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Predigt zum Busztag 20.11.2013 über „Bringt rechtschaffene Früchte der Busze!“, Lk. 3,8
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Predigt zum Busztag 20.11.2013 über „Bringt rechtschaffene Früchte der Busze!“, Lk. 3,8

Predigt vom 21.11.13 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Kirche Großstädteln

Liebe Gemeinde!

Sind wir schuld am Elend der Welt? Wir, die wir hier zusammen sind, wir Markkleeberger, Leipziger, Christenmenschen, katholische und evangelische, wir Deutschen, wir reichen Europäer? Das wird uns unentwegt vorgeworfen in Bußtagspredigten, in kritischen Zeitungen, von farbkräftigen Parteien, von Eine-Welt-Fachleuten, von Bischöfen  und Bischöfinnen. Wir sind schuld am Elend Afrikas, Südasiens und Lateinamerikas, weil unsere Vorfahren dort als Kolonialisten und Missionare aufgetreten sind. Wir sind schuld, weil unser hoher Lebensstandart zur Abholzung des tropischen Regenwalds führt. Wir sind schuld, weil unser Fleischhunger zum Soja- und Maisanbau für die Tierfütterung führt, statt zur Ernährung der hungernden Menschen. Wir sind schuld, weil wir den preiswerten Kaffee ohne Fair-trade-Zertifikat trinken. Wir sind schuld, weil wir mit dem kostbaren Wasser die Toilette spülen, während andere kein sauberes Wasser zum Trinken haben. Wir sind schuld, weil wir die billigen T-Shirts kaufen, die in Bangladesch unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Wir sind schuld an den Wirbelstürmen auf den Philippinen, weil unser Autoleidenschaft die Ozonschicht zerstört und das Klima verändert. Wir sind schuld am Krieg in Syrien, weil wir Deutschen  jahrzehntelang die Waffen dafür geliefert und gut daran verdient haben. Wir sind schuld an der griechischen Misere, weil Frau Merkels und Herrn Schäubles Sparbedingungen dort die Menschen verarmen lassen. Wir sind schuld an den beiden Weltkriegen, weil deutsche Überheblichkeit und Größenwahn die Anlässe waren. Wir sind schuld am Holocaust an den Juden. Wir sind schuld, dass Flüchtlinge vor Lampedusa ertrinken, weil wir unsere europäische Festung abschotten.

Wir sind an allem Elend der Welt schuld. Wir handeln nicht solidarisch – so sagt es das Motto der heurigen Friedensdekade oder fragt es wenigstens an. „Solidarisch“ ist kein original biblischer Begriff, den die Verantwortlichen der Friedensdekade als Motto  ausgewählt haben. Ich bin als Kind der DDR auch ein bisschen gebrannt gegen dieses Wort, weil es von der DDR-Ideologie besetzt worden war. Dort war Solidarität ein kommunistischer Klassenbegriff, und sie bezog sich nicht auf alle Notleidenden der Welt, sondern nur auf die Völker, die sich auf den Weg zur Freundschaft mit der Sowjetunion aufgemacht hatten. Es war eine parteiische und eine von Staats wegen verordnete Solidarität. Erst als die freiheitsbewussten polnischen Arbeiter 1980 ihre Protestbewegung gegen die kommunistische Diktatur ausgerechnet „Solidarität“ (solidarno??) nannten, wurde der Begriff für mich wieder benutzbar. Die Bibel kennt nicht das Wort „Solidarität“, aber sie kennt solidarisches Handeln – das Einstehen für Notleidende. Wir finden es bei den biblischen Bußpredigern, bei den alttestamentlichen Profeten, bei Johannes dem Täufer und bei Jesus selbst. Allerdings nie in einem rein horizontalen Sinn, nur politisch, sondern immer mit vertikaler Beziehung zu Gott.

Wir sind alle schuld an allem. Das haben wir verinnerlicht, und manchmal bedrückt es uns auch. Es gibt einige, die aus diesem Schuldenkreis auszubrechen versuchen. Sie kaufen fair oder bewusst ein, sie spenden großzügig, sie übernehmen Projekte und Patenschaften, sie sparen Energie und fahren Rad. Sie gehen auf die Straße gegen Fremdenhass oder erheben ihre Stimme gegen Diskriminierungen. Wir erleben es gerade in diesen Tagen. Das ist auch mein Bestreben und vielleicht das Bestreben vieler unter uns, aber manchmal möchte ich aufschreien: „Leute, ich bin nicht schuld, es sind höchstens die anderen, die gewissenlos vor sich hin leben! Oder es waren unsere Väter und Großväter, die Hitler gewählt haben, aber nicht ich!“ Auf’s ganze gesehen, ändern oder retten diese Bemühungen einer Minderheit nicht die Welt, und doch müssen wir einmal anfangen, und die Energiewende und andere Bewusstseinsbildungen in Deutschland haben wirklich Früchte der Buße gezeitigt.

