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Predigt über 1. Tim. 6, 12-16 zur Jubelkonfirmation
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Predigt über 1. Tim. 6, 12-16, zur Jubelkonfirmation

Predigt vom 13.05.12 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Fahrradkirche

Begrüßung

Liebe Ehrenkonfirmanden!

Soeben sind Sie feierlich eingezogen in die Kirche Ihrer Jugend (oder in die, die heute stellvertretend für Ihre Konfirmationskirche steht), so wie einst vor 80, 75, 70, 65, 60, 50, 25 Jahren, als Sie als Jugendlicher konfirmiert wurden – natürlich alle ein wenig verändert. Heute mischt sich Freude und Dankbarkeit über das, was Gott Großes an Ihnen getan hat, mit manchem schweren Leid, das einzelne tragen mussten, und mit der Trauer um die, die nicht mehr dabeisein können. Beides bringen wir vor Gott – Dank und Klage. Ihr Weg hat sie von Gautzsch, Zöbigker und Markkleeberg z. T. weit hinweggeführt - oder heute zu uns hergeführt. Sie sind gekommen aus:

- Egeln

- Freiberg am Neckar

- Langenhagen

- Leipzig

- Oberrottenbach/Pfalz

- Schwalmtal

- Zwenkau.


Ihre Konfirmationskirche stand außer bei uns hier in

- Altdöbern

- Dessau-Süd, Kreuzkirche

- Leipzig-Connewitz

- Leipzig-Grünau

- Leipzig-Möckern

- Leipzig, ref. Kirche

- Leipzig, Thomaskirche

- Starsiedel

- Weißwasser


Manche Spur haben wir nicht mehr finden können, andere haben die Brücken zur Kirche abgebrochen, manche Kirche steht nicht mehr, und zahlreiche ehemalige Konfirmanden sind schon verstorben (allein 40 Knaben aus dem Konfirmationsjahrgang 1937 sind wenige Jahre später im Krieg gefallen). Sie haben damals Ja gesagt zu Gott, zum Bleiben und Wachsen im Glauben, zur Gemeinschaft der Kirche. Sie sind durch Anfechtungen hindurchgegangen, Gott hat auf krummen Linien Ihres Lebens gerade geschrieben, und Sie haben Verführungen widerstanden.


Predigt

über Worte aus den Timotheusbriefen:


"Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen...

Und wenn jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht...

Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten;

hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit..."


Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde!


Am 9. Mai fand in Moskau auf dem Roten Platz die alljährliche Siegesfeier über Hitlerdeutschland statt. Dabei sieht man immer ordensgeschmückte Veteranen. Auch in anderen Nationen wie in Frankreich oder in den USA sind solche Treffen alter Kämpfer Tradition, nur in Deutschland weniger, weil wir den Krieg ja verloren haben.

Sie, liebe Jubelkonfirmanden, sind heute so eine Art Veteranen, mit einem Lorbeer an der Brust geschmückt, alte Kämpfer, die den guten Kampf des Glaubens geführt haben, das aktive Berufsleben und die Familienplanung in den meisten Fällen abgeschlossen haben und zurückschauen. Sie sind dankbar für vieles, stolz auf manches und beschämt über einzelnes.

Der Apostel Paulus spricht tatsächlich in den beiden Briefen an seinen Mitstreiter Timotheus mehrfach vom Kampf des Glaubens. Das Bild vom Kampf ist nicht so aktuell. Gekämpft wurde einst in den Kreuzzügen und in den Weltkriegen. Das liegt weit zurück oder gehört nur noch für die ältesten unter ihnen zur Lebenserfahrung und ist für uns heute kein so überzeugendes Beispiel für Glaubenskämpfe. Gekämpft wurde in der DDR Tag für Tag gegen die vier Hauptfeinde des Sozialismus, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, gegen den Klassenfeind und um die Planerfüllung. Dieser Kämpfe sind wir auch müde geworden. Heute kämpft man um Stimmen und Mandate im Wahlkampf oder um Marktanteile – auch das ist kein christlicher Kampf.

Dennoch haben Sie in Ihrem Leben Kämpfe geführt, Kämpfe gegen manche unsichtbaren Feinde. Der eine hat gekämpft gegen den Nachkriegshunger, die andere gegen eine schwere Krankheit. Ein anderer hat gekämpft gegen das politische System, das ihn unterdrückt hat, wieder ein anderer vielleicht gegen die Enteignung seiner Firma. Eine andere hat in ihrem Beruf um Gesundheit und Menschenleben gekämpft, wieder ein anderer gegen Hausbesitzer.

Aber mancher hat wirklich den guten Kampf des Glaubens gekämpft, gegen seine Verspottung über Jahrzehnte in der DDR-Schule und –Öffentlichkeit, gegen die Benachteiligung von Christen in Beruf und Karriere. Jeder Konfirmierte hat diesen Kampf führen sollen ("Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!") – und manche haben darin auch versagt. Die Anwesenheit oder Abwesenheit heute zu dieser Einsegnung spricht eine beredte Sprache. Vor 60 Jahren, 1952, war es noch eine Schar von 184 Konfirmanden, die in der Martin-Luther-Kirche und in Zöbigker von Sup. Holm eingesegnet wurden, und sie stellen heute als diamantene Konfirmanden die stärkste Gruppe – trotzdem sind es nur 14 von jenen 184, die hier stehen. Einige sind verstorben, aber längst nicht alle, die hier fehlen. Vor 50 Jahren, 1962, zeigten sich schon die Ergebnisse des Glaubenskampfes, der in der DDR zwischen Staat und Kirche heftig geführt wurde und vor allem zwischen Jugendweihe und Konfirmation entbrannte. Da waren es nur noch elf Konfirmanden, die von Pfarrer Kriewald und Pfarrer Johne eingesegnet wurden, und von denen sind heute nur zwei unter uns.

