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Choralpredigt über „Es ist ein Ros entsprungen“ am 1. Christtag
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Choralpredigt über „Es ist ein Ros entsprungen“ am 1. Christtag

Predigt vom 25.12.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Martin-Luther-Kirche

Liebe Gemeinde!

Wenn jemand mit einem Strauß Rosen vor unserer Tür steht, dann ist unser ganzer Widerstand gebrochen. Wir schmelzen dahin. Die Liebe ist gerettet. So ist es auch mit diesem zauberhaften Lied. Wenn wir es singen oder hören, schmelzen wir dahin und sind im weihnachtlichen Paradies. Es ist ohne Zweifel eines der anrührendsten Weihnachtslieder.

Allerdings können wir mit Rosen auch Reinfälle erleben. Nicht selten verkauft uns der Blumenhändler gerade Rosen, die sich nicht lange halten, sondern schon nach drei Tagen ihre Köpfe senken. Außerdem haben die Rosen hässliche Dornen, an denen man sich verletzen kann.

Dieses friedliche und idyllische Lied hat einige Ecken und Kanten, es ist geradezu ein konfessionelles Streitlied zwischen Katholiken und Evangelischen, auch wenn es in unserem Gesangbuch heute mit einem schönen „Ö“ für „ökumenisch“ versehen ist. Aber die unterschiedlichen Varianten gehen holterdipolter durcheinander, und es gibt keine wirklich gemeinsame Version.

Aber von Anfang an. Es ist ein altes Lied, dessen Verfasser niemand kennt. „Trier 1587/88“ lesen wir als Fußnote. Es kommt also aus einer streng katholischen Ecke Deutschlands, in der auch der umstrittene Heilige Rock verehrt wurde, den Luther so scharf verspottete als „heilige Bescheißerei von Trier“. Nur die ersten beiden Strophen sind alt, die letzten beiden sind eine spätere Zutat von Friedrich Layriz, einem lutherischen Pfarrer aus Bayern aus dem 19. Jahrhundert, der zahlreiche alte Lieder aufarbeitete. Dazwischen aber ist der Großteil des ursprünglichen Liedes weggefallen. Es war einst ein altes Erzähllied, das die gesamte Weihnachtsgeschichte vom römischen Kaiser Augustus über die teuren Herbergen von Bethlehem bis hin zu den heiligen drei Königen in über 20 Strophen singend darbot. Davon weiß heute keiner mehr.

Das, was wir übrig haben, ist ein allegorisches Marienlied – wie das schöne Adventslied „Es kommt ein Schiff, geladen“. Es besingt das göttliche Geheimnis der Maria – wie sie in jenem Lied mit einem schwer beladenen Schiff verglichen wird, so wird sie hier als Rosengewächs dargestellt. Da können wir schon ahnen, dass es zwischen Katholiken und Protestanten zur Uneinigkeit kommen kann.

Gemeinde singt Str. 1

In der ersten Strophe werden wir in einen winterlichen Wald oder Garten hinausgeführt. Es ist nicht „eine Rose“, die dort entspringt, sondern „ein Ros“. Das ist keine Verkürzung eines Schluss-e, sondern eine bewusst männliche Form: ein Rosenstock ist gemeint. Und dieser knorrige Holzstock ist auch alles andere als „zart“ – gemeint ist im alten Deutsch mit „zart“ „edel“, also eine edle Wurzel, ein Rosenstock aus guter Züchtung, keine Wildrose. Die Alten, die uns davon sungen, sind nicht die Senioren der Gemeinde oder unsere Vorfahren, von denen wir die alten Weihnachtslieder überliefert bekommen haben, sondern die Profeten des Alten Testaments – Jesaja und Jeremia, Micha und Hesekiel, die die sog. Christusweissagungen verkündigt hatten, die am Heiligen Abend in der Christvesper stets verlesen werden. „Von Jesse kam die Art“ – Art bedeutet hier Abstammung, und Jesse war der Vater des späteren Königs David. Die berühmte „Wurzel Jesse“, auf die hier angespielt wird, ist der königliche Stammbaum Davids, wie er in einigen alten Kirchen (z. B. in der Annenkirche in Annaberg im Erzgebirge) dargestellt ist. Er bezeugt die Abstammung Jesu aus diesem Geschlecht: Jesus ist „Davids Sohn“. Allerdings ist dieses königliche Geschlecht längst erloschen. Das Wunder der Herkunft Jesu ist also ein doppeltes, ein menschliches und ein göttliches: Ein königliches Geschlecht gewinnt neue Kraft, und von Gott selbst bricht etwas Unvorstellbares hindurch. Das letztere wird nun untermalt durch zwei extreme Naturbilder: Der Rosenstock Maria hat ein Blümlein, das ist Jesus, zum Erblühen gebracht, als es am unwahrscheinlichsten war – „mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht“, also in einer Jahreszeit ohne Wärme und zu einer Tageszeit ohne Licht – um diese Zeit kann normalerweise keine Rose aufblühen, denn noch gab es keine künstlich beleuchteten und beheizten Gewächshäuser.

