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Liebe Gemeinde! Wenn heute jemand in ein hohes Amt oder in eine besondere Funktion berufen wird, durchlebt er ein kompliziertes Verfahren. Da gibt es zuerst eine Findungskommission, die heimlich alle möglichen Namensvorschläge erörtert. Dann wird man eines Tages angerufen oder angesprochen und bekommt eine Bedenkzeit. Hat man dann zugesagt, muss man sich noch vor bestimmten Gremien präsentieren, und es kann sein, dass die Sache noch scheitert. Ist man nah am Ziel, kann immer noch irgendjemand einen Prozess anstrengen, weil er sich übergangen fühlt. Also ein komplizierter Weg zur Berufung, und überhaupt sind Berufungen selten geworden. In die meisten hohen Positionen wird man heute gewählt, und das ist noch schwieriger. Man muss einen Wahlkampf führen und sich gegen andere durchsetzen, muss seine besten Seiten herausstreichen und alle Bescheidenheit fahren lassen. Und man muss von vornherein wissen, dass es nur einen Sieger und viele Verlierer dabei gibt. Wie aber kommt man zum Glauben oder zum Dienst für Gott? Wie ist es im Reich Gottes und in der Kirche? Kommt man da durch Berufung oder durch Wahl in Ämter und Funktionen? In den meisten Fällen geschieht das heute auch durch Wahlen. Papst, Bischof, Pfarrer und Mitarbeiter der Kirche werden gewählt, auch die Kirchvorsteher. Nur noch in seltenen Fällen gibt es Berufungen. Bei Wahlen gibt es immer Freude und Enttäuschung - einer gewinnt, andere verlieren. Ob die Wahl auf den besten fiel, bezweifelt man hinterher oft. Die alte Form der Berufung hatte etwas Gutes. Wer berufen wurde, fühlte sich geehrt und wertgeschätzt von anderen, die seine Gaben erkannt hatten. Wenn er versagte, hatten sich die anderen geirrt. Wie war das aber in biblischer Zeit? Die damalige Gesellschaft war noch keine moderne Demokratie. Es ist zwar in der Bibel auch gelegentlich von Wahlen die Rede, etwa der 7 Diakone in der Urgemeinde. Das hatte aber mit unseren Wahlen nicht viel zu tun. Üblicher war es, jemanden auszulosen, wie es heute z. T. noch in orthodoxen Kirchen der Fall ist. In den meisten Fällen aber handelte es sich um Berufungen. Im AT wurden Profeten, Richter, Älteste und Könige berufen. Im NT wurden die Jünger Jesu berufen. Aus beiden Testamenten haben wir heute je eine Berufungsgeschichte gehört: die Berufung des Profeten Samuel und die Berufung der ersten drei Jünger Jesu, Andreas, Petrus und ein Namenloser. Was erfahren wir in diesen beiden Fällen, welche Bedeutung können sie für uns haben? Da ist zuerst die Berufung Samuels zum Profeten. Samuel war noch ein Grünling, als Gottes Ruf ihn traf. Offensichtlich braucht es keine besondere Reife oder Lebenserfahrung, um als Profet Gottes berufen zu werden. Tatsächlich war auch der König David noch ein Knabe, als er zum König berufen und gesalbt wurde. Sonst gilt in der Kirche eher das Alter als Ausweis besonderer Glaubensreife. Vor wenigen Tagen feierte die französische Nation den 600. Geburtstag ihrer Nationalheldin Jeanne d'Arc, die auch als minderjähriges Mädchen Gottes Stimme gehört hatte und die Nation erfolgreich gegen den englischen König anführte. Berufungen durch Gott sind Ereignisse, die nicht den Maßstäben der Welt entsprechen. Natürlich gab es auch Erwachsene, die Gott berief, Alter und Lebenserfahrung spielten einfach keine Rolle dabei. So können auch heute sehr junge und unreife Menschen für andere den Glauben zünden. Gott ist frei in seiner Wahl. In Litauen wurde vor einigen Jahren der erst 28-jährige Pfarrer Mindaugas Sabutis zum jüngsten lutherischen Bischof der Welt gewählt, den ich kurz zuvor noch als Vikar erlebt hatte. In Litauen fehlte aufgrund der Sowjetzeit einfach eine Generation von Pfarrern, und man wollte lieber einen jungen Pfarrer als einen Ruheständler an der Spitze. Nicht immer gelingt eine Berufung im ersten Anlauf. Viele Profeten wehrten sich zuerst gegen Gottes Ruf. Mose wendete ein, er sei ein schwerfälliger Redner. Jesaja hielt sich nicht für würdig genug. Jona riss einfach aus auf einem Dampfer. Und Samuel verstand Gottes Ruf nicht gleich. Viermal hörte er Gottes Stimme in der Nacht im Heiligtum, und er meinte, sein Lehrmeister Eli würde ihn rufen, ehe er Gottes Stimme erkannte. Wie soll man überhaupt Gottes Stimme erkennen? Hat Gott einen besonderen Tonfall oder eine besondere Sprache, spricht er überhaupt mit menschlichen Worten? Es kann geschehen, dass man Gottes Ruf aus einer menschlichen Berufung heraushört. Vielleicht muss man sich Gottes Ruf auch vorstellen wie eine unbedingte innere Überzeugung, dass man jetzt etwas Bestimmtes tun müsse. Das AT hat noch ein sehr menschliches Gottesbild. Gottes Wort ergeht von Anfang bis Ende an sein Volk, und ich frage mich, wie Gott überhaupt so viel redet. Aber schon im Schöpfungsbericht