Aber sind wir wirklich an allem schuld? Du und ich? War nicht die Kollektivschuld, die in Nazideutschland und in Stalins Sowjetunion an den Gegnern des Systems vollzogen wurde, eine schreiende Ungerechtigkeit? Dass man alle Juden, alle Kapitalisten, alle Kulaken, alle rückschrittlich Gläubigen, alle Deutschen für schuldig erklärt und an ihnen das Rachegericht vollzogen hat? Ähnelt nicht die Anklage, die heute gegen uns erhoben wird, jener Kollektivrache aus finsterer Zeit? Heute sind die Wohlhabenden, die Deutschen, die Amerikaner pauschal und kollektiv schuld an allem Elend der Welt. Muss nicht Schuld immer einzeln nachgewiesen und gestraft werden? In welcher Form sind wir dann überhaupt zu belangen?

Im juristischen Sinn sind wir schuldlos. Und doch fühlen wir uns mit diesem Freispruch nicht wohl. Wir glauben schon, dass Schuldzusammenhänge existieren. Aber wir wollen gern ohne Schuldspruch in freiwilliger Einsicht darangehen, etwas zu verbessern. Wer eine großzügige Spende gibt für „Brot für die Welt“, möchte sich dabei als großherziger Wohltäter fühlen, nicht als verurteilter Tributpflichtiger, der seine verdammte Schuld abträgt. Schuld ist überhaupt nicht nur ein Begriff aus dem Bereich des Rechts, sondern aus dem Bereich der Moral. Schuld gibt es juristisch vor Menschen und Völkern und ihren Gerichten, und Schuld gibt es moralisch vor Gott. Im juristischen Sinn ist Schuld oft schwer nachzuweisen. Wie schwierig ist der Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund! Wie viele Naziverbrecher und Stasidiener gingen frei aus, weil ihnen die Schuld juristisch nicht nachzuweisen war!

Im moralischen Sinn, vor Gott, ist Schuld dagegen viel leichter zuzuweisen. Wer sein Gewissen an den zehn Geboten prüft oder gar noch an deren Radikalisierung in Jesu Bergpredigt, wird sich bei jedem Beichtgebet im Gottesdienst schuldig fühlen. Vor Gott ist uns bewusst, dass wir alle Sünder sind. Aber das ist eine andere Ebene als jene der Weltwirtschaft. Vor Gott bekennen wir auch unsere Schuld ganz ohne Angst, obwohl sie da am größten sein müsste. Wie schwer hingegen fällt ein Schuldeingeständnis vor Gericht! Vor Gott sind wir wirklich an allem schuld. An allem heißt aber: Nicht nur an den Sünden der Weltwirtschaft, sondern ebenso an den Sünden gegenüber unseren Mitmenschen in der Nähe und gegenüber Gott selbst. Die modernen weltwirtschaftlichen Sünden gehören zum siebenten und neunten Gebot: „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut“ - aber es gibt eben auch noch die anderen acht Gebote, an denen wir schuldig werden.

Und unter den acht Geboten gibt es die ersten drei. Unsere Gesellschaft teilt mit uns gerade noch den Konsens über die Gebote vier bis zehn. Einem ausländischen Ladendieb gegenüber sind wir schnell empört: „Du sollst nicht stehlen!“ Einem beliebten Sportmanager aber, der unserem gemeinsamen Staatsvermögen Millionen Steuern gestohlen hat, werden jubelnde Ovationen der Massen zuteil. Doch bleiben wir bei uns selbst: Ob das kirchliche Verbot, dass alte Menschen über 68 Jahre nicht mehr für den Kirchenvorstand kandidieren können trotz zunehmender Lebens- und Gesundheitserwartung in unserer Gesellschaft, dem vierten Gebot entspricht, „Vater und Mutter zu ehren“, bezweifle ich. Aber ganz schwierig wird es bei der Schulderkenntnis gegenüber den ersten drei Geboten. Wer hat sonntags am Frühstückstisch wirklich noch ein schlechtes Gewissen, wenn er die Glocken läuten hört und geht nicht zum Gottesdienst? Vielleicht am ehesten noch die katholischen Gläubigen. Wer weiß überhaupt noch, was für ihn das zweite Gebot bedeuten könne, Gottes Namen nicht zu missbrauchen? Wir tragen ja  kein Koppelschloss mehr, auf dem „Gott mit uns“ steht. Und „in Gottes Namen“ tun wir selten noch etwas. Und wer fühlt sich in unserer Gesellschaft der Toleranz noch dem ersten und vornehmsten Gebot verpflichtet, keine anderen Götter zu haben neben dem Gott Israels? Selbstverständlich gewähren wir Religionsfreiheit allen anderen Religionen und Sekten! Wir sind im Unterschied zu den Muslimen nicht mehr felsenfest davon überzeugt, den einzig wahren Glauben zu haben – jedenfalls nicht wir Evangelischen. Doch bei aller Toleranz muss das erste Gebot für uns seine Bedeutung behalten!