Anna Kürschner hat diese Strophe komponiert. Sie will dabei auch das Wunder des Aufspringens einer Blüte (aus einem einzigen Ton am Anfang und in einer winterkalten Tonart zu einem mehrstimmigen Akkord) zu Gehör bringen und uns erleben lassen, dass Jesu Geburt zugleich etwas Natürliches und etwas Wunderbares ist.

Str. 1 komponiert von Anna Kürschner

Gemeinde singt Str. 2

„Das Blümlein, das ich meine“ – wieso meine ich das eigentlich? Ist es nicht klar, worum es geht? Vergleichen wir mit dem alten Lied „Freiheit, die ich meine“ von Ferdinand Freiligrath – auch hier sind wir Opfer einer Sprachveränderung. „Meinen“ ist das alte deutsche Wort „minnen“ für „lieben“. „Das Blümlein, das ich meine“ – „das Blümlein, das ich minne/liebe“ ist gemeint – Jesus Christus. Maria, die reine Magd, hat uns dieses Blümlein „allein“ gebracht! „Allein“ – nämlich ohne männliche Mitwirkung, ohne Josefs Liebe zu bemühen. Und was bedeutet Maria als „reine Magd“? Ist nicht eine Niederkunft ein blutiges Geschäft, so dass nach jüdisch-alttestamentlichem Brauch danach extra 40 Tage der Reinigung für die Frau vorgesehen waren, während derer sie ihre körperliche und kultische Reinheit erst wiedererlangt? Damit sind wir bei der mittelalterlichen und immer noch aktuellen katholischen Marienlehre angekommen. Sie lehrt, dass Maria eine „reine Jungfrau“ war und blieb – vor, während und nach ihrer Niederkunft blieb sie unversehrte Jungfrau und gebar ihr Kind „ohne Schmerzen“, wie es in einem anderen Marienlied heißt. Die „reine Magd“ ist also nicht die reinliche Hausfrau, die Küche und Stube mit dem Besen fein sauber hält, wie mancher denken könnte. Sondern Maria war und ist nach katholischem Dogma „immerwährende Jungfrau“, „virgo immaculata“, „allzeit reine Magd“. Darum lautete der letzte Halbsatz der zweiten Strophe in der katholischen Version: „…und blieb ein reine Magd.“ Das war aber schon im 16. Jahrhundert ein konfessionelles Streitthema. Der große evangelische Komponist Michael Prätorius hat deshalb diesen Halbsatz schon verändert und ihn auf das rettende Kind bezogen: „welches uns selig macht“. - Auch Johannes Kürschner hat das Lied völlig frei nach Praetorius verändert und zu einem Rap gemacht – einer Musik der jungen Generation, die sich damit nach einem anstrengendem Schultag chillig erholt – oder auch auf ihre Weise verkündigen möchte, was ihr Evangelium ist. Johannes hat dabei den Dreiklang unserer Glocken als Grundlage der Melodie genommen und damit ein Stück Gemeindeleben und Konfirmandenunterricht einbezogen und verkündigt die Weihnachtsbotschaft damit für alle, nicht nur für die Kirchenkundigen.

Str. 2, komponiert von Johannes Kürschner

Gemeinde singt Str. 3

Der evangelische Pfarrer Friedrich Layriz hat 1844 mit seiner neuen dritten und vierten Strophe bewusst aus einem katholischen Marienlied ein evangelisches Christuslied gemacht. Im Mittelpunkt steht jetzt nicht mehr der Rosenstock mit seiner Wurzel, sondern das Röslein (so bei Layriz, Str. 3) oder Blümlein. Es ist klein, weil es für ein kleines Kind steht. Es hat einen süßen Duft – für Christus ist das ein absolut ungewöhnliches Bild. Wir könnten zwar an den lieblichen Geruch eines Neugeborenen denken. Es gibt auch einzelne Stellen in der Bibel, nach denen der Heilige oder die Heiligen Gottes nach dem Tode nicht verwesen würden und damit immer duften würden. Sonst kennen wir den geistlichen Duft höchstens vom Weihrauch. Hier handelt es sich aber vielleicht um eine Anspielung auf Eph. 5,2: „Christus hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.“ Der Christus-Duft! Und das Blümlein hat auch einen „hellen Schein“ – für eine Blume gleichfalls ungewöhnlich, sonderlich für eine rote Rose, denn Blumen leuchten doch nicht. Layriz nimmt das allegorische Bild der ersten Strophe auf, das auch keine Naturbeschreibung war, und deutet das Bild ebenfalls nochmals geistlich: Christus als Sonne, die die Finsternis vertreibt. – Karl Eckel hat einen jugendfrischen vierstimmigen Chorsatz komponiert; der Ernst des Lebens ist noch ganz fern, wir hören eine unbeschwerte Kindlichkeit, nach der wir uns zu Weihnachten alle sehnen, und insofern nimmt er das Lied so auf, wie wir es uns alle wünschen.