Ein Kampf ist gekämpft worden drei, vier Jahrzehnte, in dem manche aufgegeben oder versagt haben. Nur schwer können wir uns heute diese Situation noch vorstellen. Schüler wurden in der Schule unter Druck gesetzt und bedroht, kein Abitur und keinen Studienplatz zu erhalten, wenn sie nicht dem sozialistischen Staat ihren Treueid leisten würden. Eltern wurden in die Schule oder in den Betrieb zum Direktor vorgeladen, warum sie als Christen sich denn wie Staatsfeinde verhielten. Auch materielle Anreize wurden gesetzt, wenngleich ihre Anziehungskraft nicht die stärkste war: Wer zur Jugendweihe ging, durfte kostenlos mit nach Buchenwald fahren und erhielt ein buntes Bilderbuch „Weltall – Erde – Mensch“ geschenkt anstatt der bilderlosen Bibel. Die Entscheidung, ob Konfirmation oder Jugendweihe oder beides nacheinander, das rote Halstuch, die blaue FDJ-Bluse, der freiwillige dreijährige Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee oder in den Kampfgruppen der Arbeiterklasse, die Anwerbungen für die Stasi, die Überredungen zum Parteieintritt – das alles gehörte vor und nach der Konfirmation zur Lebenswirklichkeit derer, die hier konfirmiert wurden und gelebt haben. Es hat Menschen gegeben, die haben darunter schwer gelitten, und es hat andere gegeben, die haben es leicht genommen. Es hat Kämpfer gegeben und solche, die sich schnell angepasst und den Kampf vermieden haben. Es hat Menschen gegeben, die als Vierzehnjährige tapfer ihren Mann gestanden haben und bald danach umgefallen sind, und es hat Vierzehnjährige gegeben, die damals ehrlich die Konfirmation abgelehnt haben und nachher auf verschlungenen Wegen doch zum Glauben gekommen sind.

Der Kampf des Glaubens ist also ein Kampf, der sich z. T. im Verborgenen abspielt, wo kein Außenstehender genau beurteilen kann, was da geschah. Das ist anders als im Krieg oder beim Sport oder bei einer Wahl, wo man gewonnen oder verloren hat. Der Glaubenskampf wird an einer sichtbaren und an einer unsichtbaren Front geführt. Die sichtbare Front ist das öffentliche Auftreten als Christ in der Gesellschaft und auch das Bekenntnis zur Kirche als Mitglied mit allen Rechten und Pflichten. Die unsichtbare Front, das sind die inneren Kämpfe, die man auszustehen hat, und sie gehen manchmal bis an die Wurzeln. Es sind die Krisen in der Familie, es sind die Zweifel über getroffene Entscheidungen, es sind die Ängste und Enttäuschungen des Lebens, es sind die Glaubenszweifel, die uns heimsuchen, es ist die eigene Schwachheit und Feigheit und Schuld und Sünde. Da hat jeder seinen Kampf geführt und wird ehrlich wissen, wo er gesiegt und wo er verloren hat. Und nicht immer haben wir diesen Kampf bewusst geführt. Manchmal haben wir den Eindruck, es hat einer uns den Arm dabei geführt. Gott selber hat durch uns gefochten.

Für viele war die Wende vor 22 Jahren ein bewegender Einschnitt. Die wiedergewonnene Freiheit in vielen Bereichen des Lebens, auch im Glauben, war ein Gottesgeschenk. Aber die blühenden Landschaften, in denen wir gerade hier in Markkleeberg angekommen sind, sind trotzdem nicht das Paradies. Menschliche Schwächen, politische Dummheiten und Fehler, Betrug und Verbrechen gibt es auch in der freien Welt in jeder Form und jeder Menge! Und auch Amtsträger der Kirche und Christen nebenan sind nicht frei davon.

Die Chance dieser Jahre des Alters aber liegt darin, dass wir Dinge noch zurechtrücken können. Wir können zwar das Rad der Zeit nicht zurückdrehen und nicht noch einmal ganz von vorn anfangen. Die Konfirmandenliebe von damals, die sich nicht erfüllt hat, lässt sich nicht mehr nachholen. Die Laufbahn, die wir gegangen sind, lässt sich nicht mehr ändern. Aber wir können im Nachhinein noch Worte der Verzeihung finden, wir können an den Kindern und Enkeln ein wenig gutmachen oder korrigieren, was wir versäumt haben, wir können die Verbindung zur Kirche wiederherstellen, die zerbrochen war, wir können den Glauben wiederbeleben, der abgestorben war. Das ist die Chance dieser Jahre. Und wir können Gott von Herzen Dank sagen, dass er uns durch die Kämpfe hindurch bewahrt und uns nicht das Härteste auferlegt hat.

"Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten;

hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit..."
Wo liegt diese Krone? Sie wird uns erst am Ziel aufgesetzt, und zwar von Gott und keinem menschlichen Tribunal. Wir dürfen die Gewissheit haben, dass Gott die Bilanz unseres Lebens gerecht zieht, in Liebe und in Gnade, und dass Er am Ende für eine Krönung bereithält, die sich unserer Vorstellung noch entzieht.

 

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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