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Predigt am Ostermontag zu Lukas 24, 41,
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Predigt am Ostermontag zu Lukas 24, 41, "Habt ihr hier etwas zu essen?"

Predigt vom 25.04.11 (Pfarrer Dr. Arndt Haubold) Ort: Fahrradkirche

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie die Jesus-Bäckerei? Was stellen Sie sich darunter vor?

Eine Bäckerei, deren Inhaber kurioserweise Jesus heißt?

Eine Bäckerei in Jerusalem, in der Jesus einmal Brote eingekauft und sie als besonders schmackhaft gelobt hat?

Eine Bäckerei, in der die Hostien für das Abendmahl gebacken werden?

Eine Bäckerei, die statt Lebkuchen-Weihnachtsmännern vielleicht Lebkuchen-Jesusse bäckt?

Eine Kloster-Bäckerei?

Oder eine Bäckerei, die einen guten Werbetrick zur Erhöhung ihres Umsatzes erfunden hat?

Die Jesus-Bäckerei steht tatsächlich in Görlitz auf dem alten Pilgerweg von der Peterskirche zum Heiligen Grab, der die via dolorosa in Jerusalem nachbildet. Sie hat ihren Namen aus dieser 500jährigen Tradition und gehört heute der Familie Tschirch und nicht dem Jesus-Clan. Sonntags hat sie neuerdings geöffnet, denn Jesus ist ja auch am Sonntag auferstanden!

Halleluja!

Da sind wir nah bei der Frage Jesu an seine Jünger: "Habt ihr hier etwas zu essen?" So eine gewöhnliche Frage aus dem Mund eines so Großen! So eine schnöde Alltagsfrage beim Antrittsbesuch des Auferstandenen bei seinen künftigen Weltgesandten! Hätte er nicht nach ihrem Glauben fragen müssen oder nach ihrer Befindlichkeit oder nach ihren Missionsplänen - aber einfach: "Habt ihr hier etwas zu essen?"

Wir müssen uns allerdings in die alte Zeit hineinversetzen. Fahrräder waren noch nicht erfunden. Fußmärsche waren lang und anstrengend. Und es gab noch keine Tankstellen oder anderen Fressbuden an jeder Ecke, an denen man sich heutzutage unentwegt sättigen kann. Wer damals zu Besuch kam, hatte echten Hunger. "Habt ihr hier etwas zu essen?" Die Frage war verständlich. Und doch ging es Jesus weniger um seinen Hunger als um den Augenhunger seiner Jünger. Denn als Jesus bei ihnen erschien, hielten sie ihn für einen Geist und erschraken über die Maßen. Das würde uns nicht anders ergehen, wenn wir in ihrer Lage wären. Jesus hat große Mühe, ihnen seine Leiblichkeit zu demonstrieren. "Seht meine Hände und meine Füße!" "Fühlt mich an!" Und schließlich: "Habt ihr hier etwas zu essen?" Und sie legten ihm ein Stück Grillfisch vom Feuer vor. Und er nahm es und aß vor ihren Augen. Da war das Eis gebrochen. Er war es leibhaftig!

Leibhaftiger Jesus! Oft haben ihn seine Nachfolger dann vergeistigt. Zugegeben, er war nicht so auf Leibeskultur aus wie viele Menschen heute. War kein Marathonläufer, kein Olympionike, kein Radfahrer, kein Wildwasserkanute, kein Pilger auf dem Jacobsweg, kein Sieben-Seen-Wanderer, kein Männermodemodel, kein trinkfester Kumpel, kein Oktoberfestfan, kein Gourmet, kein Pfeifenraucher, kein Schürzenjäger und keine Stimmungskanone. Er hatte keine Heiratspläne und interessierte sich nicht für seine Karriereleiter und nicht für die günstigsten Geldanlagen, auch nicht für Fördermittelanträge, Fundraising und Baugenehmigungen für Fahrradkirchen. Das Leibliche trat doch zurück.

Eher war er ein Wanderprediger, ein Philosoph ohne Staatsexamen, ein Geschichtenerzähler, ein Stiller im Lande, eine profetische Stimme, auch manchmal ein bissiger Satiriker und ein taktloser Provokateur, und ein echter Zölibatär, dass man sich wundert, wie viele Frauen dennoch an ihn glauben. Also doch eher einer von der geisteswissenschaftlichen Fakultät... "Habt ihr hier etwas zu essen?" Klingt es nicht befremdlich aus seinem Mund?

Diese Spiritualisierung Jesu hat die Kirche manchmal der Welt entfremdet, obwohl sie nie so leibfeindlich war, wie es ihre Gegner herbeten. Selbst die Mönche wussten gut zu speisen, protestantische Pfarrfamilien sind meist kinderreich, es gibt in Sachsen eine Pfarrer-Fußballmannschaft, die "göttlichen Grashüpfer".