Str. 3, komponiert von Karl Eckel

Gemeinde singt Str. 4

Schon in der Mitte der dritten Strophe hatte Layriz ziemlich abrupt das Thema von der Naturallegorie zur katechismusartigen Verkündigung der Weihnachtsbotschaft gewechselt: „Wahr Mensch und wahrer Gott!“ Mit diesem Doppelbekenntnis zu den sog. „zwei Naturen“ Christi, der menschlichen und der göttlichen Natur, einer der frühesten Lehren der Kirche, hat das Lied eine völlig andere Klangfarbe erhalten. Das Christusgeheimnis wird jetzt nicht mehr poetisch, sondern dogmatisch verkündigt! In das schöne Naturbild bricht das strenge Lehrgebäude der Kirche ein: Leid, Sünde und Tod – das Leben als ein Jammertal. Man fühlt sich ganz von Weihnachten entfremdet und zum Karfreitag versetzt. In der vierten Strophe setzt sich das fort. Sie ist eine Art Schlussgebet mit einem ganz unweihnachtlichen Anklang an das „Scheiden aus diesem Jammertal“- auch wenn es zum himmlischen „Freudensaal“ führt. Diese Strophe hat nie die Popularität der ersten drei Strophen erlangt und hat etwas Belehrendes, aber sie bewahrt das Lied doch zugleich vor einem allzu süßlichen Charakter, in den es abgleiten könnte. - Matthis Gaebel hat eine starke Besetzung gewagt und gestaltet die vierte Strophe damit zu einem furiosen Höhepunkt, als ließe schon das Richard-Wagner-Jahr 2013 grüßen.

Str. 4 komponiert von Matthis Gaebel

Alles in allem gefällt uns dieses Lied wegen seines poetischen Zaubers – ein bisschen ähnlich dem Marienlied „Maria durch ein Dornwald ging“. Wir können als nüchterne Protestanten durchaus ein Stück katholischer Marienverehrung mitvollziehen, ohne uns zu verleugnen, das gehört zur protestantischen Freiheit. Aber wir sollten uns auch hüten vor einem unkritisch übernommenen, katholischen Marienkult, wie er sich ebenso im „Ave Maria“ zu evangelischen Bestattungsfeiern ausdrückt – ein Gebet zu Maria in der Stunde des Todes, das der Verstorbene zu Lebzeiten nie ernsthaft gebetet hätte. In den beiden schönen Liedern von der „Rose“ und vom „Dornwald“ begegnet uns der katholische Glaube an die immerwährende jungfräuliche Reinheit Marias, die wir nach reformatorischer Lehre nicht teilen. Für uns ist Maria die Mutter des Herrn, auch Jungfrau bezüglich ihrer Empfängnis, aber nicht darüber hinaus und auch hier eher in einem symbolischen Sinn. Wir dürfen also gern mit Freude dieses Lied singen, aber am besten in seiner evangelischen Textform, die uns stärker von Maria auf Christus hin lenkt. Letztendlich sind wir nicht päpstlicher als der Papst, und die Freude über einen Strauß Rosen, die uns entwaffnet, wird uns auch angesichts dieses Liedes ergreifen.

So hat auch Ronja Böhme, inspiriert von diesem Lied, zwar nicht komponiert, aber eine poetische Wanderung gedichtet, aus der ich Anfang und Schluss zitieren möchte:

„Stille über dem schneebedecktem Land. Dunkle Nacht. Sternenklar. Ewige Finsternis. Leben gibt es hier schon lange nicht mehr. Seit vielen hundert Jahren. Auf Erlösung wartend liegt das Land. Bedeckt. Leise flüstert der Abendwind. Singt sein kleines, trauriges Lied vom Sein. Vom Sein und Leben. Längst abgeschlossene Kapitel. Das Buch schon lange zu. Verstaubt. Alt. Ungenutzt… Zurück bleibt ein verstörter Wanderer, der das Nichts vor Augen hat. Das Nichts. Gefährlich. Dunkel. Mystisch. Still. Der Schnee will all die Sachen ungeschehen machen, hört nicht auf, möchte das Böse ersticken, am liebsten auch das ganze Leben. Und genau in diesem Moment blüht eine vereiste Rose auf, hat sich alleine durchgekämpft, um zu leben. Um zu leben und Hoffnung zu schenken."

Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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