaltext hieß es sogar - anders als im geglätteten Text des heutigen Gesangbuchs - wie der Chor es singt: "an des Kreuzes Stamm in heißer Lieb' gebraten". Ein absolut gewagtes Bild: Christus am Kreuz als Osterbraten... Danach wird an das alte jüdische Passalamm erinnert, mit dessen Blut die Israeliten in Ägypten ihre Türen kennzeichneten, damit der Todesengel (der "Würger") in der Nacht an ihrer Tür vorbeiginge, der sonst in jedem ägyptischen Haus das Erstgeborene sterben ließ. Unser rechtes Osterlamm liegt also nicht in der Bratpfanne, sondern ist hier im Gottesdienst gegenwärtig!


Chor: Str. 5


In Str. 6 fordert Luther uns auf, das "hohe Fest" zu feiern. Hochfeste nennt man Weihnachten, Ostern und Pfingsten in der Kirche, deshalb feiern wir zwei Tage lang (früher sogar drei - ach, hatten es die Menschen gut! Sie kannten allerdings noch keinen Urlaub.). Zum richtigen Osterfeiern gehört vor allem "Herzensfreud' und Wonne" - zwei Lieblingsworte Luthers -, also nicht zuerst Fressen und Saufen oder Chillen und Grillen und Frühlingswetter am Strand genießen oder sich mit Geschenken überschütten. Luther spricht von der Sonne, aber von der, die uns der Herr scheinen lässt, und diese Sonne ist Christus selbst. Wir können also als Christen fröhliche Ostern feiern, auch wenn draußen Mistwetter ist - für Nichtchristen verliert dann Ostern gleich seinen schwachen Sinn und sie meinen, Richtung Sahara fliehen zu müssen. Die Sonne, von der Luther spricht, bräunt nicht unsere Körper, sondern erleuchtet unsere Herzen und vertreibt damit endgültig die Nacht der Sünde. Es wird sonnig in unseren Herzen, und das sollte man uns ebenso ansehen wie anderen die Bräune der Haut.


Chor: Str. 6


In der letzten Strophe ist noch einmal kompakt vom Ostermahl die Rede. Zum "süßen Brot" sind wir jetzt geladen - wenn Luther geahnt hätte, wie viele Süßigkeiten gerade zu Ostern heute gekauft, verschenkt und verspiesen werden. Dicke Kinder und angeschlagene Zähne sind die Folgen. Von all unseren Süßigkeiten, die meterweise die Regale in den Großmärkten füllen, ahnte Luther nichts. Seine Kinder erhielten vielleicht etwas Honig zum Fest und ein paar Nüsse und ein buntes Ei, mehr nicht. Doch für ihn ist "süßes Brot" keine gezuckerte Speise, sondern das Gegenteil zum "Sauerteig" - also einfach Brot ohne Hefe, eine dauerhaft haltbare Speise. Christus selbst ist dieses süße Brot. Wir denken naheliegend ans Abendmahl - aber Luther meint hier etwas anderes, denn er dichtet "vom Wort der Gnaden". Er meint hier Christus als Gottes Wort, das gute Wort von Christus ist unser "süßes Brot" - das nicht dickmacht, sondern stark. Der "alte Sauerteig" soll nicht dabeisein, damit meint er das Leben ohne Christus. Die alte Not- und Todzeit ohne Glauben sollen wir hinter uns vergessen. Wie der Bäcker den Backofen vor dem Backen ausfegt, sollen wir unser altes Leben hinauskehren und Platz machen für den süßen Osterfladen Christus, wie es original bei Luther heißt. Er predigte selbst am Dienstag nach Ostern in jenem Jahr 1524: "Das sind Osterfladen und Lamm, die man an diesen Festtagen essen muss... der reine Glaube..."


Chor: Str. 7


Ein symbolstarkes Lied, eine evangelische Osterhymne haben wir hier vor uns, liebe Gemeinde. Luther hat aus einem mittelalterlichen liturgischen Klostergesang ein echt reformatorisches Gemeindelied gemacht - einen Choral, der selbst eine Predigt ist. Er erzählt nicht einfach die Ostergeschichte nach, sondern er verkündigt ihre Bedeutung, nur verstehen wir das heute nicht so einfach, weil uns 488 Jahre trennen. Doch werden wir dem Sinn des Osterfestes erst richtig nahe kommen, wenn wir in diesem geistlichen Sinn Ostern feiern und uns den "wunderlichen Krieg" und die österliche Friedensfeier vor Augen stellen. - Und noch einmal zurück zu Madonna: Wenn wir Luthers Melodie richtig beschwingt singen und nicht a tempo Leichenfeier, kann man auch dazu tanzen!

Chor: Str. 1

 

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