"Habt ihr hier etwas zu essen?" War Jesus gut geerdet - oder war er der Welt abgewandt? Er entzog sich der Welt nicht - außer während der 40 Tage zum Auftakt in der Wüste. Er zog sich nicht ins Studierzimmer zurück und nicht ins Kloster oder in die Höhlen von Qumran. Er war nicht konfliktscheu und mischte sich ein und sagte nicht: "Macht euren Dreck alleene!" Er nahm gern ein Bad in der Menge, er scheute die Auseinandersetzungen mit der Verwandtschaft nicht und nicht die mit dem jüdischen Establishment. Er besuchte Hochzeiten und andere Festmähler, und in seinen kleinen Geschichten, die er gern erzählte, tobte voll das Leben.

Jesus war leibhaftig und geistlich zugleich. Er war kein Miesepeter und kein Weltverächter. Aber was hätte es gebracht, wenn er nur als Mensch wie du und ich gelebt hätte – sich um Haus, Familie und Beruf gekümmert hätte oder sich durch Kneipen gesoffen und durch Bordells geschlagen hätte wie der verlorene Sohn. Keiner hätte an ihn geglaubt, keiner wäre auf ihn aufmerksam geworden. Die menschlich-allzumenschlichen Niederungen des Lebens durchlaufen zu haben, ist noch kein Grund zur Heiligsprechung. Wer eine religiöse Sendung hat, muss von anderem Schrot und Korn sein. Jesus stand mit beiden Beinen im Leben, und er streckte sich zugleich mit beiden Händen zum Himmel. Er war geerdet und gehimmelt zugleich. "Habt ihr hier etwas zu essen?" konnte er fragen, und zugleich sagen: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein."

So sind auch wir Christen in seiner Nachfolge beides: erdverbunden und himmelsüchtig. Wir bewähren uns im Kampf des Lebens, der uns verordnet ist. Wir bemühen uns um Heiligung und fallen in Schuld und Sünde. Wir hängen an der Erde und an unserem Leben. Wir genießen den Frühling, die Natur. Wir lieben Wein, Weib und Gesang. Aber wir wissen zugleich, dass dieses Leben nicht alles ist und nicht allen und nicht immer von allem die Fülle bietet. Dass es nicht ewiger Frühling sein kann. In unserem Leben, in dieser Welt geht so vieles schief. Da bricht so vieles entzwei. Da bleibt so vieles an unerfüllten Träumen. Wer das Erdenleben wirklich für die ganze Wirklichkeit hält, kann nur aus der kleinen Wohlstandsecke der Welt stammen. Auf's ganze gesehen, ist die Bilanz des Erdenlebens höchstens gemischt. Die Millionen Stimmen derer, die in Verdun oder Auschwitz oder Stalingrad oder Hiroshima oder in den armenischen Bergen ums Leben kamen, sind einfach früh verstummt. Die glücklich Überlebenden schreiben die meisten Lieder und Gedichte. So bewegt uns zugleich die Sehnsucht nach einer besseren Welt.

"Habt ihr hier etwas zu essen?" fragt Jesus. Er zeigt damit seine leibhaftige Gegenwart und sein Interesse an unserem Alltag und seine Nähe zu uns. Hier holt er uns ab. Die Auferstehung führt ihn nicht direkt zum Himmel, sondern noch einmal ins Leben zurück. Heute können wir ihn allerdings nicht mehr anfassen und nicht mehr mit ihm am Grill sitzen. Die fünfzig Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt sind bald vorbei. Der garstige Graben der Geschichte trennt uns vom heiligen Damals, wir sind, wie Paulus, unzeitige Geburten. Wir müssen den Zeugnissen von Jesu Auferstehung vertrauen und den Erfahrungen mit dem Auferstandenen, die seither gemacht worden sind. Die Jünger machten bald neue Erfahrungen seiner Gegenwart, mitten im Leben, auch ohne ihn essen zu sehen. Diesen Erfahrungen schließen wir uns an, vielleicht haben wir sie selbst machen können. Und wir setzen unsere Sinne ein, um Zeichen seiner Nähe zu spüren: einen Jesus zum Anfassen. Das Wasser der Taufe, Brot und Wein beim Abendmahl, der Duft des Weihrauchs, der Blumen und der Kerzen, die Berührungen unserer Hände, die Sinnlichkeit, wenn wir ihn malen oder von ihm singen, die Kraft der Erinnerung, wenn wir von ihm sprechen, die Gemeinschaft in seinem Namen, die uns über Gräber verbindet. Und wir bleiben der Erde zugewandt in der Wahrnehmung seines Mandats zu einer verantwortlichen Weltgestaltung zum Bauen und Bewahren. Jesus zum Anfassen - das ist die Gemeinschaft der Kirche, das ist die Gemeinschaft, die aus dieser Ruine eine Fahrradkirche entstehen lässt. "Habt ihr hier etwas zu essen?" Ja, das haben wir hin und wieder auch - aber wir haben vor allem das Lebensbrot, das wirklich satt macht. Ich könnte sagen: das Brot aus der Jesus-Bäckerei.
Amen.

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Pfarrer Dr. Arndt Haubold
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