heißt es: "Gott sprach: Es werde Licht!" - und da ist das Wort Gottes keine Folge von Schallwellen, sondern ein Gedankenimpuls oder ein Ingangsetzen von Ereignissen. Wenn Gott spricht, dann beginnt etwas Neues! Und Gottes Stimme ist kein Geschrei wie auf dem Fußballplatz, sondern eine zarte und feine Stimme, die eine ganz persönliche Saite in uns anklingen lässt. So wie Elia Gottes Vorbeigehen nicht im Gewittersturm, sondern in einem stillen Säuseln erlebte. Leicht überhören wir Gottes Stimme im Alltag und erkennen sie nicht, weil sie nicht eindeutig ist - oder weil wir auch zu oberflächlich leben? Manchmal erkennen wir hinterher, dass Gott uns gerufen hat, und wir haben's nicht verstanden. Erzählt wird eine kleine Geschichte, dass ein Mann in einen Sumpf geraten war und dort zu versinken drohte. Ein Spaziergänger kam vorbei und wollte ihm heraushelfen. Der aber lehnte die Hilfe ab und sagte, er vertraue auf Gottes Hilfe. Ein zweiter Passant kam vorbei und wollte ihm einen Ast reichen. Wieder lehnte der Versinkende ab mit dem Hinweis auf seinen Glauben. Schließlich kam die Feuerwehr und wollte ihn retten, doch der Mann, der nur noch mit dem Kopf aus dem Modder schaute, winkte wieder ab. Dann war er tot und kam vor Gottes Thron. Er machte Gott bittere Vorwürfe, warum er ihm nicht aus dem Sumpf geholfen hätte, obwohl er so auf ihn vertraut hatte. Da erwiderte ihm Gott, warum er denn im Gegenteil seine Hilfe nicht angenommen habe. Er habe ihm doch erst zwei Passanten und dann sogar die Feuerwehr zu Hilfe geschickt... Von Fall zu Fall ist Gott so geduldig, dass er uns dreimal ruft und uns lange Zeit lässt. Die drei Rufe müssen auch nicht wie bei Samuel in einer Nacht geschehen - sie können sich über ein ganzes Leben verteilen. Die Berufung der ersten Jünger, wie sie der Evangelist Johannes uns beschrieben hat, ist da leichter verständlich. Da spricht Jesus wirklich Menschen auf der Straße an: "Was sucht ihr?" und "Kommt und seht!" Aber auch diese Geschichte gibt Rätsel auf. Wieso interessieren sich die Jünger zuerst, in welchem Hotel Jesus abgestiegen ist? "Meister - wo ist deine Herberge?" Ist es ein Fünf-Sterne-Hotel, sind sie von ihm überzeugt, ist es eine üble Kaschemme, gehen sie lieber weiter ihrer eignen Wege? Das wäre ungefähr so, als würden sie zuerst fragen, was für ein Auto er fährt... Was hätte Jesus ihnen zeigen können? "Die Füchse haben Gruben und die Vögel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.", sagt Jesus bei anderer Gelegenheit. Er hatte kein Haus und kein Eigentum und nicht einmal einen festen Ort. Nein, es geht ihnen nicht um die äußeren Bedingungen einer Nachfolge Jesu. Sie wollen wahrscheinlich einfach in Ruhe bei ihm einkehren, um von ihm seine Lehre zu hören, nachdem ihr bisheriger Meister Johannes der Täufer sie auf Jesus aufmerksam gemacht hat. Tatsächlich bleiben sie dann viele Stunden bei ihm, bis Andreas dann begeistert seinen Bruder Petrus sucht und ihm vorschwärmt: "Wir haben den Messias gefunden!" Das ist ungefähr so, als ob sie sagen würden: Wir haben den Jackpot im Lotto geknackt! Oder: Wir haben den Stein der Weisen gefunden! Es ist immerhin die Erfüllung eines Traums, den die Juden seit hunderten von Jahren geträumt haben! Das können wir gar nicht so nachempfinden, glaube ich. Die Einladung "kommt und seht" bezieht sich auch nicht auf das Quartier, sondern öffnet ihnen die Augen für ein tieferes Verständnis der Welt, für verborgene Zusammenhänge, wie auch wir sie im Glauben schauen. In der Nachfolge Jesu gibt es keine Sichtbeweise für Gottes Wirken, aber innere geistliche Erfahrungen. Unser Dordrechtkreis ist im Oktober in Kollerbeck mit Gemeindegliedern aus Dordrecht zusammengewesen. Dort haben sie sich gemeinsam mit diesen beiden Bibeltexten beschäftigt, und sie sind dabei noch auf andere Erkenntnisse gekommen. Sie dachten etwa daran, dass Petrus, der hier als dritter berufen wird, nach der Gefangennahme Jesu ihn in der Nacht dreimal verleugnet. Er hat auch in den Fragen der Mägde - "Gehörst du nicht zu dem da drinnen?" - Gottes Stimme nicht erkannt. Oder sie erinnerten sich, dass der Anfang der Partnerschaft zwischen beiden Gemeinden 1985 auch durch einen etwas geheimnisvollen Ruf inganggesetzt wurde. Und einige erkannten ein sehr schlicht klingendes Thema in den beiden biblischen Texten: "Gott liebt mich. Gott ruft mich. Gott braucht mich." In diesen drei Sätzen ist tatsächlich das enthalten, was der Sinn einer Berufung durch Gott ist. Das hat Samuel erfahren, das haben die ersten drei Jünger Jesu erfahren, und das können auch wir erfahren: "Gott liebt mich. Gott ruft mich. Gott braucht mich." Erkenne, wie Gott dich liebt - wozu Gott dich ruft - und wozu er dich braucht! Es gilt das gesprochene Wort.
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