Auch im Blick auf die Gebote Gottes gilt also: Wir sind in jeder Beziehung und an allem schuld, aber die Zusammenhänge sind auch hier kompliziert und komplex. Was bedeutet das scheinbar einfache „nicht töten“ angesichts der Schlachthöfe, der Bundeswehreinsätze, der Grenzproblematik medizinischen Handelns bei Schwangerschaftsabbrüchen oder Organtransplantationen, der fahrlässigen schweren Verkehrsunfälle usw.? Was bedeutet, Gott allein die Ehre zu geben, angesichts einer multikulturellen Welt, die nicht mehr in getrennten, sondern in gemischten Kulturen lebt?

Jeder Mensch wird schuldig, so bald er ins bewusste Handeln tritt. Wir sind alle Sünder. Nicht jeder ist damit ein Verbrecher, aber keiner ist ohne Fehl. Zur Schuld gehören aber nicht nur deren Erkenntnis und öffentliches Bekenntnis, sondern auch deren Vergebung. Das ist ein Aspekt, den die moderne Welt nicht richtig handhaben kann. Angesichts der weltweiten schuldhaften Zusammenhänge gibt es zu wenig Vergebungsstrukturen. Die Kirche hält dafür am ehesten Instrumente bereit. Der Schuldenerlass für arme Länder ist ein solches. Versöhnungsprozesse („healing of memories“), wie sie in Südafrika und Rumänien laufen, sind es ebenso. Die gemeinsame Erklärung tschechischer und deutscher Christen „Der trennende Zaun ist abgebrochen“ ist ein solches Werkzeug der Vergebung. Wir gestehen damit ein, dass wir unseren Anteil Schuld an der Not der Welt tragen! Aber wir sind auch nicht die allein Verantwortlichen! Die korrupten Strukturen der Machteliten in Afrika, das Gewaltpotenzial in vielen armen Ländern und letztlich die natürlichen Gegebenheiten von Wüsten und Stürmen tragen ebenso zum Elend jener Regionen bei. Es gibt kritische Stimmen aus Afrika, die davon sprechen, dass die reiche Welt Afrika totgespendet hat. Und diktatorische und antisemitische Verführungen waren nicht allein auf Deutschland beschränkt.

Wir können die Schuldverstrickungen der Welt nicht nur politisch oder innerweltlich, also horizontal lösen. Wir brauchen die Vergebung Gottes, wozu Buße und Beichte gehören. Wir bekennen vor Gott unser unausweichliches Versagen, bitten um seine Vergebung, tun das unsere, Schuld wiedergutzumachen, wo immer es möglich ist. Nur so können wir frei und froh leben im Angesicht immer neuer Schuld. Und diese Vergebung Gottes brauchen wir auch permanent, in jedem Gottesdienst neu, mindestens aber ein- oder zweimal jährlich am Frühjahrs- und am Herbstbußtag oder zu den anderen Beichtgelegenheiten, die unsere Kirchen kennen.

Es ist gut, dass es einen öffentlichen Tag im Jahr gibt, an dem wir das Bewusstsein der Gesellschaft für Schuld und Buße schärfen. Im öffentlichen Bewusstsein verschwindet sonst das Schuldbewusstsein ganz – wie der geschützte Bußtag in den anderen Bundesländern. Wir leben längst in einer Gesellschaft der Selbstgerechtigkeit, die Buße und Sünde nur noch im Bezug auf  Straßenverkehrsdelikte beim Namen nennt, und zwar mit Augenzwinkern. Es ist unser christlicher Beitrag zu dieser Gesellschaft, Schuld aufzudecken, beim Namen zu nennen, zu sühnen und zu vergeben – Buße zu tun und Buße zu fordern - und Rituale in der Gesellschaft zu fördern, die zur Buße führen. Dazu gehören Mahnmale für Opfer von Krieg und Gewalt, Gedenktage für Opfergruppen wie der Volkstrauertag, der Holocaust-Gedenktag, der Sonntag für verfolgte Christen, der Gedenktag der stalinistischen Vertreibung der Russlanddeutschen, das Putzen von Stolpersteinen für ehemalige jüdische Einwohner und das mutige Eintreten für Flüchtlinge und der Widerstand gegen jegliche Form von Menschenverachtung. Solidarisch handeln heißt letztlich bußfertig leben.

 

(Es gilt das gesprochene Wort.)

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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